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LATEINAMERIKA Die Bombe

Ungewöhnlich starke Regengüsse in etlichen Ländern, ungewöhnliche Hitze in anderen. Hunger und Not sind die Folge, eine Meeresströmung vor Perus Küste soll die Ursache sein. *
aus DER SPIEGEL 24/1983

In der Ferne«, berichtete der Priester, wurden merkwürdige Gestalten gesichtet: »Ausländer mit roten Haaren, sie blasen in den Himmel, damit es nicht regnet«. So erklären sich die Indios im südperuanischen Hochland die seit Monaten währende Trockenheit. Sie verlangen Messen und noch mehr Messen, damit ein Heiliger sie erlöse.

Auch im Norden Perus beten die Bauern. Doch die Kerzen, die sie für den Bauern-Schutzpatron San Isidro Labrador anzündeten, sind längst erloschen, und niemand weiß, wer jetzt noch helfen soll. Denn hier regnet es schon seit Monaten, die Fluten haben Dörfer vernichtet und Felder überschwemmt.

Mehrere Hunderte Tote, Tausende Kranke und Infrastrukturschäden von Hunderten Millionen Dollar sind die vorläufige Bilanz des Katastrophenjahres 1983 in Peru.

Schwere Klimaschäden haben auch andere Staaten Lateinamerikas getroffen. So droht der Mapocho-Fluß in Santiago de Chile überzulaufen, der seit 400 Jahren kaum Wasser führte. Im bolivianischen Santa Cruz de la Sierra regnet es wie noch nie zuvor, in Ecuador sind 32 000 Hektar Agrarland den Fluten zum Opfer gefallen.

Von Feuerland bis Kalifornien zerstören Riesenwellen Häfen und Promenaden, während die Hochwasser der Flüsse Paraguay und Parana in Südbrasilien, Argentinien und Paraguay Hunderttausende in die Flucht treiben. Dafür ist es im Nordosten Brasiliens ganz besonders trocken. In Mittelamerika, das vor Monaten zur Unzeit von Wolkenbrüchen getroffen wurde, blieb nun die Regenzeit aus.

Schuld an allem hat »El Nino« (Das Kind), ein zyklisches Naturereignis, das jährlich zur Weihnachtszeit auftritt, eine meist harmlose, warme Strömung, der peruanische Fischer den Namen des Christkindes gegeben haben. Doch manchmal wächst der Kleine zum Giganten - so weit sind sich die Wissenschaftler einig. Wer das »Kind« aber zeugt, weiß niemand so recht.

Während etliche Experten in Südamerika die französischen Atomtests auf dem Mururoa-Atoll beschuldigen oder den mexikanischen Vulkan El Chichon, der im letzten Jahr Millionen Tonnen schwefelhaltiger Asche auf eine Stratosphären-Laufbahn spie, glaubten andere eine Verschiebung der Erdachse zu erkennen: »Es wird hier jetzt alle drei Jahre regnen«, spekuliert ein Unternehmer in der nordperuanischen Stadt Piura und rechnet sich Chancen für geplante landwirtschaftliche Großprojekte aus.

Am wahrscheinlichsten klangen da noch die Thesen der Meteorologen. Denn die beobachteten auf den täglichen Bildern der Wettersatelliten eine merkliche Verschiebung der tropischen Wolkensysteme: Die Mittelachse liegt heute bei fünf Grad Nord über Südkolumbien statt wie üblich bei zehn Grad über Costa Rica. »Die Südwest-Passatwinde sollten das Wolkenband nach Norden schieben«, erklärt der Meteorologe Guillermo Almeyda von der Landwirtschaftlichen Hochschule La Molina in Lima, »doch dieses Jahr sind sie praktisch ausgeblieben.«

Ausgeblieben ist auch der kalte Humboldt-Strom aus dem Südpazifik, der an der peruanischen Küste ein für die geographische Breite außergewöhnlich regenarmes und kühles Wetter verursacht. Dieser Strom bescherte dem Land auch Reichtum an Fisch und Vogelmist, den berühmten Guano.

Ohne Passatwinde aber kommt der Humboldt-Strom nicht an gegen warme Strömungen aus dem Norden, wird er vom »Nino« zurückgedrängt. So herrschte in Lima, das im Mai gewöhnlich herbstliches Wetter mit Temperaturen von 15 bis 23 Grad Celsius hat, immer noch Hochsommer mit 20 bis 30 Grad. Im Norden dagegen regnete es ohne Unterlaß. »Seit fünf Monaten muß ich morgens in Hemd und Unterhose auf _(In der Stadt Piura. )

die Straße«, klagt der Jeepfahrer eines Bauunternehmers in Piura, »denn mein Wohnzimmer steht unter Wasser. Schuhe und Hose kann ich erst vor der Tür anziehen.«

Doch draußen ist es nicht viel besser. In Piura fing es am 4. Januar zu regnen an, was an sich ganz normal ist und dieses Jahr gar mit Freude begrüßt wurde.

Denn die von weiten Wüsten durchsetzte Provinz, deren Bevölkerung zu zwei Dritteln vom Ackerbau lebt, hatte sieben Jahre Dürre hinter sich. Normalerweise dauert die Regenzeit hier 15 Tage, wenn der »Nino« etwas kräftiger ist, kann es auch ein Monat sein.

»Doch nun hörte es einfach nicht mehr auf«, erzählt Saul Yabar Pacheco, Direktor des »Sonderprojekts Chira-Piura«, das die Gewässer der Provinz regulieren und landwirtschaftlich nutzbar machen soll. »In den vergangenen sieben Jahren fielen in Piura insgesamt 297 Millimeter Regen. Jetzt dürften es pro Monat durchschnittlich 495 Millimeter sein.« Die Summe für die ersten fünf Monate dieses Jahres wird auf 3000 Millimeter geschätzt.

Die Menschen stehen hilflos vor den Naturgewalten. 40 Brücken sind eingestürzt, die Straßen an Hunderten Stellen weggeschwemmt, unzählige Lehmsteinhäuser zusammengesackt, das Regulierbecken »Los Ejidos«, das im Rahmen des Chira-Piura-Projektes einen Bewässerungskanal speisen sollte, zerbarst am 22. Mai, die dicken Betonplatten des Wehrs wurden wie Pappdeckel den Piura-Fluß hinuntergespült.

»Es war ein Kampf gegen die Natur«, so Saul Yabar, »ein Kampf, den wir verlieren mußten.« Denn der Fluß führte in den ersten vier Monaten dieses Jahres durchschnittlich 7,3 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde, mehr als das Siebenfache anderer Jahre.

Die tieferliegenden Wohnviertel von Piura, meist Elendsquartiere, wurden zu Lagunen, und in den modernen Neubausiedlungen mußten unzählige Familien in die ersten Stockwerke ihrer Häuser fliehen, umringt von übelriechender grüner Brühe, gepeinigt von Mückenschwärmen. Die Kindersterblichkeit, ohnehin die höchste Perus, hat sich verdoppelt.

»Die Regierung tut nichts«, klagen die Bewohner. Und auch lokale Behörden bedauern, daß der Zentralismus der Hauptstadt Hilfe verzögert. Mahnende Worte des Staatspräsidenten Belaunde Terry, man hätte von den Römern oder Inkas lernen und immer nur auf Höhen bauen sollen, trösten niemanden.

Tatsächlich versickern Hilfssendungen - auch die Bonner Regierung ist mit mehreren hunderttausend Mark dabei, ein Schiff mit 5000 Tonnen Getreide unterwegs - meist in privaten Taschen. Doch unbeugsamer Glaube an die Segnungen der Privatwirtschaft scheint stärkere Kontrollen unmöglich zu machen.

Flugzeuge der Luftwaffe flogen subventioniertes Mehl nach Piura, aber die Bäcker weigern sich, das billige Volksbrot zu backen, das unter Preiskontrolle steht. Für anderes Brot verlangen sie astronomische Preise. Und so dürfte denn das verschlafene Piura heute die teuerste Stadt Lateinamerikas sein. Kontrollen soll es trotzdem keine geben.

»Das würde nur den Schwarzmarkt fördern«, meint Juan Madalengoitia, persönlicher Abgesandter des Präsidenten in der Katastrophenzone, und lobte sich selbst: »Ich telephoniere täglich drei-, viermal mit dem Präsidenten.«

Spekulanten wie Bedürftige erfinden neue Berufszweige, um ein wenig zu verdienen, etwa die »pasadores«, die Autos und Lastwagen durch die einst trockenen Flußbetten führen. »Der Preis hängt vom Gesicht des Fahrers ab, und von der Automarke«, erzählt ein junger Bauarbeiter an der »Nonnenschlucht«, so genannt nach einem nahe gelegenen Bordell.

Niemand denkt daran, die Bevölkerung zu mobilisieren und zur Selbsthilfe anzutreiben. »Wir konnten doch nicht wissen, daß es einfach nicht mehr aufhören würde zu regnen«, sagt ein Beamter in Piura.

Doch auch Katastrophen dieser Art sind nicht gänzlich unvorhersehbar. Vor elf Jahren arbeitete die peruanische Ingenieursvereinigung eine Katastrophenanalyse aus, in der die Gebiete, die durch Erdrutsch, Dürre oder Flut gefährdet sind, genau aufgezeigt waren. Langfristige Gegenmaßnahmen wurden dennoch nicht getroffen.

Auch »El Nino« ist in Peru ein alter Bekannter. 1891 traf er Peru schwer, 1925 abermals. 1972 überschwemmte ein mittelgroßes »Kind« die Nordprovinzen.

Daß es 1983 besonders schlimm kommen konnte, hatten Meteorologen schon im August des Vorjahres aus etlichen Indizien geschlossen. Limonadefabrikanten kauften daraufhin in Erwartung geringerer Ernteerträge massenhaft Zucker auf. Sie hatten recht - Zucker ist heute Mangelware in Peru. Der Staat aber tat nichts.

Das Schlimmste sei nun aber vorbei, glauben etliche Fachleute - wenigstens für dieses Jahr. In Piura wäre man für ein paar Monate Trockenheit schon dankbar. »Dann können wir endlich mit dem Wiederaufbau beginnen«, wiederholen lokale Würdenträger.

Auch die positiven Seiten der Katastrophe werden nun schon hervorgehoben: »Die Wüste ist grün geworden«, freut sich der Geograph Javier Pulgar Vidal, »über Zehntausende Hektar.« Und tatsächlich sieht die Landschaft um Piura aus der Luft wie ein riesiges Golfgelände aus.

Ökologen sehen dank der Feuchtigkeit die Chance, jahrhundertealte Raubwirtschaft nun endlich rückgängig machen zu können. »Die neuen Algarrobo-Bäume (Prosopis Chilenis oder Limensis) stehen schon 60 Zentimeter hoch«, berichtete Pulgar Vidal begeistert.

Dieser bis zu 15 Meter hohe Hartholzbaum, der in vorkolonialer Zeit die Küste mit dichten Wäldern bedeckte, könnte eine dauernde Veränderung des Ökosystems bewirken. Denn die vom Sand aufgesogene Feuchtigkeit reicht aus, damit er die ersten zwei oder drei Jahre überlebt. Danach greifen die Wurzeln metertief in den Grundwasserspiegel.

Projekt-Direktor Saul Yabar will 25 000 Hektar Algarrobo-Wald anlegen: »Auch das Wasser, das jetzt in der Wüste Lagunen bildet, könnten wir sammeln, so wie die alten Inkas dies taten.«

Im ausgetrockneten Hochland von Puno, an den Ufern des Titicacasees, kündigt sich inzwischen schon die nächste Klimatragödie an. Die Bauern müssen ihr Vieh verschleudern oder notschlachten, die Saatkartoffeln fürs nächste Jahr werden gegessen. Die ersten Auswandererkolonnen marschieren nach Arequipa - wo es auch nichts zu essen gibt.

»Das ist eine Bombe«, prophezeit ein Diplomat in Lima, »die in den nächsten zwei Monaten hochgeht.«

[Grafiktext]

Bewässerungsgebiet Wüste, Halbwüste ECUADOR Chira Piura Piura PAZIFIK SECHURA-WÜSTE PERU Kilometer MEXIKO Vulkan Chichon NORD-ÄQUATORIAL-STROM ÄQUATORIAL-GEGENSTROM SÜD-ÄQUATORIAL- STROM »EL-NINO« HUMBOLDT-STROM PAZIFIK WESTWINDTRIFT ECUADOR ÄQUATOR Kartenausschnitt PERU Lima BRASILIEN Titicacasee PARAGUAY CHILE ARGEN-TINIEN ATLANTIK Meeresströmungen warm kühl Wetter-Anomalitäten 1983: extreme Trockenheit starker Regen

[GrafiktextEnde]

In der Stadt Piura.

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