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Spiegel des 20. Jahrhunderts Die Blinden von Hindustan

STANDPUNKT Brief an einen alten Krieger / Von Padma Rao
Von Padma Rao
aus DER SPIEGEL 5/1999

LIEBER APPA,

an dem Morgen im Mai, als mir aus der Zeitung die hiesige Atompilz-Euphorie entgegenschlug, hätte ich gern mit Dir über unsere Bombe geredet.

Doch Du - früher Oberkommandierender der weltweit viertgrößten Armee und größter Enthusiast nuklearer Abschreckung - liegst immer noch in Deinem Hospitalbett wie ein bleiches Gespenst, hilflos am Tropf. In Deine dämmerige Welt hinein möchte ich Dir heute etwas gestehen: Deine salonpazifistische Ex-Schwiegertochter, die mit dem Palästinensertuch, den Selbstgedrehten und den Greenpeace-Demos, hat einen Grad politischer Unkorrektheit erreicht, auf den Du stolz wärst.

Natürlich will ich meinen Kindern nicht den Horror des nuklearen Winters hinterlassen. Aber ich will verflucht sein, ehe ich sie durch atomare Imperialmächte herumschubsen lasse. Ich stimme jetzt auch Dein altes Lied an: Weg mit der teuflischsten Erfindung der Menschheit, und zwar weltweit! Oder aber ihr Atommächte haltet euch aus der indisch-pakistanischen Sache heraus, wo nur die neueste Auflage eurer Show läuft.

Hier sind die Details, die Du nicht wissen kannst, weil Du zu müde bist, um noch die Außenwelt zu erfassen: Indische Wissenschaftler haben Amerikas Späher-Satelliten übertölpelt. Jetzt brüllen wir uns heiser vor Triumph, weil es auf dem Subkontinent zwei »Atomwaffenstaaten« gibt, auch wenn Indien damit wohl seine Ambitionen auf einen permanenten Sitz im Weltsicherheitsrat still beerdigen muß.

Wie vorhersehbar, konterten die USA mit Sanktionen, westliche Stellen strichen Kredite. Was gibt es auch Besseres als Geldentzug, um einen Hungrigen zu strafen. Sogar Japan macht mit. Ausgerechnet. Das einzige Atomopfer, das die besten Beziehungen zum einzigen Atomtäter pflegt.

Wir lehnen den Atomwaffensperrvertrag ab, weil er nach Diskriminierung stinkt. Denn fünf Länder, die Veto-Mächte der Vereinten Nationen, haben ihr Atomwaffenarsenal, erworben nach Jahrzehnten mit Tests und Fallout von Nevada bis zum Südpazifik. An ihnen ist es also seither, das Arsenal zu besitzen, an uns, den Verzicht zu unterschreiben.

Die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Rußland und China haben höheren Wirtschaftsstandard, mehr Bildung und besser entwickelte Kontrollstrukturen. Das stimmt. Und damit natürlich auch das feinere Moralgespür und mehr Verantwortlichkeit beim Umgang mit der Bombe.

Wir dagegen sind die armen, ungebildeten Religionsfanatiker, die danach lechzen, wegen Kaschmir den roten Knopf zu drücken.

Kein Wort über die Wissenschaftler, Ingenieure, Analytiker und Ökonomen von internationalem Ruf, die diese Region hervorgebracht hat, nichts über Indiens traditionelle Rolle bei internationalen Friedenseinsätzen und den unzweifelhaften Erfolg seines demokratischen Systems.

Viele nannten Dich einen Haudrauf-General, als Du uns mit einem gewaltigen Armeemanöver an der pakistanischen Grenze beinahe in den Krieg geführt hättest.

Damals war unsereins allergisch gegen »Tötungsmaschinen«. Ich kaufte meinem Sohn kein Plastikgewehr, trank grünen Tee und war wütend, wenn Du mit ihm am piependen Bildschirm Computerkrieg spieltest.

Ich sagte: Essen, Wohnen und Erziehung anstelle von teuren, gefährlichen Spielzeugen. Du brummtest: Entwicklung ohne Sicherheit? Schau auf Pakistan und Afghanistan!

Indien spürt die US-Sanktionen kaum. Aber Pakistan haben sie verkrüppelt. Es steht kurz vor dem Ruin. Dabei war das Land fast ein US-Protektorat - denn es galt, die Sowjets in Afghanistan zu fesseln.

Solange die menschenverachtenden Taliban ein amerikanisches Konsortium eine Ölleitung über ihr Territorium bauen lassen, gelten selbst sie als Freund der USA.

Das gleiche Amerika, das uns heute einen Testverzicht unterschreiben lassen will, hatte uns geraten, der chinesischen Atombombenentwicklung zuvorzukommen. Wir hätten das fünfte Mitglied des Atomclubs sein können - »vor China!«, hast Du damals gesagt.

Na und? Ich war mehr damit beschäftigt, Deinen Dobermann aus dem Rosenbeet zu holen. Was scherte es mich damals? Gandhi galt als unser größter Exporterfolg nach Buddha und ich während der Jahre in Europa und Amerika als geborene Pazifistin.

»Ja, natürlich, geborene Pazifisten sind leicht zu manipulieren«, sagtest Du und zeigtest nach Westen, wo der Himmel rosa vom Sonnenuntergang war.

Du wolltest mich überzeugen, daß ein wechselseitig erklärter Zerstörungswillen die wechselseitige Atomabschreckung geradezu notwendig mache. Daß allein der Besitz der Bombe auf dem riesigen Subkontinent mit seinen unzähligen Kriegen (davon drei in jüngerer Zeit) den Frieden garantieren könne.

Dein Buch über den indo-pakistanischen Atomstreit hast Du »Die blinden Männer von Hindustan« genannt, nach dem Gedicht von John Godfrey Saxe über sechs Blinde, die einen Elefanten betasten und uneins sind, ob es sich um einen Baum, eine Schlange oder einen Fächer handelt.

Das Bild paßt auch gut auf Indiens benebelte Atompolitiker, wie sie an einem riesigen unbeholfenen Tier herumfummeln. Ich übertrage es auf die schrille Verdammung Indiens und Pakistans. Nur daß diesmal Wirtschaftsgiganten die Blinden sind und nicht eine armselige Drittweltnation.

Politische Korrektheit lehrte mich, gegen Rassismus zu sein, aber da gibt es offenbar Feinheiten. In New York hörte ich zu, wie zwei grimmige indische Diplomaten der Uno-Presse zu erklären suchten, weshalb neben Libyen und Bhutan allein Indien gegen den Teststopp aufgetreten ist. Ich schrumpfte in meinem Sitz, als blonde Köpfe sich zu mir drehten und meine indische Gestalt anstarrten, als hätte ich gerade Friedhofsruhe verletzt.

Die Medien haben auf Dich allerhand reißerische Namen gemünzt: ehrgeiziger Habicht, wilder Kriegsknecht, »ein Rommel«. Für mich bleibst Du Appa, »Vater« im Tamilisch Deiner Herkunft.

Auf der Veranda wurde es kühl, und die Sterne kamen. Du hobst Deinen amerikanischen Armeebecher mit Scotch, und Dein Schlußwort habe ich nicht vergessen: »Als wir in der englischen Zeit bei den vornehmen Clubs anklopften, haben die Weißen uns abgewiesen. Aber bald brachte Mahatma sie zum Einpacken. Gewaltlosigkeit konnte damals zugleich auch eine Macht sein. Und so ist es immer noch.« Recht hattest Du.

Alles Gute, Appa.

Rao, 39, ist SPIEGEL-Korrespondentin in Neu-Delhi. Sie war mit dem Sohn des Generals Krishnaswami Sundarji, Ex-Oberkommandeur der indischen Armee, verheiratet, an den dieser Brief gerichtet ist.

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