Zwangsehen-Studie Zank um Zahlen

Tendenziöse Darstellung, verzerrte Resultate: Nachdem Kristina Schröder eine Studie über Zwangsehen vorgestellt hatte, warfen ihr beteiligte Wissenschaftler vor, Vorurteile gegen Muslime zu schüren. Die Familienministerin wehrt sich vehement und nennt die Kritik "zynisch".

Ministerin Schröder: Kritik aus der Wissenschaft
dapd

Ministerin Schröder: Kritik aus der Wissenschaft

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Berlin - Es ist ein hochideologisches Feld, wie fast immer, wenn es um Integrationspolitik geht, um Themen wie Ehrenmorde und Zwangsehen.

Vor drei Wochen hat Familienministerin Kristina Schröder (CDU) eine Studie zu Zwangsverheiratungen vorgestellt. Es waren erschreckende Ergebnisse - die Zahlen lagen weit höher, als Hilfsorganisationen bisher annahmen.

Auf Tausende Frauen und Mädchen und einige Männer in Deutschland wurde laut der Erhebung, die sich auf das Jahr 2008 bezieht, Zwang ausgeübt, eine Ehe einzugehen. Fast alle Betroffenen kommen demnach aus Migrantenfamilien. Bei vielen ist die Heirat bereits geschlossen worden, den anderen droht sie. Die Ministerin kündigte ein bundesweites Hilfstelefon an. Mädchen und Frauen, die in Not sind, können dort anrufen. Es wirkte wie ein verzweifeltes Zeichen gegen ein Riesenproblem. Die Opposition kritisierte Schröders Maßnahmen als nicht ausreichend.

Aber richtig Ärger eingehandelt hat sich Schröder jetzt mit Wissenschaftlern, die an der Studie mitgearbeitet haben.

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats beschweren sich darüber, dass Schröder in einem Gastbeitrag für die "FAZ", der noch vor der offiziellen Vorstellung der Studie veröffentlicht wurde, die wissenschaftlichen Ergebnisse tendenziös interpretiert habe. Sie werfen Schröder vor, Resultate zu verzerren. Man habe das "Gefühl, hinters Licht geführt worden" zu sein. Anders als mit dem Ministerium vereinbart, habe Schröder Fragen der Religionszugehörigkeit sehr eigenwillig und tendenziös dargestellt, heißt es in einem Schreiben der Wissenschaftler. "Sehr befremdet" sei man.

Welche Rolle spielt die Religion?

Worum geht es? Schröder hatte in der "FAZ" unter der Überschrift "Ein Fluchtweg aus der Zwangsehe" unter anderem geschrieben: "Nach Angaben der Betroffenen sind 83,4 Prozent der Eltern Muslime." Tatsächlich wurden in der Studie nur Beratungsstellen nach ihren Kenntnissen über die Herkunft der Betroffenen befragt.

Schröders Darstellung sei deshalb eine "falsche Behauptung", so die Wissenschaftler. Außerdem würde die Ministerin durch die Forderung in dem Artikel, dass "manche traditionelle Wurzeln endgültig durchtrennt" werden müssten, möglicherweise antimuslimische Ressentiments schüren.

Die Frage, ob bei der Studie auch die Religionszugehörigkeit erfragt werden soll, hatte bereits im Vorfeld für heftige Diskussionen unter den Wissenschaftlern gesorgt. Deshalb steht in der Studie: Mit dem Beirat habe man sich darauf verständigt, "dass beides - Religionszugehörigkeit und Religiosität - lediglich zu deskriptiven Zwecken im Rahmen der Erhebung auf Basis der Falldokumentation abgefragt werden sollte".

Es geht um den alten Streit, ob Religion etwas mit Gewalt zu tun haben kann oder nicht. Ob es besser ist, wenn man über Zwangsehen und Ehrenmorde spricht, überhaupt nicht auf den Glauben der Täter zu schauen, weil man damit stigmatisiert? Oder ist es nicht unbedingt nötig, die Dinge beim Namen zu nennen, um Opfer besser schützen zu können?

Schröder: "Eine Aufteilung der Opfer wäre zynisch"

Die Wissenschaftler richten noch einen zweiten Vorwurf an Schröder: Sie habe in dem Zeitungsbeitrag nicht unterschieden zwischen angedrohter Zwangsheirat und tatsächlich vollzogener. Tatsächlich schreibt Schröder gleich zu Anfang des Artikels, dass die Beratungsstellen in Deutschland für das Jahr 2008 3443 Fälle von Zwangsverheiratungen registriert hätten.

In der Studie aber wird unterschieden zwischen jenen Betroffenen, denen die Heirat nur drohte, und jenen, die bereits die Ehe eingehen mussten. Letztere machten nur etwa ein Drittel aus. Außerdem seien in der Gesamtzahl 3443 auch mehrfach erfasste Beratungsfälle enthalten, "da Personen mit Beratungsbedarf häufig mehrere Einrichtungen aufsuchen". Gleichzeitig ist in der Studie von einer möglichen hohen Dunkelziffer die Rede

Die Autoren der Studie wollten sich bislang nicht zu den Vorwürfen aus dem wissenschaftlichen Beirat äußern.

Und die Ministerin wehrt sich vehement gegen die Vorwürfe: "Die Bundesfamilienministerin ist nicht bereit, die Ergebnisse der Studie und die Leidensgeschichten der Opfer von egal welcher Seite verharmlosen, verschleiern oder umdeuten zu lassen", heißt es aus ihrem Haus. Und weiter: Ein Blick ins Strafgesetzbuch zeige, dass schon der Versuch einer Zwangsverheiratung strafbar sei. "Deshalb müssen die angedrohten und vollzogenen Zwangsverheiratungen selbstverständlich in einem traurigen Kontext gesehen werden." Eine Zwangsheirat werde nicht erst durch Vollzug zur Straftat. "Deshalb ist es korrekt, von 3443 Fällen zu sprechen. Eine Aufteilung zwischen Opfern erster und zweiter Klasse wäre extrem zynisch."

Appell der Sozialdemokraten: Lieber um die Betroffenen kümmern

Zu dem Streit um die Islam-Zahlen heißt es von Schröder: Die Studie nenne als Quelle der prozentualen Angaben zur Religionszugehörigkeit der Eltern wörtlich "Falldokumentation". Und in den Hinweisen zum Ausfüllen der Falldokumentation heiße es ausdrücklich: "Soweit Ihnen Informationen nicht bekannt sind, lassen Sie die Antwort offen!" Wer den gemachten Angaben die Zuverlässigkeit abspreche und sie als Vermutung abtue, werfe damit praktisch den Beratungsstellen vor, leichtfertig oder vorsätzlich falsche Angaben gemacht zu haben. "Gegen diesen Vorwurf nehmen wir die Beratungsstellen ausdrücklich in Schutz."

Ein Beruhigungsappell kommt von der SPD: "Wir sollten mit diesen hysterischen Debatten aufhören und uns lieber um die Probleme der Betroffenen kümmern. Es ist die Aufgabe von Frau Schröder, sich für Frauenrechte einzusetzen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Darauf müssen wir uns konzentrieren, nicht darauf, was aus den Aussagen möglicherweise noch heraus interpretiert werden könnte. Auf die Intention kommt es an", sagt die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney zu SPIEGEL ONLINE. Eine böse Absicht unterstelle sie Schröder nicht.



insgesamt 34 Beiträge
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Matyaz 30.11.2011
1. Nullnummer
Es ist schon erstaunlich, wie lange sich diese völlig unfähige Fehlbesetzung im Familienministerium halten kann.
unterländer 30.11.2011
2. !
Zitat von sysopTendenziöse Darstellung, verzerrte Resultate: Nach dem*Kristina Schröder eine Studie über Zwangsehen vorgestellt*hatte, warfen ihr*beteiligte Wissenschaftler vor, Vorurteile gegen*Muslime zu schüren. Die Familienministerin*wehrt sich vehement und nennt die Kritik "zynisch". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,800786,00.html
Der letzte Absatz des Artikels sollte zur Pflichtlektüre für alle beteiligten und an Schnappatmung leidenden "Wissenschaftler" erhoben werden. Wie schon so oft bringt es Frau Öney auf den Punkt. Vielleicht sollten sich die besorgten "Wissenschaftler" eher darum sorgen, ob sie in ihrer Besorgnis um politische Korrektheit von denen, die sie vermeintlich schützen, überhaupt noch ernst genommen werden.
c++ 30.11.2011
3. .
Religion im engen Sinne dürfte nicht verantwortlich sein, wohl aber Kultur. Nicht nur in der islamischen Kultur gibt es Zwangsehen. Und da verstehe ich nicht, warum in diesem Lande immer noch nicht Fakten genannt werden dürfen. Zwangsheirat ist nach dem Grundrechtsverständnis dieses Landes ein schweres Verbrechen, ein Kapitalverbrechen. Da gibt es nichts zu verharmlosen. Man muss diesen Eltern mal sagen, dass sie Kriminelle sind, wenn sie ihre Kinder gegen den freien Willen in eine Ehe zwingen.
Heinz-und-Kunz 30.11.2011
4. Alles wie immer
Jemand übt Kritik am Islam, hier berechtigt und sehr indirekt und schon kommen die Verharmloser. "Das hat nix mit dem Islam zu tun.Die Zahlen stimmen nicht(Einzelfälle?)" und es dauert sicher nicht lange bis gewisse Personen mal wieder beleidigt sind. Warum eigentlich ist Gleichberechtigung weniger wichtig als der Schutz kultureller und religiöser Gefühle, wenn es um Frauen nicht deutscher Herkunft geht?
qranqe, 30.11.2011
5. Traurig
Man hilft keiner Betroffenen, indem man das Problem politisch korrekt verklärt oder sogar ganz bestreitet. Ich empfehle, eine Woche Domian zu lauschen (WDR und Einslive). Es scheint alles noch viel schlimmer zu sein!
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