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02. Februar 2011, 17:00 Uhr

Zwangsräumung in Berlin

Ordnungshüter schwingen den Vorschlaghammer

Von Andreas Niesmann

Es war einer der größten Polizeieinsätze in Berlin: Bei der Räumung eines besetzten Hauses im Szenebezirk Friedrichshain mussten sich die Ordnungshüter mit schwerem Gerät Zugang zu dem Gebäude verschaffen. Die befürchteten Krawalle blieben aus - vorerst.  

Berlin - Humor haben die Hausbesetzer und ihre Sympathisanten, das muss man ihnen lassen. Als am Mittwochmorgen gegen 7.40 Uhr das Räumkommando in die Liebigstraße rollt und vor dem Haus mit der Nummer 14 stehen bleibt, ertönen von einem Nachbarbalkon die Mundharmonikaklänge aus dem Western-Klassiker "Spiel mir das Lied vom Tod".

Polizisten schleppen Werkzeuge von der Ladefläche eines Lastwagens, der direkt vor der Tür parkt. Von den gegenüberliegenden Dächern beobachten Spezialkräfte die Fenster und Balkone, Scheinwerfer tauchen die Straße in taghelles Licht. Als einer der Polizisten mit mächtigen Axtschlägen die Eingangstür zertrümmert, halten Beobachter und Nachbarn den Atem an. Holz splittert, Teile der Tür fliegen zu Boden und dann passiert - nichts.

"Es wird noch etwas dauern, bis wir in das Haus hineinkommen", erklärt wenig später ein Polizeisprecher. "Die Bewohner haben Barrikaden aufgebaut, die unsere Kollegen erst überwinden müssen."

Es ist die wohl aufwendigste Zwangsräumung eines Berliner Hauses seit Jahren. Insgesamt 2500 Beamte hat die Polizei aufgeboten, um die verbliebenen Bewohner des linksalternativen Hausprojekts "Liebig 14" zum Verlassen ihres Gebäudes zu bewegen - und um deren Unterstützer in Schach zu halten. Von denen gibt es einige, denn die Liebigstraße 14 ist eines der letzten besetzten Häuser im Szenebezirk Friedrichshain und damit ein Symbol für eine inzwischen nahezu ausgestorbene Bewegung in Berlin. Mit etwa tausend gewaltbereiten Demonstranten hatten die Sicherheitskräfte und Innensenator Ehrhart Körting (SPD) im Vorfeld gerechnet, selbst aus Osteuropa waren autonome Randalierer erwartet worden.

Jahrelanger Rechtsstreit über eine Tür

Gemessen an diesen Befürchtungen hat die Polizei die Lage am Mittwochvormittag gut im Griff. Rigaer Straße und Liebigstraße sind schon in den frühen Morgenstunden weiträumig abgesperrt, nur Anwohner und Journalisten dürfen an den Ort des Geschehens.

Sie werden von Nachbarn aus den umliegenden Häusern mit Topfklappern, Gashupen und einer ohrenbetäubenden Sirene empfangen. Wenn der Lärm aufhört, dann nur, weil einer der Sympathisanten aufgeregt in ein Megaphon brüllt. Viel mehr als "Bullenschweine" und "Haut ab!" versteht man allerdings nicht.

"Beulker enteignen", steht auf einem Transparent. Es richtet sich gegen den Hausbesitzer Suitbert Beulker, der es zur formidablen Hassfigur im Viertel gebracht hat. 1999 hatte er über eine Gesellschaft das ehemals besetzte Haus gekauft, dessen Bewohner zu diesem Zeitpunkt über reguläre Mietverträge verfügten. Diese kündigte er später - offiziell, weil seine Mieter ohne Absprache eine zusätzliche Tür ins Treppenhaus eingebaut hatten. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit, der in der Zwangsräumung an diesem Vormittag seinen Höhepunkt und vorrausichtlich auch sein Ende finden wird.

Bis es so weit ist, müssen sich die Einsatzkräfte aber Stück für Stück durch das Haus kämpfen. Da die massiven Barrikaden hinter der Tür nicht zu überwinden sind - von Stahlträgern und Mauern ist die Rede -, bahnen sie sich durch einen Hintereingang ihren Weg in das Erdgeschoss. Dort allerdings wartet die nächste Überraschung - in Form einer komplett herausgerissenen Treppe.

Vier Badewannen mit einer unbekannten Flüssigkeit

Ein anderer Trupp, der über den Dachboden des Nachbarhauses in das Haus einbricht, zieht sich zeitweilig zurück, weil vier verkabelte Badewannen mit einer unbekannten Flüssigkeit ein kaum kalkulierbares Risiko darstellen. Erst als Experten Entwarnung geben, dringen die Beamten weiter vor.

Die handwerklichen Fähigkeiten der Polizei werden auf eine harte Probe gestellt. Jede einzelne Wohnungstür ist mehrfach mit Holzbalken, Stahlstreben oder Baugittern gesichert und muss in mühevoller Handarbeit aufgebrochen werden. Am frühen Nachmittag dann stoßen die Polizisten im dritten Stock auf die verbarrikadierten Hausbewohner.

Die drei Frauen und sechs Männer begrüßen die Einsatzkräfte, indem sie durch einen Türspalt einen Feuerlöscher in deren Richtung entleeren, lassen sich aber widerstandslos abführen, nachdem die Beamten mit einem Vorschlaghammer ein Loch in die Wand brechen. Fünf Polizisten werden bei der Räumung leicht verletzt.

Schwieriger zu überblicken ist die Situation ein paar Straßen weiter, wo sich immer wieder Autonome zu Kleingruppen zusammenfinden und die Polizei mit Flaschen und Feuerwerkskörpern attackieren. Ein Beamter erleidet ein Knalltrauma, Sanitäter versorgen blutende Demonstranten. Auf der nahegelegenen Frankfurter Allee liegt der Verkehr zeitweise lahm. Bis zum Nachmittag meldete die Polizei mehr als 30 Festnahmen wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung und Sachbeschädigung.

Ab 19 Uhr ist eine Demonstration angekündigt. "Darauf bereiten wir uns jetzt vor", sagt ein Polizeisprecher. "Wenn die Dunkelheit einbricht, kann es noch einmal kritisch werden." Doch der eigentliche Zweck des Einsatzes ist erreicht: Das Haus Liebigstraße 14 kann den Eigentümern übergeben werden.

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