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GENF / DEUTSCHE FRAGE Die Birne

aus DER SPIEGEL 21/1959

»Im Grunde genommen schlagen wir vor, die faktische Situation, die sich durch die Niederschlagung Hitler-Deutschlands herausgebildet hat, zu fixieren.«

Nikita Chruschtschew am 2. März 1959 auf einem Empfang zu Ehren des britischen Premierministers Macmillan.

Friedliches Kuhglockengebimmel läutete Fam dritten Tag der Außenministerkonferenz - am Mittwoch vor Pfingsten - die erste diplomatische Initiative des bundesdeutschen Ministers Heinrich von Brentano in Genf ein. An dreißig Stück Schweizer Rindvieh vorbei, das neben der Friedens-Straße hinter dem Völkerbundspalais weidete, fuhr Brentano an der Spitze seiher schwarzlackierten Bonner Mercedes-Kavalkade zur Visite bei Andrej Gromyko, dem Außenminister der Sowjets, vor.

Stätte dieser westdeutsch-sowjetischen Begegnung war die Gesandten-Residenz eines jener osteuropäischen Länder, die

Sowjetmenschen und Reichsdeutsche vor zwanzig Jahren noch gemeinsam von der Landkarte gewischt hatten - die frühere Völkerbundsvertretung Lettlands, Villa Blanche, heute eine Diplomaten-Dependance des Kreml. Gromyko widmete dem Bonner Chefdelegierten dort anderthalb Stunden.

Kaum hatte Heinrich von Brentano, von seinem Gastgeber durch den russischen Rosengarten bis an den Wagenschlag geleitet, die Villa wieder verlassen, da preschte die ebenfalls schwarzlackierte Kolonne von volkseigenen Kraftwagen des Typs »Sachsenring« aus Ostberlin mit dem DDR-Außenminister Lothar Bolz ins Genfer Hauptquartier der Sowjetmacht.

Bolz und Genossen kamen zum Freundschafts-Dejeuner mit dem Repräsentanten des großen Brudervolks. Nach einer halben Stunde wurden sie unbewirtet entlassen. Der sowjetische Außenminister hatte die Einladung an seinen Mittagstisch revoziert. Anstatt an der Seite Gromykos die Tafelfrüchte des Sowjetparadieses zu genießen, mußten die Pankower allein das harte Brot gedemütigter Satelliten essen.

Anlaß zu dieser unterschiedlichen Behandlung der Repräsentanten des geteilten Deutschland-Courtoisie gegenüber Brentano und Brüskierung Bolzens - war das dreitägige Debüt der DDR-Diplomatie auf dem internationalen Parkett von Genf. So wie die aus Unsicherheit und Ratlosigkeit entstandene Verhandlungsangst Bonns die Politik der Westmächte gegenüber Rußland behindert, so geniert die plumpe Aggressivität Pankows die Unterhändler des Kreml in ihrer Konferenztaktik. Das Auftreten der Deutschen aus Ost und West in Genf störte, belastete und bestimmte die Konferenz in der ersten Woche.

Die Regierungen in Washington, London und Paris sahen in dieser Außenministerkonferenz den einzigen diplomatischen Ausweg aus der Zwangslage, in die Chruschtschews hartes Berlin-Ultimatum sie gestoßen hatte. Dem Willen von Stalins Nachfolger, sich kraft des Berliner Faustpfands den gegenwärtigen Machtbereich der Sowjet-Union in Europa auf einer Konferenz der Regierungschefs bestätigen zu lassen, setzten sie als letztes Hindernis die Forderung entgegen, daß die vier Außenminister zuvor prüfen müßten, ob überhaupt Aussichten für einen Gipfelkompromiß bestünden.

Zu den Verhandlungszielen der Sowjets gehört vornan die Anerkennung des Staatsgebildes, das sie in ihrer mitteldeutschen Militärprovinz, errichtet haben, durch die Westmächte und die Bundesrepublik Deutschland. Diese Anerkennung um jeden Preis zu verhindern, ist bisher das erklärte, nahezu das einzige Ziel Bonns.

Obschon die Bonner Regierung mittlerweile erkannt hat, daß sie ihren Anspruch, als einzige legitime deutsche Regierung zu gelten, auf die Dauer nicht durchsetzen kann, vermag sie sich nicht zu entschließen, ihre unhaltbar gewordene Position zu räumen, weil sie keine sichere Auffangstellung sieht. Schon vor Beginn der Konferenz verkrampfte diese hilflose Starre Westdeutschlands Außenpolitik. In Genf führte sie angesichts der sowjetischen Manöver zu grotesken Verrenkungen. Daran ist die Bonner Diplomatie selber schuld.

Die leidigen Erfahrungen, die Bonns Liaison-Diplomaten mit den westlichen Schutzmächten gelegentlich der Außenminister-Konferenzen über Deutschland in Berlin - Januar 1954 - und Genf - Herbst 1955 - machen mußten, verführten das Auswärtige Amt im Spätherbst vergangenen Jahres zu einem diplomatischen Wagnis, für das die westdeutsche Außenpolitik nicht gerüstet war. Bonn verlangte von seinen Alliierten, bei den bevorstehenden Ost-West-Konferenzen über Deutschland im Verhandlungssaal vertreten zu sein (wie es auch die Sowjets angeregt hatten), selbst wenn dadurch der nicht anerkannten DDR als Gegenleistung der Zutritt zu internationalen Verhandlungen gestattet werden müßte.

Erinnert sich Felix von Eckardt jetzt in Genf: »Bisher mußten wir auf solchen Konferenzen wie die Irren herumrasen, um überhaupt zu erfahren, was besprochen wurde.« Botschafter Herbert Blankenhorn, der sich einst in Berlin und Genf mit seinem Kollegen Grewe in die aufreibende und unbefriedigende Fernaufklärer-Arbeit teilen mußte, hatte schon Ende vergangenen Jahres verlangt: »Es ist für uns nicht länger akzeptabel, jeden Abend bei den westlichen Delegationen um Informationen antichambrieren zu müssen. Wir müssen diesmal in den Konferenzsaal.«

Zu diesem Beobachter-Motiv kam das nie ganz eingeschlafene Mißtrauen der Bonner Außenpolitiker, die Großmächte könnten sich trotz aller Versprechungen der westlichen Alliierten eines Tages auf dem Rücken des geteilten Deutschland einigen.

Dazu der Staatssekretär des Bonner Außenamts, Hilger van Scherpenberg, Anfang dieses Jahres in kleinem Kreise: »Es kann nicht im deutschen Interesse liegen, daß die ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands auf einer großen Konferenz über einen Friedensvertrag zusammenkommen. Denn die Gefahr, daß sie sich über unseren Kopf weg verständigen, ist immer vorhanden.«

Diese Überlegungen fanden im November 1958 in einer Note der Bundesregierung an Moskau einen folgenschweren Niederschlag: »Die Frage einer deutschen Mitwirkung bei den Beratungen eines Vier -Mächte-Gremiums (über Deutschland), etwa durch die Bestellung deutscher Sachverständiger, sollte von diesem Gremium geprüft werden.« Damit war jetzt auch von Bonn den Sowjets vorgeschlagen worden, deutsche Vertreter im Verhandlungssaal zu placieren. Nun ging es nur noch um den völkerrechtlichen Rang der deutschen Konferenz-Teilnehmer.

Der Bundesregierung war klar, daß man - um eine Anerkennung der DDR zu vermeiden - auf keinen Fall die Rolle eines vollberechtigten Teilnehmers anstreben durfte. Darin war Bonn auch mit den Westmächten durchaus einig, die ebenfalls die DDR nicht als gleichberechtigten Teilnehmerstaat akzeptieren wollten. Verblieben drei andere Möglichkeiten:

- Berater,

- Beobachter oder

- Sachverständige.

Sachverständige treten unmittelbar auf der Konferenz überhaupt nicht in Erscheinung. Sie halten sich nur zur Verfügung, um die verbündeten Regierungen über die deutsche Meinung zu informieren oder um von der Gegenseite offiziell befragt zu werden.

Beobachter dagegen sind bei der Konferenz offiziell akkreditiert und haben das Recht, sich von allen Delegationen informieren zu lassen. Auf Verlangen geben sie über die deutsche Einstellung Auskunft.

Berater schließlich haben einen Status, der sie zu Teilnehmern der Gesamtkonferenz erhebt. Sie können von sich aus das Wort ergreifen, zumindest sich zum Wort melden. Außerdem können sie von allen Teilnehmern aufgefordert werden, Stellung zu nehmen.

Bonns Außenminister Brentano strebte den höchstmöglichen Grad an, den des Beraters.

Die Franzosen waren dagegen. Sie wollten der westdeutschen Delegation höchstens die Rolle des Beobachters, möglichst aber nur die des Sachverständigen zubilligen. Ihr Argument war, daß jede Aufwertung Bonns eine entsprechende Aufwertung der DDR nach sich ziehen müsse.

Die Amerikaner und Engländer verhielten sich diesem Problem gegenüber ziemlich neutral. Sie dachten zunächst an die Beobachter-Rolle, die ihnen von den früheren Konferenzen her vertraut war.

Nachdem die Amerikaner Anfang des Jahres noch einmal vergebens versucht hatten, Bonn von seinem riskanten Ehrgeiz abzubringen, schlugen die drei westlichen Regierungen am 16. Februar den Sowjets vor, »deutsche Berater« zu der bevorstehenden Außenminister-Konferenz nach Genf einzuladen. Am 30. März legte die Sowjet-Diplomatie ihre westlichen Gegenspieler auf dieses Angebot fest: »Wie aus dem Meinungsaustausch, der stattgefunden hat, folgt, kann die Frage, daß beide deutschen Staaten bei dem Rat der Außenminister vertreten sein werden, als in Übereinstimmung geregelt angesehen werden.«

Mit dieser Formel, die in Washington, London, Paris und Bonn widerspruchlos hingenommen wurde, hatten die Russen eine Schlinge gelegt, aus der sich die westlichen Genf-Delegationen in der vergangenen Woche nur mühsam befreien konnten: Die vorgeschlagenen »deutschen Berater« hatte Moskau im Notenwechsel zur »Vertretung beider deutscher Staaten« erhöht.

Die sowjetische Falle wurde unter dem Papier des Notenwechsels sichtbar, als die DDR-Regierung in Ostberlin ihren Genfer Auftritt großspurig vorzubereiten begann. Zunächst verkündete sie auf allen Wellenlängen und mit einer pompösen Gala -Vorstellung in der Volkskammer, daß eine Verhandlungsdelegation unter dem Kommando des Außenministers Dr. Lothar Bolz an der Außenministerkonferenz teilnehmen werde. Entsetzt über die Aussicht, dem Außenminister der nicht für voll genommenen DDR im Kreise der Großmächte begegnen zu müssen, flüchtete sich die Bundesregierung in die untergeordnete und bescheidene Berater-Rolle. Man wollte zwar dabeisein, aber um Gottes willen nicht dazugehören.

Bolzens seltsames Gepäck

Brentano tönte vorschnell, er werde nicht nach Genf fahren. Schon wenig später mußte er einsehen, daß diese Schlacht nicht aus der Etappe heraus zu führen war. Zögernd machte er einen Schritt nach vorn - allerdings nur ins Foyer der Konferenz, noch nicht in den Verhandlungssaal. Er werde, so ließ er verlautbaren, die bundesdeutsche Berater-Delegation in Genf zwar leiten, sich aber im Verhandlungssaal durch einen Beamten vertreten lassen.

Gleichzeitig bemühte sich Bonn, eine technische Anfrage der Sowjet-Regierung wegen der Durchreise der Sowjet-Delegation nach Genf zur protokollarischen Abwertung der DDR-Vertretung auszunutzen. Als die Sowjets die Erlaubnis erbaten, den bundesdeutschen Luftraum mit ihrer Delegationsmaschine vom Turboprop-Muster IL-18 in Richtung Schweiz durchfliegen zu dürfen, antworteten die Bonner Instanzen, die Genehmigung für die Sowjet-Delegation »und ihre deutschen Berater« werde hiermit erteilt. Die »deutschen Berater«, die da mitfliegen sollten, hatten die Juristen des Bonner Außenamts hinzugetan, um den Berater-Status der Sowjetdeutschen aktenkundig zu machen. In der Anfrage aus Moskau war von ihnen nicht die Rede gewesen.

Die DDR-Delegation hatte inzwischen einen anderen, eigenen Weg nach Genf ausgeklügelt, um standesgemäß in die Eidgenossenschaft einzureisen. Diese Route führte nicht durch den bundesdeutschen Luftraum, sondern über den Schienenstrang der Bundesbahn. Wohl oder übel mußte die Bundesrepublik in Eisenbahner -Verhandlungen mit der nichtanerkannten DDR einen Vertrag über das Durchzugsrecht der feindlichen Pankower abschließen. Eilends betonte sie, daß die Verhandlungen nur von einem untergeordneten Bundesbahner geführt worden seien.

Das kaiserliche Deutschland hatte im Ersten Weltkrieg den Schöpfer der Sowjet -Union, Lenin, noch im plombierten Waggon von der Schweizer Grenze durch Deutschland gen Osten transportiert, damit er in Rußland die bolschewistische Revolution anfache. Die bundesrepublikanischen Behörden hingegen mußten dem mitteldeutschen Ableger dieser Revolution als ihrem erklärten Feind einen Sonderzug mit unverschlossenen Abteiltüren und freier Bahnhofsbenutzung konzedieren. Bis Frankfurt am Main fuhren die DDR -Sozialisten mit volkseigenem Dampf von dort an mit westlicher Diesel-Lok.

Zu dem umfangreichen Gepäck, das Lothar Bolz und seine Delegation mit der Eisenbahn nach Genf schafften, gehört eine besondere Art von Schriftstücken, mit denen sich seine Kollegen am Verhandlungstisch nicht abzuplagen brauchen und aus denen hervorgehen soll, daß er, wenn schon nicht vom Westen, so doch wenigstens von seiner eigenen Bevölkerung anerkannt wird.

Bevor Bolz aus Ostberlin abfuhr, überreichte ihm der Vorstand des »Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes« Unterschriftenlisten mit 134 052 Namen von DDR-Bewohnern, die erklärten, sie seien mit dem sowjetischen Genf-Programm einverstanden. 800 000 Bürger des Bezirks Chemnitz forderten in Zehntausenden von Resolutionen, in Genf müsse ein Friedensvertrag mit beiden deutschen Staaten abgeschlossen werden, 279 970 Einwohner des Bezirks Erfurt taten es den Sachsen gleich, und in Gotha sammelte die SED 42 728 Unterschriften als »Reisegepäck für die nach Genf fahrende Regierungsdelegation der DDR«.

Mit solchen Aktionen sucht die SED den Eindruck zu erwecken, Lothar Bolz sei der legitime Sprecher der 17 Millionen Mitteldeutschen, während westlich kalte Krieger mit Fleiß an der Version weiterhäkeln, er sei nichts als ein schmutziger kleiner Handlanger der Sowjets.

Öl aus Galizien

Bei der Untersuchung der Frage, wie die DDR heute von den Einwohnern Mitteldeutschlands beurteilt wird, kommt man jedoch mit den gängigen Formeln, die zum eisernen Repertoire der Propagandisten in Ost und West gehören, nicht mehr zurecht. Bolz vertritt in Genf keinesfalls einen Staat, in dem die »arbeitenden Menschen die Herren sind und freudig den Sozialismus aufbauen«, wie es die Ostpropaganda erzählt.

Er repräsentiert aber auch nicht mehr ein »riesiges KZ mit 17 Millionen Menschen, die in Unfreiheit unter der Knute der SED vegetieren und auf ihre Befreiung hoffen«, wie es in westlichen Propagandastuben formuliert wird. Die Wahrheit ist vielschichtiger und läßt sich nur vor dem Hintergrund der politisch bestimmten wirtschaftlichen Situation erkennen.

Auch die DDR hat eine Art von Wirtschaftswunder erlebt: Obgleich die Sowjets nach dem Kriege über die Hälfte aller

industriellen Anlagen in ihrer Besatzungszone radikal demontierten, liegt die Zone mit ihrer industriellen Produktion in Europa heute hinter der Sowjet-Union, Großbritannien, der Bundesrepublik und Frankreich an fünfter Stelle.

1936 wurden auf dem Gebiet der heutigen DDR 200 000 Tonnen Roheisen hergestellt. Die Sowjets demontierten nach dem Krieg 80 Prozent der eisenschaffenden Betriebe. Die DDR baute neue auf. Heute produziert dieser Staat mehr als das Achtfache von 1936, nämlich 1,7 Millionen Tonnen Roheisen im Jahr.

Mit ihrem Maschinenexport steht die DDR an vierter Stelle in der Welt. Die gesamte Vorkriegsproduktion, Mitteldeutschlands hat sich - trotz aller Demontagen - mehr als verdoppelt.

Die Pankower Regierung hat allerdings nur eine begrenzte Verfügungsgewalt über diese Industrie. Am 7. Juli 1958 unterzeichneten die Sowjet-Union und die DDR ein Wirtschaftsprotokoll, nach dem die Zonenwirtschaft mit dem übrigen Ostblock völlig verschmolzen werden soll und aus dem abzulesen ist, was Moskau und Ostberlin von der deutschen Wiedervereinigung halten.

Der »Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe« in Moskau, dem alle Ostblockländer angehören, legt danach fest, was wo produziert wird. Im Rahmen dieser neuen »internationalen sozialistischen Arbeitsteilung« muß die DDR den Ausbau ihrer eisenschaffenden Industrie stoppen und sich in den nächsten sieben Jahren auf die chemische Industrie konzentrieren. Die sowjetischen Ölfelder in Galizien werden durch eine Pipeline mit Schwedt an der Oder verbunden, durch die 1965 jährlich 4,8 Millionen Tonnen Rohöl in sowjetzonale Chemiewerke gepumpt werden sollen, die zum Teil jetzt erst im Bau sind oder auf Erdölverarbeitung umgestellt werden. Mitteldeutschland soll das Chemierevier des Ostblocks werden. Die »Ständige Kommission für chemische Industrie des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe« ließ sich demgemäß in Ostberlin nieder.

Große Teile der Sowjetzonen-Industrie werden zur Zeit auf die Ostblock-Verbundwirtschaft umgestellt. Polen baut für den Ostblock zum Beispiel nur noch Schiffe zwischen 15 000 und 20 000 BRT, die DDR nur kleinere mit 5000 bis 15 000 Tonnen. Ungarn und Polen stellen nur Turbinen bis 50 000 Kilowatt her, die DDR und die Tschechoslowakei bis 100 000 Kilowatt und die Sowjet-Union über 100 000 Kilowatt. Werkbänke sind von China bis Mitteldeutschland typisiert.

Neben der Sowjet-Union ist die DDR heute die wichtigste Wirtschaftsstütze des Ostblocks. Schon 1956 führte sie Waren im Wert von einer Milliarde Dollar in andere Ostblockstaaten aus. Selbst die Sowjet-Union brachte es nur auf 2,7 Milliarden Dollar.

Die gewaltigen Produktionsanstrengungen, zunächst wesentlich auf Reparationskonto für die Sowjet-Union, jetzt zu Nutz und Frommen des ganzen Ostblocks, gingen und gehen zu Lasten des Lebensstandards der Bevölkerung. Unermüdlich versuchte die SED durch Appelle und Strafandrohungen aus der Arbeiterschaft das letzte herauszuholen und bekämpfte rücksichtslos alle Kräfte, die sich ihrem Plan, dem »Aufbau des Sozialismus«, entgegenstellten. In den Jahren der Existenz des SED-Staates sind von 1949 bis 1958 rund 2,4 Millionen Menschen vor solchen Verhältnissen nach Westen geflohen.

Das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen in Bonn hat durch wissenschaftliche Erhebungen unter diesen Flüchtlingen abseits aller Propagandaabsichten die wahre Einstellung der Sowjetzonen -Bewohner zur DDR herauszufinden versucht.* Dabei stellten sich erstaunliche Erkenntnisse ein.

»Mehr Lohn, sonst nichts«

Bei einer Umfrage unter geflohenen Arbeitern volkseigener Betriebe zeigte sich, daß sie alle von »sozialistischen Errungenschaften« zu erzählen wußten. Die Untersuchung kam zu dem Schluß: »Was den Arbeiter zu diesem Staat (DDR) hinzieht, ist die breite Skala offenbar wirklich sozialer Einrichtungen, Möglichkeiten, Bestimmungen ... Eine Bagatellisierung der sozialen Seite der 'Errungenschaften', ein Versuch, diese Einrichtungen hinwegzudiskutieren, wird das Gegenteil eines propagandistischen Erfolgs beim Arbeiter der sowjetischen Besatzungszone zur Folge haben.«

Auch im privaten Bereich ist das Leben in der DDR nach diesen Untersuchungen sehr viel unpolitischer, als es die SED in ihrer Propaganda glauben machen will. Die Haus- und Straßenvertrauensleute in der DDR, die den »Aufbau des Sozialismus«

bis in die Wohnungen der »parteilosen Bevölkerung vorantreiben« sollen, sind der Hälfte aller DDR-Bewohner unbekannt, weil es sie in ihrer Straße nicht gibt oder weil sie nicht in Erscheinung treten. Nur 2,5 Prozent der Bevölkerung haben aus politischen Gründen ein schlechtes Verhältnis zu diesen »Schnüfflern der SED«.

Nach anderen Untersuchungen, die das Bonner Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen unter Flüchtlingen anstellen ließ, ist die Wohnungssituation in der DDR »durchaus gut«. Zwei Drittel der Sowjetzonenbewohner essen Mahlzeiten, »die wir nach westlichen Maßstäben gemessen als 'gut bürgerlich' bezeichnen können, sowohl nach der Qualität als auch nach der Quantität«.

Nur vier Prozent aller DDR-Bewohner nehmen - nach der gleichen Untersuchung - an Parteiversammlungen, Schulungskursen und ähnlichen Veranstaltungen teil. 96 Prozent kennen keinen »systembedingten Zeitaufwand«. »Der Tagesablauf ist in der sowjetischen Besatzungszone kaum anders als in der Bundesrepublik ... Den Rhythmus des Tagesablaufs bestimmt nicht die Ideologie, ... (sondern) die Arbeitsdisziplin der modernen industriellen Produktionsform.«

Die Unzufriedenheit der großen Masse der Sowjetzonen-Bevölkerung mit dem Regime beruht nicht allein auf dem Gefühl, unfrei zu sein, sondern hat nach diesen Untersuchungen überwiegend materielle Gründe. Testpersonen aus der Industriearbeiterschaft der Sowjetzone - der größten Bevölkerungsgruppe - wurden in Flüchtlingslagern befragt, was sich in der DDR ändern müsse, damit das Leben dort »schön« werde.

Die Untersuchung ergab: »Die Antworten der über 25jährigen Befragten verteilen sich recht gleichmäßig auf die Gruppen 'mehr Reallohn (alles andere ist zweitrangig)', 'freies Leben, sonst keine speziellen Vorstellungen', Regierungswechsel, andere Leute (davon ein Teil für gemäßigtes sozialistisches, ein Teil für ganz anderes System)'. Dagegen sprechen sich zwei Drittel der Jugendlichen für 'mehr Reallohn, materielle Änderungen, alles andere ist zweitrangig' aus.«

Die Antworten der befragten Frauen: »Nur eine wünschte sich ein anderes politisches System, alle anderen wollten zumeist 'materielle Besserung, alles andere ist zweitrangig'.«

Weil auch das SED-System diese Hauptgründe für seine Unbeliebtheit kennt, soll die Konsumgüterproduktion zusammen mit der allgemeinen Wirtschaftsumstellung vorangetrieben werden. Erklärtes Ziel der SED ist es, die Konsumgüterproduktion der Bundesrepublik zu erreichen, was dieser Untersuchung nach zugleich heißen würde: den entscheidenden Einwand der mitteldeutschen Bevölkerung gegen die DDR zu beseitigen. Und so könnte eines nicht mehr allzufernen Tages Wirklichkeit werden, was Lothar Bolz in Genf mit Unmengen Resolutionen aus der Sowjetzone schon jetzt glaubhaft machen will: daß die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik die Mehrheit ihrer Bevölkerung hinter sich hat.

Am Sonnabend vorletzter Woche, zwei Tage vor Konferenz-Beginn, war Lothar Bolz mit Abstand als erster in Genf angekommen und mühte sich schon auf dem Bahnsteig, im Nahkampf um den Konferenz-Rang neue Punkte zu sammeln. Obgleich die Schweiz zu seiner Begrüßung nur den stellvertretenden Protokoll-Chef entsandt hatte, da sie keine Beziehungen zur DDR unterhält, umklammerte Bolz dessen Hand solange, bis ein Photograph zur Stelle war, um die Bahnsteig-Anerkennung en miniature auf die Platte zu bannen.

»Distanz: sechs Bleistifte«

Dem bundesdeutschen Außenminister Heinrich von Brentano, dessen protokollarische Position in der Schweiz sehr viel vorteilhafter ist als die seines mitteldeutschen Kollegen, stahl einen Tag später eine unbekannte junge Blondine den großen Bahnhof. Sie entstieg dem fahrplanmäßigen FD-Zug, an den der Bonner Sonderwagen angehängt war, genau da, wo sich das eidgenössische Empfangskomitee samt Presse-Photographen versammelt hatte. Bundesaußenminister Heinrich von Brentano betrat unbeachtet am Ende des Bahnsteigs Genfer Boden.

Von diesem Augenblick an übernahmen die Schutzmächte der deutschen Teilstaaten in Genf den Streit um den Konferenz-Rang der Deutschen. Einen Tag vor der Eröffnung versuchte Sowjet-Außenminister Gromyko, die in seinen Noten vor der Konferenz ausgelegte Schlinge zuzuziehen. Er erhob die Forderung nach vollberechtigter Teilnahme beider deutscher Delegationen - wodurch die Konferenz in eine Sechs -Mächte-Versammlung verwandelt, die DDR als gleichberechtigter Partner anerkannt und die formale Verantwortung der vier Besatzungsmächte Amerika, England, Frankreich und Rußland für Deutschland verwischt worden wäre.

Der Konferenz-Beginn, auf Montagnachmittag halb vier festgesetzt, war damit in Frage gestellt. Denn die drei westlichen Außenminister weigerten sich, unter diesen Bedingungen den Konferenzsaal zu betreten. Noch am Montagmittag saßen die vier Verhandlungspartner in der Villa des britischen Außenministers Selwyn Lloyd einander gegenüber, unfähig, ihre verabredete Großmächte-Konferenz zu beginnen, weil sie sich nicht über den Status ihrer deutschen Klienten aus Bonn und Pankow einigen konnten.

In diese Sitzung hinein schickte der Hausherr des Völkerbundspalastes, Uno-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, die lakonische Mitteilung, daß er den Sitzungssaal nicht mehr für diesen Tag herrichten könne, wenn er nicht bis vier Uhr eine verbindliche Nachricht über Teilnehmer und Sitzordnung erhalten habe.

Fünfzehn Minuten vor Ablauf dieser Frist erklärte sich Außenminister Gromyko mit einem Kompromiß einverstanden, den er wenige Minuten später auf dem Bürgersteig vor dem Hause der Briten - neben zwei Abfall-Tonnen stehend - einem halben Hundert Reportern lächelnd kundgab:

Die Westmächte hätten auf den bisher von ihnen geforderten viereckigen Konferenztisch verzichtet und sich mit einem runden Tisch einverstanden erklärt. Die Sowjet-Delegation ihrerseits habe auf formale Gleichberechtigung der beiden deutschen Abordnungen mit den vier Hauptdelegationen verzichtet und zugestanden, daß die Deutschen als »Teilnehmer mit beratender Stimme« an zwei gesonderten Tischen Platz nähmen.

Diese Regelung war ein klarer Anfangserfolg der westlichen Delegationen, denn ihre Forderung nach einem viereckigen Tisch hatte nur den Sinn, augenfällig zu machen, daß es sich um eine Viermächte -Konferenz handle, zu der die Deutschen nur als Berater, nicht aber als selbständige Partner zugelassen waren. Nachdem die Deutschen nun an zwei kleine Katzentische am Rande des Verhandlungstisches verwiesen waren, hatte der Westen keine Bedenken mehr gegen einen runden Tisch, der den Großmächten vorbehalten blieb.

Endlich konnten die Uno-Arbeiter, die seit Stunden im Konferenzsaal auf verschiedenartig zusammensetzbaren Teilstücken von Verhandlungstischen gehockt hatten, mit dem Zusammenstellen des Tisch-Puzzles beginnen. Zeit, die Sprechanlage zu installieren, war nicht mehr. Doch auch damit war die Tisch-Querele noch nicht zu Ende. Kaum im Konferenzsaal, entfachte der in Verfahrens-Finessen und Tagesordnungs-Streitigkeiten ebenso einfallsreiche wie unermüdliche Andrej Gromyko eine neue Diskussion - diesmal um den Abstand der deutschen Berater-Tische vom Verhandlungstisch. Er schlug aus unerfindlichen Gründen eine Distanz von »sechs Bleistiften« vor.

Mit angelsächsischem Phlegma und mit Nachsicht für einen Spleen machte der Brite Selwyn Lloyd, Vorsitzender der ersten Sitzung, sich daran, ein halbes Dutzend Längen eines noch unbenutzten Uno -Standard-Bleistiftes Schweizer Fabrikation abzumessen. Gegen das Resultat dieser Vermessungs-Technik legte Gromyko, der legendäre »Mister Njet« des Weltsicherheitsrates der Uno, sein bisher skurrilstes Veto ein: Er habe im Namen der Sowjet -Union nicht sechs Bleistift-Längen, sondern sechs Bleistift-Breiten gemeint.

Während der Amerikaner Christian Herter und der Franzose Maurice Couve de Murville diesem verwunderlichen Schauspiel resigniert den Rücken kehrten, machte der Außenminister Ihrer britischen Majestät gelassen einen Kompromiß-Vorschlag: eine Bleistift-Länge Abstand. Ohne zu zögern, antwortete Gromyko: Einverstanden.

IA in der Schweiz

Wer glaubte, daß die Konferenz sich nun endlich an die vermessenen Tische setzen könne, hatte sich getäuscht. Nach dem Tisch-Streit begann der Stuhl-Konflikt. Wieder ging es um die deutsche Sache. Die Mannschaft aus Pankow, immer darauf bedacht, wie eine Großmacht-Delegation aufzutreten, war - wie Amerikaner, Briten, Franzosen und Russen - mit zehn Mann im Völkerbundspalais erschienen. Die Westmächte dagegen hielten sechs Deutsche jeder Couleur in der Berater -Rolle für ausreichend.

Der Uno-Sicherheitsdienst hatte vorsorglich die Saalkarten für Deutsche zurückgehalten und für Deutsche den Eingang in den Konferenzsaal gesperrt. Bis die Westmächte Gromykos Einsatz für die deutschen Zehner-Riegen gebrochen hatten, mußten die feindlichen deutschen Turnbrüder im Foyer warten.

Da die weisungsgemäß auf Bescheidenheit bedachten Bonner - Riegenältester Grewe war im kleinsten Mercedes vorgefahren, den man je in Bundesdiensten sah

- ohnehin nur zu fünft erschienen waren,

durften sie nach kurzer Wartezeit den Saal betreten. Die Uno-Hauspolizei war sicher, von ihnen keinen wieder herausholen zu müssen.

Die ebenso weisungsgemäß als Welt-Diplomaten herausgeputzten Pankower - DDR-Außenminister Lothar Bolz trug als einziger deutscher Konferenz-Teilnehmer feierliches Schwarz - mußten eine Viertelstunde länger warten. Dann durften auch sie, nach eigener Wahl sortiert, zu sechst in den Saal. Die Konferenz, deren Start wegen der Tischordnung bereits um zweieinhalb Stunden verschoben worden war, konnte schließlich mit abermals 23 Minuten Verspätung zu Stuhl kommen.

Nach der kurzen unpolitischen Eröffnungssitzung erfrischten sich die Delegationsmitglieder aller Nationen - draußen vor der Tür Gebliebene wie privilegierte Sitzungsteilnehmer - an einem Cocktail-Büfett. Die gespaltene DDR-Delegation hatte dabei Gelegenheit zur internen Wiedervereinigung. Bonns Konferenz-Botschafter Grewe nutzte die Pause, um dem Außenminister der Sowjet -Union die Hand zu schütteln. (Die Sowjets vergaßen nicht, später verlauten zu lassen, Gromyko sei von dieser Geste angenehm berührt gewesen.)

Die Konferenz verwandelte sich, wie üblich, für kurze Zeit in eine Cocktail -Party, von der sich allerdings die Pankower, kaum daß sie sich gesammelt hatten, schnell und ebenso geschlossen, wie sie gekommen waren, wieder entfernten. Keiner von ihnen, auch nicht Außenminister Lothar Bolz, hatte mit einem westlichen Diplomaten ein einziges Wort gewechselt.

Soviel Zurückhaltung legten sie sich bis zum Konferenzbeginn am nächsten Nachmittag nicht mehr auf. Als Sprecher auf Pressekonferenzen waren sie wieder in ihrem Milieu.

Jede der sechs Delegationen, einschließlich der beiden deutschen, hat im internationalen Genfer »Maisonde la Presse« einen Raum für diesen Zweck. Vier große Säle sind den Großmächten vorbehalten. Die beiden feindlichen Teutonen-Brüder wurden von den eidgenössischen Konferenz-Regisseuren in zwei kleinere, nur

durch eine Preßpappen-Behelfswand getrennte Räume unters Dach gesetzt.

Bei der Zuweisung dieser beiden Räume kam es zum ersten offiziellen Kontakt zwischen den beiden deutschen Delegationen in Genf. Am Morgen des ersten Konferenztages hatte der Pressechef des Auswärtigen Departements der Eidgenössischen Bundesregierung, Fischli, den Organisations-Beauftragten des Bonner Bundespresseamtes, Dr. Stercken, und den DDR-Presse-Funktionär Marum zu sich gebeten, um auch auf dieser Ebene ein Deutschland-Problem gütlich zu lösen. Nur der größere der beiden Dachräume verfügt über eine Mikrophon-Anlage.

Jovial schlug Stercken aus Bonn vor, eine attraktive Schweizerin aus dem Haussekretariat solle ein Los ziehen. Man einigte sich, eine Münze zu werfen. Bonn ließ Pankow den Vortritt bei der Wahl der Franken-Seite. Marum aus Pankow wählte die Helvetia und gewann. Die gesamtdeutsche Besprechung war damit beendet. In dem so gewonnenen Saal hielt der Presse-Sekretär beim ZK der SED, Gerhard Kegel, der für die Genfer Konferenz eigens zum Gesandten gemacht worden war, am Montag letzter Woche seine erste Pressekonferenz. Er debütierte mit einer Glanzvorstellung in Ostberliner Agit -Prop.

Unterstützt von zwei Jung-Dolmetschern, in deren Haartracht des Elvis Presleys weltweiter Einfluß sichtbar war, bezeichnete der in den Gesandtenstand erhobene Genosse Kegel die Politik der Bundesregierung - die Felix von Eckardt jenseits der Pappwand ohne Lautsprecher, aber mit roter Weste vertrat - wechselweise als »lächerlich«, »schändlich«, »grotesk« und »reichlich antiquiert«. Besonders hatte es ihm ein nie geäußerter Verzicht der. Bonner Delegation auf die deutsche Muttersprache am Verhandlungstisch angetan.

Auch an ihren sonstigen Allüren zeigte sich die DDR-Delegation in Genf ihrem klassenkämpferischen Großmacht-Anspruch durchaus gewachsen. Insgesamt 60 Mann, darunter 25 Diplomaten aller Karrieren und ein volkseigener Koch, waren angerückt. Im Keller des Delegations-Hauptquartiers lagen vier Lkw-Ladungen Broschüren, mit denen die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt und über das Anliegen der DDR aufgeklärt werden sollte.

Bereits am zweiten Konferenztag fühlten sich die Pankower in Genf so heimisch, daß die »Sachsenring«-Kolonne der DDR -Delegation auf ihrer Fahrt von Bolzens Villa ins Volkerbundspalais quer durch die Stadt französische Touristen und Genfer Verkehrsteilnehmer, die von der Kavalkade überholt wurden, mit herrischen Handbewegungen der DDR-Beifahrer an den Straßenrand scheuchte. Um den Anschluß nicht zu verlieren, brausten die letzten drei oder vier Wagen der Kolonne wiederholt über rote Stopplichter an Straßenkreuzungen, als führen sie über die Stalin-Allee. So warben die sächsischen CD-Wagen mit den traditionellen Berliner Kennbuchstaben IA auch in der Schweiz der deutschen Mentalität neue Freunde.

Immerhin zog der erste Auftritt der DDR auf einer Ost:West-Konferenz so viel Aufmerksamkeit der internationalen Presse und der Konferenz-Beobachter auf sich, daß in einer Arbeitssitzung der bundesdeutschen Delegation die Sprache auf den möglichen Propaganda-Effekt kam.

Außenminister Brentano beruhigte besorgte Mitarbeiter mit einem Gleichnis aus dem Obstgarten. Wenn man, so meinte er, zu vier Äpfeln einen fünften Apfel hinzulege, so komme niemand auf die Idee, in dieser Frucht etwas Besonderes zu vermuten und von irgend etwas anderem als von fünf Äpfeln zu reden. Lege man jedoch plötzlich eine Birne daneben, dann richteten sich alle Augen auf die Birne und sähen in ihr etwas Besonderes. Unter den Konferenzteilnehmern sei die DDR-Delegation eben die Birne.

»Für Trude E.«

Trotzdem: Birne Bolz darf den Klimmzug an den Genfer Konferenz-Katzentisch mit Fug als einen doppelten Triumph genießen. Denn das Genfer Tischrücken hat die DDR bei ihren penetranten Bemühungen um internationales Prestige der förmlichen Anerkennung ein ansehnliches Stück näher gebracht. Und Diplomat Bolz, vom Sowjet-Kollegen Gromyko bis auf Bleistift-Länge an den Konferenztisch der Großen bugsiert, hat damit den Gipfelpunkt einer etwas planwidrigen Karriere erklommen, die er, bar aller revolutionären Leidenschaft, erst spät begann und die auch sonst der tückenreichen Strebertour proletarischer Staatsfunktionäre kaum ähnelte.

In den ersten Weimarer Jahren, als es Schüler und Studenten gemeinhin drängte, sich in der Politik rechtsaußen oder linksaußen zu engagieren und Krawall zu schlagen, mied Bolz - Jahrgang 1903 - die Niederungen parteipolitischer Zwistigkeiten. Damals übte er sich in der Attitüde des bourgeoisen Gymnasiasten und Kommilitonen, auf soziale Reputation bedacht, eher den schönen Künsten als dem Leid der Erniedrigten zugeneigt.

Mittlerweile freilich entsinnt sich Bolz ganz deutlich des heute förderlichen Umstandes, daß sein Vater Uhrmacher, sein Großvater Klempner war und daß er als »einziges Arbeiterkind« inmitten der vierhundert Bürgersöhne des Gymnasiums seiner Heimatstadt Gleiwitz in Oberschlesien einen schweren Stand hatte.

Heute kann er sich auch daran erinnern, daß ihm der Anblick des kriegsversehrten Vaters - der im Grabenkrieg verschüttet worden war - erstmals die Sinnlosigkeit des Krieges offenbart hat: »Die Frage, warum das so geschehen war, hat mich als jungen Menschen viel beschäftigt.« Und schließlich weiß er noch genau, wie im November 1917 - Bolz saß in der Untertertia - ein Flugzettel an die Wandtafel geheftet wurde, der die Nachricht von der bolschewistischen Revolution in Rußland kundtat. Dazu Bolz vor der Leipziger Herder-Oberschule: »Damals ging der Atem der Geschichte durch unsere Schule.«

An Bolzens Klassenkameraden wehte die Historie unbemerkt vorüber. Niemand - außer Bolz - nahm das Flugblatt wahr. Aber jeder, der Bolz damals erlebte, weiß sich dieses politisch durchaus indifferenten Musterschülers zu erinnern, der mit Fleiß und Intelligenz der Universität zustrebte, ohne daß revolutionäre Winde ihn berührten.

Selbst das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten München, Kiel und Breslau vermochte nicht seine politische Lethargie zu lösen. Im Gegenteil, seine Passion galt der Kunst und Kultur. Er hörte literatur- und kunstgeschichtliche Vorlesungen und bediente sich bereits jenes bild- und blumenreichen Wortschwalls, mit dem er damals die ihn hemmende Mundart seiner oberschlesischen Heimat verdrängte und der ihm heute noch bei seiner Tätigkeit als DDR-Festredner für alle Gelegenheiten zustatten kommt.

Studiosus Bolz spürte die magische Gewalt des Wortes. Er erlag ihr und schrieb sich - »Für Trude E.« - das Poem »Du gingst den Weg« von der Seele, das sich reimt:

Ein leises Klingen

weht durch grüne Felder,

und alle Blumen singen mit.

Ein stetes Fließen

rauscht durchs Laub der Wälder,

als ob ein Murmeln niederglitt.

Und wie von Goldhaar

schimmern alle Bäume,

das sich im Winde

schüchtern wellt.

Als ob ein Lachen

überschäume,

so liegt ein Blau

auf dieser Welt.

Du gingst den Weg

mit leisem Singen

ganz sacht in zartem Schritt.

Nun geht durch alles Land

ein Klingen,

und alle Blumen singen mit.

»Frau Emmi Schaffer in Dankbarkeit« brachte Bolz sogar ein formgerechtes Sonett - »Die Bitte meiner Hände« - dar, mit Rilkes unvermeidlichen und reimtüchtigen Syringen gleich in der ersten Strophe:

Fühlst du in mir

des Blutes leises Singen,

wie es sich zitternd

durch die Adern zwängt?

Fühlst du, wie sich sein Klang

dir schamhaft schenkt,

so zaghaft

wie das Duften der Syringen?

Fühlst du sein stetes Pochen

dich umschlingen

mit einer Trauer,

wie sie niemand denkt

und die sich fröstelnd

in die Adern senkt?

Fühlst du mein Blut

mit deinem Lachen ringen?

Fühlst du,

wie in der Bitte meiner Hände

die Sehnsucht ist.

»O du, o sei mir gut.«

Und sind doch

diese Hunde nichts als dein -

und wie ich meines Blutes Sang

verschwende

mit jedem Wort, das sucht.

Was singt mein Blut?

O könnt ich immer,

immer bei dir sein.

Bolzens Lyrik fand Aufnahme in der oberschlesischen Publikation »Die Werber - Monatszeitschrift für das südöstliche Deutschland«. Die Schuld daran, daß diese periodische Druckschrift nur einmal - 1. Jahrgang Heft 1, Oktober 1924 erscheinen konnte, traf allerdings nicht allein die beiden Manifestationen Bolzscher Ergriffenheit. Doch Lothar Bolz widmete seine Schaffenskraft fortan nur noch der weniger zweckfreien Jurisprudenz, absolvierte 1926 das Referendar-, 1929 das Assessor-Examen, promovierte zum Doktor der Rechte und ließ sich - wie sein westdeutscher Kontrahent Heinrich von Brentano - als Rechtsanwalt in Breslau nieder.

Den Anwalt Bolz zog es zwar hin- und wieder zu den Literaten ins Breslauer Kaffeehaus »Fahrig«. Der Anwaltspraxis aber wurde weniger diese Neigung für die Libertinage als jene Stammkundschaft zum Verhängnis, die das Anwaltsgeschäft zunächst in Schwung gebracht hatte. Bolz: »Ohne selbst einer Partei anzugehören, hatte ich etwas begangen, was unter Hitler zum Verbrechen wurde. Ich hatte kommunistische, sozialdemokratische, parteilose Antifaschisten in politischen Prozessen verteidigt und wurde dafür im August 1933 (als einziger nichtjüdischer Rechtsanwalt in Schlesien) aus der Anwaltschaft ausgeschlossen.«

Gleichwohl fehlt es an Anhaltspunkten dafür, daß die politischen Verhältnisse Bolz im selben Jahr nötigten, sein Auskommen außer Landes zu suchen. Seine Freunde aus dieser Zeit vermuten, ein vom Vater überlieferter Anti-Reichs-Affekt, den man im oberschlesischen Grenzgebiet nicht selten antraf, habe ihn über Danzig und Polen in die Sowjet-Union gezogen.

Bolz selber kam dieser Deutung entgegen. Vor öffentlichem Forum 1949 in Halle appellierte er unverhohlen an das Antek-Franzek-Ressentiment seiner Landsleute: »Ich, ein Oberschlesier, kann mich jedenfalls nur erinnern, daß dieselben Leute, die uns jetzt ihrer brüderlichen Gefühle versichern (gemeint waren westdeutsche Politiker), uns früher deswegen, weil wir Oberschlesier sind, weil wir an unserer Aussprache als Oberschlesier zu erkennen sind, überall verhöhnt haben. Oder haben Sie etwa vergessen, wie früher Oberschlesier beim Militär behandelt wurden? Erinnern Sie sich nicht der Kaczmarek-Witze, die früher in jedem x-beliebigen Kabarett gerissen worden sind?«

In der Sowjet-Union hatten schlagfertige Beredsamkeit und literaturwissenschaftliche Elementarkenntnisse dem Emigranten Bolz rasch zu öffentlichem Ansehen verholfen. Die Sowjets beriefen ihn als Dozenten für deutsche Sprache und Literatur an die Universität in Nowosibirsk und als wissenschaftlichen Assistenten an das exklusive »Marx-Engels-Lenin-Institut« in Moskau. Mit Artikeln für die deutschsprachige »Rote Zeitung« in Leningrad und die »Deutsche Zentralzeitung« in Moskau tastete er sich auf dem politischen Feld allmählich nach vorn und besserte seine Bezüge auf.

»Drei Parteien sind zu unelastisch«

Seine erste politische Chance kam, als Hitler in die Sowjet-Union einfiel. Bolz schildert gern die ergreifende Szene, wie »eine einfache Garderobenfrau« ihm am ersten Kriegstage - die Straßenbahn war noch mit dem Transparent »Es lebe das deutsche Volk« geschmückt - gesagt habe, sie verstehe sehr gut, warum er bedrückt sei.

Die Sowjets ließen ihm indessen keine Zeit, sich seiner Rührung hinzugeben. Sie erhoben ihn zum Polit-Instrukteur, und Bolz reiste zwecks Aufklärung der deutschen Kriegsgefangenen von Lager zu Lager - längst bevor die exilierten KPD -Eichen Pieck, Ulbricht und der Revolutions-Poet Weinert im Verein mit Hitlers Generalen Seydlitz und Korfes die Bewegung und das Nationalkomitee »Freies Deutschland« etablierten.

Polit-Instrukteur Bolz hielt Distanz zur Ulbricht-Clique, die sich damals schon auf die Machtübernahme in Berlin vorbereitete, und charmierte vorzugsweise die kriegsgefangenen Offiziere. Seine Aufsätze im schwarz-weiß-rot garnierten Organ des Nationalkomitees »Freies Deutschland« waren mit dem Kriegs-Pseudonym Rudolf Germersheim oder gar nicht gezeichnet.

Dazu Wolfgang Leonhard, gleich Bolz einst in sowjetischen Propaganda-Diensten, in seinem Buch »Die Revolution entläßt ihre Kinder": »In offiziellen Parteierklärungen war sein (Bolzens) Name jedoch nicht zu finden. Die Tatsache, daß seine Artikel ungezeichnet in der Zeitung erschienen, ließ schon damals darauf schließen, daß er nicht exponiert werden sollte. Zu jener Zeit war allerdings nicht vorauszusehen, daß er später in der Sowjetzone die 'National-Demokratische Partei' führen und Außenminister der 'DDR' werden sollte.«

Tatsächlich fehlt der Name Bolz auch heute noch auf den amtlichen Ehrenlisten antifaschistischer Matadore der Sowjet -Emigration. Wohingegen die Namen der SED-Genossen, die in Genf laut Protokoll als Bolzens Gehilfen fungieren, auf solchen Listen ziemlich obenan stehen: Winzer und Florin.

Otto Winzer - ein Jahr älter als Bolz, gelernter Schriftsetzer, seit 1925 eingeschriebenes KPD-Mitglied - machte sich bereits in Weimarer Zeiten als Redakteur kommunistischer Blätter einen Namen, verbarg sich nach 1933 zunächst im deutschen Untergrund, bis er 1935 über die Tschechoslowakei, Frankreich und Holland in die Sowjet-Union retirierte. Dort wich er - Deckname: Lorenz - nicht von Ulbrichts zielstrebiger Linie, wofür der Erste SED-Sekretär ihn nach 1945 mit dem Dezernenten-Posten für Volksbildung im Berliner Magistrat und mit einem Platz im Zentralkomitee der Partei bedachte. 1949 rückte er als Staatssekretär der Privatkanzlei Wilhelm Piecks zum Aufpasser des DDR-Staatspräsidenten auf.

In gleicher Eigenschaft wechselte Winzer 1956 von Pieck zu Bolz ins Außenministerium hinüber, führte den Titel eines Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafters, ließ sich widerspruchslos mit »Herr Minister« anreden und avancierte schließlich am selben Tage, an dem die DDR die Namen ihrer Genfer Equipe publizierte, zum Staatssekretär.

Ob Lothar Bolz oder Otto Winzer mehr oder weniger Einfluß auf die Außenpolitik der DDR nehmen, ist schwer zu sagen und ohne Belang. Bekennt Bolz freien Muts: »Die Außenpolitik macht bei uns nicht Dr. Lothar Bolz, ebensowenig wie Brentano in Bonn die Außenpolitik macht. Der Unterschied zwischen uns beiden besteht darin, daß ich noch niemals einen Auftrag von Pferdmenges oder der Deutschen Bank entgegengenommen habe.«

In Wahrheit steckt das Politbüro des ZK der SED den außenpolitischen Kurs der

DDR von einem taktischen Hakenschlag bis zum nächsten ab. Weshalb denn auch die Frage, welchen wirklichen Rang der dritte Mann, der Benjamin der Genfer DDR-Mannschaft, SED-Genosse Florin, einnimmt, kaum Interesse verdient.

Peter Florin, 37, Sohn des in sowjetischer Emigration verstorbenen KPD-Reichstagsabgeordneten und Politbüro - Veteranen Wilhelm Florin, zählt - wie der inzwischen abgesprungene Leonhard - zu den »Kindern der Revolution«, deren Anlagen auf der Karl-Liebknecht-Schule und ähnlichen Komintern-Instituten der Sowjet-Union zu respektabler Reife entwickelt wurden. Nachdem Florin an einer sowjetischen Hochschule mit Auszeichnung das Chemiker -Diplom erworben hatte, richtete er in den ersten Nachkriegsjahren das Hallenser SED-Organ »Freiheit« ein, das heute noch zu den vergleichsweise lesbaren Blättern der DDR gehört.

Dank seiner Intelligenz und der Gunst Ulbrichts tauschte Florin den Chefredakteur -Stuhl 1949 gegen den etwas bequemeren Chef-Sessel der Hauptabteilung Politik I - UdSSR und Volksdemokratien - im DDR-Außenministerium ein. Da er seit 1953 die Abteilung »Internationale Verbindungen« im ZK der SED dirigiert, sitzt er zwar etwas näher als Lothar Bolz am Urquell Pankower Staatsgewalt - aber das historische Klischee »Graue Eminenz«, mit dem westdeutsche Zeitungsleute Florins Position zu umschreiben wünschen, trifft die Machtverhältnisse im DDR -Außenamt ebenso ungenau wie die Qualifikationen »Strohmann« und »Roter Wolf im bürgerlichen Schafspelz«, mit denen Westdeutschlands Presse den DDR-Außenminister Bolz oder das Delegationsmitglied Toeplitz von der Ost-CDU apostrophiert.

Allerdings: Als Otto Winzer und Peter Florin nach Kriegsende bereits in Amt und Würden glänzten, mußte sich Lothar Bolz noch laut amtlicher Sprachregel mit »juristischer und publizistischer Tätigkeit« bescheiden. Aber Bolz hatte vor seiner Rückkehr aus der Sowjet-Union vorgesorgt. Er hatte die sowjetische Staatsangehörigkeit erworben und - in zweiter Ehe - eine Funktionärin aus der KPdSU des Moskauer Parteibezirks geheiratet. Und dieses deutsch-sowjetische Ehegespann hatte sich den Sowjets mit urbaner Gelenkigkeit und Repräsentationstalenten internationalen Stils für Aufgaben empfohlen, die mehr als bloß ideologischen Starrsinn erfordern.

Im Sommer 1948 hielten die Sowjets es für an der Zeit, von diesem Angebot Gebrauch zu machen. Neben der aus SPD und KPD zusammengehauenen SED führten CDU und LDP in der Sowjetzone damals schon die Existenz zweier Partei -Fiktionen, deren christlicher beziehungsweise liberaler Firnis den Opportunismus jener Zonenbürger kaschierte, denen die Kommunisten nicht fein genug waren und die ihren Drang in die Zonenämter mit konterrevolutionären Scheinargumenten zu entschuldigen pflegten.

In dieser Lage fanden die Sowjets heraus, daß auch ein parteiähnliches Gebilde konservativen Anstrichs vonnöten sei, »ein großer Vertrauensbeweis für die ehemaligen Mitglieder der NSDAP und die früheren Offiziere der Hitlerwehrmacht, die in ihrer überwältigenden Mehrheit an der Erhaltung und Verteidigung des Friedens interessiert sind«. Und prompt kam SED-Senior Pieck dahinter, daß »ein Drei-Parteien-System (SED, CDU, LDP) vielleicht nicht elastisch genug ist, um alle Teile der Bevölkerung aktiv an der demokratischen Entwicklung mitarbeiten zu lassen«.

»Die schönste Zone ist die deutsche Zone«

Das war Bolzens große Stunde. Die Sowjetische Militär-Administration ermächtigte ihn, das Agitationsblättchen »National-Zeitung« herauszubringen, und bestellte ihn zum Gründer und Chef der »National-Demokratischen Partei Deutschlands« (NDP).

Schon am Gründungstag seiner Partei - dem 2. September (Sedantag) 1948 - bewies Bolz, wie sicher er die nationale Flöte zu blasen versteht. Er wählte das alte Beamten- und Soldaten-Reservat Potsdam zur Gründungsstätte. Fünf Jahre später - am 18. Oktober 1953, dem 140. Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht - ließ er die Parteidelegierten in Leipzig antreten.

In der Frist zwischen diesen beiden Daten hatte Bolzens nationaler Anhang allerdings die konservative Mimikry eingebüßt.

In Potsdam hatte Bolz geradezu halsbrecherische Parolen zum besten gegeben:

- »Unser Verhältnis zur Sowjet-Union

gründet sich weder auf gemeinsame politische oder ökonomnische, noch auf gemeinsame soziale oder philosophische Doktrinen, grob gesagt, überhaupt auf keinerlei Ideologie.«

- »Die schönste und beste aller Zonen

ist die deutsche Zone.«

- »Wir überlassen es dem Belieben eines

jeden, der sich mit Außenpolitik beschäftigt, ob ihm das Sowjet-System gefällt oder nicht. Man kann zur Sowjet-Union stehen, wie man will.«

- »Wir lehnen es ab, unseren Weg nach dem von der Sozialistischen Einheitspartei empfohlenen Sozialismus auszurichten.«

- »Bevor wir nicht unseren Bestand als Nation retten und bevor wir nicht den Bauplatz für unser Haus in ungeteilten Besitz nehmen, ist es müßig, sich darüber zu unterhalten, ob wir einmal in diesem Haus sozialistisch oder privatwirtschaftlich schalten und walten werden.«

Die SED-Genossen zeigten sich ergrimmt. Max Nierich, weiland Chefredakteur des SED -Organs »Neues Deutschland«, merkte an: »So haben es ähnlich auch die Faschisten gesagt; sie sprachen von 'Volksgemeinschaft', trieben aber in Wahrheit mit ihrem Klassenkampf von oben das Volk auseinander und führten die Nation in die Katastrophe.«

Aber noch erlaubten die Sowjets - zum Verdruß der SED - der NDP, Demokratie zu spielen. Noch durfte NDP-Bolz auf SED -Nierichs Kritik in der Manier eines ostpreußischen Landedelmanns antworten: »Wir können Ihnen nicht helfen. Wir können nur wiederholen, daß wir uns keiner Weltanschauung (auch nicht Ihrer), keinem sozialen Dogma (auch nicht Ihrem) und

keinem Klassenstandpunkt (auch nicht Ihrem) verschreiben!«

Den Mitgliederschwund in seiner Partei konnte Lothar Bolz mit solchen Späßen nicht aufhalten. Als die SED-Experten ihm rieten, den Parteiapparat zu »säubern«, sagte er: »Wenn ich die Schuldigen ausgeschlossen habe, können wir mit der Berliner NDP eine Dampferpartie machen.«

Schließlich resignierte National-Demokrat Bolz. Fünf Jahre nach den Fanfaren des 1. NDP-Parteitages in Potsdam bequemte er sich, auf dem V. NDP-Parteitag in Leipzig zum proletarischen Einheitston der DDR-Propaganda:

- »Auf der festen Grundlage unseres Programms wird die National-Demokratische Partei Deutschlands der Arbeiterschaft und deren Partei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, aufrichtig und mit allen Kräften helfen, den Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik aufzubauen.«

- »Wir Nationale Demokraten erklären schon heute, daß unsere Partei und jedes unserer Mitglieder sich bei der Vereinigung unseres Vaterlandes für eine Entscheidung des deutschen Volkes zugunsten des Sozialismus in ganz Deutschland einsetzen werden.«

Dem I. Parteitag in Potsdam hatte der DDR-Ministerpräsident Grotewohl als Ehrengast amtlichen Glanz geliehen. Beim V. Parteitag in Leipzig begnügte sich Otto Grotewohl, der den sechsten stellvertretenden Ministerpräsidenten und neuernannten Außenminister Lothar Bolz »ausgesprochen unsympathisch« findet, mit einem schmucklosen Grußtelegramm. Der Ministerpräsident grollte seinem ehemaligen Aufbauminister Bolz, weil dessen Amtsenergie sich darauf gerichtet hatte, in spektakulärer Pose Mörtel zu schippen und die Broschüre »Vom deutschen Bauen« zu verfertigen, während der plangerechte Aufbau von Stalinstadt verpatzt wurde.

Daß Grotewohl den Planpfuscher Bolz im Herbst 1953 dennoch an die Spitze des Außenministeriums stellte*, war sowohl auf den Wunsch der Sowjets als auch auf eine Vereinbarung der Block-Parteien zurückzuführen, nach der das DDR-Außenministerium den bürgerlich drapierten Parteien zufallen sollte. Den Ausschlag aber für Bolzens Wahl gaben dessen Eigenschaften und Fähigkeiten, die in der Spitzengruppe der DDR-Funktionäre rar sind.

Lothar Bolz liebt nicht die pinselige Aktenschusterei. Die in der DDR obligate Funktionärs-Emsigkeit ersetzt er durch fixe Behendigkeit. Damen - auch gehobene Genossinnen - begrüßt er mit gewandtem Handkuß, macht laute und heitere Konversation und gibt sich betont konziliant: jedem Honoratioren-Stammtisch einer nordpreußischen Kleinstadt eine Zierde.

Zu seinem sozialen Dekor gehören sorgfältig gewählte Krawatten sowie Graphiken aus dem 19. Jahrhundert. Die Qualität der Weine in seinem gastlichen Haus am Treptower Park - in dem zu Kaisers Zeiten der Kommandeur der dort stationierten Feuerwerker wohnte - wird gerühmt. Und Bolz wird ärgerlich, wenn man ihm unzureichend temperierten Cognac anbietet.

So feine Lebensart überzeugte sogar den anspruchslosen Sekretär Walter Ulbricht davon, daß Lothar Bolz für die Spitzenstelle des Pankower Außenamtes sozusagen prädestiniert war. Bolz selber indes hatte zunächst Sorge, daß die Anfänger in seinem Amt den gesellschaftlichen Schick etwas zu wichtig nähmen und den »Garderoben -Spleen« westdeutscher Jungdiplomaten - Homburg, weiße Handschuhe, gerollter Schirm - zu kopieren suchten. Er läßt deshalb einen Anti-Pappritz für den diplomatischen Nachwuchs »eines Arbeiter- und Bauernstaates« verfassen.

Dieses Vademekum soll nach Bolzens Intention breiter als ein volksdemokratischer Benimm-Leitfaden angelegt werden. Es soll das technische und ideologische Rüstzeug für die Groß-Kampagne liefern, mit der Lothar Bolz und seine auf Regimentsstärke gebrachte junge Mannschaft des diplomatischen und konsularischen Dienstes - koste es an Geld und Blamagen, was es wolle - dem souveränen Staatsrang der DDR auf internationalem Parkett wie mit Fäusten Anerkennung verschaffen wollen.

Abfuhren in Nahost

Das Unternehmen, mit dem Lothar Bolz um die amtliche Gunst der Neutralen buhlte,-ließ sich allerdings beschwerlich an.

Zwar gestand die Regierung des an der afrikanischen Goldküste frisch installierten Staates Ghana der DDR »Handelsvertretungen mit konsularischem Status« zu: Eine Regierungsdelegation der gleichfalls taufrischen Republik Guinea ließ sich sogar nach Ostberlin einladen, wo sie bekundete, »daß sich die freundschaftlichen Beziehungen ... erfolgreich entwickeln.«

Und Omar Oussedik, Staatssekretär der provisorischen Regierung der - noch nicht existenten - Republik Algerien, diktierte einem Reporter der DDR-Agentur ADN den Satz: »Zwischen Algerien und der Deutschen. Demokratischen Republik bestehen enge Bindungen.«

Aber auf der Good-will-Tournee durch Kairo, Bagdad und Neu-Delhi, die Ministerpräsident Grotewohl und Außenminister Bolz im Januar dieses Jahres ungebeten starteten, holten sich die beiden DDR -Bittgänger schmerzhafte Abfuhren. Dies, obgleich Bolz das neutrale Terrain im Nahen und Mittleren Osten durch Wirtschafts- und Propaganda-Funktionäre - »Die Wahrheit über das wahre Deutschland« - vorher hatte beackern lassen.

Kairos Staatspräsident Nasser schickte seinen Vize, den Marschall Amir, zum halbgroßen HBahnhof« auf den Flugplatz und dekorierte den ungeladenen Grotewohl mit dem Kordon des Nils, dem höchsten Orden der Vereinigten Arabischen Republik. Die DDR-Diplomaten münzten diese Gesten in- eine »Vereinbarung über die gegenseitige Errichtung von Generalkonsulaten« um. Das ägyptische Außenministerium dementierte: Irrtum.

Bagdads Ministerpräsident Kassim war vor solchen Mißdeutungen diplomatischer Courtoisie auf der Hut. Er formulierte gemeinsam mit Grotewohl ein Kommuniqué, in dem der höflich unverbindliche Satz stand: »Im Interesse der weiteren Vertiefung der dauerhaften freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Republik Irak und auf der Grundlage der gegenseitigen Achtung der Souveränität und Unabhängigkeit sind beide übereingekommen zu erörtern, daß bei entsprechender Lage diplomatische Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Republik Irak hergestellt und politische Vertretungen zwischen ihnen ausgetauscht werden.«

In Neu-Delhi holte der Verteidigungsminister Krischna Menon die Werbe-Reisenden der DDR vom Flugplatz ab. Staatspräsident Prasad und Ministerpräsident Nehru bewirteten sie und hörten sich ihre Wünsche an. Grotewohl und Bolz propagierten die Aufnahme diplomatischer Beziehungen »als einen Schritt zur Aufrechterhaltung des Friedens«. Nehru ließ die beiden kalt abfahren.

Ähnlich blamiert kehrten mittlere DDR -Chargen von ihren Bittreisen durch Schweden zurück - wiewohl deren Aktionen mit Manövern der schwedischen Kommunisten koordiniert worden waren.

Putzrath statt Ministerialrat

Der Rostocker Parteisekretär und Politbüro-Kandidat Mewis regte bei Ministerpräsident Erlander an, den Touristen- und Reiseverkehr zwischen Schweden und der DDR zu erleichtern. Erlander nickte höflich. Als der Ostberliner Oberbürgermeister Ebert eine Höflichkeitsvisite bei Erlander im SED-Organ »Neues Deutschland« dreist zu einem »politischen Gespräch« verfälschte, reagierte der schwedische Ministerpräsident mit brüsker Korrektur: »Er (Ebert) besuchte mich nur 15 Minuten. Ich stellte ihm vier Fragen, gab aber keinen Kommentar zu seinen Antworten. Er hatte mich um diesen Besuch gebeten, und ich glaubte nicht ablehnen zu können, ihn zu empfangen.«

In der diplomatischen Konkurrenz mit der Bundesrepublik dagegen konnte die DDR fraglos - vorübergehend - die Initiative gewinnen. Das Kommando des DDR-Außenministers Bolz nach Genf nötigte den Bonner Außenminister von Brentano, sich ebenfalls in Genf parat zu halten. Und Bolzens Sitz am Genfer Katzentisch ist der Bonner Position in Genf mindestens ebenbürtig - wenn auch von der de-facto -Anerkennung der DDR durch die westlichen Konferenzmächte noch eine Bleistift -Länge entfernt. Damit Lothar Bolz diese Distanz nicht verschiebt, haben die Uno -Tischler die Katzentische festgenagelt.

Zu Bolzens Pech hat sich die Genfer Neugier nach der Birne unter den fünf Äpfeln nur kurze Zeit gehalten. Seine Agitatoren haben mit ihren Brandreden fertiggebracht, daß sogar die Sowjet-Union ihren Pankower Satelliten stäupte und Lothar Bolz von Andrej Gromyko wieder weggeschickt wurde, als er zum Dejeunieren kam.

Die Sowjet-Diplomatie ist zwar von Chruschtschew beauftragt, in Genf ganz klar zu machen, daß nur eine Gipfelkonferenz der Regierungschefs wirkliche Verhandlungsresultate bringen könnte. Zugleich aber muß Außenminister Gromyko jetzt in Genf zumindest so viel Entgegenkommen zeigen, daß die Westmächte den Gipfel-Treff nicht glaubwürdig verweigern können. Präsident Eisenhower hat seinem neuen Außenminister Chris Herter strikte Anweisung erteilt, keinerlei Zusage für eine Gipfelkonferenz zu geben, wenn er nicht eine echte Kompromiß-Möglichkeit bei den Russen entdeckt.

Die nuancenlose Polemik der DDR-Delegation, auch in der von den deutschen Beratern gar nicht mitzuentscheidenden Frage, ob Polen und die Tschechoslowakei für den Osten und etwa Italien für den Westen zur Konferenz eingeladen werden sollen, komplizierte diese sowjetische Taktik und störte Gromykos Spiel. Außerdem fürchten die Sowjets für das internationale Ansehen ihres mühsam aufgebauten Satelliten, dessen völkerrechtliche Anerkennung sie durchsetzen möchten.

Die Genugtuung der westdeutschen Delegation über die sich abzeichnende Verstimmung im feindlichen Lager, deren Existenz die Sowjet-Delegation nicht mit der gewohnten Sorgfalt verheimlichte, wurde durch Besorgnisse über das eigene bundesdeutsche Ansehen etwas beeinträchtigt. Die Bonner Bundesregierung mühte sich umsonst, einer Reihe von Außenpolitikern des Bundestages und des Vertriebenen-Verbandes den Ausflug in die Weltpolitik und an den sonnigen Genfer See auszureden.

Die parlamentarische Bonner Opposition war in der ersten Woche in Genf durch die Freidemokraten vertreten. Erich Mende und seine Reisebegleitung hatten sich im Hotel Cornavin (das Hauskino spielte: »Die Abenteuer des Herkules") einquartiert, um

- wie es der Major a.D. und Ritterkreuzträger Mende formulierte - »nach infanteristischem Prinzip aus unmittelbarer Nähe zu beobachten«.

Die SPD hat ihren Besuch nur für den Fall angedroht, daß die Konferenz in eine Krisensituation geraten sollte. Vorerst ist sie allein durch den außenpolitischen Sekretär beim Parteivorstand Putzrath vertreten. Herbert Wehner: »Da wir keinen Ministerialrat haben, schicken wir wenigstens einen Putzrath.«

Neben diesen oppositionellen Kräften wachen in Genf christdemokratische Abendländler und heimatvertriebene Ostländler über das deutsche Schicksal. Die CDU -Delegation hat vor allen anderen Hoteldiplomaten den Vorteil, daß der Europarats-Professor Furler als Vorsitzender des Auswärtigen Bundestags-Ausschusses einen direkten Zugang zur offiziellen Regierungsdelegation besitzt, in deren Hotel »Rex« er Aufnahme gefunden hat. Ein anderer CDU -Abgeordneter, Hans Krüger, vertritt das Sonderanliegen der heimatvertriebenen Ostdeutschen. Sein Kommentar zu Konferenzbeginn: »Beim Iwan geht der Zug zur Legalisierung des Status quo.«

Das Lobby-Dasein dieser gemischten parlamentarischen Gesellschaft spielt sich zwischen Promenaden an den Gestaden des Genfer Sees und Einkäufen in Genfs fashionablen Modehäusern, zwischen Erkundungsgängen zum Pressezentrum und Audienzen bei Außenminister Brentano ab. Ihr geheimer Wunsch, dem Außenminister am liebsten über die Schulter auf den Konferenztisch zu schauen, bei seinen Verhandlungspartnern vorzusprechen, wenn sie nur vorgelassen würden, und ständig eigene Vorschläge und Ideen und Kommentare zu verbreiten, veranschaulicht das Unsicherheits-Stadium, in dem sich die westdeutsche Politik befindet. Aus keinem anderen Land, das an dieser Konferenz teilnimmt, sind solche parlamentarischen Aufpasser angereist.

Bisher gelang es Außenminister Heinrich von Brentano, die Parteibeobachter ruhig zu halten, ohne ihnen Einblick in seine Konferenzpapiere zu gewähren. Unter Berufung auf eine Absprache mit den Westmächten verweigerte er ihnen Informiationen über das Vorschlagspaket, das die Weftmächte über Berlin, die Wiedervereinigung und die Europäische Sicherheit ausgearbeitet hatten und erst am Donnerstag vor Pfingsten auf dem Verhandlungstisch aufschnürten:

So laut der Westen dieser von Amerikas Außenminister Herter offerierten Kollektion gebündelter Wiedervereinigungs- und Entspannungsprojekte Beifall spendete, so gering sind die Aussichten dafür, daß die Sowjets die für sie teils schmackhaften, teils ungenießbaren Früchte westlicher Denkarbeit in einem Happen schlucken werden. Umgekehrt bleibt fraglich, wie der Westen reagieren wird, wenn die Sowjets mit ihm speziell über die süßeren Früchte

- Abrüstung, Atomstopp - ins Geschäft

zu kommen suchen.

Daß der deutsche Reichsapfel den Sowjets jedenfalls zu sauer ist, mußte Heinrich von Brentano bei seinem Besuch in Gromykos Letten-Villa erfahren.

Noch auf der Genfer Außenministerkonferenz 1955 hatte er es abgelehnt, dem sowjetischen Außenminister zu begegnen. Diesmal ging die Initiative von ihm aus. Kaum daß die Konferenz eröffnet war, bat er am letzten Dienstagmorgen, Gromyko seine Aufwartung machen zu dürfen.

Schon wenige Stunden später hielt er eine Einladung und einen Termin für den nächsten Tag in Händen. Und noch einmal ein paar Stunden darauf erweiterten die Sowjets den vereinbarten Höflichkeitsbesuch in eine politische Unterredung: Mit einem Telephonanruf im westdeutschen Delegationshotel regten sie an, daß die beiden Minister ihre Hauptberater hinzuziehen könnten, falls Konferenzthemen zur Sprache kommen sollten.

So kam es zu einer regelrechten Diplomaten-Begegnung, an der neben den beiden Ministern auch die Bonner Konferenz-Botschafter Grewe und Duckwitz, Gromykos Stellvertreter Sorin und der Sowjetbotschafter in Bonn, Smirnow, teilnahmen.

Während im Garten russische Kleinkinder ein Holzkarussell drehten, bis sie angesichts des Photographen-Interesses von einer Kindergärtnerin in Reih und Glied abgeführt wurden, zählte Andrej Gromnyko dem Heinrich von Brentano im Innern der neoklassizistischen Villa jene vier Punkte auf, die - so behauptete er - die Situation in Deutschland und die Problematik

der gegenwärtigen Verhandlungen bestimmten:

- Das unmittelbar vor Konferenzbeginn in Washington abgeschlossene Abkommen über die Ausbildung westdeutscher Soldaten an Atomwaffen.

- Die Aufrüstung Westdeutschlands zu

einer Atomwaffen-Bastion Amerikas, in der »militaristische, faschistische und revanchistische Kräfte« entscheidenden Einfluß besäßen.

- Das Bestehen Zweier deutscher Staaten, die allein die Wiedervereinigung Deutschlands herbeiführen können und es ausschlössen, daß die ehemaligen Besatzungsmächte noch weiterhin Verantwortung für Deutschland trügen.

- Ein Vorschlagspaket, in dem der Status

von Westberlin, die Fragen der Wiedervereinigung und der Europäischen Sicherheit zusammengebunden sind, sei für die Sowjet-Union nicht akzeptabel.

Obgleich die Aussprache maßvoll und gelockert war und obwohl wenig später Außenminister Gromyko Bonns ärgsten Feinden aus Pankow eine kalkulierte Abfuhr erteilte, fand Heinrich von Brentano bei seinem Besuch in der Letten-Villa bestätigt, was er zuvor befürchtet hatte: Die Sowjets denken nicht daran, über die Wiedervereinigung zu verhandeln.

Kommentierte Felix von Eckardt: »Zement - Eisenbeton.«

* Das mit der Durchführung beauftragte Institut »infratest GmbH München« legte folgende Untersuchungen vor: »Angestellte in der Sowjetzone Deutschlands« (Mai 1958); »Die ökonomischen Einflüsse auf das Alltagsleben in der SBZ« (November 1958); »Industriearbeiterschaft in der Sowjetzone« (Dezember 1958); »Alltagsleben der sowjetzonalen Bevölkerung - Alltagsverhalten und politische Einflüsse« (Januar 1959).

* Das Amt des DDR-Außenministers war im Januar 1953 vakant geworden, als Georg Dertingen - der erste Außenminister nach Konstituierung der DDR - »auf Grund seiner feindlichen Tätigkeit, die er im Auftrage imperialistischer Spionagedienste durchführte«, festgesetzt und bald darauf wegen Spionage zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Dertinger, vor 1918 königlich-preußischer Kadett, in den zwanziger Jahren Redakteur des Frontsoldaten-Blatts »Stahlhelm«, war nach 1945 über den Posten des Generalsekretärs der Ost-CDU auf den Stuhl des Außenministers gekommen.

DDR-Delegation auf dem Weg nach Genf (l. n. r.: Toeplitz, Winzer, Florin, Bolz): Eine BleistiftLage vor der Anerkennung

Außenminister Lloyd, Couve de Murville, Herter, Gromyko: Deutsche ...

... an festgenagelten Tischen: Vier oder sechs?

Brentano auf dem Genfer Bahnhof

Gleichnis aus dem Obstgarten

Süddeutsche Zeitung

Herter: »Zeigst du deinen Lothar, zeig' ich meinen Heinrich!«

Rußland-Emigrant Bolz

»Fühlst du mein stetes Pochen ...

Staatsgast Bolz bei Nasser (l. Grotewohl)

... o du, o sei mir gut!«

Staatsvisite in Kairos Mumiensaal. Wie warm muß Cognac sein?

Aufbauwilliger Bolz

Antek und Fronzek überwunden

Die Zeit

In der Genfer Stellung

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