Zur Ausgabe
Artikel 20 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

DROGEN Didis Dope

Dubioses Verhalten von Polizei und Behörden steht in einem Hamburger Rauschgiftprozeß zur Debatte. Angeklagt ist Hans-Georg Behr, schillernde Figur der Kulturszene.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Früher machte der Wiener Autor Hans-Georg Behr, 44, durch vielschichtiges Schaffen im Kulturleben Furore. Von ihm stammt ein Haschisch-Kochbuch, doch auch ein Stück über die Geisel-Erschießungen des Weihbischofs Defregger, sogar schon Wirtinnenwitze edierte Behr. Mal legte er einen Porno-Roman hin, mal, als Bühnenexperimentator, einen King Lear auf wienerisch.

Vergleichbare Vielfalt kommt nun auch zutage, seit Behr, Drogentherapeut und ausgebildeter Psychologe, sich als Autor dem Rauschgift-Milieu zugewandt hat. Hier herrscht ebenfalls das Spektakuläre vor, wohin Behr auch greift.

In den Hochtälern Pakistans recherchierte er bei pathanischen Stammeshäuptern nach Opiumanbau und stieß auf Gegengeschäfte mit deutschen Waffen. In Hamburg entdeckte Behr seltsame Importwege für Heroin -- etwa in gefrorenem Tintenfisch aus Hongkong versteckt. Und der Talkshow »III nach neun« tischte er kürzlich alle zur Heroinherstellung erforderlichen Zutaten auf -- wie sie jedermann in der Bundesrepublik erwerben kann.

Als Verschiebestellen des Rauschgifthandels nennt er in einem letztes Jahr erschienenen Buch

( Hans-Georg Behr: »Weltmacht Droge«. ) ( Econ Verlag; 320 Seiten; 28 Mark. )

ferne Bürgerkriegswinkel, aber auch die Büros hochangesehener Weißkragenkreise im Westen. Hauptverschieber: Geheimdienste, Politiker und Mafiosi der westlichen Verbraucherländer. Und wie es in Deutschland läuft, örtlich und im ganz kleinen, liest sich bei Behr nicht anders. Allenthalben macht er dunkle Polizeipraktiken aus, ortet »kriminelle Zusammenarbeit zwischen den Kontrollorganen und denen, die sie eigentlich kontrollieren sollten«.

Allerdings liegen gute Belege vor, daß es im deutschen Teil der Drogenwelt vielfach tatsächlich so bunt wie bei Behr zugeht. Einiges davon steuerten an Behrs Hamburger Wohnsitz die amtlichen Stellen selber bei.

Eines Abends im letzten Juni saß er gerade im »arabischen Flatterhemd« (Behr) vor der Maschine und schrieb am Polizeibericht, da tutete es an der Tür seiner Wohnung. Kaum war einen Spalt breit geöffnet, rammte jemand von außen mit voller Kraft gegenan, zwischen splitterndem Holz erschien eine Hand mit Pistole, zwei Männer drangen ein.

Behr und sein Wohnungsgefährte wurden zu Boden geworfen. Die Eindringlinge stellten sich als Zivilpolizisten vor und durchsuchten alles. Nachdem sie kleine Mengen Haschisch und Marihuana gefunden hatten, die Behrs Freund gehörten, nahmen die Beamten beide mit zur Wache.

Das Stunden später anrückende Rauschgiftdezernat brachte nach amtlichen Angaben in der Behr-Wohnung insgesamt 25 Gramm Haschisch, 62 Gramm Marihuana und acht Gramm Opium zusammen.

Letzte Woche endete nach 15 Verhandlungstagen vor einem Hamburger Amtsrichter die Beweisaufnahme des Prozesses, in dem Behr sich wegen Drogenbesitzes und -abgabe zu verantworten hatte. Nach Version der Ermittler war Behr seinerzeit beim Versuch, Haschisch zu verkaufen, an einen Polizeiinformanten geraten und dabei S.73 aufgeflogen. Im Prinzip also ein ganz alltäglicher Fall von Drogenkriminalität, vorausgesetzt, die Vorwürfe stimmen.

Und die Einlassungen, mit denen Behr sich verteidigt, klingen auch noch, wie nicht selten im Milieu, so richtig abenteuerlich. Die beschlagnahmten Drogen seien ihm größtenteils untergeschoben, er, ein unliebsamer Kritiker von Polizei und Politikern in der Hansestadt, solle mundtot gemacht werden.

Die ganze Durchsuchungsaktion sei dazu ein Präventivschlag der Polizei gegen neue Enthüllungen Behrs: Hamburger Polizisten, so wollte der Autor gerade erhärten, kassierten auf dem Strich ab und köderten drogenabhängige Informanten mit anderwärts beschlagnahmtem Heroin. Alles viel zu verwegen, »infantiles Getue«, meinte die Staatsanwaltschaft.

Im Strafverfahren aber nahm sich das anders aus. Belege und Indizien für unsauberes Vorgehen amtlicher Stellen kamen zutage, dubiose Polizeipraktiken im Rauschgift- und Informantenbereich.

Seit langem traktiert Behr Persönlichkeiten aus Hamburgs Behördenwie auch Halbwelt, vorwiegend mit dem Vorwurf, es gebe Verbindungen zwischen beiden. Der Polizei lastet er immer wieder Durchstechereien und sonstige Verstöße an. Auf der Davidwache zu St. Pauli blühe die Korruption, sagt er. Weil gelegentlich nach Verhören Verletzte mit dem Polizisten-Hinweis »Der ist uns vom Stuhl gefallen« ins Hafenkrankenhaus gekommen seien, gelte die Davidwache dort als »die mit den höchsten Stühlen Europas«.

Vorwürfe dieser Art genießen in Hamburg zunächst einmal gewisse S.75 Glaubwürdigkeit, weil sich da die Polizeiaffären häufen. Seit Monaten schon geht eine Sonderkommission Hinweisen auf Kontakte zwischen Polizei und Unterwelt nach; einer, der vor der Kommission ausgesagt hatte, kam wenig später auf mysteriöse Weise unter die U-Bahn.

In Hamburgs Drogenszene mischen V-Leute der Polizei so realitätsnah mit, daß für Aufkäufe zu operativen Zwecken allein in einem der letzten Jahre rund 80 000 Mark Behördengeld ausgegeben wurden. Und bei Diebstählen vermittelte die Polizei oft den Rückkauf der Sore zwischen Geschädigten und Ganoven. Für die erforderlichen Zahlungen stellte das Amt sogar ein eigenes Konto bereit (SPIEGEL 40/1978).

Ein V-Mann versorgt auch den Fall Behr mit allerlei Merkwürdigkeiten: Didi, ein Strichjunge vom Hauptbahnhof. Er bezeugt, Behr habe ihm zwecks Kaufanbahnung knapp 0,4 Gramm Haschisch überlassen. Damit habe er sich ihnen offenbart, sagen seine Gewährsleute von der Polizei -- zwei Zivilfahnder, zu deren Inspektionsbereich auch die Prostitution im Hauptbahnhofsviertel zählt.

Behr hatte in seiner Wohnung den Informanten Didi nach Polizeikontakten in der Szene ausgefragt und damit eine sonderbare Aktion ausgelöst: Nach dem Tip des Informanten trat als erstes nicht etwa das eigentlich zuständige Rauschgiftdezernat in Behrs Wohnung auf -- sondern Didis Zivilfahnderduo aus einem ganz anderen Stadtteil.

Was geschah, ehe Stunden später die Fachbeamten kamen, ist strittig. Die zwei Zivilbeamten bezeugen, die ganze Zeit über auf der Wache gewesen zu sein; Behr dagegen brachte Zeugen, die sagen, sie hätten einen der beiden nach der Festnahme noch einmal anrücken sehen, sogar im Polizeiwagen.

Vor Gericht beklagt der Autor, sein Recherchenmaterial sei seither verschwunden. Und dem Vorwurf des Angeklagten, da seien vor dem Eintreffen der Männer vom Rauschgiftdezernat noch einige Mengen Dope eingebracht worden, lieferte die Staatsanwaltschaft noch ungewollt Nahrung. Der Ankläger nämlich forderte ohne weitere Begründung die Einstellung des Verfahrens hinsichtlich eines Teils der beschlagnahmten Drogen, der acht Gramm Opium.

Fest steht zumindest, daß die beiden Fahnder dem Angeklagten regelrecht nachstellten. Einer bezeugte gar, er habe Behr, der an einem Termin nicht erschienen war, weil er nachweislich gerade auswärts weilte, gleichwohl in Hamburg gesehen -- was zu einem Haftbefehl gegen den Wiener führte.

Für den Strafverteidiger Helmuth Jipp hat Behr mit seinen Nachforschungen »den neuralgischen Punkt der Stadt« getroffen, »wichtige Kreise gestört«. Tatsächlich nährt vieles am Verfahren den Anschein, als sollte ein Exempel statuiert werden, wenn auch teils etwas gewaltsam.

Staunen erregte etwa, als die Staatsanwaltschaft dem Verfahren einen von Behr letztes Jahr angeregten Ermittlungsvorgang als Beiakte einführte. Es ging um Hinweise auf die Verwicklung führender Persönlichkeiten der Hamburger Kiez-Gastronomie ins Heroin-Geschäft. Dies in den Prozeß eingeführt, könnte jetzt zwar Behr als Querulanten stempeln, ruft aber auch in Erinnerung, daß seinerzeit das Verfahren in auffallend glattem Gang durch Einstellung erledigt wurde.

Auch für die Informationsquelle Didi legten sich Amtspersonen ins Zeug. Mangels Glaubwürdigkeit brach der zwar vor Gericht ziemlich ein, dennoch soll es sein Schade nicht sein. »Wir brauchen ihn noch«, hatte ein Polizeibeamter vor Gericht gesagt. Und so steht Didi eben weiter auf dem Bahnhof.

S.72Hans-Georg Behr: »Weltmacht Droge«. Econ Verlag; 320 Seiten; 28Mark.*S.75Am 3. April, rechts: Moderatorin Marianne Koch.*

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 20 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.