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NEW YORK Die Besten

Skandal um den städtischen Leichenbeschauer: Gutachtete er zugunsten brutaler Polizisten? *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Um halb drei Uhr, am Morgen des 15. September 1983, beobachteten New Yorker U-Bahn-Polizisten einen jungen Mann, der mit einem schwarzen Filzstift die Kachelmauer der Station 14. Straße/ First Avenue bemalte. Die Polizisten riefen über Funk Streifenwagen herbei und wollten den Graffiti-Schmierer festnehmen. Der leistete Widerstand. Doch wen New Yorks Ordnungshüter erst einmal haben, den lassen sie so schnell nicht wieder los.

52 Minuten nachdem der Mann die Buchstaben »RQS« an die Wand geschrieben hatte, rollte ein Polizei-Kleinlaster mit dem Täter am Eingang der Notaufnahme der Bellevue-Unfallklinik vor.

Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt und mit den ebenfalls zusammengebundenen Fußgelenken in einer Folterposition, die einem »Schwalbennest« an Turnringen glich, verzurrt.

Das Menschen-Bündel trug den Namen Michael Stewart, war 25 Jahre alt und aufgeschnürt 180 Zentimeter groß. Insgesamt 60 Blutergüsse waren zu sehen - sie alle entstanden angeblich während der Festnahme. Stewarts Anwälte führten die blutunterlaufenen Stellen auf Schläge und Fußtritte zurück.

Die Polizisten sollen Stewart so brutal »ruhiggestellt« haben, daß das Herz des Graffiti-Malers stehenblieb. Die Notärzte am Bellevue konnten es zwar wiederbeleben. Doch das Bewußtsein erlangte Stewart nicht wieder - er starb 13 Tage später.

Der Tod des ehemaligen Kunststudenten und zeitweiligen Photomodells beherrschte wochenlang die Schlagzeilen der New Yorker Medien. Er wurde diskutiert als krasses Beispiel für die mitunter rabiate Behandlung, die die New Yorker Polizei vor allem Minderheiten zuteil werden läßt. Drei Polizisten wurden im Fall Stewart wegen Totschlags angeklagt, die Verhandlungen im Oktober letzten Jahres nach neunmonatiger Dauer jedoch wegen eines Verfahrensfehlers abgebrochen.

Daß die Ordnungshüter sich nicht wegen Mordes verantworten mußten, verdankten sie dem Gutachten eines Gerichtsmediziners, der als Todesursache zunächst »Herzstillstand mit 13tägigem Überleben« diagnostiziert und diesen Befund vier Wochen später durch den Hinweis auf eine »Verletzung der oberen Wirbelsäule« ergänzt hatte.

Zu diesen Einsichten war der Leichenbeschauer der Stadt New York, Dr. Elliot Gross, 50, gelangt. Er hatte sie dem langjährigen medizinischen Stenographen Siegfried Oppenheim diktiert. Oppenheim, ein Experte nach 10 000 Autopsien, hörte die Diagnose nach eigenen Worten »mit Entsetzen«. Er vermißte beispielsweise entscheidende Hinweise auf »Hautabschürfungen« und die Angabe, daß Stewart »im Gewahrsam der Polizei« gestorben war. Auch auf die »Belegphotos«, auf denen die Blutergüsse zu sehen waren, sei Gross »nicht eingegangen«.

Schärfer noch ging der New Yorker Pathologe Dr. Theodore Ehrenreich mit dem Kollegen Leichenbeschauer ins Gericht. Ehrenreich attestierte dem Dr. Gross »eine unglaubliche Inkompetenz«, die nur einen Schluß zulasse: Gross habe »der Polizei den Rücken freihalten wollen«.

Dieses Fazit zog auch Philip Shenon, Reporter der »New York Times«, der letzten Monat in einer vierteiligen Serie die Amtsführung und die berufliche Befähigung des New Yorker Leichenbeschauers durchleuchtete.

Shenon hatte im Verlaufe seiner Recherchen eine Reihe von Autopsieberichten einsehen können und an die »250 Staats- und Rechtsanwälte, Gerichtsmediziner und Richter, Kriminologen und Mitarbeiter am Leichenschauhaus« in Manhattans First Avenue befragt. Er konnte daraufhin enthüllen, Gross habe »serienweise irreführende und unwahre Autopsie-Berichte« von Personen geliefert, »die im Gewahrsam der Polizei gestorben« seien.

New Yorks Bürgermeister Edward Koch erschienen die erhobenen Vorwürfe so gewichtig, daß er nur wenige Stunden nach dem Andruck der »Times«-Serie eine umfassende Untersuchung ansetzte. Zwei Tage später zog Gouverneur Mario Cuomo mit einer gleichlautenden Anordnung nach, weil die »ordentliche Funktion« der Gross-Behörde »hinsichtlich des strafrechtlichen Systems des Staates New York in Frage gestellt« sei.

Chefbeschauer Gross reagierte auf die Vorwürfe und die eingeleiteten Untersuchungen mit der Klage, an ihm werde ein »Charakter-Mord« begangen mit dem Ziel, seine Karriere zu zerstören. In Wahrheit steht aber weit mehr zur Diskussion als die Zukunft des Leichenöffners oder dessen Qualifikation.

Nutznießer der mutmaßlich manipulierten Autopsieberichte waren nämlich die Angehörigen einer New Yorker Behörde, die sich selbst »New Yorks Beste« nennen, denen aber der Ruch von Korruption und Brutalität anhaftet - New Yorks fast 25 000 Polizisten.

Auf Rache und brutale Selbstjustiz deutet beispielsweise der Tod des Detektivs Raymond Diaz im Herbst 1982 hin. Diaz war Hauptzeuge im Verfahren gegen sieben Kollegen des 110. Reviers im Stadtteil Queens gewesen, die in einschlägigen Privatklubs Drogenhandel und Alkoholausschank ohne Lizenz geduldet haben sollen - gegen Bezahlung. Nach einer Party wurde Diaz am Fuß einer zwölfstufigen Treppe bewußtlos aufgefunden. Es sah nach einem Unfall aus - den Diaz nach 17tägigem Koma nicht überlebte.

Der Leichnam des Kripomannes und Kronzeugen gegen seinesgleichen wurde vom Leichenbeschauer Gross begutachtet. Er entdeckte »vier schwere Schädelbrüche ... an wenigstens zwei Seiten des Kopfes«, was nach Ansicht erfahrener Autopsie-Experten »unzweifelhaft auf Mord« hinwies. Doch Beschauer Gross schrieb in die Rubrik »Todesursache": »Unbestimmt, Polizei-Untersuchung

noch anhängig.« Diese ergab, die Verletzungen rührten »von einem Unfallsturz« her. Der Fall des toten Zeugen wurde zu den Akten gelegt.

Ungeklärt blieb auch der Tod der Diaz-Freundin Josephia Guttierez, die in einigen der Klubs zeitweise gearbeitet hatte und am selben Tag erstochen und erwürgt gefunden wurde, an dem Diaz angeblich die Treppe runterstürzte.

Mörderische Sitten: »Vor meinen Augen haben Polizisten meinen Mann getötet«, erinnert sich auch Shelley Safdie aus Brooklyn. Sie hatte die Polizei um Hilfe gebeten, als ihr manisch-depressiv veranlagter Ehemann Mark Safdie, 32, im Juni 1983 während eines Krankheitsschubs wie von Sinnen auf die Kinder einschrie: »Ich bin Gott.«

Die angerückten Streifenpolizisten machten kurzen Prozeß. Sie warfen Safdie in den Hausflur, legten ihm Handschellen an, placierten seinen Hals auf eine Treppenstufe und setzten sich auf ihn, bis er Ruhe gab und die Ambulanz erschien. Die Sanitäter drehten den Wehrlosen auf den Rücken, besahen sich die Druckmale am Hals und fragten: »Wer hat das getan?«

Im Autopsiebericht des Dr. Gross stand als Todesursache: »Manisch-depressive Psychose mit akutem gewalttätigen Verhalten. Herzstillstand nach Ruhigstellung durch Polizei wegen emotionaler Störungen. Blutungen im Bereich der Nackenwirbelsäule.« Durch die Reihenfolge der zum Tode führenden Umstände soll Gross geschickt die Hauptursache - Tod durch Ersticken - verwischt haben. Folge: Totschlag oder Mord wurden nicht erwogen. Kripo und Staatsanwalt fiel nicht auf, so Anwalt Lawrence Bernstein, daß Safdies »Psychostörung nichts zu tun hatte mit der Ursache seines Todes«.

Ein zweiter Autopsiearzt, der nach den Gesetzen der Stadt New York bei jeder Leichenöffnung dabeisein muß, hätte eingreifen können. Doch das Gross-Amt, das pro Jahr bei mehr als jedem zweiten der etwa 74 000 Toten (1700 Mordopfern) New Yorks die Todesursache bestimmen muß und zudem rund 7000 zusätzliche Autopsien vornimmt, ist, so Staatsanwalt William Murphy, »hoffnungslos unterbesetzt«.

Die 16 Autopsieärzte öffnen pro Schicht und Mann - und zumeist allein - bis zu sechs Leichen, dreimal soviel wie üblich und fachlich vertretbar. In solchem Arbeitsumfeld schien für Amtschef Gross das Risiko, aufzufallen, denkbar gering. So habe er, wie ihm die »New York Times« nun anlastet, freiweg seine Autopsieberichte zugunsten von Polizei, Gefängnisbehörden und städtischen Nervenkliniken formuliert. Er habe etwa mit fadenscheiniger Begründung ihm unterstellte Mediziner angewiesen, Gewebeproben zu vertauschen.

Im Fall des Graffiti-Malers Stewart soll er darüber hinaus medizinisches Beweismaterial manipuliert haben. An die Stewart-Leiche hatte Gross sein Skalpell im Beisein des Gerichtspathologen Dr. John Grauerholz aus dem Nachbarstaat New Jersey gelegt. Er war von der Familie des Verstorbenen gebeten worden, Gross auf die Finger zu schauen und sicherzustellen, daß der Mediziner sich an sein zuvor den Stewarts gegebenes Versprechen halte, den Leichnam nur nach Unterrichtung von Grauerholz anzutasten.

Ohne den Kollegen offenbar zu unterrichten, entfernte Gross, der unmittelbar nach der sechsstündigen Autopsie sich mit einem der beteiligten Polizisten privat beraten hatte, am Tag nach der Leichenschau die Augen des Toten und legte sie in Formalin. Die Lösung bewahrt zwar das Gewebe vor dem Zerfall, wäscht aber durch Formalin-typische Bleichwirkung Spuren von Blut aus.

Blut in Form kleinster punktförmiger Blutergüsse hatte Grauerholz während der Autopsie in den Augenbindehäuten enteckt. Diese sogenannten Petechien zählen zu den medizinischen Standardbeweisen einer Strangulation.

In der später eingereichten Klageschrift des Staatswanwalts findet sich die Aussage eines Zeugen, der angab, ein Polizist habe Stewart einen Schlagstock an den Hals gelegt und den Gefesselten so in den Würgegriff genommen. Dessen Folgen, von Gross und Grauerholz gesehen, beseitigte das Formalin.

Wegen »versuchter Behinderung der Rechtsfindung durch Zerstörung von Beweismitteln« strengte die Stewart-Familie ein Zivilverfahren an und verlangt von dem Chef-Leichenbeschauer zehn Millionen Dollar Schadenersatz.

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