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BÖRSENDIENSTE Die Baisse-Optimisten

aus DER SPIEGEL 8/1961

Ein ausgesuchtes Korrespondentennetz im In- und Ausland und erstklassige Fachleute in der Redaktion«, so warb der Düsseldorfer Verlag für Wirtschaft und Börse 1959 in einem Rundschreiben, »garantieren Ihnen ein Höchstmaß von aktuellen und verwertbaren (Börsen-)Informationen. Ferner eine Anlageberatung, die fernab von leichtfertigen Prognosen seriös und unabhängig ist... Machen auch Sie künftig an der. Börse gute Gewinne: Abonnieren Sie die Actien-Börse.«

Entgegen solchen Selbstanpreisungen erwiesen sich die Tips der »Actien-Börse« (Abonnementspreis 144 Mark pro Jahr) in den vergangenen Monaten häufig weder als verwertbar noch als gewinnbringend. Auch ein ausgesuchter Korrespondentenstab im In- und Ausland hatte noch im vergangenen Herbst nicht voraussehen können, daß Westdeutschlands. Börsen einen akuten Schwächeanfall erleiden würden. In der vergangenen Woche gaben die Kurse noch einmal auf breiter Front nach und erholten sich erst gegen Wochenende, obgleich die Auguren schon für Januar einen allgemeinen Kursanstieg prophezeit hatten.

Zu den Prominenten des hektographierten Beratungsgeschäfts im Abonnement zählen außer dem Düsseldorfer Verlag für Wirtschaft und Börse der Hamburger Nachrichtenhändler Dr. Robert Platow ("Auch 1961 wird es nicht zum Weltkrieg kommen - verlassen Sie sich darauf") sowie der Detmolder Verleger Curt L. Schmitt ("Frankfurter Börsenbriefe"). Der Platow-Brief erscheint wöchentlich viermal, die »Börsenbriefe« (144 Mark Jahrespreis) und die »Actien-Börse« erscheinen mit Auflagen von 10 000 und etwa 3000 einmal wöchentlich.

Mit der Hinwendung der Bundesbürger zum Effektensparen drangen Platow, Schmitt und der Düsseldorfer Verlag für Wirtschaft und Börse sogar in kleinkapitalistische Kreise ein. Sie geben jede Woche eine allgemeine Übersicht nebst Prognosen zu den Vorgängen an der Börse und offerieren überdies Spezialinformationen, etwa über eine bevorstehende Ausgabe von Gratisaktien, Kapital- und Dividenden-Erhöhungen oder neue Beteiligungen der Gesellschaften. Während die »Frankfurter Börsenbriefe« und die »Actien-Börse« alles frei ausplaudern, ist der Bezug des Platow-Briefs »an die strikte Einhaltung der Vertraulichkeit gebunden«.

Als die Börse nach den Nachkriegs-Kümmerjahren sich 1957 zu einem lang andauernden Boom anschickte - der Aktienindex des Statistischen Bundesamts weist allein für 1959 und 1960 eine Kurssteigerung von insgesamt 240 Prozent aus -, war das Prophezeien ein recht sicheres Geschäft. Der anhaltende Zustrom ausländischer Fluchtgelder sowie vermehrte Dispositionen der Inlandskundschaft führten im Sommer vergangenen Jahres dazu, daß etwa Chemie- und Maschinenbaupapiere zeitweise Kursgewinne von 40 bis 50 Punkten pro Tag erzielten. So konnten sich alle Börsentipgeber in häufigen Rückblicken ihrer richtigen Prognosen rühmen.

Obwohl die Frankfurter Bundesbank schon im vergangenen Sommer vor einer überhitzten Börsenkonjunktur warnte und auch die Dresdner Bank »schwerste Bedenken« gegen den Kursauftrieb anmeldete, legten die Börsendienste weiterhin einen beschwingten Hausse-Optimismus an den Tag. Der Geschäftsführer und Chefredakteur der Düsseldorfer »Actien-Börse«, Hans-Joachim Münstermann, der früher Klavierlehrer war und heute mit 100000 Mark Einlage Alleingesellschafter der »Actien-Börse« ist, nannte die Warner Kursdrücker.

Das Trio Münstermann, Schmitt und Platow machte sich zunächst daran, den Aktien der IG-Farben-Nachfolger-Farbenfabriken Bayer, Badische Anilin& Sodafabrik (BASF) und Farbwerke Hoechst - eine rosige Kurszukunft zu prophezeien.

Bei den Kursen um 760 Punkte - je 100-Mark-Aktie betrug der Preis also etwa 760 Mark - schrieben die »Frankfurter Börsenbriefe": »Noch lange nicht ausgereizt«. Platow glaubte am 2. September an einen Kurs von 1000 für alle drei Papiere und hielt einen »unmittelbaren Kursumbruch« für ausgeschlossen. Münstermann wurde am 5. September noch deutlicher. Unter »Disponieren Sie« schrieb er: »Die zunächst mit Skepsis notierte Meinung vieler versierter Börsenfachleute, daß die Kurse der IG-Farben-Nachfolger die Kursmarke 1000 erreichen werden, findet mit Sicherheit noch in diesem Jahr ihre Bestätigung ... Mit Recht wird das Depot unbeirrt durchgehalten.«

Aktionäre, die derartigen Prognosen Glauben schenkten, ihr Farben-Depot behielten oder, wie empfohlen, gar noch Papiere zukauften, wurden enttäuscht. Bayer, Hoechst und BASF notierten am vergangenen Mittwoch mit 731.714 und 672 Kurspunkten sämtlich sogar noch unter dem September-Pegel. Bereits einen Tag nach Münstermanns Kaufempfehlung, am 6. und 7. September, trat der Umschwung ein, an den auch Platow wenige Tage vorher nicht hatte glauben wollen. Der Kursstand 1000 ist inzwischen von keinem der drei Papiere auch nur annähernd erreicht worden. Die Fachleute Platow, Münstermann und Schmitt hatten das getan, was Wertpapierberater der Banken nur ungern tun: Papiere zu empfehlen, deren Kurse mehrere Monate lang geklettert sind.

Obwohl seit September vergangenen Jahres der Aktienmarkt, nach beträchtlichen Verlusten, keine Anzeichen einer nachhaltigen Belebung erkennen läßt, vollführten die Börsendienste immer neue Aufschwünge am Kurs-Trapez. Die Empfehlungen, vor allem die der Frankfurter und Düsseldorfer Dienste, lauteten meist »Zukaufen« oder »Depot halten«. Der Rat. Vorsicht zu üben, wurde weniger oft erteilt, eine Verkaufsempfehlung ganz selten. »Unsere Abonnenten wollen doch angeregt werden«, meinte Berater Münstermann.

Bei dieser Methode, die Kurse vorwiegend nach oben zu reden, konnten weitete herbe Enttäuschungen nicht ausbleiben. Seit Beginn der Frühjahrs-Hausse im vergangenen Jahr empfahl das Börsentrio monatelang den Kauf von Kohle- und Stahlpapieren, sogenannten Montanen, die wegen der Kohlenkrise und des konjunkturanfälligen Stahlgeschäfts seit Jahren als die« Fußkranken des Kapitalmarktes« gelten.

Selbst so reputierliche Gesellschaften wie Klöckner, Dortmund-Hörder Hüttenunion und Hoesch rangierten an der Börse zwischen 200 und 350 Kurspunkten am unteren Ende. Als Maschinenbau- und Chemie-Papiere anzogen, schrieb die »Actien-Börse« über Montane: »Kursdifferenzen zu anderen Papieren inzwischen zu groß« und »Montan-Hausse unvermeidlich«.

Die »Frankfurter Börsenbriefe« lockten im Juli 1960 die Käufer mit einer bevorstehenden Thyssen-Kaufwelle in London. Den Rheinstahl-Aktien prophezeiten die Frankfurter bei einer Notierung von 412 im vergangenen Sommer einen Kurs von 500, und Mannesmann-Aktien wurde bescheinigt, sie würden sicher von der im vergangenen Sommer vollzogenen Börsenzulassung in Zürich profitieren. Die »Actien-Börse« pries die Montan-Papiere Thyssen, Phoenix-Rheinrohr, Hüttenwerk Oberhausen, Hoesch, Mannesmann, Klöckner, Bochumer Verein und Ilseder Hütte an. Robert Platow schließlich, der seine Börsentips mit Buchempfehlungen, selbstverfaßten Knittelversen und langfristigen Wettervorhersagen auflockert, war gleichfalls mit von der Montan-Partie.

Am 5. September vergangenen Jahres schien es, als sollte nach einer sommerlangen fruchtlosen Berieselung die Montan-Ernte eingebracht werden. »Endlich ist der Montan-Zug abgefahren«, jubilierte Robert Platow. Die Kurse stiegen, und alle Dienste empfahlen dringend den Erwerb dieser Papiere.

Offenbar hatte jedoch der Montan-Zug zuwenig Kohlen auf dem Tender, wenigstens blieb das Gefährt bereits kurz vor der Bahnhofshalle stehen. Nach einigen lebhaften Tagen stagnierten die Kurse und gaben seither ständig leicht nach, was freilich die »Actien-Börse« noch am 19. September nicht davon abhielt, detaillierte Kaufempfehlungen zu erteilen.

Das Ergebnis dieser Vorausschau sieht so aus, daß solche Aktionäre, die ihr Heil in Kohle- und Stahlpapieren suchten, seither einiges Geld verloren haben. Montan-Papiere kosteten am Mittwoch vergangener Woche (gegenüber den Preisen, zu denen im September der Kauf empfohlen wurde) je 100-Mark-Papiere:

- Bochumer Verein 220 Mark (250 am 9. September 1960),

- Dortmund-Hörder Hüttenunion 188 Mark (195),

- Hoesch 265 Mark (295),

- Mannesmann 294 Mark (315),

- Phoenix-Rheinrohr 296 Mark (345),

- Rheinstahl 338 Mark (413),

- Ruhrstahl 387 Mark (510) und

- Thyssen 305 Mark (346).

Der Hauptfehler aller professionellen Voraussagen lag in der falschen Einschätzung jener Ursachen, die zu der Herbst-Baisse geführt haben. Entgegen Platows geflissentlich wiederholter Meinung, es handele sich um einen kurzfristigen, politisch bedingten Kursverfall, sind etwa die Börsenexperten der Großbanken der begründeten Ansicht, daß der langanhaltende Kursanstieg im Jahre 1959 und in den ersten acht Monaten 1960 eine allgemeine Aktienmüdigkeit auslöste. Die Kurse waren ausgereizt, wie es im Börsenslang heißt.

Da es jedoch gerade für Kurszettel-Fans wenig angenehm ist, stets nur düstere Effektenbetrachtungen zu lesen, war Platow ebenso optimistisch wie seine Kollegen Münstermann und Schmitt. »Die Baisse (Kurssturz) ist im Auslaufen«, verkündete Platow seherisch am 29. September, nachdem er Anfang September noch kein Ende der Hausse (Kursanstieg) hatte sehen können. Tatsächlich aber konsolidierte sich die Börse erst zu Beginn dieses Jahres, freilich auf niedrigerem Kursniveau, nachdem Münstermanns »Actien-Börse« es als sicher unterstellt hatte, daß die Dezember-Kurse über den September-Werten rangieren würden. Bei der Dresdner Bank bezeichnete man diese Vorhersagen als »Frechheit« und zog die Konsequenzen: Die Dienste wurden abbestellt.

Gelegenheit zum Ärger hatten indes auch solche Aktionäre, die den häufig reißerisch verpackten Spezialtips allzu spontan Folge geleistet hatten. Außer im Montan- und Chemie-Bereich tummelten sich die Informationsbriefe ausgiebig in jenen Ecken des Börsengeschäfts, in denen die Spekulation beherbergt wird. Bevorzugte Ziele der Betrachtungen waren dabei Daimler-Benz und die NSU-Motorenwerke.

Die Daimler-Aktie hatte sich als besonders empfindlich gegen Kursausschläge erwiesen, da das Kapital bis auf einen kleinen Rest bei Friedrich Flick, Herbert Quandt und der Deutschen Bank festliegt. Wegen des knappen Materials führten bereits Kauforders über nominell 2000 bis 3000 Mark zu Kurssprüngen bis zu 100 Punkten an einem Tag. Umgekehrt war das Interesse der Börse deshalb so groß, weil Daimler auf zwei alte Aktien drei junge dividendenberechtigte Gratisaktien ausgeben wollte. Die Börsennotiz stieg von 953 in Januar 1959 auf 2600 Punkte gegen Jahresende und erreichte schließlich im vergangenen Sommer die Kursmarke 7800. Mithin kostete eine Daimler-Aktie im Nominalwert von 100 Mark 7800 Mark.

Nach Ausgabe der Gratisaktien am 15. August vergangenen Jahres sackte der Kurs zunächst auf 4000, was angesichts der Kapitalerhöhung ohne finanziellen Einschuß der Aktionäre ein natürlicher Vorgang war. Wegen der befürchteten Sättigung der Automobilnachfrage jedoch bröckelten die Daimler-Kurse im September erneut ab, ohne daß dies die Börsendienste aus ihrem Optimismus aufschreckte.

Vielmehr vertraten sie die Ansicht, das Papier sei nunmehr preiswert geworden. Robert Platow empfahl Daimler-Aktien beim Kurs von 3000 als »billig«. Die Notierung rutschte jedoch weiter ab und befestigte sich erst bei 2200 Punkten. Der von Platow empfohlene Kurs von 3000 war mithin um fast 30 Prozent zu teuer. Auch Platows Prognose, der Mercedes-Kurs werde gleich nach der Jahreswende rasch anziehen, bewahrheitete sich bisher nicht.

Die »Actien-Börse« und die »Börsenbriefe« hatten sich mehr auf NSU-Papiere spezialisiert, die durch den ominösen Wankel-Motor seit etwa einem Jahr zur heißen Börsenware zählen. Damals pendelte der Kurs zwischen 900 und 1000, was angesichts der schlechten Absatzlage bei Motorrädern und Kleinautos schon eine recht hohe Notierung war.

In regelmäßigen Abständen meldeten »Börsenbriefe« und »Actien-Börse«, der Wankel-Motor sei so gut wie serienreif, und es sei in kurzer Zeit mit Millionensegen an Lizenzeinnahmen zu rechnen (Platow: »In NSU wird wieder gewankelt"). Als sichere Lizenznehmer wurden unter anderem General Motors, Daimler, Krupp und der amerikanische Motoren-Konzern Curtiss-Wright genannt. Die Verträge seien abschlußreif und würden demnächst unterzeichnet; erste Anzahlungen seien bereits bei NSU in Neckarsulm eingegangen.

Infolge solcher Stimmungsmache setzte ein Run auf NSU-Aktien ein: Der Kurs überschritt im Juni die Grenze 3000. Die »Frankfurter Börsenbriefe« ließen sich im August durch den immer noch hohen Kurs von 2700 nicht schrecken: Sie empfahlen den Aktionären »Halten«., da das Papier - was ohnehin keiner bestreitet - Zukunft habe.

Tatsächlich waren die NSU-Gerüchte weit übertrieben. Bis heute ist entgegen immer neuen Flüsterparolen erst ein Lizenzvertrag mit Curtiss-Wright abgeschlossen. Und allein dieses Unternehmer hat bislang eine Anzahlung bei NSU geleistet. Ferner dürften selbst nach Ansicht der Curtiss-Wright-Manager bis zur Serienreife des Motors noch mindestens zwei bis drei Jahre verstreichen. Aus diesem Grunde haben die anderen Lizenznehmer auch noch keine Anzahlungen geleistet. Der späte Termin der Serienreife ist überdies für die Spekulation insofern gefährlich, als in den kommenden Jahren weitere Neuerungen im Motorenbau die heute überaus günstigen Geschäftsaussichten schmälern könnten.

Das Ende der NSU-Spekulation war so heftig wie der Beginn. Binnen vier Monaten rutschte der aufgetürmte NSU-Kurs von 3000 auf die Hälfte herunter, zum Schaden jener Aktionäre, die den ständig wiederholten Kaufempfehlungen zwischen 1800 und 3000 gefolgt waren. Verluste bis zu 1500 Mark pro 100-Mark-Papier erlitten unter anderem auch Kleinaktionäre, die sich von den glitzernden Zahlenspielen der Frankfurter und Düsseldorfer Börsenauguren hatten blenden lassen. In Stuttgart hat sich bereits eine Schutzgemeinschaft der NSU-Aktionäre unter dem Vorsitz des Arztes Dr. Albers installiert.

Wegen der ständig wiederholten Lizenzgerüchte drohte der NSU-Vorstand dem Düsseldorfer Expianisten und jetzigen Kurstaxierer Münstermann gerichtliche Gegenmaßnahmen an. Zuvor hatte Münstermann geschrieben, dem NSU-Hauptaktionär, der Dresdner Bank, sei im Verein mit dem Vorstand nur deshalb an einer vorsichtigen Beurteilung der NSU-Chancen gelegen, um den im Streubesitz befindlichen Teil der Papiere möglichst billig einem neuen Großaktionär, etwa Friedrich Flick, zuzuschustern. Tatsächlich jedoch wäre es eine schlechte Börsenpolitik, wenn etwa die Dresdner Bank wegen des Wankelmotors, der erst in Jahren einen wirtschaftlichen Nutzen abwerfen wird, schon heute unter die Kurstreiber gehen würde.

Zu den Kursböcken, die von den Pirschgängern in westdeutschen Börsensälen geschossen wurden, gehörten neben den Papieren der Autoindustrie auch die der Reifenindustrie. Am 10. Oktober vergangenen Jahres riet die »Actien-Börse« zum Kauf von Conti-Gummi Continental wurde damals zum Kurs 1005 gehandelt. In der vergangenen Woche war das Papier für 815 zu haben.

Der Ilseder Hütte in Peine bescheinigte Münstermanns »Actien-Börse« am 17. Oktober einen steigenden Kurs und begründete diese Taxe so: »Neuentdeckte große Erzvorkommen in Niedersachsen fallen teilweise in den Bereich dieser Gesellschaft.« Mittlerweile steht fest, daß die Erzlager kaum abbauwürdig sind.

Dem Hamburger Chemie- und Kosmetik-Unternehmen Beiersdorf stellte Münstermann im November, also lange nach Beginn der Baisse, eine Kursprognose von 2000. In der vergangenen Woche wurde die Beiersdorf-Aktie jedoch nur mit 1600 notiert. Die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt (Degussa) wurde ebenfalls mit der Taxe 2000 ausgezeichnet, mit 1250 Kurspunkten war das Papier jedoch in der vergangenen Woche nahezu für den halben Preis zu haben.

Curt L. Schmitt blieb es vorbehalten, den Blick der Wertpapiersparer auf Vorzugsaktien der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) zu lenken. Er schrieb am 26. September vergangenen Jahres: »Kaufen Sie diese Woche ... zum Kurse 1114.« Am Mittwoch vergangener Woche wurde das Papier an den Wertpapierbörsen zu einem Kurs von 825 Punkten gehandelt. Laut angepriesen, aber falsch taxiert wurden schließlich internationale Börsenwerte wie Standard Electric, Fiat, Montecatini und Italcementi.

Auch mit politischen Prophezeiungen wollte es nicht so recht klappen. Bevor im vergangenen Oktober die Uno-Vollversammlung in New York tagte, schrieb Münstermann: »Schwache Haltung (an den Börsen) bis zu den ersten Koexistenz- und Friedenstönen Chruschtschows in der Uno.« Platow sekundierte: »Das Klingelzeichen zur Börsenwende wird in der Uno läuten.«

Auch hier wieder bewahrheitete sich die alte Regel, daß an der Börse weder geklingelt noch geläutet wird. Statt der Friedenstöne schallten Chruschtschows Schuhhiebe durch das Uno-Gebäude, und mit der Börsenwende wurde es wieder nichts. Die Kurse blieben flau.

Für die mannigfachen Fehlprospekte halten sich die Dienste mit einer simplen. Methode schadlos: Sie empfehlen immer wieder Papiere mit engen Märkten, das heißt, die Aktien solcher Gesellschaften, die zum überwiegenden Teil in der Hand eines Großaktionärs sind. Wegen der Knappheit ist die bloße Empfehlung solcher Aktien eine ausreichende Gewähr für Kurssteigerungen. Deshalb eignen sich derartige Tips besonders gut als Nachweis besonderer Beraterqualitäten, der von den Diensten oft und gern geführt wird.

Obwohl die Prognosen des vergangenen Herbstes sehr häufig mit den späteren Börsentatsachen kollidierten, ist der Einfluß der Dienste auf den Börsenablauf vorübergehend nicht gering. Als Platow beispielsweise einmal, was er selten tut, vom Kauf von Montan-Aktien abgeraten hatte, erklärte am gleichen Tage ein Makler der Hamburger Wertpapierbörse: »Platow hat uns heute das Geschäft versaut.«

Die Großbanken verübeln den Kündern der ewigen Hausse allerdings nicht allein deren Einfluß auf Sonderbewegungen einzelner Papiere. Vor allem paßt den Banken die Keckheit nicht, mit der die Informationsbriefe auch in schlechten Börsenzeiten günstige Kurstaxen stellen und bei jeder Gelegenheit einen neuen Aufschwung ankündigen. So empfahl beispielsweise Hans Joachim Münstermann am Montag letzter Woche den Kauf von Papieren des Elektro-Unternehmens Brown, Boveri & Cie zum Kurs von 1000. Als die Börsen am gleichen Tag um 14 Uhr ihre Schalter schlossen, kostete das Papier statt 1000 Mark nur noch 951 Mark je 100 Mark nominal.

Allein in den vergangenen Baisse-Monaten haben Platow, Münstermann und Schmitt mindestens je ein halbes dutzendmal mitgeteilt, nunmehr sei das Kurstief überwunden, ohne daß dies der Fall war.

Nach den Fehlschlägen des vergangenen Herbstes sind Platow, Münstermann und Schmitt neuerdings etwas vorsichtiger mit ihren Prognosen: Die Kaufempfehlungen und Kursvoraussagen fallen etwas spärlicher aus. Robert Platow beschied seine Leser sogar, sie sollten sich in diesem Jahr auf »bescheidenere Börsengewinne einstellen«.

In seinen 29 wirtschaftspolitischen Leitsätzen für das Jahr 1961 erwähnte Robert Platow die Börse unter Punkt zehn nur kurz. Unter Punkt eins heißt es: »Das Allerwichtigste vorweg: Ausreichende Abschreibungen auf Ihre Gesundheit! Mehr Entspannung im neuen Jahr! Für die Ernährung des Geistesarbeiters halte ich Leitsätze führender Mediziner für Sie bereit.«

Aktionärsberoter Platow

Der Montan-Zug blieb stehen

Aktionärsberater Schmitt

Kursböcke im Börsensaal

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