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»Die Armen sind solidarischer«

aus DER SPIEGEL 31/1992

Ogata, 64, leitet seit 1991 das Hochkommissariat für Flüchtlinge in Genf. Die Politologie-Professorin, die aus einer japanischen Diplomatenfamilie stammt, vertrat vorher ihr Land in Uno-Gremien.

SPIEGEL: Bei Ihrem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren hofften Sie, 1992 werde das Jahr der Repatriierung Hunderttausender Flüchtlinge. Da haben Sie sich doch sehr getäuscht?

OGATA: Nicht unbedingt. Denn nach dem Ende des Kalten Krieges konnten regionale Konflikte und Bürgerkriege beigelegt werden. Flüchtlinge aus Afghanistan, Kambodscha, Südafrika kehren heim. Andererseits entzündeten sich auf der Erde mit ihren etwa 180 Staaten, aber rund 3000 Völkern neue Krisenherde mit neuen Flüchtlingsströmen: 270 000 flohen aus Burma nach Bangladesch; Bürgerkriege, Hunger und Dürre entwurzeln Millionen in Afrika, und der dramatischste Flüchtlingsexodus in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg geht zur Zeit vom ehemaligen Jugoslawien aus.

SPIEGEL: Also doch mehr neue Flüchtlinge als Heimkehrer?

OGATA: Trotz der Heimkehrerwelle haben wir zur Zeit 17 Millionen Flüchtlinge auf der Welt.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß die Länder Westeuropas angemessen auf die Flüchtlinge aus Bosnien reagieren?

OGATA: Als die Dimensionen der Krise offensichtlich wurden, reagierten Regierungen mit neuem Mitgefühl und größerer Freigebigkeit auf unsere Hilfsappelle. Jetzt, wo die Zahl der Verzweifelten größer wird, sind noch mehr Mittel nötig, um selbst die minimalsten Bedürfnisse dieser Menschen zu erfüllen.

SPIEGEL: Aber die meisten EG-Staaten tun so, als wären sie zur Aufnahme der Flüchtlinge nicht in der Lage.

OGATA: Europa ist ebenso wie die industrialisierten Länder in anderen Teilen der Welt mit seinen eigenen Problemen beschäftigt: Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen. Wann ein Land die Grenze seiner Aufnahmekapazität erreicht hat, ist schwer zu sagen.

SPIEGEL: Da geht es wohl mehr um die Angst vor »Überfremdung«.

OGATA: Die Europäer sollten nie vergessen, daß sie im Laufe ihrer eigenen Geschichte in vielen Teilen der Welt Zuflucht gefunden haben. Zudem hat Europa viel dazu beigetragen, ein Recht auf Asyl zu schaffen, und selbst vielen Unterdrückten Zuflucht gewährt. Solche Traditionen sind viel zu wertvoll, als daß man sie leichtfertig aufgeben könnte.

SPIEGEL: Europa und Nordamerika haben bislang nur zwölf Prozent der Flüchtlinge in aller Welt aufgenommen. Die Hauptlast tragen die Entwicklungsländer. Sind die Armen eher zur Hilfe bereit als die Reichen?

OGATA: Einige arme Länder und ihre Völker haben mehr Mitgefühl mit den Flüchtlingen gezeigt, sind solidarischer als die meisten reichen Nationen. Die Masse der Zufluchtsuchenden geht von einem armen Land in ein anderes.

SPIEGEL: Westeuropa macht da lieber seine Grenzen dicht für Bürger aus Bosnien-Herzegowina.

OGATA: Ich rufe alle europäischen Länder auf, die Fliehenden aus dem ehemaligen Jugoslawien aufzunehmen - und zwar vorübergehend. Die meisten von ihnen sind Frauen, Kinder und Alte. Die wollen doch gar nicht für immer in der Fremde bleiben. Sie suchen vorübergehend Zuflucht. Sie wollen so schnell wie möglich zu ihren Familien, in ihre Dörfer zurückkehren.

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