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Markus Feldenkirchen

Facebook Die Aggro-Schleuder

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Facebook verbietet endlich weltweit Holocaust-Leugnung und tut etwas gegen Anti-Impf-Propaganda. Ist der Konzern etwa plötzlich geläutert? Wohl kaum.
aus DER SPIEGEL 43/2020
Facebook-Angestellte in der Kantine der Londoner Niederlassung, Archivbild von 2017

Facebook-Angestellte in der Kantine der Londoner Niederlassung, Archivbild von 2017

Foto: DANIEL LEAL-OLIVAS / AFP

Lange Zeit war Facebook ein Traum für Kriminelle und andere Asoziale. Hier konnte man, ohne das Haus zu verlassen, vor Publikum den Holocaust leugnen, rassistisch rumhetzen oder bequem ein paar Verschwörungsmythen vom Stapel lassen. Alles kein Problem, Firmengründer Mark Zuckerberg drückte gern zwei Augen zu. Außer bei nackten Brüsten, vor deren Anblick musste die Welt unter allen Umständen geschützt werden. In der Parallelwelt des Silicon Valley weiß man eben, wo die wahren Gefahren für unsere Zivilisation lauern. Alle Appelle, den echten Dreck von der eigenen Plattform fernzuhalten, wurden konsequent ignoriert. Als ginge es darum, etwas Kostbares zu bewahren.

In dieser Woche überschlugen sich nun die Ankündigungen. Erst erklärte Facebook, künftig weltweit alle Inhalte zu blocken, die den Holocaust verharmlosen oder leugnen. Gleich am nächsten Tag folgte die Ansage, auf Anzeigen zu verzichten, die so formuliert sind, dass sie Menschen davon abhalten könnten, sich impfen zu lassen. (Private Impfgegner dürfen natürlich munter weiter Stimmung machen). Die Corona-Pandemie zeige, wie wichtig "vorbeugendes Verhalten" zum Schutz der Gesundheit sei, schrieb das Unternehmen. Das wusste man außerhalb der Parallelwelt schon vor Corona.

Trotzdem scheint es, als habe die Facebook-Führung einen Einführungskurs in Sachen Anstand belegt. Oder wenigstens einen Knigge bei Amazon bestellt. Wenn der Prozess der Läuterung in diesem Tempo weitergeht, könnten irgendwann sogar Rufmord, Rassismus und andere Verbrechen unerwünscht sein. Ich meine nicht: strafrechtlich, sondern von Facebook nicht gewollt. Das ist ein großer Unterschied.

Man sollte sich nicht täuschen lassen. Die jüngsten Zugeständnisse kommen nicht freiwillig, sie sind die Folge von jahrelangem, massivem Druck. Facebook würde sonst gar nichts ändern. Provokation, Hass und Hetze sind der Kern des Geschäftsmodells. Gewünscht ist, was knallt, provoziert und möglichst viel Staub aufwirbelt. Der Algorithmus belohnt die Aggression, weil Mäßigung Langeweile befürchten lässt. Die Dauererregung soll die User auf der Plattform halten, wie eine Droge, die abhängig macht. Es gibt übrigens nur zwei Branchen, die ihre Kunden konsequent User nennen: soziale Netzwerke und die Drogenmafia. So schufen Facebook und Co. eine Gesellschaft mit chronischer Schnappatmung.

Provokation, Hass und Hetze sind der Kern von Facebooks Geschäftsmodell.

Natürlich kann das Verbot der Holocaust-Leugnung nicht "von heute auf morgen" durchgesetzt werden, betonte das Unternehmen. Es gibt also noch eine Karenzzeit für Nazis. Die Sache fiel Zuckerberg ohnehin nicht leicht. Die Abwägung zwischen Redefreiheit und dem Schaden, der durch die Leugnung oder Verharmlosung des Massenmords entstehe, habe ihm zu schaffen gemacht, bekannte er. Doch "beim aktuellen Zustand der Welt" halte er ein Verbot für die richtige Entscheidung.

Beim Verweis auf den "aktuellen Zustand der Welt" musste ich fast lachen. Denn dieser Weltzustand der Gereiztheit und Aggression wurde von niemandem stärker geprägt als von der Aggro-Schleuder Facebook selbst.

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