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Gesellschaft Die blonde Lova

Sowjetbürger Jurij Leonidowitsch Breschnew besichtigte das Nachtleben in Paris.
aus DER SPIEGEL 22/1972

Für Geld zogen sich die Mädchen -- wie jeden Abend -- aus. Der Herr, der zusah, hatte Geld.

Er war dem Pariser Striptease-Club »Crazy Horse« als Gast hohen Ranges von der Polizei-Präfektur annonciert worden: Juni Leonidowitsch Breschnew, 39, Sohn des Generalsekretärs der KPdSU.

Er kam mit vier Begleitern gegen 22 Uhr und bat um einen Platz, von dem er kurz vor Schluß der Vorstellung wieder unbemerkt verschwinden könne. »Crazy Horse« -Wirt Alain Bernardin setzte die fünf Sowjetmenschen links von der Bühne in eine Loge mit separatem Ausgang, die auch der Tanker-Grieche Onassis bevorzugt.

Juni bestellte Champagner, und die Mädchen lieferten ihre Show.

Die Schaulust Junis, der daheim in Moskau bereits der Trunklust bezichtigt wird, war nicht ungefährlich -- vor allem für Vater Leonid, der als Parteichef einer höchst puritanischen Vereinigung vorsteht: der KPdSU. Für die Parteimoral verstößt es gegen die Würde einer Frau, sich vor fremden Männern der Garderobe zu entledigen, zudem gegen Gage. Es fällt auf den Erzieher, wenn sich in Moskau herumspricht, woran Jung-Breschnew Gefallen fand.

Bundesdeutschlands »Bild« und »Welt« sorgten dafür, daß sich Junis privater Westkurs herumspricht: Vorigen Dienstag -- am Vorabend der Bonner Vertrags-Abstimmung -- meldeten beide Springer-Blätter den Nachtausflug, der bereits im Januar stattgefunden hatte. Aus den fünf Sowjetmenschen waren fünf Frauen um Juni geworden, aus Jurijs Neigung zu scharfen Getränken wurde ein »Skandal«.

Der Breschnew-Junior reist gern in den Westen. Er hat -- wie Vater Leonid -- Metallurgie studiert und war von 1960 bis 1963 der sowjetischen Handelsvertretung in Stockholm beigeordnet. Dort bewohnte er auf Lidingö im sowjetischen Diplomaten-Silo Klosterweg 5 zwei Zimmer, zusammen mit seiner Frau Ljudmila, 37, und seinen beiden Kindern.

Heute ist Juni Breschnew Präsident der Moskauer Staatshandelsorganisation »Promssyrio-Import«. In dieser Funktion fuhr er am 3. Dezember vorigen Jahres nach Linz: Im Werkshafen der österreichischen Stahlfirma VÖSt feierte er die Verladung der zweimillionsten Tonne Stahl für die UdSSR.

Österreichs volkseigene VÖSt liefert Blech für 2,5 Millionen sowjetische Autokarosserien, hat im russischen Nowo-Lipezk ein Muster-Stahlwerk gebaut, deckt seine eigene Rohstoffbasis (Kokskohle und Eisenerz) zu einem Drittel aus Sowjetlieferungen und hat 1968 mit der UdSSR ein Geschäft Rohre gegen Erdgas abgeschlossen, das zum Muster für alle Kooperationsverträge zwischen Ost und West wurde.

Wenige Wochen nach seinem erfolgreichen Österreich-Trip reiste Jurij Breschnew in das vertraute Stockholm; auf dem Rückweg machte er in Paris Station. Im »Crazy Horse« gab er, ganz Top- Manager, dem Oberkellner 100 Dollar Trinkgeld, als die russische Runde wenige Minuten vor Mitternacht das Etablissement verließ.

Kontakte mit den Strip-Mädchen, so ihr Prinzipal Bernardin zum SPIEGEL, gab es nicht -- die sind den Mädchen streng untersagt. Bernardin möchte seine Stripperinnen für sich behalten.

»Am nächsten Tag«, so zitierte »Bild« Bernardin, »kamen für unsere schönste Tänzerin. die blonde Lova Moore, fünf Dutzend Rosen mit dem Vermerk »anonym an. Wir glauben, daß dies ein Abschiedsgeschenk von Jurij Breschnew war.«

Doch die Rosen von Unbekannt kamen erst mehrere Tage nach Breschnews Besuch ins »Crazy Horse« -- wohin viele Rosen kommen. Es waren nur fünf Stück, wohl nicht die Gabe eines Hundertdollar-Tippers.

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