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NATO »Die Bösen rauswerfen«

General John Craddock, 57, höchster US-Befehlshaber in Europa, über Russlands Verhältnis zur westlichen Allianz, den Raketen-abwehrschirm der Amerikaner und den Einsatz in Afghanistan
Von Hans Hoyng und Susanne Koelbl
aus DER SPIEGEL 19/2007

SPIEGEL: In dieser Woche will der russische Generalstabschef nach Brüssel kommen und Präsident Putins Drohung präzisieren, den Vertrag über konventionelle Abrüstung in Europa auf Eis zu legen. Erwarten Sie eine neue Aufrüstung?

Craddock: Einige russische Ankündigungen der letzten Zeit haben mich wirklich überrascht. Auch auf der Nato-Außenministertagung in Oslo war die Überraschung groß. Deshalb will ich gar nicht spekulieren. Es ist wahrscheinlich besser, ihn erst einmal sagen zu lassen, was er genau meint, und dann darüber zu reden.

SPIEGEL: Haben Sie Angst vor einer Rückkehr zum Kalten Krieg?

Craddock: Nein. Heute sind die Kräfteverhältnisse ganz anders. Große Allianzen, die einander an einer Grenze gegenüberstehen, gibt es nicht mehr. Die bipolare Aufteilung der Welt ist Geschichte, sie kehrt auch nicht zurück.

SPIEGEL: Haben Sie, zumindest als Soldat, nicht ein gewisses Verständnis für die Russen? Die Nato rückt bis an ihre Grenzen vor, westliche Streitkräfte nutzen sogar zentralasiatische Militärbasen. Die müssen sich doch umzingelt fühlen.

Craddock: Wenn ich schon umzingelt bin, dann lieber von Demokratien, und es gibt keinen Nato-Staat, der nicht demokratisch wäre. Die Furcht, solche Nationen an meiner Grenze zu haben, ist unverständlich.

SPIEGEL: Sie sehen in Putins Entscheidung eher einen politischen und keinen militärischen Schachzug?

Craddock: So ist es. Wir werden uns anhören müssen, warum es jetzt stärkere Irritationen gibt als noch vor sechs Monaten. Was hat diese Veränderung ausgelöst?

SPIEGEL: Die Russen sind über das amerikanische Raketenabwehrprojekt verärgert, und sie sind nicht die Einzigen, die sich an ihm stoßen. Sogar innerhalb der Nato gibt es Diskussionen. Warum haben die Amerikaner dieses Vorhaben nicht im Rahmen des Bündnisses konzipiert, sondern in Verträgen mit Einzelpartnern?

Craddock: Vermutlich sind die Amerikaner bilateral vorgegangen, weil es die ursprüngliche Absicht war, in erster Linie die Vereinigten Staaten gegen den Angriff eines Schurkenstaats zu schützen.

SPIEGEL: Sie sehen die Bedeutung also nicht etwa darin, dass die Amerikaner hier mit neuen Alliierten in Osteuropa verhandeln, wohingegen der Streit um dieses Projekt eher im alten Europa zu hören ist?

Craddock: Nein, bestimmt nicht. Sie müssen die physikalischen Gesetze und die Geometrie der Erde verstehen. Deshalb wurden Polen und Tschechien als Vertragspartner

ausgewählt, nicht aus politischen Überlegungen heraus.

SPIEGEL: Der Raketenabwehrschild ist also kein weiteres Indiz dafür, dass die Nato ihre Bedeutung verliert?

Craddock: Nein, das ist er nicht.

SPIEGEL: Sie haben eng mit dem früheren Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zusammengearbeitet, der dafür berühmt war, lieber Ad-hoc-Koalitionen zu nutzen als sich mit der Nato auseinanderzusetzen. Rumsfeld ist inzwischen gegangen - und damit auch seine Politik?

Craddock: In Wahrheit wurden doch beide Vorgehensweisen angewandt. Auf beide Methoden zu setzen trägt der Tatsache Rechnung, dass sich die Welt verändert hat und dass es viele Mittel gibt, Nationen auf multilaterale Art zur Zusammenarbeit zu bringen. Ob sie nun die bewährte und zweifellos erfolgreichste Sicherheitsallianz der Welt, die Nato, nutzen oder eine sogenannte Koalition der Willigen, hängt ganz von der Situation und den Bedingungen ab. Vielleicht ist es ein Kriterium, wie schnell eine Sache umgesetzt werden muss.

SPIEGEL: Die Nato kam als Friedenstruppe nach Afghanistan, nun führt sie dort einen blutigen Krieg. Was ist da geschehen?

Craddock: Ungefähr 60 Prozent des Landes sind inzwischen relativ sicher. Dagegen ist die Situation im Süden und im Osten völlig anders. Dort wollen Taliban-Truppen erneut ihr altes Unterdrückungsregime errichten, was die Friedenssicherung zu einer ambivalenten Angelegenheit macht. Zuerst kam die Nato in den Norden und breitete sich dann im ganzen Land aus. Damit zeigte sie Truppenpräsenz auch in Gegenden, wo es bisher keine gab. So ist sie auf Taliban gestoßen, die bis da- hin recht unbehelligt agieren konnten. Die fühlen sich nun herausgefordert und versuchen, verlorene Positionen zurückzuerobern. Das ist keine Überraschung, das entsprach unserer Erwartung.

SPIEGEL: Die Amerikaner und ihre Verbündeten haben bisher 570 Soldaten verloren, wie viele weitere Opfer kann die Allianz noch hinnehmen?

Craddock: Das wird jede Nation für sich beantworten. Es gibt Zeiten, in denen Bündnispartner Opfer erleiden, die über ihren gerechten Anteil hinauszugehen scheinen - und wohl auch gehen. Aber es gibt auch andere Zeiten, in denen die Nationen an einem Strang ziehen, um weitere Opfer zu vermeiden. Erfolg ist der Schlüssel zur Lösung des Konflikts. Das Wichtigste ist, eine Vorstellung davon zu vermitteln, dass Erfolg möglich ist.

SPIEGEL: Voriges Jahr beim Nato-Gipfel in Riga haben die Staatschefs eine umfassende Strategie gefordert, eine enge Kooperation zwischen zivilen und militärischen Beiträgen. Wird das umgesetzt?

Craddock: Es gewinnt an Zugkraft. Zuerst müssen wir die Bösen rauswerfen, und unsere Truppen können das auch. Die nächste Phase ist dann, dort eine Präsenz aufrechtzuerhalten, entweder durch die Isaf-Truppen oder durch afghanische Sicherheitskräfte. Die Sicherheitslage muss nachhaltig verbessert werden, nur das erlaubt eine langfristige Entwicklung, was wiederum Investitionen bedeutet und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Das ist es, worauf es auf lange Sicht ankommt.

SPIEGEL: Das klingt großartig, aber vor Ort ist nicht jeder so optimistisch.

Craddock: Das Wichtigste am Nato-Einsatz ist, der Sicherheit ein afghanisches Gesicht zu geben. Die afghanische Polizei muss ausgebildet werden, sie muss kompetent sein und angemessene Gehälter erhalten, um der Korruption vorzubeugen. Ebenso muss die afghanische Armee ausgebildet und so geführt werden, dass sie die nationale Sicherheit gewährleisten kann.

SPIEGEL: Sind Sie enttäuscht darüber, dass dieses afghanische Gesicht nicht deutlicher zu erkennen ist?

Craddock: Ja, das bin ich. Bei der Armee machen wir endlich Fortschritte. Es sind fähige, gutausgebildete Kräfte. Aber der Schlüssel zu allem ist die Führungsfähigkeit. Die Afghanen müssen gutes Führungspersonal aufbauen. Manchmal gibt es geborene Führer, sehr viel häufiger werden sie dazu gemacht. Es geht um einen ganzheitlichen Ansatz und nicht einfach nur darum, Soldaten auszubilden und sie loszuschicken, ohne sich darum zu kümmern, was dann mit ihnen passiert. Solche Zeiten sind vorbei. Die Polizei hängt vermutlich zwischen zwei und vier Jahren zurück.

SPIEGEL: Die Polizeiausbildung war das Projekt der Deutschen. Sind Sie da auch enttäuscht?

Craddock: Ja, auch da. Die für die Ausbildung der Armee verantwortliche Nation waren die Vereinigten Staaten, die mehr als 2000 Ausbilder zur Verfügung gestellt haben. Für die Polizeiausbildung war Deutschland verantwortlich, und es hat 40 deutsche Ausbilder gegeben. Das war natürlich längst nicht genug, und nun sollen andere Nationen Deutschland helfen.

SPIEGEL: Letztes Jahr forderte die Nato mehr Soldaten für den Einsatz in Afghanistan. Aus Deutschland erhielten Sie sechs »Tornado«-Flugzeuge. Wofür werden die eingesetzt, und wie erfüllen sie ihren Auftrag?

Craddock: Sie gehören zu unserem System von Nachrichtensammlung, Überwachung und Aufklärung. Ich kann hier nicht ins Detail gehen, ohne die Sicherheit unserer Operationen zu gefährden. Es gibt verschiedene Arten von Aufklärungszielen für sie, von der Fahndung nach einzelnen Führern bis zur Terrain-Übersicht etwa in Bezug auf den Mohnanbau und die Bewegungen von Lastwagen-Konvois. Die »Tornados« liefern hervorragende Arbeit.

SPIEGEL: Sollte die Nato in Afghanistan scheitern, wäre dies nicht das Ende für die mächtigste Sicherheitsallianz der Welt?

Craddock: Es würde zumindest das Bündnis in Gefahr bringen. Afghanistan ist die bedeutsamste Aufgabe der Nato, und ich bin eigentlich ganz zuversichtlich. Aber versprechen oder garantieren kann ich natürlich nichts. Wenn wir die Truppen bekommen, die wir brauchen, um diesen Einsatz durchzuführen, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs ziemlich hoch. Uns fehlen aber ausreichende Kräfte, die uns nicht nur erlauben, im ganzen Land für Sicherheit zu sorgen, sondern uns auch Kapazitäten für den Wiederaufbau lassen.

INTERVIEW: HANS HOYNG, SUSANNE KOELBL

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