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»Die arabischen Türen sind zugeschlagen«

Ägyptens Präsident Sadat wies die sowjetischen Militärberater aus dem Land, um seinen Kopf zu retten: Die ägyptischen Streitkräfte standen kurz vor einer Rebellion. Jahrelanges Vertrösten auf immer neue Termine für die Entscheidungsschlacht gegen Israel hatte die Truppe aufgebracht. Sündenbock wurde die Sowjet-Union, weil sie die notwendigen Angriffswaffen nie geliefert hatte. Wendet sich Sadat jetzt an den Westen, oder ruft er -- nach einer Abkühlungspause -- die Sowjets zurück? Israel bereitet sich auf Unsicherheit an seinen Grenzen vor.
aus DER SPIEGEL 31/1972

Zum 20. Jahrestag der ägyptischen Revolution gegen die Monarchie inszenierte Staatspräsident Sadat das große Mysterienspiel einer erneuten nationalen Befreiung. Des Dramas erster Akt: Auszug der Sowjets aus Ägypten. Während russische Ratgeber in Iljuschin-Transportern mit Familie und Koffern voller orientalischer Pretiosen in Richtung Heimat flogen, sang über Radio Kairo Arabiens gefeiertster Schlagerstar Umm Kulsum das Lied »Atini húrrijati« -- »Gebt mir die Freiheit wieder«.

Sadat feierte vor der begeisterten arabischen Öffentlichkeit seinen Sieg über die Sowjetmacht -- so hatte noch kein Kleinstaat eine Weltmacht zu brüskieren gewagt. Und der russische Goliath mußte zudem noch gute Miene zum bösen Spiel des arabischen David zeigen.

Die libanesische Zeitung »Al-Hajat« triumphierte: »Ägypten war der sowjetische Schlüssel zu arabischen Ländern. Geht dieser Schlüssel verloren, sind alle arabischen Türen zugeschlagen.«

Das Milliarden-Engagement des Ostblocks mit Rubeln, Raketen und Prestige hat sich als glatte Fehlinvestition erwiesen. Die arabischen Regierungen zeigten sich nie sehr Sowjet-freundlich. Nur im Irak konnte der Kreml in diesem Jahr mit einem Beistandspakt Fuß fassen. Doch was ist ein Pakt mit Moskau, wie ihn Ägypten erst vor einem Jahr schloß, der arabischen Welt noch wert? Entlarvt der widerspruchslose Gehorsam, mit dem die Russen dem Ausweisungsbefehl folgten, die UdSSR in der ganzen Dritten Welt als Papiertiger?

Rußlands seit Jahrhunderten erträumte, unter Breschnew endlich gewonnene Stützpunkte im Mittelmeer sind gefährdet: in den ägyptischen Häfen Alexandria, Port Said und Marsa Matruk.

Der über Jahre kostspielig aufgebauten »Eskadra«, Moskaus maritimer Antwort auf die Sechste US-Flotte im Mittelmeer -- 1968 kreuzten 60 rote Schiffe zwischen Gibraltar und Zypern -- ist die Basis entzogen. Sowjet-Sailors müssen künftig wieder unter den Augen ihrer Gegner mitten durch den Natostaat Türkei -- via Bosporus -- vom Schwarzen Meer ins Mediterrane dampfen.

Sowjetische Aufklärungsflieger können nicht mehr so routinemäßig wie bisher die Südflanke der Nato ausspähen: Bislang lag zwischen ihnen und dem Feind nur das Meer -- in Langstreckenmaschinen mit ägyptischen Kennzeichen waren sie vom Niltal aus bis nach Frankreich und Spanien gekommen.

Nun muß Breschnew seine strategische Niederlage in Nahost nach außen auch noch als Planerfüllung ausgeben: Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass gab -- nach 24 Stunden Schweigen -- bekannt, die Berater seien freiwillig aus Ägypten abgezogen, denn ihre Aufgaben seien erfüllt. Doch »Nida«. die Zeitung der KP Libanon (moskautreu), sagte es gerade heraus: »Die Entfernung sowjetischer Ratgeber durch Sadat ist ein feindlicher Akt gegen die UdSSR -- -. und wird Arabiens Interessen schaden.«

Vorerst hat sie den Interessen des Präsidenten von Ägypten genützt: Durch den Kraftakt gegen den »meistgehaßten Freund« (Beiruts »Al-Hajat") wurde Sadat plötzlich wieder der populärste Mann Arabiens.

Seit seinem Amtsantritt im Oktober 1970 war Nassers Nachfolger zielstrebig -- wenn auch unfreiwillig -- auf eine Konfrontation mit dem Kreml zugesteuert. Ursprünglich als Kompromißkandidat zwischen moskautreuen und nationalistischen Nasser-Epigonen zum -- vermeintlich schwachen -- Präsidenten gewählt, hatte Sadat unerwartete Fähigkeiten entwickelt: Bereits im Mai 1971 zerschlug er im Handstreich die prosowjetische Gruppe um den Vizepräsidenten Ali Sabri.

Der Kreml nahm den Affront hin, doch die Zusammenarbeit zwischen Moskau und Kairo litt immer mehr unter dem, was Sadat und seine sowjetischen Partner »Mißverständnisse unter Freunden« nannten.

Der Ägypter, der mit Nassers Erbschaft auch dessen Versprechen übernommen hatte, die von Israel besetzten Gebiete wieder freizukämpfen, kündigte regelmäßig feste Termine für die Entscheidungsschlacht an. Doch der große Bruder aus Moskau vermied ebenso regelmäßig, die für einen Angriff auf Sinai notwendigen -- und von Moskau seit langem

versprochenen -- Offensivwaffen zu liefern.

Alle Termine verstrichen ohne einen scharfen Schuß, Volk und Armee Ägyptens aber wurden in ständiger Alarmbereitschaft gehalten, der Staat forderte von seinen Bürgern permanente Opfer für den Befreiungskrieg: Konsumverzicht, Freiheitsbeschränkungen, Dauer-Wehrdienst in der Wüste.

Die Ägypter aber wollten entweder Frieden oder Krieg, jedenfalls eine Lösung der jahrelangen Gespanntheit, aber keine Fortdauer des Schwebezustands ohne Perspektive. Sie begannen sich aufzulehnen:

* Im August 1971 streikten Arbeiter in Ägyptens Renommier-Stahlwerk Heluan; Sadat ließ Direktoren und Arbeiter des Werks hart bestrafen.

* Im Januar dieses Jahres lieferten Kairos Studenten der Polizei Straßenschlachten. Neun Tage lang demonstrierten sie gegen Sadat und seine sowjetischen Verbündeten, forderten Krieg gegen Israel und mehr Freiheiten in Ägypten.

* Im Mai schließlich mußte sich Sadat vor dem Parlament gegen drei ehemalige Minister Nassers wehren. die als rechte Nationalisten die mangelhafte Hilfe der Sowjets kritisierten, eine Besinnung auf die eigene Kraft empfahlen und den Präsidenten durch eine »kollektive Führung« der »Nationalen Einheit« ersetzen wollten.

Sadat förderte den bürgerlichen Mittelstand, um einen einflußreichen Teil der Bevölkerung von den frustrierenden Problemen der Front in den Basar abzulenken.

Doch 318 000 Ägypter konnte der Präsident damit nicht beruhigen: die Soldaten und Offiziere seiner Armee. Seit dem verlorenen Juni-Krieg 1967 lagen die Truppen in ihren Stellungen. fünf Jahre lang übten sie für den Ernstfall, der nicht kam. Über 70 000 wehrpflichtige Absolventen von Universitäten und Technischen Hochschulen mußten sich im Sand eingraben und über den Kanal hinweg beobachten, wie auf der anderen Seite ein paar israelische Wachtposten badeten und angelten.

Die Truppen forderten am vehementesten die Alternative Frieden oder Krieg -- selbst wenn sie dabei verlieren würden. Auf jeden Fall haben sie von fünf Jahren Frontdienst genug. Sie wollen nicht mehr ständig unter Kampfbereitschaft gehalten werden, sondern nach Hause in ihren Beruf, zur Familie, ihr Geld verdienen. Im Juli meldete die stets informierte Beiruter Zeitung »An-Nahar": »Die Stimmung in den ägyptischen Streitkräften nähert sich dem Siedepunkt.« Sie deutete an, eine offene Rebellion stehe bevor.

Die Offiziere bis hin zu Generalstabschef Schasli und Verteidigungsminister Sadek hatten die Schuldigen für die Unruhe in der Armee schon lange ausgemacht: die Sowjets.

Ägypter mußten sich bis zur Bataillonsebene mit arroganten russischen Beratern arrangieren (SPIEGEL 25/1972). Die dringenden Wünsche der Armeeführung nach offensiven Waffen wurden von Moskau hinhaltend abgelehnt.

Zusätzlich verärgerten abfällige Bemerkungen über die ägyptische Kampfkraft. Sowjet-Präsident Podgorny beschied den libanesischen Parlamentspräsidenten Asaad: »Das Problem liegt in der Unfähigkeit der Araber, moderne Waffen zu benutzen.« Moskaus Botschafter in Beirut, Asimow, höhnte: »Der Vietcong besitzt nicht die Ausrüstung, die heute der ägyptische Soldat hat, und kämpft doch siegreich gegen den größten Imperialisten der Welt.«

Hassanein Heikal, Chefredakteur der offiziösen Kairoer Zeitung »Al-Ahram« und Mitdenker ägyptischer Präsidenten, sah Folgen dieser Gärung in den Streitkräften voraus: »Eine Explosion, deren Stärke und Richtung sich nicht kontrollieren lassen.«

Seit Wochen öffnete Heikal in seinem Blatt ein kleines Ventil für den antisowjetischen Druck. In seinen Freitagskolumnen und auf eigens einberufenen Koloquien arabischer Fachleute hieß es deutlich: Von dem Spannungszustand zwischen Krieg und Frieden profitierten außer den Israelis nur die Sowjets. Denn ein Ägypten, das Krieg führen wollte, war auf Gedeih und Verderb auf sowjetische Waffen angewiesen. Der Kreml stimmte in Sadats Kriegsgeschrei ein, bremste den Ägypter jedoch immer wieder kurz vor der Schlacht.

Heikal ging mit seinen Russen-Rügen so weit, daß Beobachter bereits seinen Sturz voraussagten. Seit vergangener Woche ist Heikal der einzige prominente Ägypter, der schon seit langem auf dem richtigen Kurs liegt. Sadat selbst öffnete nun das Ventil für den Volkszorn.

Unter der Drohung eines Militärputsches schickte der Präsident vorletzten Donnerstag seinen Premierminister Sidki nach Moskau. Während eines dreitägigen Besuchs sollte der Ägypter wieder einmal Angriffswaffen anfordern

Parteichef Breschnew unterbrach seinen Urlaub am Schwarzen Meer und flog nach Moskau, um dem Gast selbst die Absage beizubringen. Er machte sie so klar, daß Sidki bereits nach 28 Stunden zurückflog, um seinem Chef die schlechte Nachricht zu bringen.

Am Dienstag erklärte Sadat dem Zentralkomitee seiner Einheitspartei, der Arabischen Sozialistischen Union, die Hinhaltetaktik der Sowjets: »Der Kreml rechtfertigt sich, weshalb der Status quo beibehalten werden muß: »Warten wir erst die amerikanischen Wahlen (im November) ab.' ... Wir warten schon seit Jahren. Ich habe genug gewartet.« Am gleichen Tag noch schickte Sadat den Russen den Räumungsbefehl.

Das Engagement der sowjetischen Hilfstruppe war damit nach 17 Jahren aufgekündigt. 1955 hatte Moskau begonnen, über die Tschechoslowakei Waffen nach Ägypten und Syrien zu liefern. Als dann im Jahr danach die USA Ägyptens Prestige-Projekt, den Assuan-Staudamm, nicht finanzieren wollten, sprang die UdSSR ein. Nasser verstaatlichte den Suez-Kanal, um mit den Transit-Gebühren den Damm-Bau bezahlen zu können; Israel, England und England überzogen Ägypten mit Krieg.

Die geschlagene ägyptische Armee brauchte neue Waffen -- Moskau lieferte und glaubte, sich so am Nil unentbehrlich zu machen. Der Juni-Krieg 1967. der wiederum fast das gesamte ägyptische Waffenarsenal vernichtete. machte Kairo vollends abhängig vom sowjetischen Entgegenkommen.

Präsident Nasser mußte nun auch sowjetische Spezialisten ins Land bitten, um die Armee von Grund auf neu auszurüsten und auszubilden. Die Russen lieferten vom Geländewagen bis zum Zerstörer alles für Armee, Luftwaffe und Marine sowie zuletzt fast 20 000 Berater (siehe Kasten Seite 66). Doch von Anfang an machten sie klar, daß die Aufrüstung rein defensiv bleiben werde: Zum Chefberater in Kairo ernannten sie General Okunew, einen Fachmann für Flugabwehr.

Die modernsten Waffen wie Mig-21-Jäger und Raketen blieben auch in Ägypten fest in sowjetischer Hand, auf sowjetischen Stützpunkten, zu denen nicht einmal Präsident Sadat ohne Erlaubnis aus Moskau Zugang hatte.

70 Sam-2-Luftabwehrraketen-Basen, 65 Sam-3-Basen, Flugplätze in Assuan, Assiut und Kairo-West mit sechs Staffeln von Mig-21-Abfangjägern sowie Marinebasen in Alexandria, Port Said und Marsa Matruk am Mittelmeer, Ras Banas am Roten Meer hatten sowjetische Besatzungen und waren für Ägypter exterritoriales Gelände.

Von diesen jetzt ägyptisierten Basen dürfen die Russen ihre modernsten Waffen abziehen. Sadat nach dem Rausschmiß: »Wenn die Sowjets die Waffen, die sie uns geliefert haben, wieder mitnehmen wollen, sollen sie es tun«

Kritisch für die innere Stabilität Ägyptens würde die Lage, wenn der Kreml auch seine zivilen Entwicklungshelfer aus dem Niltal abzöge. Denn außer 3,5 Milliarden Dollar für Waffen hat die Sowjet-Union auch 2,5 Milliarden Dollar in über 100 Industrie- und Agrarprojekten investiert. Und die meisten ägyptischen Fabriken sind auf sowjetische Ersatzteile angewiesen.

Die Umrüstung der Armee auf westliche Waffen wäre einfacher. Sadat betonte bereits vor Wochen. er beziehe schon lange Ausrüstung aus dem Westen. Zudem heißt es an der nahöstlichen Nachrichtenbörse Beirut, daß ägyptische Militärs seit einem Jahr französisches Gerät testen.

Auch die USA, die vor kurzem durch die Wiederaufnahme der Beziehungen zum Nordjemen einen Fuß in die arabische Tür gestellt haben, bieten sich als neuer Partner an. Washington soll Kairo bereits 100 Millionen Dollar für den Wiederaufbau der Städte am Suez-Kanal offeriert haben.

Eine Zuwendung Sadats -- wenn er sich halten kann -- zum Westen, besonders zu den USA, könnte zwar die Lage im Nahen Osten stabilisieren. Denn die Vereinigten Staaten sind immer noch Haupt-Waffenlieferant der Gegner Ägyptens, der Israelis. Doch ein so zustande gekommener Friede entstünde auf Kosten Israels: Washington müßte Jerusalem durch Lieferungsbeschränkungen zu Zugeständnissen zwingen.

Langjährige Erfahrungen mit öffentlichen Ankündigungen Sadats haben die Israelis skeptisch gemacht. Sie glauben noch nicht an den endgültigen Abzug der Sowjets. höchstens an eine Verminderung des russischen Einflusses. Freundschaftsbeteuerungen Sadats gegenüber Moskau gleich nach seiner Kündigung und die amtliche ägyptische Mitteilung, russische Berater blieben bei Armee, Marine und Luftwaffe, bestärkten die Israelis in dieser Meinung.

Sie zitieren Professor Walter Laqueur von der Brandeis-Universität. » Man muß abwarten, wieviel Russen abziehen und wie viele wiederkommen. Die Sowjets sind zäher und werden länger durchhalten als Sadat, und inzwischen sparen sie einige bisher sinnlos von den Ägyptern verpulverte Militärausgaben.«

Die israelische Armee stellt sich vorerst auf eine Zeit der Auseinandersetzung ein. Denn mit den russischen Beratern verschwindet auch der russische Einfluß, der bislang Scharmützel an der Waffenstillstands-Grenze verhinderte. Die Sowjets wollten einen Krieg im Nahen Osten vermeiden, Sadat verspricht seiner Armee diesen Krieg seit Jahren. Obwohl Politiker und Militärs in Ägypten wissen, daß ihnen die israelische Armee weit überlegen ist, werden sie ihren Soldaten zumindest grünes Licht für Kommandoaktionen über den Suez-Kanal hinweg geben. So etwas, meinen sie, hebt die Moral der Truppe.

Wie solche Aktionen verlaufen könnten, probten im Juni zwei ägyptische Mig-Piloten. Gegen den strikten Befehl ihrer Vorgesetzten starteten sie gegen israelische Jagdmaschinen, die sich über dem Mittelmeer Ägypten näherten. Beide wurden abgeschossen.

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