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»Die Armee zähmen«

Dewi Fortuna Anwar, Staatssekretärin und Beraterin von Präsident B. J. Habibie, über den Einfluss der Militärs und die Schuldigen an der Tragödie in Osttimor
aus DER SPIEGEL 39/1999

SPIEGEL: Das Blutbad in Osttimor hat gezeigt, dass Präsident Habibie die Armee nicht kontrollieren kann. Steht Indonesien vor einer Militärherrschaft?

Dewi: Nein, der Demokratisierungsprozess ist unumkehrbar. Osttimor ist ein Sonderfall: Die Armee besaß dort lange das Machtmonopol. Es ist kein Geheimnis, dass sie gegen das Ergebnis des Unabhängigkeitsreferendums ist.

SPIEGEL: Wie konnte ein Teil des Landes in völlige Anarchie stürzen?

Dewi: Jedenfalls nicht nur wegen der starren Haltung der Armee. Auch die Osttimoresen waren bereit, für ihre Ziele zu töten. Hinzu kommt die Unfähigkeit der indonesischen Sicherheitskräfte, besonders der Polizei. Außerdem gab es Probleme, bestimmte Einheiten zu kontrollieren. Zwei Bataillone sind aus Osttimoresen zusammengesetzt. Diese Soldaten sind emotional stark engagiert.

SPIEGEL: Akzeptieren Sie das Argument der Armee, sie habe aus psychologischen Gründen nicht gegen die Milizen eingreifen können?

Dewi: Die Sicherheitskräfte konnten, wie sie sagen, nicht auf ihre alten Freunde schießen. Das ist nicht entschuldbar, aber wohl die Realität.

SPIEGEL: Realität ist auch, dass Indonesien seinen ersten Demokratie-Test nicht bestanden hat.

Dewi: Die Welt sollte unser Dilemma erkennen. Wir wollen nicht Osttimor retten und ganz Indonesien verlieren. Nachdem die Armee 30 Jahre lang eine beherrschende Rolle in Politik und Wirtschaft gespielt hat, muss sie sich daran gewöhnen, ihre zentrale Machtposition aufzugeben. Wir müssen das Militär kontrollieren und somit in gewissem Maße zähmen, gleichzeitig sind wir aber auf seine Unterstützung angewiesen. Die Gefahr einer Konfrontation zwischen dem Militär und einer zivilen Regierung ist nicht vorbei.

SPIEGEL: Warum war der Präsident nicht in der Lage, die Tragödie zu stoppen?

Dewi: Er hat getan, was er konnte. Die Verhängung des Kriegsrechts war der Versuch, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Die internationale Gemeinschaft hat dem indonesischen Militär allerdings nicht getraut. Darum hat Habibie schließlich die Uno geholt.

SPIEGEL: War es im Nachhinein gesehen ein Fehler, die Osttimoresen so schnell abstimmen zu lassen?

Dewi: Auch eine längere Übergangsfrist hätte keinen Frieden garantiert. Habibie wollte Indonesien unbelastet in das 21. Jahrhundert führen.

SPIEGEL: Der britische Außenminister Robin Cook hat ein Osttimor-Tribunal gefordert. Was halten Sie davon?

Dewi: Die Vorgänge sollten gründlich untersucht und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Wir haben eine unabhängige nationale Menschenrechtskommission. Der Präsident hat außerdem der Gründung einer Untersuchungsgruppe zugestimmt. Die internationale Gemeinschaft sollte den Terror in Osttimor allerdings nicht als staatlich sanktionierte Gewalt wie im Kosovo ansehen, sondern als lokalen Konflikt, der außer Kontrolle geriet. Vergessen Sie nicht, dass die indonesische Regierung das Referendum initiiert hat.

SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, dass Osttimor gespalten wird, so wie es die Milizen offenbar anstreben?

Dewi: Das ist nun Angelegenheit der Uno. Wenn der mutmaßliche Präsident Osttimors, José Alexandre Gusmão, eine stabile Regierung haben will, muss er mit den pro-indonesischen Kräften reden. Sonst führen die Milizen womöglich einen Guerrillakrieg.

SPIEGEL: Dabei könnten sie die Flüchtlinge in Westtimor als Geiseln missbrauchen.

Dewi: Westtimor darf nicht Ausgangspunkt von Operationen der Milizen werden. Wir hoffen, dass die Flüchtlinge nach Osttimor zurückkehren.

SPIEGEL: Ist die Unabhängigkeit von Osttimor nun endgültig?

Dewi: Es gibt kein Zurück. Die Beratende Volksversammlung wird die Beziehung Osttimors zu Indonesien formal beenden. Dann ist die rechtliche Bindung gekappt. INTERVIEW: ANDREAS LORENZ

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