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Forschung Die Aura der Möhre

Naturwissenschaftler erforschen in Niedersachsen das Waldsterben mit Wünschelrute, Pendel und Homöopathie.
aus DER SPIEGEL 9/1993

Oben im Deister, einem Höhenzug bei Hannover, macht sich an den Buchen und Fichten eine Heilpraktikerin zu schaffen.

Eine Hand hat sie an die Rinde gelegt, mit der anderen läßt sie ein Pendel über 38 Tinkturen gleiten, die auf einem Tisch daneben stehen. Schlägt das Pendel aus, ahnt sie, was dem stummen Patienten fehlt.

Zwecks »Baumansprache durch mentale Abfrage«, wie das übersinnliche Tun genannt wird, sind auch Leute mit Wünschelruten unterwegs. Sie suchen nach »Globalgittern«, geologischen Verwerfungen und Wasseradern, die dem Wald das Leben schwer machen, und haben, wenn sie da in 400 Meter Höhe zugange sind, »nur den Begriff Wasser im Kopf«, wie Wolfgang Holm, gelernter Diplom-Ingenieur, weiß.

Holm arbeitet im »Institut für Ökologische Zukunftsperspektiven«, das sich in Barsinghausen am Deister etabliert hat und »die Frage nach den inneren Kräften« beantworten will, »die in einem lebenden System walten«, also in Bäumen zum Beispiel.

Gründer und Betreiber des Instituts ist Arnim Bechmann, 49, studierter Mathematiker und Physiker, promovierter Volkswirt, habilitiert in Planungstheorie und Planungsmethodik und ordentlicher Professor an der Technischen Universität Berlin.

Vieles, was er sich an Wissen angeeignet hat, war dem Multi-Studiosus »vom Leben zu weit weg«. Nun hantiert er, vermeintlich näher an den Wurzeln des Seins, überwiegend mit Chi und Ki, Orgon, Astral- und Ätherkraft oder wie immer es heißen mag, was, so Bechmann, »die Welt zusammenhält«, und veranstaltet Vorträge über »die Aura von Waldbäumen«.

Die Aura von Möhren und die von Menschen, die Möhren gegessen haben, läßt Bechmann in seinem Labor zwecks »Erfassung von Vitalität« sogar sichtbar werden. Die geheimnisvollen Kräfte sind, wie er sagt, mit Hilfe der sogenannten Kirlian-Fotografie »meßbar wie beim Lügendetektor«.

Und wirklich: Wird etwa eine Hand elektrischem Strom ausgesetzt und fotografiert, zeichnen sich Entladungen einer Funkenkorona auf dem Lichtbild ab. Ob sie Auskunft über Vitalität geben, steht dahin. Die »Stiftung Warentest«, die das Phänomen untersuchte, fand heraus, daß sich von »Leichen gleichschöne Bilder der ,Lebensaura'' machen« lassen.

Was Bechmann und seine 30 Helfer, überwiegend gelernte Naturwissenschaftler, in ihrem Zukunftsinstitut anstellen, halten sie für »einzigartig« in seiner »Mischung aus theoretischer und empirischer Forschung«. Sie arbeiten in der »Annahme, daß die lebende Welt nur zu verstehen ist, wenn man eine der Materie gegenüber eigenständige Existenz nichtmaterieller Kräfte, Energien, Ideen als real unterstellt«, erläutert der Professor seine Sicht vom Weben und Wirken der Natur.

Bechmann weiß, daß es viele Dinge im Himmel und auf Erden gibt, die bislang rätselhaft geblieben sind. »Jedes Biologielehrbuch ist«, findet er, »voll der Darstellung solcher Wunder.« Er wolle dazu beitragen, bislang »belächelte Phänomene in den Bereich des Wissens zu überführen«.

Der Mann, der endlich Klarheit in das »wirre Weltgehabe« bringen will, ist nicht irgendwer. Im Freiburger Öko-Institut war er Sprecher des Vorstands, am Institut für Landschaftsökonomie der Berliner TU fungierte er als geschäftsführender Direktor, und in Büchern wie »Landbauwende« wies er nach, auf welche _(* Bei der Entnahme von Bodenproben. ) Weise sich die deutsche Landwirtschaft auf umweltfreundliche Methoden umstellen ließe.

Vorbild für Bechmann war dabei der ökologische Landbau, »eine Technologie der biologischen Intelligenz«, wie er schrieb - Ansatzpunkt auch für die private Forschung, die er in Barsinghausen betreibt: »Ein Projekt, um mal alles auszuprobieren. Das war woanders nicht machbar, also mußte ich es selber machen.«

So hat er sein Institut »zu Hause« aufgemacht, mit seiner Frau eine GmbH gegründet und 30 000 Mark eingebracht, die aus Sachwerten, seinen Büchern im Regal, bestanden. An Forschungsaufträgen mangelt es mittlerweile nicht mehr, und auch die Behörden haben das Unternehmen anerkannt.

Das Arbeitsamt billigt Bechmann ABM-Stellen zu. Die Gerichte lassen dem Institut - zuwendungsfähig, da gemeinnützig - Bußgelder zukommen. Das niedersächsische Wirtschaftsministerium lud die Zukunftsforscher zur Präsentation ihrer Arbeit auf die Hannover-Messe ein.

Weil das geometrische Muster überall in der Natur vorkommt und »Wirbelstürme, Pflanzenknospen, Schneckenhäuser« kennzeichnet, hat sich das »Pionierunternehmen« (Bechmann) als Symbol seiner Arbeit die Spirale ausgewählt, über die schon Archimedes nachgedacht hat. Wie derartige »Gestaltbildung« vor sich geht und wer »für das Ganze verantwortlich« sein mag, möchten die Forscher in Barsinghausen nicht nur wissen, sondern möglichst auch messen.

Daß da Kräfte walten, die mit dem »Weltbild unvereinbar« sind, das die exakten Wissenschaften entworfen haben, steht für Bechmann außer Zweifel. »Wenn dies der Fall ist«, doziert er, »so muß es Wege zu ihrer Wahrnehmung geben.«

Weit entfernt von der herrschenden Lehre, die ihnen »zu engstirnig« auf physikalische und chemische Prozesse fixiert vorkommt, haben sich die Zukunftsforscher vom Deister auch bei der Erfassung der Waldschäden. An 250 Bäumen, die das staatliche Forstamt dafür hergegeben hat, experimentieren sie mit überwiegend homöopathischen Methoden, um die Abwehrkräfte der Bäume »von innen her« zu stärken.

»Wir wollen die Bäume in einen anderen seelischen Zustand versetzen«, erklärt eine Bechmann-Mitarbeiterin die Gemütsdokterei am siechen Wald.

Dazu werden, nebst Pendel und Wünschelrute, Kuhdung und Gesteinsmehl verwendet, und manchen Bäumen wird ein Kupferring um die Rinde gelegt, damit sie »Kräfte aus der Erde aufnehmen« können, so Diplom-Ingenieur Wolfgang Holm, der Maschinenbau studiert und »erst komisch geguckt« hat, als er sich mit der neuen Materie vertraut machte.

Unterdies hat Holm »gelernt«, was auch dem Rest der Menschheit täglich widerfährt, daß es nämlich »viele Dinge gibt, die ich nicht begreife«. So etwa bei der Untersuchung von Bodenproben aus dem Wald, die getrocknet, gemörsert, mit Chemikalien versetzt und gefiltert werden. Im Filterpapier entstehen danach kreisförmige Gebilde mit Zacken, die von Mal zu Mal anders aussehen.

»Was besagen die Zacken?« fragt sich der Zukunftsforscher. Mit der Antwort verweist er erst einmal auf das nächste Jahr: »1994 wissen wir das.«

* Bei der Entnahme von Bodenproben.

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