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Die Befreiung der Äpfel

Global Village: Wie ein kenianischer Lkw-Fahrer die Golden-Delicious-Ernte von den israelisch besetzten Golanhöhen nach Syrien transportiert
aus DER SPIEGEL 12/2007

Francis soll nur den Lastwagen fahren, 200 Meter und wieder zurück, fünfmal insgesamt. Ein Anfängerjob, eigentlich, wären es nicht 200 Meter, die zwei Erzfeinde miteinander verbinden.

Es ist ein Spezialauftrag, für den Francis fast 4000 Kilometer angereist ist. Er ist 42 Jahre alt und kommt aus Kenia. Er arbeitet fürs Rote Kreuz. Er flog in die jordanische Hauptstadt Amman, nahm dort den Lastwagen mit der weißen Plane und dem Roten Kreuz in Empfang und fuhr nach Damaskus. Von dort ging es am Morgen nach Südwesten. Das Ziel: Kuneitra, eine Geisterstadt auf den Golanhöhen, im Niemandsland an der syrisch-israelischen Waffenstillstandslinie.

Je näher Francis Kuneitra kam, desto dichter wurde der Nebel. Nicht einmal 50 Meter weit konnte er sehen. Am letzten syrischen Militärposten setzte sich ein weißer Uno-Jeep vor ihn, dann ging es im Schritttempo über die Grenze: 200 Meter matschiger Feldweg, aufgeweicht vom Regen der Nacht, links und rechts Minenfelder.

Zuerst sah Francis die blau-weiße Fahne mit dem Davidstern. Sie leuchtete, als sei sie erst vor wenigen Stunden speziell für diesen Tag aufgehängt worden. »Welcome to Israel«, las Francis in großen Lettern über dem Militärposten. Normalerweise darf hier niemand die Grenze überqueren, offiziell liegen Israel und Syrien seit 1948 im Krieg. Doch heute ist eine Ausnahme.

Sein Lastwagen ist jetzt von Soldaten umringt: links zwei polnische Blauhelme in einem Radpanzer, rechts der indische Uno-Kommandeur in seinem weißen Toyota, in der Mitte, vor der Grenzstation, ein halbes Dutzend israelischer Soldaten in olivgrünen Overalls, die Schnellfeuergewehre schussbereit. Die Szene erinnert an einen Gefangenenaustausch im Kalten Krieg. Doch es geht nur um Äpfel, um 10 000 Tonnen »Golden Delicious« und »Starking«. Aber eigentlich sind auch die Äpfel Gefangene, denn Israel hat die Golanhöhen 1967 besetzt und 1981 annektiert. Laut Völkerrecht sind die hier angebauten Äpfel also syrischer Nationalität, so wie die etwa 18 000 Drusen, die in einigen wenigen Dörfern auf dem Golan leben.

Taufik, 52, ist einer von ihnen. Er trägt das traditionelle weiße Häkel-Käppi der Drusen und einen buschigen Schnauzbart, dessen Enden nach unten zeigen, so wie bei Asterix. Er war zwölf, als die Israelis sein Land besetzten. Er spricht fließend Hebräisch und ist Mitglied bei der israelischen Sozialversicherung, aber die israelische Staatsbürgerschaft hat er immer abgelehnt. »Das wäre Verrat an Syrien«, sagt Taufik.

Das feuchte Klima der Golanhöhen und der Boden aus Vulkangestein sind ideal für den Obstanbau, schwärmt Taufik. Das haben auch die jüdischen Siedler herausgefunden. Seitdem werden von Jahr zu Jahr mehr Äpfel angebaut, was die Preise verdorben hat. Für 450 Kilogramm Golden Delicious bekam Taufik nur noch 300 Schekel, umgerechnet 55 Euro.

Syrische Händler bezahlen mehr als das Doppelte, Grund genug, die Ernte unter Teilnahme des Roten Kreuzes und der Blauhelme 200 Meter nach Syrien zu transportieren. Alle haben etwas vom ungewöhnlichen Export. Taufik bekommt mehr Geld, die israelischen Apfelpreise stabilisieren sich, und die syrische Regierung kann die Heimkehr der Äpfel als kleinen Sieg über Israel feiern.

Weil Syrer und Israelis nicht direkt miteinander sprechen, vermitteln Uno und Rotes Kreuz zwischen beiden Seiten. Auf jeder Seite der Grenze steht ein sogenannter Verbindungsoffizier. Wenn der syrische Kommandeur seinen israelischen Kollegen fragen will, ob es losgehen kann, redet er mit seinem Uno-Verbindungsoffizier. Der ruft den Blauhelm-Kollegen auf der israelischen Seite an, der die Frage an den israelischen Kommandeur weitergibt.

Auch der Lastwagenfahrer Francis ist ein Produkt dieser diplomatischen Kärrnerarbeit. Es hatte ewig gedauert, bis sich Syrer und Israelis auf die Nationalität der Fahrer verständigten. Araber waren den Israelis nicht genehm, sie könnten ja Spione sein. Westliche Nationalitäten galten den Syrern als zu proisraelisch. Schließlich einigte man sich auf die Kenianer, sie gelten als neutral. »Wenn Uno und Rotes Kreuz ihren Aufwand in Rechnung stellen würden, wären die Äpfel ganz schön teuer«, spottet ein österreichischer Uno-Offizier.

Francis wartet, bis die Äpfel von dem israelischen Lastwagen auf seinen verladen sind. Mit Sprengstoffhunden überprüfen die israelischen Soldaten das Gefährt. Francis muss sogar die Batterie-Abdeckung entfernen. Dann verlässt er Posten »Alpha«. Nach hundert Metern passiert er die Station der Uno, »Charlie« genannt. Nach weiteren hundert Metern erreicht er den »Bravo«-Posten, auf dem die syrische Fahne weht. Drei Minuten dauert die Fahrt.

Als Francis mit seinem leeren Lastwagen wieder zurück ist, erzählt er, wie die Syrer ihre Äpfel in Empfang nehmen. Mit Geigerzählern fahren sie an den Kisten entlang, um sicherzustellen, dass sie nicht verstrahlt sind. Dann werden die Paletten auf syrische Lastwagen umgeladen, denn es soll nicht nach einer Hilfsaktion des Roten Kreuzes aussehen, wenn die Äpfel durch Syrien fahren. Die Syrer haben auch durchgesetzt, dass die Kisten keine hebräischen Schriftzeichen tragen.

Francis interessiert das alles nicht. Er friert. Seine russische Pelzmütze hat er bis über beide Ohren geklappt. Seit 13 Jahren arbeitet der Kenianer jetzt als Fahrer für das Rote Kreuz. Er war schon im Sudan und in Tansania. Aber der Nahe Osten ist nicht seine Region. »Ich war noch nie an einem Ort, an dem es so kalt ist«, sagt er. CHRISTOPH SCHULT

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