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CHINA Dickerchens Wandel

Seit dem Sturz der Viererbande hat sich das Alltagsleben der Chinesen geändert: Es gibt mehr Geld und sogar ein wenig mehr Freiheiten.
aus DER SPIEGEL 8/1978

Bürger Jang aus Schanghai kaufte sich im Staatsladen ein Transistor-Radio. Das Ding ging nicht.

Jang brachte es daraufhin zu dem Geschäft zurück, das den fehlerhaften Empfänger an den Hersteller schickte: die Pekinger Rundfunkgeräte-Fabrik.

Diese Firma unterrichtete den Käufer lang per Brief, daß so ein Radio »aus Teilen besteht, die in Dutzenden von Fabriken hergestellt werden; unsere Fabrik ist nur der End-Produzent«. Er, der Konsument, müsse die Reparaturkosten plus Porto vorschießen.

Der erzürnte lang unternahm nun etwas Außergewöhnliches: Er beschwerte sich in einem Leserbrief an die Pekinger »Volkszeitung«, das Zentralorgan der Partei. Ein Reporter ging in die Rundfunkfabrik und ermittelte »Pfusch«.

Das Revolutionskomitee, die Leitung des Unternehmens, hielt mehrere Konferenzen sowie eine Vollversammlung der Belegschaft ab und schickte schließlich einen Fabrik-Funktionär von Peking nach Schanghai, wo er vor dem Konsumenten Jang Selbstkritik übte und ihm ein neues Radio überbrachte.

Auch Bürger Wan aus einem kleinen Dorf in der Provinz Kiangsu erhielt Genugtuung. Er hatte nachts nicht schlafen und tags, Lehrer von Beruf, nur schreiend unterrichten können: Achtzehn Stunden täglich donnerte der Lautsprecher auf dem Dorfplatz Marschmusik. Propagandaparolen und Bekanntmachungen.

Wan schrieb an die »Volkszeitung«. Der Brief wurde gedruckt, der Lautsprecher an anderer Stelle placiert und leiser gestellt.

Dutzende Briefe geplagter Bürger der Volksrepublik China erscheinen neuerdings in den Parteizeitungen; auch die Provinzblätter haben für des Volkes Stimme ständige Rubriken eingerichtet. Seit die Maoisten unter Maos Ehefrau Tschiang Tsching, die »Viererbande«, nicht mehr die Presse und die Politik bestimmen, hat sich einiges geändert in der Volksrepublik.

Die Eingesandt-Spalte ist nur eines der vielen »kleinen Zeichen großer Wandlungen« ("Volkszeitung"). Das Land wirkt entspannt: ein wenig mehr Geld, ein paar Vergnügen und Konsumgüter mehr, auch Freiheiten und Rechte und vor allem die Hoffnung auf noch mehr davon, haben das tägliche Leben der meisten Chinesen im Laufe eines Jahres gewandelt -- wie sehr, enthüllen chinesische Zeitungen und Rundfunkanstalten fast täglich. »Was erwarten Sie von 1978?« fragte die amtliche Nachrichtenagentur »Hsinhua« Pekinger Bürger.« Einen großen Sprung nach vorn«, antwortete ein Stahlwerkarbeiter und fügte noch hinzu: »Transport und Lieferung von Strom und Material haben sich normalisiert. Und was das wichtigste ist: Die Arbeiter arbeiten mit dem Willen, die von der Viererbande verursachten Verluste wettzumachen.«

Zu Tränen gerührt zeigte sich ein Lehrer, als er eine ZK-Verlautbarung hörte, nach der »ein guter Grundschullehrer ein Schatz« sei -- bis dahin galt jeder Pädagoge als Fachidiot. Sieben von acht durch »Hsinhua« befragte Schüler gelobten, 1978 mehr Mathematik zu treiben -- in der Vergangenheit wurden fleißige Schüler »Revisionistenkinder« geschimpft.

Ein gewisses »Dickerchen«, 28. hatte laut »Hsinhua« unter den Linksradikalen gehofft, mit Nichtstun berühmt zu werden; »ruppig und immer zu Faustkämpfen aufgelegt«, erreichte er ein Lebendgewicht von 200 Pfund. Jetzt aber, »mit Hilfe der Partei, hat sich »Dickerchen' geändert": Er will 1978 zwei technische Neuerungen ersinnen. Und der Dirigent der Pekinger Philharmoniker will 1978 »mehr hervorragende ausländische Musik bringen -- Beethoven, Schubert und Mozart.

Die neue Regierungspropaganda drückt offensichtlich wirkliche Volkswünsche aus: »Nach der Säuberung von den »Vier Plagen« sind die Berge und Flüsse Chinas viel schöner und prächtiger«, hieß es im zentralen Neujahrs-Leitartikel. Denn: »Die durch die Willkür der »Viererbande« verursachte bedrückende Atmosphäre, in der keiner den Mund aufzumachen wagte, gehört der Vergangenheit an.«

Jetzt können über hundert Schriftsteller und Künstler, die öffentlich nicht mehr hatten in Erscheinung treten dürfen, wieder arbeiten. Sechs Kunsthochschulen wurden wieder eröffnet, Shakespeare und Äsop dürfen verlegt werden, deutsche Volksmärchen und Heinrich Heine stehen auf der Buch-Importliste.

Auch Einsteins Relativitätstheorie ist wieder offiziell anerkannt. Die Pekinger Zeitung »Kwangming Daily« warf der Viererbande, die Einsteins Lehre »ein Beispiel einer reaktionären, idealistischen und metaphysischen Weltbetrachtung« genannt hatte, vor, dieses Urteil sei »ein lächerlicher Fehler«.

Die Kompanie der Peking-Oper, die ihr Publikum unter den Maoisten nur noch mit Polit-Vorstellungen gelangweilt hatte, aber ist ausgetauscht: Das gesamte Ensemble befindet sich in einer »Kader-Schule« zwecks Umerziehung.

600 zur Mao-Zeit verbotene Filme werden wieder gezeigt, eine englische Krimi-Serie wurde angekauft. Kinokarten, die bislang über die Betriebe verteilt und oftmals verschoben wurden, gibt es wieder an der Abendkasse.

Die Produktion von Fernsehgeräten und Fahrrädern wurde gesteigert, die

* Bei einem Gastspiel Anfang April 1977 mit Werken von Mozart und Haydn.

Bauern sehen sich ermuntert, in ihren Privatgärten mehr Früchte zu ziehen und auf dem freien Markt anzubieten; das Sortiment erhöhte sich von 17 verschiedenen Agrarprodukten staatsfreien Ursprungs auf 150. Dabei leben die Chinesen immer noch kärglich.

Rechtzeitig vor dem Frühlingsfest, am 7. Februar, kamen die Nachzahlungen aus den seit September 77 fälligen Lohnzuschlägen: Für 60 Prozent der Arbeiter und auch viele Lehrer und Beamte stieg das Einkommen bis zu einem Fünftel.

Chinas Proletarier beginnen jetzt -- genau wie ihre russischen Klassenbrüder nach Stalins Tod -, sich sogar das Recht auf Freizügigkeit zu erobern. Früher waren sie an ihren Heimatort gebunden, weil die Lebensmittelkarten nur in ihrer Provinz galten und man in China für eine Bahnfahrt die Reisegenehmigung des Betriebes brauchte. Jetzt können sich viele -- mit Reisemarken, ohne Genehmigung -- eine neue Arbeitsstelle auf eigene Faust suchen.

Auch Individualtouristen wurden schon gesichtet. Demnächst sollen sie sogar zu Verwandten im Ausland reisen dürfen.

Viel weniger Chinesen als früher benutzen bei Gesprächen mit ausländischen Besuchern lediglich die offiziellen Redewendungen, viel mehr äußern Ansichten, von denen sie betonen, es sei ihre »persönliche Meinung«. Provinzsender nennen, ungewohnt für die Kollektiv-Gesellschaft, den Namen des Ansagers.

Junge Mädchen wagen, bunte Pullover und Dauerwellen zu tragen. In der Provinz Liaoning erschien ein Buch für den Volksgebrauch« in dem erstmals seit Bestehen der Volksrepublik alle Körperteile von Mann und Frau abgebildet waren. Darin stand auch eine Empfehlung für die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs -- der Ratschlag, den in Europa Luther gab: zweimal die Woche.

Auf den Märkten werden wieder Luxus-Tiere gehandelt -- Goldfische. Schoßtiere zu halten gilt nicht mehr als Verschwendung von Nahrungsmitteln. Auch politische Exoten tauchen wieder auf: An der letzten Sitzung des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses, einer Art Parlamentspräsidium, nahmen erstmals seit über einem Jahrzehnt Vertreter der acht im kommunistischen China zugelassenen nichtkommunistischen Parteien teil.

Als sei in China der Eurokommunismus ausgebrochen, versicherte Verteidigungsminister Marschall ich: »Es ist unser Wunsch und auch die Politik unserer Partei, noch lange Zeit gemeinsam und nebeneinander mit den demokratischen Parteien zu existieren.«

In einer offiziellen Pekinger Publikation wurde eingeräumt, daß die Geheimpolizei in der Vergangenheit, also in der Mao-Ära, Terror und Folter angewendet habe. Die »Volkszeitung« gab zu, sie habe in früheren Jahren ihre Leser belogen, und veröffentlichte eine Selbstkritik.

Die »Armeezeitung« nannte Beispiele, wie Besuchern Potemkinsche Dörfer vorgeführt worden seien: Eine Volkskommune hatte bei einer Inspektion 400 fleißig arbeitende Volkskommunarden gezeigt. die in Wahrheit aus einem Nachbardorf ausgeliehen waren.

In einer anderen Kommune veranstalteten 20 Arbeiter eine ähnliche Show mit zehn Karren voll des dort ansonsten unbekannten Kunstdüngers.

Die »Volkszeitung« übte sogar Sozialkritik an den häufigen Arbeitsessen, die Funktionäre zwecks »Austausch sozialistischer Erfahrungen« veranstalten. Das Parteiorgan enthüllte dabei. was ein Chinese für das Paradies hält und welche genaue Vorstellung er davon -- aus Amerika -- hat: eine Mitgliedskarte von »Diners Club«, die für viele Güter dieser Welt Barzahlung erspart.

In einem Leserbrief zur Völlerei beim »Erfahrungsaustausch« heißt es (laut »Washington Post"): »Dies ist nicht der Weg, die Menschen zu enthusiastischer und bescheidener Arbeit zu ermuntern. Sie machen eine Menge Lärm und halten Eß-Wettbewerbe ab.«

Die Konsumenten nehmen jetzt vieles genauer als früher. So beschwerte sich ein Bauer aus der Provinz Anhwei in einem Leserbrief: In einer Streichholzschachtel hätten nur 92 Hölzer statt 100 gesteckt und selbst die hätten nicht einmal richtig gebrannt.

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