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Kriegsende in Europa: Das Gedenken in der Krise

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

Ende des Zweiten Weltkriegs Das schwierige Erinnern

Zum 70. Mal jährt sich am 8. Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Das Gedenken an die NS-Herrschaft ist vor dem Hintergrund aktueller Krisen für die Kanzlerin und die deutsche Politik keine einfache Aufgabe.

Vor der zerstörten Kulisse des Pariser Platzes, im Hintergrund das Brandenburger Tor, liegen verletzte deutsche Soldaten, Krankenschwestern sind zwischen ihnen, sowjetische Soldaten sind in der Ferne zu sehen. Das Bild datiert vom 3. Mai 1945, aufgenommen hat es einen Tag nach der Kapitulation der damaligen Reichshauptstadt der sowjetische Kriegsfotograf Ivan Shagin. An insgesamt sechs Orten der Stadt sind bis in den Mai hinein solche markanten Bilder des Kriegsendes zu sehen, organisiert von Berliner Kulturprojekten.

Es sind schlichte, beeindruckende Erinnerungsorte, von Einheimischen und Touristen in diesen ersten Frühlingstagen gut besucht. Berlin und die deutsche Politik bereiten sich auf das Gedenken vor, am 8. Mai, vor 70 Jahren, kapitulierte Nazi-Deutschland bedingungslos, der Krieg in Europa war damit beendet. Anders als noch vor fünf Jahren, zum 65. Jahrestag, findet das Gedenken diesmal in einem schwierigen außenpolitischem Umfeld statt. Der Krieg in der Ostukraine hat die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland spürbar erkalten lassen. Noch 2010 hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am 9. Mai - dem traditionellen Gedenktag in Russland - mit anderen westlichen Politikern an der Militärparade in Moskau teilgenommen - an der Seite von Präsident Wladimir Putin. Das wird es diesmal nicht geben. Merkel wird erst am Tag darauf mit Putin einen Kranz für den unbekannten Soldaten an der Kremlmauer ablegen. Ein feinsinniger diplomatischer Akt, die Regierung will sich nicht nachsagen lassen, die sowjetischen Kriegstoten nicht angemessen zu würdigen. Schließlich trug die UdSSR mit geschätzten 27 Millionen Toten die Hauptlast des Krieges.

Ein zentrales Gedenken der Regierung zum Kriegsende gibt es nicht. "Es entspricht dem Verständnis der Gedenkstättenkonzeption des Bundes, dass nicht die staatliche Seite selbst die Aufarbeitung von Geschichte und das Gedenken implementiert, sondern dies der Gestaltung durch die fachkundigen Einrichtungen und Initiativen der politischen, historischen und kulturellen Bildung überlässt", heißt es in einer Antwort des Staatsministers im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), auf eine Anfrage der Linken. Das wiederum empörte die Linken-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen - die Regierung verweigere "damit vor allem den Angehörigen der Roten Armee ein ehrendes und würdiges Gedenken", heißt es auf ihrer Homepage.

Steinmeier: "Ein Gefühl der Befreiung"

Dass dem nicht so ist, zeigt nicht nur allein die Tatsache, dass Merkel nach Moskau fliegt. Auch andere Repräsentanten der Bundesrepublik wollen den Beitrag der Roten Armee würdigen und zugleich Gesten der Versöhnung setzen:

  • Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) besucht am 7. Mai mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow einen sowjetischen und deutschen Soldatenfriedhof in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, wo mit der Kapitulation der deutschen 6. Armee 1943 der Wendepunkt der Kriegsgeschichte begann. Zudem nehmen beide in der Stadt an einem Friedenskonzert der Osnabrücker und Wolgograder Sinfoniker teil.
  • Allen voran Bundespräsident Joachim Gauck, dessen Eltern einst beide in der NSDAP gewesen waren, dessen Vater nach Kriegsende für vier Jahre in einem sowjetischem Gulag verschwand, wird am 6. Mai der sowjetischen Soldaten gedenken, die während des Zweiten Weltkrieges in deutscher Kriegsgefangenschaft waren. Und die in solchen Lagern zu Hunderttausenden infolge von Hunger, Misshandlungen und Zwangsarbeit starben. Er besucht im westfälischen Schloss Holte-Stukenbrock die Dokumentationsstätte im ehemaligen Stammlager 326 Senne und wird anschließend eine Rede halten.
  • Am 8. Mai - dem Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht vor den Alliierten - wird Gauck im Bundestag als Gast mit dabei sein. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) werde voraussichtlich sprechen, heißt es aus der Pressestelle des Bundestags. Hauptredner aber wird der Historiker Heinrich August Winkler sein. Er hat sich in seinen Werken - etwa in "Der lange Weg nach Westen" - auch mit den Irrungen und Wirrungen der Deutschen im 20. Jahrhunderts beschäftigt.

Jahrzehnte tat sich die Bundesrepublik mit dem Gedenken an den 8. Mai schwer: War der Tag Niederlage oder Befreiung? Der in diesem Frühjahr verstorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker, einst Wehrmachtsoffizier, setzte 1985 mit seiner Rede vor dem Bundestag Maßstäbe - 40 Jahre danach nannte er den 8. Mai für die Deutschen zwar keinen Grund zum Feiern, wohl aber einen Tag der Befreiung von dem menschenverachtenden System der NS-Gewaltherrschaft.

Und heute? Außenminister Steinmeier, der am 2. Mai - dem Tag der Kapitulation Berlins - im dortigen Abgeordnetenhaus sprechen wird, sagt SPIEGEL ONLINE: "In erster Linie überwiegt bei uns Deutschen noch immer das Gefühl der Befreiung, wenn wir an das Kriegsende 1945 denken."

Doch wie weit trägt das Gedenken noch, da die Generation ausstirbt, die Erinnerungen an den Krieg hat? Der SPD-Politiker schlägt den Bogen in die Gegenwart, mit allen ihren Krisen. "Unser Wohlstand und unsere Sicherheit hängen davon ab, dass internationale Spielregeln eingehalten werden", mahnte er - indirekt mit Blick auf die Lage in der Ostukraine, mit Blick auf die Akteure in Moskau und in Kiew.

1945 habe Deutschland die Möglichkeit eines Neuanfangs gegeben, die Möglichkeit des Wiederaufbaus des Landes im Lichte einer besonderen Verantwortung. "Deutschland, der einstige Anstifter von Unordnung", so Steinmeier, "muss heute in besonderem Maße Ordnungsstifter sein". Deutschland müsse sich in Gemeinschaft mit seinen Partnern engagieren, sagt er, "für gemeinsame Werte, für politische Lösungen in Konflikten und für den Erhalt von friedenssichernden Strukturen."

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