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»Die Amerikaner können ihr Gesicht wahren«

Jahrelang blieb der westlichen Welt das Gesicht von Nguyen Huu Tho, von Beruf Anwalt und aus Berufung seit 1962 Führer der Nationalen Befreiungsfront Südvietnams, verborgen. Nur selten bekamen ihn westliche Journalisten zu sehen. und erst im vergangenen Jahr konnte die Londoner Agentur »Camera Press« das »wahrscheinlich erste« Photo Thos verbreiten. Kurz nach dem Tode Hos empfing Tho den französischen Photo-Journalisten und Asien-Spezialisten Marc Riboud zu einem Gespräch Im Hanoier NLF-Hauptquartier, wo die Flagge der Befreiungsfront neben der Flagge Nordvietnams weht -- demonstrativ In gleicher Höhe. Unter anderem sagte Tho über die USA:
aus DER SPIEGEL 46/1969

»Warum können wir nicht auf der Grundlage der zehn Punkte (NLF) zu einer Einigung gelangen? Wir werden nicht davon abrücken. Wir haben oft gesagt, daß wir kämpfen werden, bis alle amerikanischen Soldaten Südvietnam verlassen haben. Das weiß die ganze Welt. Wir möchten aber nicht, daß die Amerikaner durch einen Abzug ihre Ehre verlieren. Dazu besteht keine Veranlassung, und das streben wir auch nicht an. Wir glauben, die Amerikaner können abziehen und dennoch ihr Gesicht wahren.«

über Saigon:

»Die Marionettenregierung hat zugelassen, daß Fremde das Land übernahmen. In einigen Saigoner Schulen ist Englisch jetzt sogar Unterrichtssprache. So wird versucht, uns die Traditionen zu nehmen, die eigenen nationalen Wurzeln abzuschneiden. Allerdings muß ich zugeben, daß die kommunistische Ideologie der Befreiungsfront viele Saigoner Intellektuelle und Studenten verschreckt.«

Ober amerikanische Angriffe:

»Seit einiger Zeit können wir keine Besucher mehr in den befreiten Gebieten (den von der NLF beherrschten Regionen) empfangen, weil wir ihre Sicherheit nicht garantieren können. Die Vereinigten Staaten verfügen über eine kolossale Macht, und diese B-52-Angriffe sind schrecklich! Aber natürlich haben wir Möglichkeiten, zu überleben und diesen Luftangriffen sogar zu widerstehen.«

Ober eine vietnamesische Wiedervereinigung:

»Wir haben es mit der Wiedervereinigung nicht eilig. Es wird lange dauern, und wir sind sehr geduldig. Zunächst einmal möchten wir damit beginnen, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zum Norden auf gleichberechtigter Basis herzustellen. Keine Seite sollte auf die andere einen Druck ausüben.«

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