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Die blaue Blume der Moderne

Von Ulrich Beck
aus DER SPIEGEL 33/1991

Mich beunruhigt die Frage: Was würde geschehen, wenn der ökologische Gefahrenindustrialismus zusammenbricht wie der Stalinismus? Ich weiß, das ist ausgeschlossen. Aber ausgeschlossen war auch der Zusammenbruch des Ostblocks. Also: Was würde geschehen, wenn die Menschen nach dem nächsten Großunfall auf die Straße gehen: Schluß mit der Gefährdung! Wir sind das Volk!

Wenn man die Programme der Grünen ernst nimmt (und wenn man etwas Konsensfähiges aus ihnen herausfiltern kann), dann lautet die Devise: Abschalten, anhalten, kleiner, langsamer! Die politische Zielrichtung läuft bei aller Vielfalt im Detail auf Askese hinaus. Wenn man die CDU ernst nimmt, wird sie nach dem nächsten GAU noch einen Ventilverschluß einbauen lassen und ein zweites Umweltministerium gründen: eines für die Information, das andere für die Information über die Information. Die SPD würde wahrscheinlich neue Steuern einführen und mit ihren Flügeln flattern.

Das ist - vielleicht - eine karikaturistische Überspitzung. Aber es kommt darauf an, daß wir endlich die Chancen einer Vereinbarkeit von Ökologie und Demokratie diskutieren. Wie auf die soziale Frage im 19. Jahrhundert gibt es auch auf die ökologische Frage heute eine autoritäre, bürokratische Antwort. Im poststalinistischen Europa stellt sich dagegen die Frage: Wie sind mehr Freiheit, mehr Demokratie, eine Radikalisierung der Moderne und mehr Umweltschutz, mehr Technikkontrolle möglich? Anders gesagt: Wie sieht eine grüne Moderne, eine ökologische Demokratie aus?

Die jetzt viel gebrauchte Zauberformel lautet: Nicht nur soziale, sondern auch ökologische Marktwirtschaft muß her. Selbst die CSU und die Industriegewerkschaft Chemie springen auf diesen offenbar fahrenden Zug auf. Spätestens im rollenden Zug wird man überlegen müssen: Wohin geht die Reise?

Der hessische Umweltminister und stellvertretende Ministerpräsident Joschka Fischer will noch mehr. Er will wissen: Welches sind die politischen Kosten eines »ökologischen Umbaus der Industriegesellschaft«? Diese sind in seinen Augen hoch. Die Erfolgschancen stehen sowieso schlecht.

Wenn dennoch etwas gelingen soll, dann müssen erstens - so Fischer - die wirtschaftlichen und technologischen Gewinner-Interessen aktiviert werden. Es muß sich lohnen, ökologisch zu denken und zu handeln. Zweitens müssen die Grünen die »Herren der Grenzwerte« werden. Dies setzt den Aus- und Aufbau entsprechender Ökobürokratien und Ökotechnokratien voraus. Die Lösung ökologischer Probleme muß einer ökologischen Intelligenz Macht-, Markt- und Karrierechancen eröffnen.

Der Vorsatz, auf Eigeninteressen statt auf ökologische Moral zu setzen, klingt gut und erfreulich undeutsch. Auch macht dieser Pragmatismus die Grünen wohl überhaupt erst politikfähig. (Das Bekenntnis zum Industriesystem als Basis seiner Korrektur wäre ihr »Godesberg« und Joschka Fischer ihr »Herbert Wehner«.) Doch diese zustimmende Beurteilung darf nicht den Punkt einer notwendigen Kontroverse verdecken.

Mit der Größe der Gefahr wächst der Ruf nach der starken Hand. Aber kommt die Suche nach einer Vereinbarkeit von Ökologie und Demokratie wirklich dem entsagenden Verlangen gleich, »die blaue Blume der linken Romantik zu küssen« (wie Fischer, mich zitierend, als Vorwurf formuliert)? Oder ist es umgekehrt gefährlich, das Bemühen um eine solche Aussöhnung als romantisch abzutun?

Der Fehler des technokratischen Ökopragmatismus, wie ihn Joschka Fischer, aber auch aufgeschlossene Teile der SPD und der CDU vertreten, tritt hervor, sobald man sich klarmacht: Auf welche Gefahrenziele soll der ökologische Umbau der Industriegesellschaft eigentlich ausgerichtet werden? Auf Gefahren, die vor zehn Jahren schon oder noch nicht, heute schon oder noch nicht, morgen schon oder noch nicht ins Blickfeld der Öffentlichkeit gehoben wurden und werden?

Wir haben es inzwischen mit einer Art Weltschönheitswettbewerb der Großrisiken um den Titel der aussichtsreichsten Untergangsperspektive zu tun. Wie lange wurde die Kernenergie allgemein begrüßt? Wann wird das Ozonloch, wann der sterbende Wald mit welchen Gegengiften, welchen konkurrierenden Risiken hoch- und weggerechnet? Und welche Überlebensfragen werden in Zukunft aus den Wunder- und Schreckenskisten des technischen Fortschritts (Gentechnik, Humangenetik, prädiktive Medizin) hervorgezaubert, die alsdann unsere Aufmerksamkeit und unser politisches Nothandeln alarmieren?

Erkennbar wird so, wie die pragmatische Orientierung das sehr bewegliche Medienbild der jeweils »anerkannten« oder um Anerkennung ringenden Gefahren zur Richtschnur eines an die Substanz gehenden Gesellschafts-Umbaus macht.

Jedoch, die herrschende Kind-im-Brunnen-Politik - erst Entwicklung und öffentliche Finanzierung neuer Technologien, dann Nachdenken und Nachforschen (im wahrsten Sinne des Wortes) über Gefahren und Folgen, dann öffentliche Diskussionen unter dem Fallbeil getroffener Investitionen - muß aufgebrochen und umgedreht werden. Nur so können - könnten, vielleicht - Gefahren minimiert und Selbstkontrolle, Selbstbegrenzung, Mitsprachemöglichkeit eröffnet und gesichert werden. Bliebe noch darüber nachzusinnen: wie?

Große Bereiche der Zukunftsindustrien operieren jenseits der Versicherungsgrenze. Der fehlende private Versicherungsschutz ist die Warnblinkanlage für Unkontrollierbarkeit. Man müßte einmal die Techniker, die der Reaktortechnologie, aber auch der Chemie und der Gentechnologie praktisch ein Nullrisiko bescheinigen, an einen Tisch setzen mit den Versicherungsexperten, die sich dieses Riesengeschäft mit dem Nullrisiko offenbar aus guten Gründen entgehen lassen.

Allein die Einforderung des scheinbar Selbstverständlichen, dessen, was man jedem Pkw-Fahrer strafrechtlich verbindlich vorschreibt, würde die Zukunftsindustrien in größte Verlegenheit bringen. Anstatt sich im Weltuntergang zu sonnen, sollte man mal etwas ganz Kleinkariertes durchsetzen: Gleichheit mit dem Auto! Privaten Versicherungsschutz für alle! Alle Industrien, alle medizinischen Experimente, alle Forschungen!

Ein Vorschlag, bei dem Selbstkontrolle und Selbstbegrenzung geradezu wunderbar ineinandergreifen: keine Großbürokratien, keine Amtsschimmelei! Die Wirtschaft selbst zieht im Wechselspiel der Konkurrenz und mit dem strengen Maßstab der Rentabilität die Grenzen. Wo der Versicherungsschutz fehlt, regiert das Nein, greifen politische Mechanismen: radikale Umkehr der Beweislasten, »gläserne« Produktion, öffentliche Debatten, hohe Legitimationsanforderungen.

Gerade diese Selbstverständlichkeit des Versicherungsschutzes wird allerdings in der Risikogesellschaft zu einer uneinlösbaren Utopie. Daher gilt es noch ein paar Forderungen nachzuschieben. Wie die »soziale Frage« im 19. Jahrhundert, so muß heute die »ökologische Frage« theoretisch und politisch münden in Veränderungen der Institutionen.

Auch beim Betriebs- und Berufsunfall im 19. Jahrhundert gab es keine eindeutige Antwort auf die Kausalitätsfrage: Hat der Arbeiter selbst den Unfall verursacht, weil er den nun abgetrennten Arm falsch in die Maschine gehalten hat? Liegt die Ursache beim Ingenieur, der den Maschinenpark entwarf? Kausalität bleibt immer mehrdeutig, schon aus wissenschaftstheoretischen Gründen. Das Zurechnungsproblem mußte und muß durch konfliktvoll errungene Übereinkünfte, gesellschaftliche Verträge, Rechtsnormen geregelt werden.

Diese historische Erfahrung der Sozialgesetzgebung gilt es auf das Problemfeld der Ökologie zu übertragen. Das bedeutet zum Beispiel: *___Statt strikter Kausalnachweise, die sowieso nur in ____Ausnahmefällen gelingen können, müssen festzulegende ____Vereinbarungen (etwa über die Gesundheitsgefährlichkeit ____bestimmter Abfallstoffe) zur Grundlage der rechtlichen ____Anerkennung von Schädigungen gemacht werden; *___Umverteilung der Beweislasten in kleinen und großen ____Schritten, mit der Konsequenz, daß die betrieblichen ____und wissenschaftlichen Akteure rechtfertigungspflichtig ____in der Öffentlichkeit werden; *___überall, wo technische Sicherheit behauptet wird, diese ____Behauptung mit Gefährdungshaftung quittieren lassen; *___das Verursacherprinzip neu formulieren: mit regionalen ____Zurechnungen von Gewinner- und Verliererbranchen, ____beispielsweise zwischen Küstenregionen mit Gaststätten- ____und Hotelstruktur und den Chemie- und ____Industrieregionen, die jenen die Giftsuppe einbrocken ____und die Gäste vertreiben; *___regionale Abkommen aushandeln zwischen ____Industriebetrieben und der Bevölkerung über die ____Anerkennung von Schädigungen und ____Entschädigungsleistungen (wie zum Teil in Japan schon ____geschehen).

Die Schlüsselfrage jedoch lautet: Wie läßt sich das Ja zur Freiheit von Technik und Wissenschaft mit einem demokratisch kontrollierten Nein ihrer Anwendung vereinbaren?

Die gesellschaftliche Organisation der Technik in der modernen Gesellschaft ist alles andere als modern; sie ist, soziologisch gesehen, geradezu antiquiert, wenn man zum Maßstab der Moderne (was unter Soziologen völlig unstrittig ist) »funktionale Autonomie« gegenüber anderen Handlungsfeldern der Gesellschaft heranzieht.

Ähnlich wie die Wissenschaft viele Jahrhunderte der Religion, wie die Wirtschaft ständischen Restriktionen unterworfen war, so wird die Technik in der Industriegesellschaft von der Wirtschaft dominiert. Würde jenes elementare Prinzip der Moderne, die funktionale Autonomie, auf die »industriefeudale« Organisation der Technik angewendet, so ließe sich das - im Gedankenexperiment - in zwei Schritten konkretisieren:

Erstens eine Freisetzung der Technik von den Prinzipien und Zusammenhängen ihrer ökonomischen Verwertbarkeit. Technik als l''art pour l''art! Gefordert wäre: ein Kubismus der Ingenieure! Ein technikwissenschaftlicher Kandinsky und Klee! Die Technikwissenschaften müßten ihre konstruktive Phantasie, ihre Logik, ihre Zweifel, Reflexivität und Professionalität entfalten. Mehr technische Optionen eröffnen mehr politische Entscheidungsspielräume - die Technik schafft ihre Sachzwänge ab!

Dies setzt voraus, daß - zweitens - der direkte Zugriff der Wirtschaft gebrochen wird; und dies wiederum ermöglicht neue Entscheidungsstrukturen der Verwendung, neue Filter- und Kontrollinstitutionen der Techniknutzung: Recht, Ethik, demokratische Mitbestimmung, Gewaltenteilung, Lernschleifen, Revidierbarkeit, auch: Nein, so wollen wir nicht leben!

Die Grundlage dafür ist nicht eine für alle verbindliche Moral - die gibt es nicht. Grundlage dafür wären Verfahrensregeln, die erfunden, erstritten werden müßten. So könnte - vielleicht - das Legitimationsvakuum der Technikentwicklung im Milieu wachsender demokratischer Ansprüche abgebaut werden.

Dieses Modell einer Kunst der Technik einerseits und der rechtlichen, politischen, ethischen Kontrolle ihrer Anwendung und Umsetzung andererseits liegt nun wirklich quer zu allen Forderungen und realen Entwicklungen, etwa dem Kurzschluß zwischen Universität und Wirtschaft, der von den Modernisierungsparteien mit Energie forciert wird. Gleichzeitig spricht diese Utopie nur das aus, was immer schon versprochen wird: nämlich die Modernität der Technologieentwicklung.

Auch wenn diese scheinbar längst eingelöste Utopie heute uneinlösbar erscheint, läßt sich allein an ihrem Maßstab zweierlei erkennen: Erstens, wir leben noch lange nicht in einer modernen Gesellschaft, und zweitens, Antworten auf die ökologische Frage können auch in der Suche nach mehr Moderne, mehr Freiheit, mehr Demokratie gefunden werden. _(Ulrich Beck, 47, Professor für ) _(Soziologie und Autor vielbeachteter ) _(Bücher (sein letztes: »Politik in der ) _(Risikogesellschaft"), arbeitet zur Zeit ) _(am Wissenschaftskolleg Berlin. )

»Gefordert wäre: ein Kubismus der Ingenieure«

Ulrich Beck, 47, Professor für Soziologie und Autor vielbeachteterBücher (sein letztes: »Politik in der Risikogesellschaft"), arbeitetzur Zeit am Wissenschaftskolleg Berlin.

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