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PRESSE / "DIE WELT" Die Beste

aus DER SPIEGEL 46/1967

Das Flaggschiff kreuzte nicht nur in den roten Zahlen, sondern hatte auch Schlagseite nach rechts. »Die Welt« verlor Geld wie Gesicht.

Die Seite 2 des Blattes nahm unter Federführung des Chefkommentators Wilfried Hertz-Eichenrode, 46, zusehends die Konturen einer nationalen Thingstätte an, auf der Autoren wie Matthias Walden Sprüche dieser Art absetzten: »Die Menschen sind gegen den Krebs. Nichts anderes ist Antikommunismus.« Rechtes Pathos trat an die Stelle nüchternen Urteils, ob sich die »Welt« nun mit Studentenkrawallen oder mit Ostpolitik ("Fahrlässiges Gerede ... von kleinen und mittleren Schritten") befaßte. Hertz-Eichenrode, einst Leitartikler der 1964 eingestellten »Deutschen Zeitung« und später im Informationsstab des Bonner Innenministeriums, kommentierte selber so, als träfe ein ihm zugeschriebenes Wort zu: »Rechts von mir ist nur die Wand.«

So konnte nicht wundernehmen, daß das öffentliche Unbehagen über die Machtentfaltung des Springer-Konzerns und die Intellektuellen-Aversion gegen Springer-Erzeugnisse sich besonders scharf in Kritik an der »Welt« artikulierten.

Bedrückt kehrte der »Welt«-Feuilletonist Christian Ferber von der Tagung der Gruppe 47 und der Frankfurter Buchmesse zurück, auf der nicht nur studentische Radaumacher Stände von Springer-Verlagen zu stürmen gedroht ("Springer-Presse, halt die Fresse"), sondern auch angesehene Verleger und Literaten zum Boykott aller Springer-Publikationen aufgerufen hatten. Die Argumente der Welt des Geistes gegen die »Welt« Springers ermunterten Ferber, in der Redaktion mit abgewogenen Worten das Niveau vor allem der Meinungsseite des eigenen Blattes zu beanstanden. Die in der Redaktion seit langem schwelende Kritik an der Seite 2 flammte auf.

»Welt«-Feuilletonist Helmuth de Haas schwieg, als der französische Publizist François Bondy in Werner Höfers Fernsehrunde polemisierte, er könne Artikel aus der Feder von Wilfried Hertz-Eichenrode einfach »nicht mehr lesen«. Als Gastgeber Höfer bemerkte, die »Welt« sei einmal eine Zeitung von »feinem englischem Stil« gewesen, wovon »offenbar ... nicht mehr viel zu spüren« sei, antwortete de Haas: »Nein, nicht eigentlich. Aber ich bin sicher, daß der Verleger darüber nachdenkt, genau wie wir es tun.«

Axel Springer dachte nach. Und nicht von ungefähr befand der mit Springer befreundete Kultur-Chef der »Welt«, Hans Eberhard Friedrich« die Kommentarseite der Zeitung müsse auf ein »unanfechtbares Niveau der Form und der Gesinnung« gebracht werden. Das ist auch die Hoffnung anderer »Welt«-Redakteure« die allerdings die Bedeutung der Neukonstruktion in der Geschäftsführung noch nicht recht abschätzen können.

In die Geschäftsführung des Verlagshauses »Die Welt« (Vorsitzender: Hans Heinrich Schreckenbach) ist jetzt Julius Hollos eingetreten. Er soll das journalistische Potential der »Welt« stärken, etwa durch Serien-Planung und Korrespondenten-Koordinierung -- offenbar eine Art redaktionelles Management außerhalb der Redaktion, Hilfe für den schwachen Starke.

Der gebürtige Ungar Hollos hatte das Blatt schon von 1946 bis 1948 als Angehöriger der britischen Besatzungsmacht geleitet und sollte 1958 Nachfolger des damaligen Chefredakteurs Hans Zehrer werden. Manche »Welt«-Redakteure sehen in dem politisch einst links, heute zur Mitte hin orientierten Emigranten den Mann, der »Welt« einiges vom »feinen englischen Stil« zurückzugeben.

Aber noch ist nur im Schemen erkennbar, was liberale »Welt«-Journalisten erhoffen. Und noch ist das Blatt nicht, was es dem Redaktionsscherz zufolge sein sollte: »die beste aller »Welten'«.

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