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Dicke Kinder: »Von allem zuviel«

20 bis 25 Prozent aller Kinder sind übergewichtig. Fast jedes achte Schulkind ist fettsüchtig -- drei Millionen Kinder in der Bundesrepublik werden wegen Fettleibigkeit ärztlich behandelt. Zu reichliche Babynahrung und veraltete Tischsitten verstärken das Übel ebenso wie hemmungsloser Genuß von Süßigkeiten. Ist die schleichende Verfettung zu stoppen? Ernährungsforscher haben erste Abspeck-Kuren für Teenager erprobt.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Wenn Peter, 13, in der Schulturnhalle an der Reckstange hängt, johlt die Klasse. Beim zweiten Versuch, sich in Klimmzughöhe emporzuwackeln, rötet sich sein Gesicht. Dann wabbeln die Speckfalten unterm hochgerutschten Hemd, und der Sportlehrer zuckt betont hilflos mit den Schultern.

Im Jargon der Schulkameraden ist Peter, Sohn eines Berliner Eisenbiegers, mit seinen 68 Kilogramm eine »Fettsau«, die »Ratte«, der »Mulch«, ein »Mops«, der »Dickarsch«, das »Elefantenbaby«, ein »Schweinchen Dick«, der »Korpula«, die »Kugel«, der »Stinky«, die »Brausebombe«.

Zu Hause dagegen, auf der Flöte, intoniert »unser Sensibelchen« (die Mutter) mühelos »Auf, du junger Wandersmann«. Den Radrennfahrer Dietrich Thurau findet der Steppke »Klasse, wa«. Den Psalm 103 ("Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist ...") kann er vorsagen. »Am liebsten Jumbo-Pilot« möchte er mal werden. Dicker Peter. gutes Kind.

Mit 1,55 Meter Größe und 57 Kilogramm auf der Waage erhält auch Volker, 12, seine Klamotten -- Pullovergröße 48, Kragenweite 39 -- nur in der Herrenabteilung, »wo man«, wie er weiß, »immer sehr viel mehr bezahlen muß«.

In seiner alten Schule mochte ihn die Lehrerin nicht, weil er »so phlegmatisch« sei. »Alles Langsame« könne sie »nun mal nicht ausstehen«, rechtfertigte sich die Pädagogin auf einem Elternabend.

Als ihn nach Schulschluß »die halbe Klasse« an den Beinen fesselte, mit Kastanien bewarf und durch den Schulhof zerrte, wechselten die Eltern das Institut.

Nun, in der 7. Klasse einer Spandauer Gesamtschule, funktioniert es besser. Kürzlich beschrieb er, bei freier Themenwahl, die Wanderschaft »einer Spaghetti« mit »ihrem Mann«, einer »schönen, runden und dicken Makkaroni«, durch »die Speiseröhre« und »an allen Eingeweiden« vorbei: »Später kamen sie in den After und wurden ausgeschieden. Da riefen sie alle zusammen: Endlich sind wir frei.«

Gunter, 10, mit 37 Kilogramm »nur ein bißchen mollig«, japst regelmäßig nach dem Treppensteigen in der Mietetage im dritten Stock eines Berliner Landhauses im Grunewald »nach Luft«.

Obwohl er im nahen Forst auf Geheiß der Mutter Langlauf übt, blieb er bei den letzten Bundesjugendspielen ohne Punkte.,. Der geht«, sagt die Mama, »nur an der Zuckerdose vorbei, und schon hat er ein Pfund zugenommen.«

Die drei Gören von der Spree verkörpern ein verbreitetes Symptom: Gewogen und zu schwer befunden wird zunehmend eine junge Nachkriegsgeneration, in der die Erinnerung an Lebensmittelkarten und Hungerrationen allenfalls als historische Schauermär weiterlebt.

Während der kategorische Zwang zur Magerkeit statistisch fast die Hälfte der Erwachsenen zu lebenslanger Pflichtübung eint, zum freiwilligen Darben bei Zehrjoghurt und hartgekochten Eiern, vertieft sich die internationale Ernährungswissenschaft nun in ihr neuestes Thema: das dicke, das gemästete Kind.

Von klein auf gepäppelt mit Baby-Kraftnahrung, früh auf Erwachsenenkost gesetzt, schon auf der Schulbank umworben von der Zuckerwaren- und Limonaden-Industrie -- so gedieh nun auch in der Bundesrepublik eine Generation von Molligen, die den Ärzten fast soviel Sorgen bereitet wie einst die knochigen Nachkriegskinder.

In Zahlen: Jedes vierte, mindestens jedes fünfte bundesdeutsche Kind ist übergewichtig, im Durchschnitt jedes zehnte sogar fettsüchtig.

Regionale oder landsmannschaftliche Unterschiede, vom Spätzle-Ländle im Süden bis zu den Pommes-frites-Oasen im Norden, sind dabei kaum festzustellen. Wo immer die ärztlichen Ermittler mit Waagen, Tabellen und Meßlatten ansetzten, bietet sich ihnen dasselbe Bild:

* In Rheinland-Pfalz unternahmen Ärzte der Kinderklinik Kaiserslautern in insgesamt 22 Schulen Reihenuntersuchungen. Ergebnis: Jeder vierte von 8300 Schülern brachte zehn oder mehr Prozent Übergewicht auf die Waage; jedes achte Schulkind wurde als fettsüchtig eingestuft.

* Im schwäbischen Ulm wurden 7000 Kinder zwischen vier und 16 Jahren zusätzlich mit der »Speckzange«, dem sogenannten Caliper, getestet, einem Meßwerkzeug, mit dem die Fettschichten am Rumpf und an den Oberarmen bestimmt werden. Resultat: 8,7 Prozent der Ulmer Knaben, 6,5 Prozent der Mädchen mußten nach diesem medizinischen Maßstab als fettsüchtig gelten. Überernährt, so eine Langzeitstudie des Ernährungsforschers Professor Werner Droese, sind in der Bundesrepublik 23 Prozent aller Jungen und 27 Prozent der Mädchen. Und übergewichtig, nach den Befunden des Dortmunder Instituts für Kinderernährung, sind auch bereits zehn bis 20 Prozent der westdeutschen Säuglinge und Kleinkinder. »Scharenweise« strömen, wie ein Hamburger Pädiater meldete, besorgte Mütter mit ihren üppig geratenen Sprößlingen in die Arztpraxen, wo die Doktoren für die feisten »Wonneproppen« und »Pummelchen« Diätpläne austeilen. Nutzlos: Sieben bis acht von zehn kleinen Dicken bleiben, so der Berliner Kinderkliniker Professor Bruno Weber, »lebenslang übergewichtig«.

Sie bilden, nach Meinung der Experten, gleichsam die Vorhut einer künftigen ärztlichen Dauer-Klientel: Sie sind für ihr ferneres Leben überdurchschnittlich bedroht von Leber-, Herz- und Skelettleiden, von Diabetes, Gicht und Depressionen.

Übergewicht, warnte jüngst auch der Hamburger Kinderarzt Professor Rolf Grüttner, sei schon für Kinder ein gefährlicher Krankmacher.

Längst, meint der Gießener Ernährungswissenschaftler Professor Werner Kübler, habe die verbreitet »falsche Ernährung im Schulkindalter« bewirkt, »daß direkt oder indirekt ernährungsabhängige Erkrankungen sich an die Spitze der Todesursachen- und Krankheitsstatistiken geschoben haben«, ein Trend, der sich in Zukunft noch verschärfen dürfte.

Professor Hans Teuteberg, Sozialhistoriker in Münster, und der Saarbrücker Soziologie-Professor Otto Neuloh sehen (in einer bislang unveröffentlichten Studie »Ernährungstod im Wohlstand") in der erziehungsbedingten Überernährung ein neues und deshalb noch weitgehend unerkanntes »soziales Problem«. Nachdrücklich plädieren sie für einen Wandel der Eßgewohnheiten am Familientisch (siehe Kasten).

Doch vorerst wachsen die Dicken kräftig nach. Wie Fachministerin Antje Huber auf dem diesjährigen Weltgesundheitstag (Motto: »Unsere Kinder -- fit fürs Leben") bekanntgab, werden in der Bundesrepublik mittlerweile drei Millionen Kinder wegen Fettleibigkeit ärztlich behandelt -- Kosten: jährlich rund 3,5 Milliarden Mark.

Weitgehend orientierungslos irren die westdeutschen Hausfrauen, hauptverantwortlich für die Verköstigung der Nation. durch das Massenangebot der Supermärkte. Sie haben, so die Ernährungsberichte der Bundesregierung, mangels greifbarer Kriterien keine wirkliche Wahl beim Lebensmittel-Einkauf.

Nicht nur was, auch wie Kinder essen sollen, wird von überholten Regeln bestimmt. So ist es nach wie vor eher der magersüchtige »Suppen-Kaspar', erfunden von dem Psychiater Dr. Heinrich Hoffmann im Jahre 1847, der deutschen Eltern als negatives Erziehungsleitbild dient -- Moral: Das brave Kind ißt seinen Teller leer, egal, ob es Hunger hat oder nicht.

Eisern zwingt auch der längst als schädlich erkannte tägliche Drei-Mahlzeiten-Rhythmus jung und alt an den Familientisch. Dabei hat, was den Eltern mundet (so Umfrageergebnisse), auch den Kindern zu schmecken: meist gehaltvolle Hausmannskost. An fetten Braten mit Mehlsoße und Kartoffelberge beizeiten gewöhnt, verdrücken viele Schulanfänger schon Metallarbeiter-Portionen von 3500 Kalorien.

Zwischendurch kippen die Jungdeutschen -- Lieblingsgerichte: Pommes frites mit Remoulade, gebratene Hähnchen, Hamburger und Speiseeis -- literweise Limonade, Cola und Fruchtsäfte, die sämtlich so kalorienhaltig sind wie Pilsener oder Altbier.

Und obendrein lutschen sie, rund um den Tag, jede Menge Süßigkeiten -- etwa ein Drittel alles in der Bundesrepublik verkauften Naschwerks.

Allein die »potente Käuferschicht der Vier- bis Vierzehnjährigen«, so eine Marketing-Analyse des Axel Springer Verlages aus dem letzten Jahr, verfügt über ein Jahrestaschengeld von mehr als 1,5 Milliarden Mark. 90 Prozent aller Kinder wiederum setzen nach dieser Erhebung »den größten Teil« ihrer Barmittel in Süßigkeiten um.

Besonders anfällig für die süße Sucht zeigt sich dabei (nach einer Untersuchung der Werbefirma McCann) die Altersgruppe der Zehn- bis Vierzehnjährigen. 79 Prozent der Jungen, 81 Prozent der Mädchen nannten jeweils Süßigkeiten und Essen an der Spitze ihrer Ausgabenliste.

Rund acht Milliarden Mark setzten im letzten Jahr allein die 300 größeren Süßwarenbetriebe (zehn und mehr Beschäftigte) um. Gefragt sind bei den Kleinen vor allem Süßigkeiten der Preisklasse von fünf bis 50 Pfennig -- Lutscher, Zuckerstangen, Lakritzen, Kaugummi, Kaubonbons, Riegel oder Brausepulver.

Die geheimen Verführer der Branche verstehen es, auf die Phantasiewelt der Kinder durch immer neue Kreationen aus der Bonbon-Küche einzugehen. Die Palette reicht vom Lakritz-Gürtel (mit Aufklebebildern aus dem Judo-Sport) bis zur eßbaren Weihnachtskarte aus Marzipan oder dem »Überraschungs-Ei«, außen Billig-Schoko, innen je ein Pfennigartikel aus Plastik.

Die schier unbezähmbare Lust auf Süßes schon bei den Kleinen ist wohl auch das Ergebnis gedankenloser Abrichtung zur Vielesserei; die anerzogene Gier zeugt, nach Auffassung der Wissenschaftler, vom Fortbestehen jahrhundertelanger Vorurteile in Sachen Kindererziehung.

Bis ins 19. Jahrhundert nämlich sahen zufriedene Eltern im »strammen« Stammhalter mit barocken Speckwülsten an Rumpf und Gliedern ein Urbild strotzender Lebenskraft. Dicke Kinder galten als besonders gesund und erhöhten das Sozialprestige ihrer Erzeuger.

Erst zu Beginn des Industriezeitalters wurde der naive Volksglaube an die Kinder-Kraftnahrung wissenschaftlich angezweifelt.

Tätig wurden die Mediziner, als in den Gründerzeit-Fabriken immer mehr Frauen und damit auch Mütter kleiner Kinder beschäftigt wurden, die dort ihren Nachwuchs nicht stillen konnten. Die Ärzte begannen, nach einem Ersatz für die natürliche Babynahrung zu suchen.

Sie etablierten dabei die Kinderheilkunde als neues medizinisches Fachgebiet -- und schufen dann erst einmal ein großes ernährungswissenschaftliches Durcheinander: Binnen kurzem offerierten die Spezialisten rund 70 verschiedene Rezepte für die angeblich richtige Säuglingsnahrung; hatten Mütter oder Ammen ihre Säuglinge bis dahin zwischen acht- und dreißigmal täglich zur Brust genommen, so empfahlen die Ärzte jetzt, dies auf fünfmal einzuschränken.

Wenig später ließen sich diverse Mixturen, bereits nach Kalorien berechnet, auch maschinell herstellen. So verfügte, um die Jahrhundertwende, die Milchküche der Heidelberger Luisenheilanstalt »über einen Apparat, der 300 Flaschen im strömenden Dampf für 30 Pfennig an Gasverbrauch binnen einer Stunde trinkfertig« machte.

Die Anlage, so ein zeitgenössischer Bericht, »liefert sowohl die verschiedenen Gemische von Milch mit Wasser und Schleim, als wie Biedertsches Rahmgemenge, niederländische Buttermilchmischung, Keller'sche Malzsuppe, Milchmischung mit Mufflerschem Mehl und vieles mehr -- genug, um biedere Mutter nachhaltig zu irritieren.

Bis heute hat das Verwirrspiel, in dem längst auch Lebensmittel-Konzerne wie die Schweizer Nestle AG oder Hersteller wie Maizena und Hipp mitmischen, nicht aufgehört, was zur Folge hat, daß die Eltern Großmutters Kinderküche zäh gegen alle Neuerungen verteidigen.

Inzwischen gesichertes Ernährungswissen nahmen sie nicht zur Kenntnis, sondern reichen statt dessen populäre Ammenmeinungen weiter, etwa »Quark macht stark«, »Spinat erneuert das Blut« oder »Haferflocken sind gut fürs Gehirn«, wobei stets die Gleichung »je mehr, desto besser« gilt.

Auch hält sich bei vielen Eltern der Aberglaube, dicke Kinder hätten etwa im Krankheitsfall oder in Notzeiten »etwas zuzusetzen«. Das Gegenteil sei richtig, lehren die Mediziner, die in den Nachkriegsjahren feststellen konnten, daß magere Kinder Hungerperioden besser durchstanden und seltener an Mangelerscheinungen litten als ihre beleibten Altersgenossen.

Seither hat sich gezeigt, daß überernährte Kinder auch im Wohlstand anfälliger sind. Ihr Kreislauf, zusätzlich belastet mit der Versorgung nutzloser Fettpolster' gerät bei Infektionskrankheiten schneller in eine Krise. Zudem werden die schwerfälligen Dicken, die sehr oft unter Platt- und Knickfüßen leiden, häufiger Opfer von Sportunfällen: Ihre durch das hohe Körpergewicht stark strapazierten Bänder, Sehnen und Gelenke werden bei sportlichen Kraftakten leicht überanstrengt.

Doch der Mangel an Vernunft in der Ernährungserziehung hat noch tiefere Ursachen: Die »Nahrungszufuhr«, so fand der Kieler Dozent Günther Gutezeit, bilde eine starke emotionale Brücke zwischen Mutter und Kind -- speziell das Kleinkind, so Gutezeit, übertrage sein Wohlgefühl bei der Sättigung als Sympathie auf die Mutter und setze so »eine Kette intimer Interaktionen« in Gang.

Dabei wird Mutterliebe in Form von Lebensmitteln den Kleinen oft aufgenötigt. Beim Essen geht es in deutschen Familien meist autoritär zu: Nur jede sechste Mutter, so ergab eine Untersuchung des Saarbrücker Instituts für empirische Soziologie ("Ifeso"), vertritt Meinungen wie »man sollte Kindern nichts aufzwingen« oder sie »nicht mit Essen vollstopfen«.

Viel häufiger erwarten die Mütter, daß die Kinder pünktlich, widerspruchslos und ohne Rest verzehren, was auf den Tisch kommt -- Motto: »Der Appetit kommt beim Essen.«

Genau das aber ist, nach Erkenntnis der Fachleute, der Kardinalfehler jeder Ernährungserziehung. Denn der von außen verhängte, dazu an bestimmte Zeitmarken gebundene Eßzwang ruiniert auf die Dauer die natürliche Hungerregulation, die den tatsächlichen Nahrungsbedarf und das Eßbedürfnis aufeinander abstimmt.

Wer oft -- und zumal schon als Kind -- auch ohne Hungergefühl essen müsse, meinen die Forscher, werde fast zwangsläufig überfüttert. Frühzeitige Überernährung aber, konstatierten Wissenschaftler des Bundesgesundheitsamts, stelle »die Weichen für die spätere, verhängnisvolle Verwechslung von Hunger und Appetit« -- im »Brigitte«-Diät-Club treffen sie sich wieder.

Gegenüber dieser verbreiteten Störung verblassen alle übrigen Fehler im Ernährungsverhalten der Bundesbürger -- das jedenfalls glauben Professor Droese Lind Dr. Helga Stolley vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung.

Gründlicher als jede andere Forschergruppe in Europa untersuchen Droese und seine Mitarbeiter seit rund zehn Jahren die Ernährungssituation von Kindern und Jugendlichen aus dem Kohlerevier. Teils während stationärer Aufenthalte der Testpersonen im Institut, teils vor Ort am Familientisch ermittelt das Droese-Team' was und wieviel die Ruhrpott-Kinder essen und wie sie sich dabei entwickeln.

Gestützt auf die Daten von mittlerweile rund 11 000 Minderjährigen, schufen die Dortmunder Forscher erstmals umfassende und standardisierte Kontrollverfahren -- darunter eine Art erkennungsdienstliche Behandlung; sie umfaßt Hautfalten-Tests mit der »Speckzange«, Stoffwechsel-Untersuchungen, Angaben zu Alter, Größe und Körpergewicht sowie ein »Photogramm«, eine Ganzkörper-Aufnahme vor einem Meßraster.

Droese förderte zunächst einmal Positives zutage. Die westdeutsche Jugend, erkannte er, wird nicht nur reichlich, sondern auch qualitativ zufriedenstellend verköstigt. Es mangelt ihr weder an Fett. Eiweiß und Kohlenhydraten noch -- wie gelegentlich Droese-Kollegen in Alarmrufen behaupten -- an Vitaminen oder wichtigen Spurenelementen wie Eisen oder Kalzium.

Daß im übrigen ein Großteil der Kinder zu dick ist, wird auch durch Droeses Befunde bestätigt; doch bestreitet der gründliche Dortmunder, daß der übergewichtige Nachwuchs ständig übergroße Portionen vertilge.

Der fette Vielfraß, meint Droese, bleibe nach wie vor eine rare Ausnahme. Dagegen habe die Mehrheit der überernährten Sorgenkinder über einen langen Zeitraum nur jeweils ein Quentchen zuviel gegessen.

Dieser stetige kleine Kalorien-Überschuß addiere sich schließlich zu einer stattlichen Summe. Die Folge: schleichende Verfettung, deren Ursache den Betroffenen meist verborgen bleibe.

An einem Rechenexempel verdeutlichte der Ulmer Ernährungsexperte Professor Hans Ditschuneit den Effekt: Danach erwirbt ein »70 Kilogramm schwerer normalgewichtiger Erwachsener, der sein tägliches Limit von 2300 Kalorien regelmäßig nur um ein Prozent überschreitet, innerhalb von 20 Jahren ein Zugewicht von 18 Kilogramm, was einem Übergewicht von 26 Prozent entspricht.

Daß sich viele Erwachsene das gefährliche Kalorien-Plus aus der Bier- oder Schnapsflasche holen, darf als sicher gelten. Weniger klar ist, auf welche Weise sich Kinder den täglichen Energie-Überschuß einverleiben.

Ohne Frage spielen dabei Süßigkeiten eine wichtige Rolle. Im übertriebenen Zuckerkonsum jedenfalls sieht die Mehrheit der Experten ein Grundübel kindlichen Ernährungsverhaltens.

Mit Erbitterung, zuweilen mit missionarischem Eifer, bekämpft seit langem eine buntgescheckte Koalition aus Ärzten, Zahnärzten, Gesundheitspolitikern und Naturaposteln die Lust der Kinder auf Kandiertes. In der Bonbon-Tute der Schulanfänger, für die Zuckerfeinde ein Symbol jugendgefährdender Naschsucht, sehen vor allem viele Ärzte eine medizinische Pandora-Büchse, gefüllt mit üblen Gesundheitsrisiken.

Sicher ist, daß der Süßwarenverbrauch der Kinder und Jugendlichen erheblich über dem ebenfalls hohen Durchschnittskonsum der Erwachsenen liegt, die 1976 pro Kopf allein zwölf Pfund Pralinen und Schokolade verzehrten. Und unbestreitbar ruiniert das »süße Gift im Kindermund« ("Welt am Sonntag") schon die Milchzähne vieler Krabbelkinder: Jeder zweite Dreijährige leidet an Karies.

»Einfach fürchterlich«, so Dr. Werner Eggers, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Zahnärzte, stehe es um die Kauwerkzeuge der meisten Abc-Schützen; 89 von 100 Schulanfängern haben kariöse Zähne. Insgesamt müssen bei jährlich fünf Millionen Kindern 15 Millionen faule Zähne aufgebohrt werden. Hauptursache für den frühen Zahnverfall, laut Eggers: hemmungsloser »Zuckermißbrauch«.

Die Zuckerwaren, die meist zwischen den Hauptmahlzeiten verputzt werden, wirken indes nach Überzeugung der Wissenschaftler auch schon deshalb schädlich, weil sie die

Appetitregulation durcheinanderbringen.

Auf den Genuß der Süßigkeiten, erläutert der Gießener Ernährungsforscher Professor Werner Kühler, folge eine Sättigungsphase, die häufig in die Stunden der Hauptmahlzeiten falle: Die Kinder, appetitlos, verschmähen dann ihr Mittag- oder Abendessen, sind aber wenig später wieder hungrig -- und stillen ihren Appetit aufs neue mit Süßigkeiten.

Dabei, so Kühler, verdränge das Naschwerk die »vitaminu- und mineralstoffreichen Lebensmittel« der Hauptmahlzeiten, etwa Gemüse, Obst und Kartoffeln, was zu einem Defizit an

wichtigen Nährstoffen führen könne. Zugleich fördern die »leeren« -- von Begleit-Substanzen freien -- Zucker-Kalorien verstärkten Fettansatz.

Denn aus Zucker, der vom Darm besonders schnell resorbiert wird, bildet der Organismus mehr Fett als aus anderen Kohlenhydraten wie Brot oder Spaghetti. Da Kinder laut Kühler durchweg den »Wunsch nach der Geschmacksqualität »süß"' stärker verspüren als Erwachsene, sind sie auch entsprechend anfälliger für den Zucker-Speck.

Daß ihnen dennoch Schokolade und Bonbons von der Süßwarenwerbung aufgeschwätzt werden, daß in vielen Schulen Limonade-Automaten stehen und die Schulhausmeister oft in den Lehranstalten Süßigkeiten feilbieten -- all das halten die Zuckerfeinde, voran die Zahnärzte, für einen Skandal.

In einigen Schulbezirken ist denn auch der Verkauf von Süßigkeiten inzwischen verboten worden. Die deutschen Kinderärzte, damit noch nicht zufrieden, forderten jüngst eine »Krankheitssteuer auf Zucker und alle zuckerhaltigen Genußmittel«.

»Gesetzliche Schritte gegen die Süßigkeitenwerbung« verlangten zudem die nordrhein-westfälischen Zahnärzte, die, gut marxistisch, den Süßwarenherstellern vorwerfen, »ganz unverhüllt Profitinteressen vor die Erhaltung der Volksgesundheit« zu stellen.

Ernährungsforscher Droese freilich hält die wilden Anti-Zucker-Kampagnen für übertrieben. »Normale, das heißt aktive und lebhafte Kinder«, so hat er beobachtet, »mögen Süßigkeiten nicht nur, sie brauchen auch die schnell mobilisierbaren Energiereserven, die der Zucker bereitstellt:'

Natürlich, räumt er ein, trage auch cm Übermaß an Süßigkeiten zur Verfettung der Jugend bei. Doch die übergewichtigen Kinder, so hat Droese-Kollegin Stolley beobachtet, »essen nicht allein vom Süßen, sondern fast von allem zuviel« -- »sie fallen, weil sie dick sind, nur besonders auf, wenn sie im Kreis der Kameraden wie alle anderen ihre Eiswaffel lutschen«.

Entsprechend verspricht sich Droese nicht viel davon, den Dicken erst einmal die Bonbon-Zufuhr abzuschneiden. Schon psychologisch, meint er, hätte das eher unerwünschte Nebeneffekte, zumal bei Kindern Vernunft und Willenskraft wenig zur Abspeck-Therapie beitragen könnten.

Daß Einsicht und Belehrung dabei immerhin mithelfen könnten, glaubt der West-Berliner Pädagogik-Professor Lothar Staeck: Die Ernährungserziehung, fordert er, müsse als reguläres Lehrfach schon in den Grundschulen einsetzen.

Ein Staeck-Team hat dafür bereits einen kompletten Lehrplan erarbeitet. Er soll den Schülern die »Grundtatsachen einer vollwertigen Ernährung« vermitteln und vor allem ihre Kritikfähigkeit gegenüber der Werbung schärfen.

Doch wie die ideale Magerkur für Kinder aussehen sollte, ist bislang allenfalls den Fachleuten, nicht aber denen klar, die sie propagieren und durchsetzen müßten: den Müttern und Kinderärzten. Beide sind in Diätfragen überwiegend ahnungslos.

Daß in erster Linie Westdeutschlands Hausfrauen der Jugend ihr Über gewicht anfLittern, lehrt die Statistik:

* Kinder aus Familien mit zumindest einem überschweren Elternteil sind in 40 bis 50 Prozent der Fälle ebenfalls zu dick.

* Sind beide Eltern übergewichtig, so liegen die Kinder gar zu 70 bis 80 Prozent über der Gewichtsnorm.

Zwar läßt dieses Ergebnis womöglich auch den Einfluß erblicher Faktoren auf die Dickleibigkeit erkennen. Doch es zeigt nach Ansicht der Wissenschaftler auch, daß die Familienköchinnen. auch ihrem Nachwuchs zuliebe, umlernen sollten.

Helfen müßten ihnen dabei die Ärzte. Die allerdings, spottet ein Experte, »haben den Eid des Hippokrates nicht auf Adipositas (Fettleibigkeit) abgelegt": Ernährungswissenschaftlich meist nur unzulänglich ausgebildet, geben sie nur selten brauchbare Diätratschläge, empfehlen statt dessen aber oft sportliche Betätigungen wie Rudern oder Radfahren, was allein keineswegs zur Gewichtsabnahme führt.

Kein Wunder demnach, daß Abspeck-Versuche bei Kindern größtenteils fehlschlagen. Nur 20 bis 30 Prozent der Magerkuren verlaufen einigermaßen erfolgreich. Da gebe es, meint der Berliner Pädiater Weber, höchstens die Wahl, »ob einer sein Leben lang mit Genuß dick bleibt oder ohne«.

In Wahrheit müßten die Kurversuche so aussichtslos nicht sein. Das beweist ein Experiment des Ulmer Professors Ditschuneit, der insgesamt 30 überernährte Mädchen und Jungen für vier Wochen zu einer Diät-Klausur ins Kleine Walsertal verschickte.

Dort traktierte er die molligen Teenager mit einer ausgeklügelten Spezialkost, bestehend aus viel Magerquark, Käse, Fleisch und fettarmen »Du darfst«-Wurstwaren, aber wenig Kohlenhydraten wie Brot oder Nudeln. Auch brachte Ditschuneit die Dicken auf Trab; sie wanderten täglich, teils mit Schrittzählern am Schenkel, 13 Kilometer durchs Gebirge.

Obgleich die Eingeschlossenen, durch Besuchsverbot gegen Versuchungen abgeschirmt, so viel essen durften, wie sie mochten, und niemals über Hunger klagten, zeigten sie schließlich sämtlich Wirkung: Sie nahmen, so die Bilanz, im Tagesdurchschnitt ein Drittel weniger Kalorien zu sich als zu Hause und hatten am Ende der Vier-Wochen-Kur durchschnittlich je elf Pfund abgenommen -- worauf, nebenbei, die Muskelarbeit beim Wandern keinen meßbaren Einfluß hatte.

Aber auch Ditschuneit und seine Mitarbeiter wissen, daß dieser Erfolg unter Alltagsbedingungen nicht erzielt worden wäre, sondern nur bei lückenloser Nahrungskontrolle und durch das Gruppenerlebnis von Dicken unter Dicken möglich war, die sich gegenseitig motivierten.

Im Alltag, im Kindergarten oder in der Schule, so notiert Ernährungsforscher Kübler, »geraten die »Dicken' fast immer in Außenseiterrollen« -- »sie können sich bei gemeinsamen Spielen nicht behaupten, werden beim Sport Zielscheiben des Spotts oder bei Mannschaftsspielen ausgeschlossen

Manche versuchen es dann mit Kompensation. Sie mühen sich, so Kübler, »durch besonderen Fleiß hohe Lernleistungen zu erreichen, um dadurch mehr Geltung im Klassenverband zu gewinnen«.

Die meisten Dicken jedoch reagieren auf die ständigen Herabsetzungen mit der Flucht nach vorn: Um ihr gekränktes Ego zu streicheln, essen sie nur noch mehr.

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