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»Die Aktion blieb geheim«

Wie Strauß Waffengeschäfte mit Israel einfädelte
aus DER SPIEGEL 37/1989

Ende 1957 erreichte mich auf verschlungenen Wegen die Nachricht, daß mich eine israelische Delegation unter Leitung von Generalstabschef Mosche Dajan, dem Helden des Sinai-Krieges, besuchen wolle. Ich sagte sofort zu.

An dem Nachmittag, für den sich die israelischen Gäste in unserer Privatwohnung in Rott angesagt hatten, war unser damaliger Hund ausgerissen. Stundenlang bin ich ihm im tiefen Schnee nachgelaufen, bis ich ihn endlich wieder an der Leine hatte. So kam ich erst nach dem Eintreffen der israelischen Besucher nach Hause. Meine Frau hatte die Gäste inzwischen empfangen. Mosche Dajan war wegen einer Indiskretion nicht dabei. An seiner Stelle waren General Laskow, der Chef der israelischen Panzertruppen im Sinai-Feldzug, und ein weiterer hoher Offizier mit von der Partie. Geleitet wurde die Delegation vom Generalsekretär des israelischen Verteidigungsministeriums. Sein Name: Schimon Peres.

Peres und seine Begleiter waren am späten Nachmittag in Rott angekommen, blieben zum Abendessen - meine Frau hatte gekocht -, und anschließend saßen wir bis tief in die Nacht hinein zusammen. Winterlich war die Stimmung nur draußen; Peres und ich hatten keinerlei Anlaufschwierigkeiten, um in ein offenes Gespräch zu kommen. Von Anfang an bestand eine Vertrauensgrundlage, die sich als tragfähig durch Jahrzehnte erwiesen hat.

Auch die Tatsache, daß ich hinsichtlich deutscher Waffenlieferungen an jene arabischen Staaten, die Faktoren der Stabilität im Nahen und Mittleren Osten sind, eine Meinung habe, die zu vertreten mehr Mut verlangt als das bequeme Heulen mit linken Wölfen, hat nichts an unserer Einstellung zueinander geändert, die nach wie vor von Wertschätzung und gegenseitigem Respekt gekennzeichnet ist. Dazu trägt auch bei, daß man in Israel sehr wohl zwischen Freundschaft des billigen Wortes und Freundschaft der mutigen Tat zu unterscheiden weiß.

Um eine solche Tat ging es bei dem Besuch von Peres und seiner Begleitung damals in Rott am Inn - lange vor jener denkwürdigen Begegnung David Ben-Gurions mit Adenauer im März 1960 in New York. Israel habe den Feldzug im Sinai geführt und gewonnen, sei aber noch immer in höchster Gefahr. Deshalb, so meine Gesprächspartner, brauche der jüdische Staat militärisches Gerät und Waffen. Eine vorbereitete Liste enthielt das von Israel Gewünschte: Transportflugzeuge, Hubschrauber, Artillerie, Panzerabwehrraketen.

Peres und seine Begleiter fanden bei mir ein offenes Ohr. Die Bundeswehr war zwar noch in der Aufbauphase und besaß nur bescheidene Vorräte an Waffen und Gerät, aber ich war bereit, von dem Wenigen zu geben, weil ich es als meine Pflicht ansah, Israel in einer schwierigen und bedrohlichen Situation zu helfen.

Meine in Rott bekundete Bereitschaft zur Hilfe für Israel wurde in Bonn in die Tat umgesetzt. Ich informierte Adenauer, der einverstanden war. Eingeweiht wurden Heinrich von Brentano, Heinrich Krone und Fritz Erler, ein Vertreter der FDP. Sie alle stimmten zu, die Verantwortung für diese Hilfsaktion aber blieb bei mir. So hatte ich wenig Rückendeckung für ein Vorgehen, das in allem dem Haushaltsrecht zuwiderlief.

Wir haben die Israel zugesagten Geräte und Waffen heimlich aus den Depots der Bundeswehr geholt und hernach als Ablenkungsmanöver bei der Polizei in einigen Fällen Diebstahlsanzeige erstattet. Hubschrauber und Flugzeuge wurden ohne Hoheitszeichen nach Frankreich geflogen und von Marseille aus nach Israel verschifft. Besonders hilfreich war mir der damalige Referent in der Abteilung Verteidigungswirtschaft, Oberst Herbert Becker, ein Ostpreuße, dessen entschlossenes »Herr Minister, machen wir!« ich immer noch im Ohr habe. Insgesamt haben wir Israel damals Lieferungen im Wert von 300 Millionen Mark - heutiger Wert 1,2 Milliarden - zukommen lassen, ohne Bezahlung dafür zu verlangen. Was heute unvorstellbar wäre: Die Aktion blieb geheim, und dies für fast sieben Jahre. Erst 1964, unter Erhard, kam die Geschichte hoch, als es um Panzerlieferungen nach Israel ging.

Lieferungen von militärischem Gerät und Waffen an Israel waren keine Einbahnstraße. Als es um die Einführung einer Maschinenpistole für die Bundeswehr ging, haben wir eine Reihe von Modellen erprobt; ein italienisches und ein schwedisches Modell kamen in die engere Wahl. Am Ende entschieden wir uns für die israelische »Uzi«, die auch unter schlechtesten Bedingungen, selbst wenn sie in Schnee oder Dreck gefallen war, funktionierte. Die Uzi wird noch heute bei der Bundeswehr verwendet. Wir haben auch für mehrere hundert Millionen Mark Granatwerfermunition in Israel gekauft.

Diese enge militärische Zusammenarbeit mit den Israelis ist nach meiner Zeit als Verteidigungsminister so gut wie ganz eingestellt worden. Schon als Gerhard Schröder 1961 Außenminister wurde, hat er mich deswegen heftig bekämpft und volle Breitseiten losgelassen gegen die deutsch-israelische Kooperation, die nach seiner Meinung die deutsche Politik gegenüber den Arabern gefährdete.

Franz Josef Strauß
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