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»Devisenmärkte lassen sich nicht betrügen«

Zum ersten Male seit Sommer 1978 kostete der Dollar vergangene Woche wieder mehr als zwei Mark. Deutschlands Währung, jahrzehntelang scheinbar unangreifbar, verliert seit Anfang 1980 immer weiter an Wert. Überhöhte Spekulation? Folge hoher Ölpreise? Oder gar eine Machtverschiebung unter den großen Handelsnationen?
aus DER SPIEGEL 51/1980

Nach Jahrzehnten des Ruhmes kam die große Schmach. Die deutsche Währung, Superstar der Nation, hart wie Diamanten und Weltklasse wie Graß oder Beckenbauer, wurde weich und damit ein ganz vertracktes Ding.

An den Devisenbörsen der Welt feierten Franc, dänische Krone und selbst das irische Pfund, feierten viele der trostlosen Währungen von einst Triumphe gegen die Mark der Deutschen. Und die Zitadellen der altbösen Finanzmacht, wie London, New York und Zürich -- sie zeigten es den Emporkömmlingen vom Rhein.

1,5 Prozent ihres Wertes büßte die Deutsche Mark seit Anfang 1980 gegenüber dem Schweizer Franken ein. Um 15,3 Prozent blieb sie hinter der Kursentwicklung des jahrelang weichen US-Dollar zurück und um 18,4 Prozent hinter dem Pfund Sterling, einer lange Zeit besonders zerschlissenen Valuta.

Deutsche, die nach Britannien reisen, bekommen für ihr Geld nur noch die Hälfte dessen, was sie dort vor drei Jahren hatten kaufen können. Seit drei Jahren nämlich kletterte das Pfund gegenüber der Mark um 20 Prozent und die Preise in London gegenüber denen S.31 in Deutschland um 30 Prozent. Eklatant und absurd wie noch nie ist der Widerspruch zwischen dem Binnen- und dem Außenwert des deutschen Geldes geworden.

Was ist los mit einer Währung, die gegenüber fast allen anderen Valuten verliert, obwohl die Inflationsrate in Westdeutschland weit geringer ist als in den anderen Ländern, die Schweiz ausgenommen? Wieso mißachten Devisenhändler und Geldanleger souverän die klassische Währungsregel, daß der Außenwert des Geldes, also sein Wechselkurs, sich letzten Endes nach der inneren Stabilität im Lande richtet? Wieso werden die Währungen aller möglichen Inflationsländer stark und die von innen her stabile Mark schwach?

Rund um das deutsche Geld, so scheint es, überschlagen sich die Absurditäten. Da schieben wohlhabende Geschäftsleute aus Schleswig-Holstein ihr Geld mit hohem Zins- und Lustgewinn ins benachbarte Dänemark, dessen Wirtschaftslage trostlos und dessen öffentlicher Finanzstatus nicht weit von der Pleite entfernt ist.

Da läßt sich der deutsche Bundeskanzler, noch während der Koalitionshändel mit dem schwierigen Partner FDP, in Paris mit seinem Freund Valery Giscard d'Estaing auf dem Sofa photographieren, und das deutsche Fernsehen verkündet dazu, die beiden Herren seien sich einig, daß Frankreich die D-Mark stütze.

Da plaudern selbst deutsche Geschäftsbanker hinter vorgehaltener Hand über einen Dollar-Kurs von 2,20 und einen Pfund-Kurs von 5,00 Mark. Tags darauf lesen es die Manager und Magnaten, während sie sich im Dienst-Mercedes zu ihren Büros fahren lassen, in einem grünlich-braunen Informationsdienst für Auserwählte.

Und sie glauben auch, was sie lesen, denn Wirtschaft, das wissen sie, ist zum überwiegenden Teil Psychologie, ist ein wirres Geflecht von Annahmen und Hoffnungen, von Befürchtungen, Spekulationen, von Spökenkiekerei und dem, was sich Selbsterfüllung der Voraussagen nennt.

Der Trend da draußen, das ist ihnen nun klar, läuft einstweilen gegen die Mark -- also sei es auch so: raus aus der Deutschen Mark und hinein in die angelsächsischen Devisen. Obwohl in Britannien die Inflationsraten bei 15,4 und in den USA bei 12,6 Prozent liegen, während die Rate in Deutschland noch bei 5,3 steht.

Dennoch, so Kurt Richebächer, Generalbevollmächtigter S.32 der Dresdner Bank, des zweitgrößten Geldhauses der Nation, »die Devisenmärkte lassen sich nicht betrügen«. Denn in dem ganzen Tohuwabohu, erkennt Richebächer, stecke »ein rationaler Punkt, nämlich der jähe und in diesem Ausmaß unvermutete Zusammenbruch der deutschen Leistungsbilanz, der dann auf dem Wege über veränderte Wechselkurserwartungen den schnellen Zusammenbruch der deutschen Kapitalbilanz auslöste«.

In der Tat: Die Wirtschafts-Champions vom Rhein, Gewohnheitssieger beim Wettlauf um Wachstum, Wohlstand und Währungsüberschüsse, sitzen mit ihrer Leistungsbilanz -- dem Saldo aus Waren- und Dienstleistungsgeschäften mit dem Ausland plus Geldüberweisungen über die Grenzen -- bei einem Defizit von fast 30 Milliarden Mark. Und schlimmer noch: Sie waren 1978 von einem 17,5-Milliarden-Überschuß hergekommen.

Der Unterschied von gestern und morgen ist also weit dramatischer: mindestens 45 Milliarden Mark beinahe auf einen Schlag. Ein solcher »Swing« aber kann, so Industrieverbands-Präsident Rolf Rodenstock, kein bloßer Betriebsunfall sein, sondern eher schon das Ergebnis vorher unmerklich gewandelter Machtverhältnisse auf den Märkten der Welt.

Zug um Zug nämlich hat die Exportnation Westdeutschland, deren Ausfuhren kaum niedriger liegen als die des großen Amerika, seit 1978 ihren Anteil am Gesamtexport der 14 führenden Industrieländer verringert.

Hektisch fast schon, um ja nichts im Leben zu versäumen, haben andererseits deutsche Touristen ihren Jahresbedarf an Auslandsdevisen so hochgetrieben, daß 32,9 Milliarden Mark dabei in ferne Länder und Kontinente abflossen. Obwohl die Hauptreiseländer --Italien, Österreich, Frankreich und Spanien -- den Deutschen kaum noch einen Preisvorteil boten.

Binnen weniger Monate verlor deshalb die für den Bestand der Währung verantwortliche Deutsche Bundesbank von dem in Jahren aufgehäuften Gold- und Devisenhort ein gutes Viertel: 24 von 89 Milliarden Mark gingen seit Jahresbeginn drauf, um das 30-Milliarden-Loch in der Leistungsbilanz notdürftig zu verkleistern.

Was die Touristen hinausschleppten, was die Bundesbank zusetzte und was die Leistungsbilanz plagt, nämlich ein verlorener Devisenhaufen um die 30 Milliarden herum, ist die größte Summe Geldes, die je ein Industriestaat im Waren- und Dienstleistungsverkehr zusetzen mußte. Um diese Summe auszugleichen, müßte die deutsche Industrie zum Beispiel zwei Millionen Personenwagen der Mittelklasse zusätzlich im Ausland absetzen: eine Autokette, die -- Stoßstange an Stoßstange -- vierspurig von Hamburg nach Rom reichte.

Aber für einen solchen Kraftakt reicht weder die Stärke des Landes S.34 noch die Aufnahmefähigkeit auswärtiger Märkte. Hans Friderichs, einst Bundeswirtschaftsminister, seit Mai 1978 Vorstandssprecher der Dresdner Bank, hält es kaum für möglich, die auf 28,6 Prozent des Bruttosozialprodukts gekletterte Exportquote noch weiter zu erhöhen.

Im Gegenteil: Die Industrie steht unter zunehmendem Konkurrenzdruck von draußen. Japanische Autos, fernöstliche Elektronik, überseeische Werkzeugmaschinen bedrängen die deutsche Industrie auf Binnen- und Außenmärkten. Der mengenmäßige Anteil von Fertigware an den Importen nach Deutschland nahm massiv zu -für ein etabliertes Industrieland alarmierend.

Von Januar bis September 1980 hatte das Industrieland Deutschland gegenüber Frankreich (+ 7,3 Milliarden Mark), Österreich (+ 7,0), Schweiz (+ 5,8), Schweden (+ 2,2), Belgien (+ 2,1), Italien (+ 1,6) und Großbritannien (+ 0,8) zwar noch Überschüsse im Warenhandel, also in der Handelsbilanz erzielt. Doch die deutschen Touristen brachten die Leistungsbilanz selbst in dieser Ländergruppe schon ins Negative.

In einer anderen Ländergruppe dagegen sackte die Bundesrepublik bereits im Warenhandel allein gefährlich durch: Gegenüber den Opec-Staaten betrug das Warenhandelsdefizit rund elf Milliarden Mark, gegenüber Japan 4,4 Milliarden, gegenüber dem Erdgaslieferanten und Ölbasar Niederlande 3,9 Milliarden, bei den außereuropäischen Entwicklungsländern betrug das Minus 3,6, bei den USA 3,3, beim Ölland Norwegen 2,7 und bei Kanada 1,1 Milliarden Mark.

Schon 1979 hatten die deutschen Überschüsse beim Export nicht mehr gereicht, alle anderen Ausgaben abzudecken. Schon 1979 war die deutsche Leistungsbilanz mit zehn Milliarden Mark ins Minus geraten. Aber niemand kann behaupten, der deutsche Exporteur, der Massenlieferant von Automobilen, Elektroanlagen, Werkzeugmaschinen und Chemieprodukten habe versagt. Es sind eher die hohen, allzu hohen Einfuhren, von denen die Leistungsbilanz krank geworden ist.

Für rund 350 Milliarden Mark kaufen Bundesbürger in diesem Jahr Ware in aller Welt ein. Etwa ein Fünftel davon entfällt auf Rohöl und Mineralölprodukte, mehr als die Hälfte dagegen auf Fertigwaren. In nur einer einzigen Dekade, von 1970 auf 1980, haben sich die Einfuhren nach Deutschland, in Mark gerechnet, glatt verdreifacht.

Die Bundesrepublik ist zum Supermarkt der Welt geworden, zum Schaufenster internationaler Arbeitsteilung. Ausländisches gehört längst zum Alltäglichen: spanische Satsumas, israelische Grapefruits, ägyptische Zwiebeln, kanadischer Honig, chinesische Bohnen, amerikanischer Reis, polnische Gänse oder dänischer Schinken.

Bei dieser Import-Flut fällt es kaum noch auf, daß auch vermeintlich Deutsches zuweilen nicht mehr aus Deutschland stammt. VW-Käfer etwa kommen aus Mexiko, Rollei-Kameras aus Singapur, Seidensticker-Hemden aus Portugal und Vim-Scheuerpulver wird aus Spanien eingeführt.

Dabei ist es keineswegs immer nur der günstige Preis, der fremde Waren begehrlich macht. Auch vom Teuersten darf es sein: Mäntel von Burberry, Champagner von Heidsieck, Uhren von Rolex, Bestecke von Christofle oder Geschirr aus der Porzellanmanufaktur S.35 Kopenhagen. Und allein für 2,3 Milliarden Mark kauften die Deutschen 1979 in der Sowjet-Union und in Skandinavien, in Südafrika und den USA Pelze ein -- kein anderes Volk hüllt sich so komfortabel ein wie das deutsche.

Mehr als 100 Einzelmärkte werden mittlerweile von Ausländern beherrscht, so etwa die Märkte für Motorräder und Photoapparate, für Armbanduhren und Taschenrechner, für Herrenhemden oder Damenschuhe. Viele davon haben sich die Japaner geschnappt, andere noch wollen sie sich holen.

Selbst in den Domänen der Deutschen, etwa in der elektrotechnischen Industrie, haben Importeure respektable Marktanteile erreicht. Rund ein Drittel aller Waschautomaten, Wäschetrockner und Bügeleisen werden eingeführt, zwei Fünftel aller Kühlschränke, Staubsauger und Grillgeräte. Bei Gefriertruhen, Kaffeemühlen und Haartrocknern liegen die Importquoten zwischen 60 und 80 Prozent.

Das 3,3-Milliarden-Defizit, das in den ersten neun Monaten dieses Jahres im Warenhandel mit den USA (nach einem Überschuß von 2,8 Milliarden Mark im gesamten Jahr 1978) entstanden ist, kommt vor allem von Büromaschinen, Computeranlagen und elektrotechnischen Artikeln, und es kann sich noch erhöhen, wenn eines Tages auch die neuen Kleinwagen aus den USA preiswert auf den deutschen Markt gedrückt werden.

Gleichfalls mit ihren Kleinwagen haben die Japaner schon 1980 in der Bundesrepublik Furore gemacht. Im Oktober schafften sie bereits einen Marktanteil von 10,8 Prozent. Aufgeregt ist im November eine Kommission der europäischen Fahrzeugindustrie nach Japan gefahren, um Nippons Automanager zu freiwilliger Selbstbeschränkung zu überreden -- vergeblich. Nur die künftige VW-Produktion in den japanischen Nissan-Werken konnten die Deutschen als Trost verbuchen.

Das Defizit in der Leistungsbilanz, zuerst beinahe unbeachtet, brachte plötzlich eine Spiralwirkung zustande, die das Ansehen der deutschen Währung weit, allzuweit mit nach unten zog.

Zuerst änderten sich die sogenannten terms of trade -- das Verhältnis der Indizes von Ausfuhr- zu Einfuhrpreisen zuungunsten der Deutschen. Die deutschen Exportwaren wurden 1979 nur um 5,1 Prozent teurer, die importierten Güter aber gleich um 12,9 Prozent: erstens weil mehr teure Fertigwaren eingeführt wurden, zweitens weil sich der Ölpreis gleich um 70 Prozent erhöhte. Gegen soviel Verteuerung konnte selbst die beste Exportwirtschaft nicht anproduzieren.

Erst nach einiger Zeit kam die Welt dahinter, daß diese Wandlung nicht zufällig, sondern strukturell bedingt war. Allmählich sackte die Mark besonders gegenüber Pfund und dem Dollar weg -- und wiederum nach einiger Zeit kam die nächste Spiraldrehung: Die Kapitaleigner zogen mit ihrem Geld nach London oder New York, weil dort die Zinsen stiegen, das Währungsrisiko aber sank.

Nun plötzlich wachten sie alle auf, die Merker und die Mahner, die Wacher und die Wisser. Jetzt, wo das Ergebnis des galanten Lebens sich in Mark und Pfennig ausdrückte, kamen die Anklagen gegen das Volk, dem jahrzehntelang Konsum gepredigt worden war.

Opfer und eine höhere Leistungsbereitschaft forderte der CDU-Allzweck-Mensch Walther Leisler Kiep dem Volke in der Bundestagsdebatte über die Regierungserklärung ab.

»Die Zeiten, in denen man immer weniger arbeiten und gleichzeitig immer mehr verdienen konnte«, behauptete FDP-Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff in der gleichen Debatte, »sind für eine Weile vorbei.«

Über seine Verhältnisse lebe das Volk vor allem beim Verbrauch von Mineralöl, für das die westdeutsche Gesellschaft 1980 um die 20 Milliarden Mark zusätzlich Devisen lockermachen müsse, ergänzte SPD-Bundesfinanzminister Hans Matthöfer.

Der Allparteien-Konsens über die Verschwendungssucht des Volkes wird natürlich auch von den Geschäftsbanken geteilt, deren Job es andererseits ist, Kredite zur Finanzierung des feineren Konsums bereitzustellen. »Die achtziger Jahre«, schreibt da zum Beispiel Wilfried Guth, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, müßten »vor allem beim Konsum die Bereitschaft zum viel verschrieenen Maßhalten erkennbar werden lassen -- wohl auch beim Reisen«.

Mit solcher Art Austerity wollen auch Präsident und Direktorium der Deutschen Bundesbank über die Jahre wieder den Ausgleich der Leistungsbilanz schaffen. Da es gegenwärtig mangels Wachstum keine erhöhte Massenkaufkraft geben kann, andererseits aber der Aufwand für Heizen, Reisen und Autofahren über die Maßen steigt, werde Sparsamkeit von selber kommen: weniger Importe, weniger Auslandsreisen, mehr Exporte.

Doch mit dieser Politik rutschen die Verwalter der Wirtschaftskonjunktur rasch in die Zwickmühle. Wenn die Importe zurückgehen, bedeutet das den Verzicht auch auf mancherlei billige Ware. Das aber würde den Preisindex für die Lebenshaltung hochtreiben und damit letztlich das Kostenniveau der Industrie. Mit höheren Kosten wiederum schrumpft die Chance, preiswert auf dem Weltmarkt anzubieten -- die S.37 gewünschte Exportflut käme nicht zustande.

Denn die Geschäfte auf dem Weltmarkt gehen ohnehin schlecht. Devisenarme Länder, die ihr Geld vorwiegend für Energie-Importe ausgeben -wie Brasilien oder die Türkei --, können kaum noch Fertigware kaufen. Und andere Länder sind ähnlich von der Nachfragebaisse befallen wie die Bundesrepublik. Auch sie werden sich um deutsche Ware nicht über Gebühr reißen.

Bei alledem kalkulierten Bundesbank und Regierung für nächstes Jahr eine relative Stabilität der Ölpreise ein, weil nicht einmal der Iran-Irak-Konflikt die Preise nach oben getrieben hat. Unbedacht aber blieb dabei, daß der Staat Saudi-Arabien mit seinen bombastischen Geldüberschüssen nur vorübergehend seine Ölförderung erhöht hat, um die Verluste aus dem Iran-Irak-Krieg auszugleichen. Unbedacht blieb auch, daß auf der Welt monatelang mehr Öl verbraucht als gefördert wurde. Die Lücke zwischen beiden wurde allein durch gelagertes Öl geschlossen, das von den Konzernen und Regierungen im Anschluß an die iranische Revolution gehamstert worden war.

Solche Mengen bauen sich ab. Und je mehr die Lagervorräte schrumpfen, desto größer auch die Chance der Ölländer, die Preise wieder nach oben zu drücken. Immerhin will die Internationale Energie-Agentur ein Zehntel des westlichen Ölverbrauchs von 1980 aus der Lagerhaltung nehmen, um nächstes Jahr keinen allzu großen Preisauftrieb zu riskieren. Alle Mühen, mit hohen Exporten, geringen Einfuhren und rückläufigem Auslandstourismus das 30-Milliarden-Defizit wegzubürsten, können deshalb leicht an den Ölpreisen scheitern.

Damit aber wäre das da capo der ersten Ölkrise 1973/74 gescheitert. Damals schafften es die deutschen Exporteure im Gegensatz zu den meisten ausländischen, den Mehraufwand für die Ölrechnung auszugleichen, und die Mark erwarb dadurch den Ruf der Unbezwingbarkeit. Nach der Ölkrise 1978/79 läuft es umgekehrt, und augenblicklich fällt die Mark von zu großer Höhe in zu große Tiefe.

»Über die D-Mark«, erkannte Altbankier Hermann Josef Abs, »wird zuviel geredet.« Die Auffassung einiger deutscher Wirtschaftsinstitute, mit weichem Geld den Export zu erhöhen und den Import zu mindern, ergänzte der Bankier, »kann ich persönlich nur als eine mißglückte Formulierung bezeichnen«. Der Geldwert, wissen die Banker, stabilisiert sich durch Vertrauen.

Zu einem erheblichen Vertrauensverlust, kritisierte denn auch Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff auf der Sitzung des Zentralbankrates der Deutschen Bundesbank am 13. November S.39 1980, hätten auch die täglichen Berichte in ausländischen Zeitungen über die öffentlich ausgetragenen Währungs- und Wirtschaftsdebatten in der Bundesrepublik beigetragen.

Aber die Gesundbeter der Deutschen Mark benutzten die Vokabel »Vertrauensverlust« nur als Tarnwort für etwas anderes. Das Vertrauen in die Deutsche Mark nämlich ist keineswegs dahin. Allein das Land Saudi-Arabien, an der Wall Street und in der Londoner Finanzmeile gern gesehene Kundschaft, hält ungefähr zwölf Milliarden Mark in seinem staatlichen Geldhort. Dahin jedoch ist die Aura der deutschen Währung, sich ständig weiter aufzuwerten -- und damit bekam die von der Leistungsbilanz ausgehende Spirale einen weiteren Dreh.

Von Ende 1972 bis Ende 1978 noch war die Mark gegenüber allen Währungen der Welt mit Ausnahme des Schweizer Franken unablässig gestiegen, und zwar um

* 148,0 Prozent gegenüber der italienischen Lira,

* 102,5 Prozent gegenüber dem britischen Pfund,

* 71,2 Prozent gegenüber dem US-Dollar,

* 44,6 Prozent gegenüber dem französischen Franc,

* 9,0 Prozent gegenüber dem japanischen Yen.

Seit sich die Leistungsbilanzdefizite einstellten und andere Länder wie Großbritannien und USA ihre Leistungsbilanzen plötzlich ausgleichen konnten, gilt die Mark im internationalen Handel auf mittlere Sicht nicht mehr als aufwertungsverdächtig: Wer sein Geld in Deutscher Mark anlegt, kann folglich nicht mehr damit rechnen, neben dem Kapitalzins auch noch einen zuverlässigen Aufwertungsgewinn einzustreichen.

Je höher im Ausland die Zinsen kletterten, desto rascher wanderte deshalb das Geld aus Deutschland ab. »Festzustellen ist«, vermerkt denn auch das Gutachten der fünf Weisen zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland, »daß die Aufwertungserwartungen in bezug auf die D-Mark nicht mehr der Höhe der entsprechenden Zinsdifferenz entsprechen.«

Und die Zinsdifferenz ist eindrucksvoll: Während deutsches Geld auf dem Euro-Markt nur zehn Prozent Zinsen bringt, verheißt das Pfund 15 und der Dollar gar über 20 Prozent für Monatsgeld. Die Jagd nach den Ländern und Währungen mit den hohen Zinsen S.42 aber brachte den Spekulanten schon bald einen willkommenen Multiplikator-Effekt. Neben den Zinsen trieben sie Kurse von Pfund und Dollar noch künstlich weiter nach oben -- eine nächste Drehung der Spirale.

»Je mehr sich an dieser Hochzinsjagd in bestimmte Währungen beteiligen«, analysiert Richebächer, »desto stärker treiben sie alle zusammen auch noch deren Wechselkurse ohne Rücksicht auf Inflationsraten in die Höhe, so daß zusätzlich zum Zinsgewinn auch noch große Währungsgewinne gemacht werden. Das beste Geschäft, das es je gab.«

Die Nachfrage nach Deutscher Mark an den freien Devisenbörsen schrumpfte folglich, die nach Dollar und Pfund kletterte abrupt. Nach den altehrwürdigen Regeln von Angebot und Nachfrage fiel die Mark in den Keller, die Währungen Englands und der USA stiegen.

Neben Deutschland aber bekamen auch Länder wie Japan oder Frankreich vom Öl eine kräftige Schlagseite in ihre Leistungsbilanz, doch die Flucht aus ihren Währungen war längst nicht so wütend wie bei der Mark, und der Wert ihrer Währungen blieb ziemlich unangetastet. Denn noch einmal drehte sich nun die Spirale zu Lasten der Mark. Zu allem anderen Ungemach wurde das deutsche Geld auch noch Opfer seines bevorzugten Status: Neben Dollar, Pfund und Schweizer Franken war die Deutsche Mark zur internationalen Reservewährung geworden.

14 Prozent der internationalen Währungsreserven waren zuletzt in deutschem Geld angelegt, und viele Privatanleger waren diesem Trend gefolgt. Als die Zinsdifferenz dann allzu kraß wurde, zogen Staaten und Privatpersonen mit Riesenbeträgen aus der nicht mehr aufwertungsverdächtigen deutschen Valuta heraus und engagierten sich in den klassischen Reservewährungen Dollar und Pfund.

Daß in deutschem Geld mehr Auslandsvermögen angelegt war als in anderem, brachte die Mark sogar im EWS, dem europäischen Währungssystem, fast auf den letzten Platz. Im EWS sind die Benelux-Währungen, die dänische Krone, der französische Franc, die Deutsche Mark und die italienische Lira untereinander zu festen Umtauschkursen verkettet -- ein System, an dem einzig das EWS-Mitglied Großbritannien nicht teilnimmt.

Innerhalb des EWS-Systems können die Währungskurse deshalb nur begrenzt sinken oder steigen. Überschreiten sie gewisse Schwankungsbreiten nach oben oder unten (Interventionspunkte), dann greifen die übrigen Länder ein und bringen den steigenden oder rutschenden Kurs einer Währung durch An- oder Verkäufe dieser Währung wieder in die Mitte. Erst wenn auch das nichts mehr nützt, kann innerhalb des EWS-Systems offiziell auf- oder abgewertet werden. Die Deutsche Mark, nach ihrer inneren Kaufkraft die stärkste im System, rutschte dank ihrer besonderen Lage im EWS nahe an den unteren Interventionspunkt -- ein wirtschaftlich unsinniger Vorgang.

Für Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff sind Leistungsbilanzdefizite, der chronisch hohe Ölpreis, die hohen Zinsangebote in anderen Währungen und das Gerede um die Mark denn auch immer noch nicht die volle Wahrheit. Wiederum auf der Sitzung des Zentralbankrats am 13. November trug der Graf den anwesenden Herren vor, auch die neuen Spannungen im Ost-West-Verhältnis hätten verschreckte Anleger zur Flucht aus der Mark veranlaßt. Die stabilisierenden Wirkungen der Bonner Ostpolitik, so Lambsdorff, seien durch die Angst aufgehoben worden, Westdeutschland werde wieder ein »Frontstaat«.

Daß der Minister mit diesem Teil der Analyse nicht schief lag, zeigt sich immer wieder am Beispiel Polen: Sowie die Gefahr des Generalstreiks in Polen -- und damit zunächst die der sowjetischen Intervention -- gebannt war, kletterte der Mark-Kurs zum Dollar an einem einzigen Tag um sieben Pfennig. Seit die Aufmarschpläne der Sowjets an den polnischen Grenzen bekannt wurden, sank die Mark wieder rapide ab. »Die Schwäche der Mark«, S.44 analysierte Hans-Joachim Schreiber aus dem Vorstand der Dresdner Bank, »ist auch politisch bedingt.«

Die Mark mithin ist zu tief ins Tal gestürzt -- Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl und sein Vize Helmut Schlesinger versuchen deshalb bei jeder Gelegenheit, mit kernigen Sprüchen ihren Wert wieder hochzureden. »Es besteht kein Grund«, erzählte Pöhl am 3. November 1980 auf einem Bankenabend der Landeszentralbank Bayern, »die Lage an den Devisenmärkten zu dramatisieren.«

Auf der OECD-Strategie-Konferenz am 21. November in Paris empfahl Pöhls Vertreter Schlesinger die Mark unverdrossen als international attraktive Anlage. Und in einer Gemeinschaftsanzeige des Bundesverbandes deutscher Banken kräht ein eiserner Hahn von der Kirchturmspitze: »Der Wert der Mark ist höher als ihr Kurs.«

Um Kurs und Wert zu retten, langt aber keine Image-Kampagne und längst auch nicht das verzweifelte Warten auf einen Zinsrutsch in Amerika. Solange Westdeutschlands Leistungsbilanz negativ ist, bleiben »Angebot und Nachfrage von DM an den internationalen Devisenmärkten grundlegend verändert« (Richebächer). Diese Veränderung aber kann lange dauern, denn die Einsicht in die Fakten fällt vielen Experten schwer.

»Die Zahlungsbilanzanalyse in der Bundesrepublik hat es seit einiger Zeit sehr schwer«, klagte Bundesbank-Vize Schlesinger am 4. November vor der Landeszentralbank Berlin, »ihr Publikum zu erreichen. Nur wenige Autoren -- z. B. einige Journalisten -- waren bei der Aufklärung behilflich, alle anderen fürchteten offensichtlich die Rolle des Boten von schlechten Nachrichten im Altertum. Selbst Forschungsinstitute, die den Titel 'Weltwirtschaft' in ihrem Firmenschild führen, hielten sich auffällig zurück.«

Verdrängt haben die Deutschen, daß die Revolution der Energiepreise alles über den Haufen geworfen hat, was bislang lieb und wert und angenehm gewesen ist. Bundesbank-Vize Schlesinger zwar rechnet vor, daß die Umkehr der westdeutschen Leistungsbilanz »nur etwa zur Hälfte ölbedingt ist«, doch der Bankmann übersieht, daß der Ölverbrauch und die übrigen Ursachen der Umkehr -- Fernreisen, Importgüter, Gastarbeiter-Überweisungen -- in ursächlichem Zusammenhang stehen. Die Verbrauchsstrukturen der westdeutschen Gesellschaft, ihr zunehmendes Luxusbedürfnis, die Freude an importierter Ware sind letztlich in einer Zeit der ganz niedrigen Energiepreise entstanden -- als die deutsche Industrie-Gesellschaft vom billigen Nahostöl subventioniert wurde.

Die Umkehr der Verhältnisse 1973/74 ist zunächst verdrängt worden, weil die übermächtige deutsche Exportmaschinerie für Leistungsbilanzüberschüsse sorgte. Die ständig steigenden Mark-Kurse verbilligten die Ölrechnung bald wieder -- nun auf Kosten der anderen Industrieländer.

Erst als 1979 mit dem zweiten Ölpreis-Chaos die Magie der Mark gebrochen wurde, schlug der Einfluß des hohen Energiepreises doppelt und dreifach auf die deutsche Leistungsbilanz durch. Das Leistungsbilanz-Defizit in Deutschland also ist strukturell -- und damit ist es auch die relative Schwäche der Mark.

Eine Heilung der Leistungsbilanz folglich kann nur durch stramme Energiepolitik geschehen. Was dies betrifft, aber haben die Parteien nicht viel zu bieten und hatte der Kanzler in der Regierungserklärung nicht viel zu erzählen. Mit dem Schlagwort »Weg vom Öl« und ein paar Sparappellen ans Volk ist nichts gewonnen.

Westdeutschlands Energie-Import in Gestalt von Erdöl, Erdgas und Uran erreicht inzwischen die Traumziffer von rund 75 Milliarden Mark. Allein der Gegenwert des in Deutschland verbrauchten Haushalts-Heizöls entspricht ziemlich genau der Höhe des Defizits in der Leistungsbilanz. Will der Bundesbürger auf Importe, die ja oft die Lebenshaltung verbilligen, und will er auch auf Auslandsreisen nicht verzichten, bleibt ihm kaum anderes übrig, als die Energie-Importe etwa um das Volumen des chronischen Leistungsbilanzdefizits zu drosseln.

Mit dem raschen Bau von Kernkraftwerken, die übrigens importiertes Uran verbrauchen, geht das nicht, weil sie erst Ende der achtziger Jahre Strom liefern. Bis dahin aber muß das Leistungsbilanzdefizit weg sein. Erfolgreich wird die »Weg-vom-Öl-Politik« allein durch Investitionen in energiesparende Techniken bis hin zur Wärmedämmung der Privathäuser und zur Halbierung des Spritverbrauchs der Automobile. Dieses Sparpotential wird sogar bei der Ölindustrie auf etwa 40 Prozent veranschlagt.

Damit wäre die Fahrt in neue Leistungsbilanzdefizite zu bremsen. Aber weder Bundes- noch Länder-Gesetzgeber haben sich genügend einfallen lassen, auf welche Art solche Programme öffentlich gefördert werden sollen. Solange aber dies nicht geschieht, bleibt alles im Unverbindlichen -- und Deutschlands Währung wird kaum wieder aufwertungsverdächtig.

Weil das so ist, verlegen sich die Verantwortlichen für Währung und Finanzen einstweilig aufs Abwarten. Aktiv wollen sie erst werden, wenn durch eine Fügung des Schicksals, das sie »Reagan« nennen, irgendwann im nächsten Jahr die US-Zinsen sinken. Dann, so nehmen sie an, wird ein Rückfluß des Geldes nach Deutschland beginnen, und der Mark-Kurs würde -- etwa im Frühjahr 1981 -- wieder etwas stabiler.

»Wir müssen das hier aussitzen«, sagt Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl. Sofern sich bei Pöhls Aussitzen noch »ein neuer Zinsanstieg ergibt«, findet Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, »muß er wohl kurzfristig hingenommen« werden. In Hans Matthöfers Bundesfinanzministerium geht schlicht die Parole um: »Ohren anlegen und durch.«

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