Zweiter Teil des Gesprächs mit Claudia Roth "Echte Konflikte muss man austragen"

Noch vor zwei Jahren zählte sie zum "Gerümpel", das ihre innerparteilichen Gegner aussortieren wollten. Nun wird sie Parteivorsitzende. Claudia Roth über das wundersame Ende der Strömungskämpfe und die Notwendigkeit der Trennung von Exekutive und Legislative.


Claudia Roth: "Immerhin traut man mir als Frau eine führende Position zu"
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Claudia Roth: "Immerhin traut man mir als Frau eine führende Position zu"

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Der Parteienforscher Raschke sieht mit Ihrer Wahl zur Vorsitzenden neues Unheil für die Grünen heraufziehen, weil Sie als profilierte Linke den alten Strömungskampf wieder lostreten.

Roth: Ach ja. Wäre nicht schlecht gewesen, wenn er auch mal einen Satz mit mir geredet hätte. Aber mich freut, dass er mir als Frau überhaupt eine führende Rolle zutraut. Ansonsten halte ich verschiedene Strömungen in einer Partei keineswegs für destruktiv, sondern für notwendig. Unser Fehler war früher, dass der Streit zuweilen nicht mehr um die Sache ging, sondern um Personen, die sich gegeneinander auf Kosten der Partei profiliert haben. Die Zeit ist vorbei. Im Übrigen, ich kandidiere nicht als Flügelexponentin, sondern als Bundesvorsitzende, die die gesamte Partei vertreten möchte.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist dieses Wunder zu Stande gekommen?

Roth: Bestimmte Positionen haben sich überlebt. Vor zwei Jahren noch führten einige junge und nicht mehr ganz so junge Grüne das Wort vom "Entrümpeln der Partei" im Mund und wollten einen Teil der Mitglieder rausdrängen...

SPIEGEL ONLINE: ...Sie zum Beispiel zählten demnach zum Gerümpel...

Roth: Ja, ich war auch gemeint. Die wollten in der neuen Mitte die FDP beerben. Dieser Ansatz hat sich inzwischen erledigt, und nun wissen die meisten, dass wir Erfolg haben, weil es bei uns einen Ströbele und einen Fischer gibt. Wir gehören zusammen. Die so genannte Vergangenheitsdebatte hat uns nun sogar richtig zusammengeschweißt.

Trennung von Amt und Mandat: "Das ist ein demokratiepolitisches Problem"

SPIEGEL ONLINE: Zumindest ein Strömungskampf wird beim Parteitag wieder auftauchen: Minister sollen ab 2002 kein Bundestagsmandat mehr haben dürfen, fordert Ihr alter Strömungsfreund Hans-Christian Ströbele. Kann er weiter mit Ihrer Unterstützung rechnen?

Roth: Falsch, das ist keine Strömungsfrage, sondern ein demokratiepolitisches Problem. Ich finde es gut, dass Frankreich oder die USA und andere Länder es ausschließen, dass Mitglieder der Exekutive sich als Mitglieder der Legislative selbst kontrollieren. Problematisch finde ich auch, wenn Minister im Kabinett einen unterschiedlichen Status haben, zwei mit Mandat wie Fischer und Trittin, eine ohne wie Renate Künast. Außerdem fehlen unserer kleinen Fraktion wegen der Minister und Staatssekretäre zehn Mitglieder bei der Parlamentsarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Also werden Sie dem Antrag von Ströbele zustimmen?

Roth: Das weiß ich noch nicht. Es gibt ja auch die, die ein Direktmandat und damit einen Wählerauftrag errungen haben. Dürfen die gleich nach der Wahl das Mandat zurückgeben? Ich hoffe auf eine gute Debatte.

"Ich habe doch noch nicht mal angefangen"

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie selbst geben Ihren Abgeordnetensessel auf?

Roth: Selbstverständlich, das wäre ja noch schöner. Wir finanzieren unsere Parteivorsitzenden nicht mit Bundestagsgeldern, wir haben aus den Parteispendenskandalen gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Dabei wird Ihr Gehalt aber glatt halbiert. Werden Sie 2002 dann wieder für den Bundestag kandidieren, wie es Ihr Co-Vorsitzender Fritz Kuhn wohl tun wird?

Roth: Ich habe doch noch nicht mal angefangen! Was in zwei Jahren aus mir wird, kann ich beim besten Willen nicht sagen.

Das Gespräch führten Ralf Beste und Harald Schumann



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