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Die Beziehung sollte »offen« sein

aus DER SPIEGEL 45/1976

Nach knapp zehn Stunden Hauptverhandlung an zwei Sitzungstagen wurde letzte Woche in West-Berlin gegen Jörg H., 24, auf lebenslange Freiheitsstrafe erkannt. Das Mädchen, das er getötet hat (das er aus jener Erregung heraus getötet haben soll, die man Eifersucht zu nennen pflegt), ist 18 Jahre alt gewesen. Über den Prozeß wurde nur in West-Berliner Zeitungen berichtet.

Als 1927 der 18jährige Paul Krantz in Berlin vor Gericht stand, der Mittäterschaft an Mord und Selbstmord unter (in sogenannter Eifersucht verstrickten) jungen Leuten angeklagt, diskutierte ganz Deutschland den Fall. in dieser Hauptverhandlung war man bis zum Exzeß bemüht, jedes Detail aufzuklären. Und in der »Vossischen Zeitung« schreib Sling, der Legende gewordene Gerichtsberichterstatter jener Jahre, von einer bestimmten, sehr breiten, von Paul Krantz repräsentierten Schicht von Jugend, »die uns Älteren vielfach Sorge macht«.

1976 machen wir uns nicht mehr Sorgen um die Jugend. 1976 haben wir Angst vor ihr.

Jörg H. ist das fünfte Kind eines Pfarrers in Niedersachsen. Fünf Jahre alt erkrankt er an Kinderlähmung. Äußerlich halten sich die Folgen der Krankheit in Grenzen. Sein Brustkorb ist ein wenig nach links verdreht, das Schreiben mit der rechten Hand macht ihm Schwierigkeiten.

Für seine innere Entwicklung jedoch ist die Erkrankung ein Einschnitt. Er ist fortan benachteiligt, und wo er es nicht tatsächlich ist, wie etwa im Sportunterricht, da empfindet er dennoch Benachteiligung. Diese Empfindung wird eine Grundstimmung seines Wesens. Es ist ihm etwas zugestoßen, wovor andere bewahrt blieben. Der Schock eines -- wenn auch nur zeitweiligen -- Gelähmtseins, mit fünf Jahren erlitten, hinterläßt eine Spur.

Auf eine tatsächlich vorhandene Benachteiligung haben sich dann »neurotische Erscheinungen aufgepfropft«, wie der Psychiater Professor Erhard Philip, 54, feststellt. Das Bedürfnis, tatsächlich vorhandene (oder auch nur, aber was heißt da »nur«, empfundene) Mängel zu Überkompensieren, ist eine solche neurotische Folgeerscheinung. Und eine Folge ist auch ein in Narzißmus, in übergroße Eigenliebe mündendes Selbstmitleid; ist eine Ichbezogenheit, die einem Mangel an Ich entspringt.

In der Auseinandersetzung mit dem Vater ist Jörg H. buchstäblich wie gelähmt. Er kann nur »bockig« sein, nur renitent. Und da es ihm nicht möglich ist, sich auseinanderzusetzen, wird er auch nicht fähig zu Bindungen. Er lernt es nicht, eine menschliche Beziehung einzugehen, sie aufzubauen und über eine längere Zeit zu tragen. Er ist in erheblichem Grade kontaktunfähig, er ist selbstmordgefährdet, er befindet sich in einer Verfassung, »die zu personalen Katastrophen führen kann« -- und so geht gerade er Kontakte ein, die ihn nur immer intensiver gefährden.

Er ist 21 Jahre alt und Student der Informatik in Karlsruhe, als er im Dezember 1973 ein vier Jahre jüngeres Mädchen heiratet. Im März 1975 trennt man sich, im März 1976 wird die Ehe geschieden. Er hat sich in dieser Ehe nicht als »Vaterfigur« empfunden, aber es liegt nahe, daß er gerade diese Figur zu spielen versucht hat. Und schon während der Trennung von seiner ersten Frau geht er eine neue Beziehung zu einem sechs Jahre jüngeren Mädchen ein, das Gabriele heißt.

Aus der Beziehung wird rasch »eine sehr feste, intime Freundschaft, die uns beiden viel gegeben hat«, wie er aussagt. Doch was kann er geben? Und was will Gabriele, die noch zur Schule geht und bei den Eltern lebt, überhaupt von ihm? Man vereinbart, »ganz offen darüber zu sprechen, wenn einer von uns andere Beziehungen eingehen« will. Und es gibt dann auch, noch während Jörg H. in Karlsruhe lebt, Anlaß, ganz offen zu sprechen, zuerst von ihr, dann ("wohl Trotzreaktion") auch von ihm aus.

Im April 1976 zieht er nach West-Berlin. Er hat eine Zwischenprüfung nicht bestanden. Gabriele hilft ihm beim Umzug, beim Einrichten. Die Beziehung soll trotz der räumlichen Trennung fortbestehen, doch das Ziel dieser Beziehung soll »offen sein«, denn er meint, er habe »von der Ehe die Nase voll«, und sie kann sich eine Beziehung auf Dauer nicht vorstellen.

Früher als von Gabriele erwartet, besucht er sie in Karlsruhe. Trotzdem hat man »in ausgelassener Stimmung« schöne Tage. Doch Anfang Mai, knapp zehn Tage später, erzählt ihm Gabriele am Telephon, sie habe einen sympathischen Mann kennengelernt. zu dem sie eine Bindung eingehen wolle. Er reagiert »impulsiv«, sagt, das würde ihn kränken, er reagiert »traurig und verletzt«. Und er eilt schon wieder nach Karlsruhe.

Gabriele meint, man hätte sich auch telephonisch aussprechen können. Er will ihr gesagt haben, es sei nicht so schlimm, wenn sie sexuelle Kontakte zu anderen hätte, »wenn unsere Beziehung darunter nicht leiden würde«. Jörg H. und Gabriele spielen Federball mit Dynamit, alle beide, denn er bleibt zwei Tage »auch nachts«. Ende Mai will sie ihn besuchen, als er abfährt. Doch dann erfährt er am Telephon von ihr, sie sei noch am Abend nach seiner Abreise zu dem anderen gegangen und habe mit ihm geschlafen.

Er will, daß sie nach West-Berlin kommt, daß man noch einmal spricht. Ihre Schwester rät ihr ab: Das sei doch für beide eine Quälerei. Trotzdem fährt sie schließlich. Nach Mitternacht kommt sie an. Er hat Blumen bereitgestellt. Sie sprechen bis sechs Uhr früh. Sie liegen dabei getrennt voneinander jeder auf einer Liege, doch vorher haben sie sich nackt ausgezogen. Sie spielen Federball mit Dynamit, alle beide.

Es ist alles vorbei. Jörg H. vermag nichts mehr über Gabriele. Am Mittag des folgenden Tages, solange hat sie geschlafen, sprechen sie dennoch weiter. Selbst wenn sich Gabriele von dem anderen trennen würde: Zu Jörg H. will sie nicht zurück. Er beschwört sie« er brauche die Beziehung zu ihr, so einsam wie er jetzt in West-Berlin sei. Verzweifelt versucht er sie zu umarmen, sie stößt ihn zurück, die Umarmung gebt in Drücken, in Würgen über, sie nennt ihn einen Erpresser, weil er mit Selbstmord droht, sie schreit: »Was tust du da?!«, und als er von ihr abläßt« will sie nun sofort abreisen.

Er rennt in die Küche, er mußte sich bewegen, sagt er aus. In der Küche sieht er das Messer, nimmt es, verbirgt es im Gürtel unter dem Pullover, geht wieder hinein, er will keine Absicht dabei gehabt haben. Er spricht wieder auf sie ein, sie ist jetzt auch erregt und außer sich, es kann sein, daß er sich vor ihr niederwirft. Sie drängt sich an ihm vorbei, kniet auf einer der Liegen, will packen, dreht ihm den Rücken zu -- und da zieht er das Messer. Der erste Stich trifft sie im Rücken, 15 weitere treffen sie in die Brust. Sie stirbt.

Er geht aus, kauft Whisky, trinkt eine halbe Flasche und nimmt Tabletten, doch er versucht vergeblich, sich zu erhängen. Er ruft seinen Vater an. Der beschwört ihn, sich nicht zu töten. Auf Rat seines Vaters bittet er Pastor Albertz telephonisch um Beistand. Der kommt, gewinnt den Eindruck einer »unglaublichen Verzweiflung« und benachrichtigt die Polizei. Vor der sagt Jörg H. aus, was ihm in seinem verzweifelten Bemühen, sich selbst das ihm Unerklärliche zu erklären, einfällt. Doch als er in der Hauptverhandlung immer wieder bedrängt wird, warum er dies getan und was er sich bei jenem gedacht habe. da sagt er, was man ihm glauben darf: »Wenn ich"s wüßte, hätt« ich"s nicht getan.«

Lebenslange Freiheitsstrafe beantragt der Erste Staatsanwalt Ulrich Feißel, 37, heimtückisch, von hinten, sei Gabriele getötet worden, es gebe keine mildernden Umstände. Herr Feißel begründet sauber -- aus seiner Sicht. Seiner Sieht ist die abschließende Feststellung gemäß, zur Einwirkung auf den Angeklagten sei die lebenslange Strafe nicht notwendig. Doch hier sei Generalprävention zu üben. Man sieht die Menschen vor sich, die fortan in vergleichbarer Situation vor einem Kapitalverbrechen zurückschrecken werden, weil ihnen jählings Jörg H. als Menetekel einfällt.

Ernst Heinitz, 74, verteidigt Jörg H. und plädiert für ihn. Ernst Heinitz ist Ordinarius für Strafrecht in West-Berlin gewesen, er ist ein verdienstvoller, verehrter Mann. Doch er verteidigt allzu vornehm, er ist zu diskret, er erspart dem Gericht Anträge und der Anklage empörten Widerstand. Er hat den Gutachter Professor Phillip, der den strafmildernden Paragraphen 21 sehr betont dem Gericht überlassen hat, nicht mit Fragen bedrängt, obwohl der Gutachter Gesichtspunkte anbot, die sich hätten vertiefen lassen.

Ernst Heinitz' Plädoyer ist das Muster einer kultivierten rechtlichen Auseinandersetzung mit dem Mordparagraphen und seinen heillosen Qualifikationen für Mord. Doch so kann man nicht gegen eine Anklage antreten, die sagt, daß Lebenslang nicht für diesen Angeklagten, jedoch für die Generalprävention erforderlich sei. Die Tragödie zweier junger Leute, die in Wahrheit keine Beziehung zueinander hatten, außer einer körperlichen, die niemals Partner waren, sondern einander nur als das gebrauchten, was ein jeder für seine eigene Entwicklung brauchte, bleibt im dunkeln.

Das Gericht, von der Verteidigung nicht gefordert, erkennt auf lebenslang. Gabriele sei keines Angriffs gewärtig gewesen. Im Jähzorn habe der selbstwertgestörte Angeklagte getötet. Er habe gewußt, was er tat. Von der Tendenz zur Selbstzerstörung beim Angeklagten und beim Opfer, dieser Tendenz, die immer häufiger, immer alarmierender in den Entwicklungskrisen junger Leute sichtbar wird, war die Rede nicht. Wir machen uns keine Sorgen um die Jugend. Wir fürchten sie. Wir erwehren uns ihrer. Wir entscheiden generalpräventiv.

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