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UNGARN-FLÜCHTLINGE Die Alten kommen später

aus DER SPIEGEL 49/1956

Das Bonner Vertriebenenministerium mußte letzte Woche einen vollen Arbeitstag - den Dienstag - darauf verwenden, gemeinsam mit den Sozialexperten der Bundesländer auszutüfteln, wie die Flüchtlinge aus Ungarn am besten in der Bundesrepublik verteilt werden können. Am Abend dieses Beratungstages war nach zähem Handel ein Arbeitsplan zustande gekommen, der von »zunächst einmal 10000 Ungarn« ausgeht, die in der Bundesrepublik ihre Zuflucht finden sollen.

Der Hauptstrom der Flüchtlinge, der sich vornehmlich über die bayrischen Lager Piding und Schalding und über das niedersächsische Lager Friedland in die westdeutschen Bundesländer ergießt, war in den ersten Tagen nur stockend weitergelaufen. Denn Westdeutschlands eigenes Flüchtlingsproblem bereitet Bund und Ländern immer noch vielfältige Sorgen: Im Durchschnitt sitzen ständig rund 150000. Flüchtlinge aus der Sowjetzone in den Auffangslagern. Darüber hinaus sind noch 225000 Vertriebene, die schon seit längerem in. Westdeutschland ansässig sind, in Wohnlagern untergebracht. Hinzu kommen 23000 staaten- und heimatlose Ausländer.

Angesichts all dieser Menschen schien es nicht ganz einfach, nun auch noch die Ungarn, die in der vergangenen Woche in Transporten von je 300 bis 500 Menschen Westdeutschland erreichten, halbwegs menschenwürdig unterzubringen.

Westdeutschlands Regierung hatte sofort nach dem Hilferuf des österreichischen Bundeskanzlers eine Registrierkommission des Bonner Innenministeriums unter Leitung des Ministerialrats Breull nach Österreich geschickt. Außerdem entsandte das Vertriebenenministerium den Regierungsdirektor Siebke dorthin. Er sollte den Weitertransport der ungarischen Flüchtlinge aus den österreichischen in die westdeutschen Lager arrangieren.

Es zeigte sich, daß Westdeutschland als Asyl bei den ungarischen Flüchtlingen hoch im Kurs steht. Als der Bonner Ministerialrat Breull nacheinander in den österreichischen Lagern Wöllersdorf, Traiskirchen, Judenau und Eisenstadt über den Lautsprecher verkünden ließ: »Hier ist eine deutsche Regierungskommission«, erregte das jedesmal höchstes Interesse. Zunächst fragten die Ungarn mißtrauisch: »West- oder Ostdeutschland?« Dann aber lösten sich zusehends die Schlangen der jungen Leute vor dem Büro der Franzosen auf, die es sich bis dahin nicht versagt hatten, unter den Panzerknackern, die eben aus Budapest geflohen waren, Ausschau nach Rekruten für ihre Fremdenlegion zu halten.

Im Lager Eisenstadt, wo der Hofrat Schwarz, österreichischer Sicherheitdirektor des grenznahen Burgenlandes, vor Verzweiflung weinte, weil er nicht genug Betten und Lebensmittel für die Flüchtlinge hatte, wechselten an einem Tage 350 Ungarn von den Baracken der Franzosen zur westdeutschen Kommission hinüber.

Die Kunde vom bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder hatte sich bis nach Ungarn herumgesprochen, so daß die Flüchtlinge in Westdeutschland die günstigsten Verdienstchancen erwarteten. Staunend ließen sie sich von den Bonner Emissionären über Löhne und Preise informieren. Sie rechneten aus, daß sie in Westdeutschland knapp zwei Tage für, ein Paar Schuhe zu arbeiten hätten, das in Ungarn fast einen Monatslohn gekostet hatte.

Die Bonner Ministerialbürokraten zwangen sich in Österreich zu ungewohnter Einfachheit. Um von den Beamten des westdeutschen Innenministeriums Asylrecht zu bekommen, brauchten die Flüchtlinge nur Namen, Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf und den Tag des Grenzübertritts anzugeben. Das genügte, um für einen der Transporte in die Bundesrepublik eingeteilt zu werden. Bis zum vergangenen Sonnabend waren - nach diesem simplen Verfahren - 5300 Ungarn in Westdeutschland eingetroffen. Die Zahl der Meldungen, die bei der deutschen Botschaft in Wien registriert wurden, kletterte bis zu diesem Zeitpunkt um weitere Tausende.

Angesichts der Elendsschlange, die an der österreichisch - ungarischen Grenze immer wieder nachwächst - für 200 Forint (72,24 Mark) je Kopf oder für Uhren und Schmuck lassen zuweilen auch Sowjet-Soldaten die Flüchtlinge passieren -, einigten sich die Flüchtlingsreferenten der Bundesländer mit dem Bonner Vertriebenenministerium auf einen Verteilerschlüssel für die Aufnahme ungarischer Flüchtlinge in der Bundesrepublik. Nach diesem Schlüssel, der die Wirtschafts- und Sozialstruktur* der Bundesländer berücksichtigt, werden die Ungarn-Flüchtlinge künftig so auf die westdeutschen Länder verteilt:

> 42 Prozent der Flüchtlinge kommen nach Nordrhein-Westfalen,

> 21 Prozent nach Württemberg,

> zehn Prozent nach Rheinland-Pfalz, neun Prozent nach Hessen,

> etwa je vier Prozent nach Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein und

> die restlichen zwei Prozent nach Hamburg und Bremen.

Die Flüchtlingsexperten konnten nicht umhin, auch über eine etwas peinliche Sache zu sprechen: Die österreichische Presse hatte in der vergangenen Woche gemahnt, es sei scharf zu verurteilen, wenn von deutscher Seite versucht werde, die Flüchtlinge allein im Hinblick auf freie Arbeitsplätze auszusuchen. Anlaß zu dieser Warnung hatten einige Vorfälle gegeben, die sich auf dem schmalen Grat zwischen hilfsbereiter Wohltätigkeit und hilfesuchender Arbeitsmarktpolitik abspielten.

Westdeutsche Firmen hatten ihre österreichischen Filialleiter in die Flüchtlingslager geschickt. Diese Sendboten suchten unter den Ungarn nach Arbeitskräften für die Herstellungsbetriebe in der Bundesrepublik. Solches Interesse für qualifizierte Facharbeiter war geweckt worden, als die ersten Deutschlandtransporte mit überwiegend jungen Ungarn eine sozial und beruflich günstige Schichtung der Flüchtlinge erkennen ließen.

Die Analyse eines dieser Transporte durch das Bonner Vertriebenenministerium ergab, daß von je hundert Männern rund fünfzig aus den Metall- und Traktorenfabriken Budapests kamen. Diese Betriebe waren in Budapest am heftigsten umkämpft worden; ihre Belegschaften hatten sich fast geschlossen nach Westen durchgeschlagen.

Zehn Prozent des Test-Transports waren Bergleute aus der Gegend Fünfkirchen, fünfzehn weitere Prozent der Männer erklärten sich bereit, im Bergwerk zu arbeiten. Zehn Prozent waren Landarbeiter, zehn Prozent sonstige Arbeitsfähige und nur fünf Prozent Kinder, Großmütter und Greise.

Diese Arbeitsmarktreserven lockten die westdeutsche Wirtschaft, der es an Arbeitskräften mangelt. Regierungsdirektor Siebke vom Bonner Vertriebenenministerium mußte in Österreich beispielsweise gegenüber dem Vertreter eines westdeutschen Industrieverbandes recht deutlich werden, ehe dieser Werber von seinem Plan abließ, hundert Facharbeiter zu verladen, die er unter den ungarischen Flüchtlingen recht sorgfältig ausgesucht hatte. Es kam auch vor, daß Ungarn-Flüchtlinge die Kommission baten, in ein bestimmtes Metallwerk nach München geschickt zu werden. Andere Ungarn zeigten der Bonner Registrier-Kommission Visitenkarten westdeutscher Firmen.

Diese privaten Bemühungen wurden in Bonn ebenso wenig gutgeheißen wie das Manöver eines westdeutschen Illustrierten-Verlages, der in Österreich ungarische Flüchtlinge kurzerhand in einen Autobus geladen, sie nach Deutschland gefahren und dort in einem Hotel untergebracht hatte. Auch in diesem Fall bezweifeln die Bonner Amtsstellen, daß ausschließlich menschliche Motive im Spiel gewesen seien.

Was private Unternehmer in den österreichischen Lagern vorexerziert hatten, wurde freilich von bundesdeutschen Behördeninstanzen in den deutschen Durchgangslagern getreulich kopiert. So schickte die Hamburger Sozialbehörde ihren Regierungsoberinspektor Muyschell ins Lager Friedland, um dafür zu sorgen, daß solche Ungarn nach Hamburg weitergelotst werden, die für den Hamburger Arbeitsmarkt interessant sind.

Was Wunder, daß hernach Vertreter von Metallfirmen vor dem Tor des Hamburger Durchgangslagers Finkenwerder erschienen, um unter den Ungarn Arbeitskräfte für ihre Werke zu werben.

Csardas-Fürstinnen gesucht

Der Wettlauf einzelner Betriebe an Rhein und Ruhr um ungarische Facharbeiter erinnerte an die Zeiten, als Konkurrenzfirmen einem tüchtigen Facharbeiter jeden gewünschten Stundenlohn boten.

Regierungsdirektor Schaumburg, der Leiter aller Flüchtlingslager in Nordrhein-Westfalen sagt dazu: »Wir haben gar nicht so viele Bergleute und Metallarbeiter, wie von den Werken angefordert werden. Einzelne Firmen, denen schon Ungarn-Flüchtlinge zugeteilt worden sind, kann ich nicht nennen, denn sonst kommen die anderen und beschweren sich.«

Vom Unternehmensverband Ruhrbergbau war der Österreich-Kommission des Bonner Innenministeriums - wenn auch ohne offiziellen: Auftrag - der Ungarn-Experte Dr. Keintzel beigegeben worden. Keintzel machte sich als Dolmetscher nützlich. Gleichzeitig jedoch half er den Bergleuten unter den Flüchtlingen auf: den richtigen Weg in westdeutsche Bergwerke.

Der Unternehmensverband Ruhrbergbau rechnet damit, insgesamt 2000 Bergleute aus den Flüchtlingslagern beziehen zu können. Der Bergbau stellt die Ungarn jedoch ordnungsgemäß über die Arbeitsämter ein. Dagegen haben die freien Anwerbungen in den westdeutschen Flüchtlingslagern wilde Formen angenommen. Schon der bayrische Arbeitsminister Stain kritisierte den wirtschaftlichen Egoismus, der die 200 Werber beflügelte, die das bayrische Lager Wagenried heimsuchten.

Im Verteilungslager Bocholt für Nordrhein-Westfalen war es ähnlich. Berichtet der Bocholter Lagerleiter: »Wir können uns kaum gegen die vielen Anrufe von Hausfrauen und Kleingewerbetreibenden wehren, die umgehend ein ungarisches Mädchen oder eine andere - möglichst billige - Arbeitskraft ins Haus geschickt haben möchten.«

Auch cleveren Chefs von Vergnügungsetablissements, die ihre müden Amüsierläden mit »temperamentvollen ungarischen Tänzerinnen« und »Csardas-Fürstinnen« aus den Reihen der Flüchtlinge aufzumöbeln hofften, wurde eine Absage zuteil.

In diesem nordrhein-westfälischen Lager Bocholt heuerten allein am vorletzten Sonntag Bauern der Nachbarschaft unter Umgehung des Arbeitsamtes 66 junge Ungarn an. Mangels ausreichender Vergleichsmöglichkeiten war diesen Flüchtlingen der Kaufwert eines Stundenlohnes von rund einer Mark noch immer als eine fürstliche Entlohnung erschienen.

Das Landesarbeitsamt Düsseldorf berichtete über die Erfahrungen mit diesen Bauern, denen die ungarischen Freiheitskämpfer offenbar wie gepreßte Ostarbeiter vorkamen, es gebe gewisse Schwierigkeiten, die Aufnahmebereitschaft mancher Landwirte in Grenzen zu halten. Das Landesarbeitsamt bedauerte, daß praktisch jedermann ungehindert in die Lager gehen und dort Arbeitskräfte anwerben kann.

Am Mittwoch letzter Woche würde deshalb in Bocholt für private Werber eine Lagersperre erlassen. Künftig werden Arbeitskräfte nur noch über die Kommissionen zugewiesen, die von den Arbeitsämtern in den Verteilungslagern eingerichtet worden sind.

Derweil beginnt sich die Struktur der ungarischen Transporte nach Westdeutschland bereits zu ändern. Die Familien und die älteren Flüchtlinge, die gleich in den ersten Aufstandstagen von Ungarn nach Österreich gekommen waren, wurden damals unverzüglich in das österreichische Hinterland weitergeschleust und dort in Gasthäusern oder Privatwohnungen untergebracht. Da sich später die Lager an der Grenze erneut füllten, mußten die Flüchtlinge, die zuletzt aus Ungarn kamen, ohne Aufenthalt in Sonderzügen nach Westdeutschland abtransportiert werden. Diese letzten Flüchtlinge aber waren meistens junge Aufständische.

So kam es, daß junge Männer, die noch am 17. November in Budapest geschossen hatten, schon am 21. November im Lager Bocholt an der holländischen Grenze eintrafen- Die älteren Flüchtlinge aus Ungarn sitzen noch im Westen Österreichs. Sie werden jetzt allmählich nach Westdeutschland nachrücken.

* Von den 225 000 deutschen Flüchtlingen, die in Westdeutschland noch umgesiedelt werden müssen, wohnen 80 Prozent in Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

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