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Frankreich »Dicke Boje Kohl«

aus DER SPIEGEL 29/1994

SPIEGEL: Madame Sagan, Sie waren zur Besatzungszeit ein kleines Mädchen; erinnern Sie sich an die Deutschen?

Sagan: Ja, wie mich 1940 ein deutscher Soldat in einem Zug auf die Knie gezogen und mit mir geschäkert hat . . .

SPIEGEL: . . . eine nette Erinnerung . . .

Sagan: Nein, als ich in unser Abteil zurückkehrte, hat mir mein acht Jahre älterer Bruder aus Patriotismus eine geklebt. Ich war empört. Später lebten wir im Vercors, wo mein Vater Fabriken leitete. Es war ein Zentrum des französischen Widerstands, wo ständig geschossen wurde und Menschen sich gegenseitig umbrachten.

SPIEGEL: Die Einigung Deutschlands hat viele Franzosen beunruhigt; bereitet Ihnen die Tatsache, jetzt 80 Millionen Deutsche an Frankreichs Ostgrenze zu wissen, Unbehagen?

Sagan: Bevor die Deutschen sich vereinten, hat man mich, eine engagierte Linke, immer gewarnt: »Warte nur, bald werden die Russen unterm Arc de Triomphe kampieren.« Dann war's die chinesische Gefahr. Jetzt warnen manche Franzosen vor den zu starken Deutschen. Immer soll man vor jemandem Angst haben. Wenn ich heute etwas konkret fürchte, dann nicht die Deutschen, sondern diese brüchigen russischen Atomkraftwerke vom Typ Tschernobyl drei Flugstunden von Paris entfernt.

SPIEGEL: Offiziell sagt Frankreich, Deutschland sei 50 Jahre nach der Befreiung Frankreichs eine in Europa verankerte Demokratie. Aber bei jeder Gelegenheit werden »les demons allemands« beschworen - warum?

Sagan: Es ist normal, daß Menschen, denen die Greuel der Nazi-Jahre gerade jetzt bei all den 50-Jahr-Feiern wieder in Erinnerung gebracht worden sind, auf gewisse Ereignisse in Deutschland empfindlich reagieren - Rechtsradikalismus, Niederbrennen von Ausländerheimen mitsamt den Insassen. Da tauchen die »demons allemands« wieder auf. Aber diese bösen Geister - Antisemitismus, Rassismus, Fremdenhaß - sind heute nicht mehr spezifisch deutsch; es gibt sie überall, auch in Frankreich.

SPIEGEL: Bei der Militärparade am Nationalfeiertag saß auf der Ehrentribüne neben Staatspräsident Francois Mitterrand erstmals Bundeskanzler Helmut Kohl. Was halten Sie vom Bonner Regierungschef?

Sagan: Die Deutschen sind seiner wohl etwas überdrüssig. Auf mich wirkt er wie ein Anker oder eine dicke Boje. Ein bißchen tolpatschig, aber das ist nicht böse gemeint.

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