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Arbeiterräte und Parteidiktatur in Rußland »DIE BÜROKRATEN DES ZAREN KEHRTEN ZURÜCK«

Arbeiterräte gelten als Idealform direkter proletarischer Demokratie. Sind sie gefeit gegen den Mißbrauch durch eine Minderheit? Diese Frage bewegt Marxisten und Anarchisten -- historische Beispiele wie die Pariser Kommune von 1871, die Arbeiter- und Soldatenröte der deutschen Novemberrevolution 1918 und in Rußland 1917 bis 1921 liefern Erfahrungsmaterial. Der westdeutsche Kommunismus-Forscher Günther Wagenlehner hat jetzt eine Studie über »Staat oder Kommunismus -- Lenins Entscheidung gegen die kommunistische Gesellschaft« (Seewald Verlag, Stuttgart, 19,80 Mark) verfaßt, in der er über die Techniken berichtet, mit denen die russischen »Sowjets« (deutsch: Röte) in Machtinstrumente der kommunistischen Partei umgewandelt wurden. Aus der Analyse druckt der SPIEGEL einen Auszug.
aus DER SPIEGEL 44/1970

Wenn Lenin die Chance für die Machteroberung nutzen wollte, die sich infolge der chaotischen Zustände im Jahre 1917 in Rußland bot, mußte er auf die Mehrheit des Volkes und sogar des Proletariats, in dessen Namen er handeln wollte, verzichten.

Andererseits mußte Lenin, wie er selbst in »Staat und Revolution« gefordert hatte, seine politische Herrschaft mit dem Willen der Mehrheit legitimieren, wenn er nicht aufhören wollte, Marxist zu sein.

In dieser schier ausweglosen Situation bot sich den Bolschewisten ein Herrschaftssystem an, dessen eigenartige Konstruktion sowohl den Schein der Legitimation durch den Willen des Proletariats wie auch die Herrschaft der bolschewistischen Partei ermöglichen konnte: das Sowjetsystem.

Wenn man die Räte als Ausdruck des Willens der Proletarier auffaßt, und so wollten sie sich seit ihrem ersten Auftreten in der russischen Revolution des Jahres 1905 auch verstanden wissen, so ist dieses System im Grunde mit der Diktatur, die nach Lenin ganz bestimmte Aufgaben zu erfüllen hatte, unvereinbar. Nach ihrer Grundauffassung sind die Sowjets selbständige Organe, an keine Weisungen einzelner Parteien gebunden. So dachten die Initiatoren der Sowjets wie die Bolschewisten bis zum Frühjahr 1917.

Auch nach der Februarrevolution bildeten sich die Sowjets spontan. häufig ohne Beteiligung der Bolschewisten und in der Regel ohne Initiative der Parteiführung. Das wird von Lenin in seiner ersten Beurteilung der Situation zugegeben. Im Gegensatz zu früher nahm er jetzt aber eine entschiedene Haltung für die Räte ein und forderte in den »Aprilthesen« die Machtübernahme durch die »Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Lande von unten bis oben«.

Die meisten bolschewistischen Führer hatten noch gar nicht begriffen, warum Lenin sich so energisch für die Macht der Räte einsetzte, zumal die Bolschewisten in allen Sowjets in der Minderheit waren.

Die auffälligste Eigenart in der russischen Rätebewegung war ihre Zufälligkeit und Spontaneität. Es entstanden viele Räte nebeneinander, die im Namen der Arbeiter oder Soldaten oder der Bauern auftraten, sich teilweise vereinigten oder auch getrennt

* Zu deutsch etwa: »Mehrheitler«, die Anhänger Lenins (zum Unterschied von den »Minderheitlern«, den Menschewisten) innerhalb der russischen Sozialdemokratie.

blieben. In diesem Durcheinander waren die Sowjets in den Hauptstädten von allergrößter Bedeutung.

Die Räte in Petrograd und Moskau entstanden nicht nur zuerst, sondern waren auch zahlenmäßig die größten. Dadurch erhielten diese beiden Sowjets entscheidendes Gewicht bei den gesamtrussischen Versammlungen von Sowjetvertretern.

Auch nach der Bildung eines zentralen Exekutivorgans des 1. Allrussischen Sowjetkongresses galten die Resolutionen des Petrograder Sowjets in den Augen der anderen Räte mehr als die des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees. Der Schlüssel für die Macht in ganz Rußland war die Machtposition im Moskauer und vor allem im Petrograder Sowjet.

Die Bolschewisten hatten zunächst nur wenig Delegierte auf ihrer Seite (im März 1917 in Petrograd 40 von 2000 bis 3000, in Moskau 51 von 700 Delegierten). Aber schon im Sommer stellten sie in Petrograd nach eigenen Angaben die Hälfte der Arbeiter- und 25 Prozent der Soldaten-Abgeordneten und in Moskau über 200 von rund 700 Sowjetdelegierten.

Trotzdem war ihr Einfluß auf das ganze Land bei weitem nicht so groß. Im Juni 1917 stellten sie 105 von 822 Delegierten des 1. Allrussischen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenräte, zum 1. Kongreß der Bauernräte sogar nur 14 von 1115 Mitgliedern.

Eine weitere Besonderheit der Rätebewegung war die Zufälligkeit und Unregelmäßigkeit der Wahl. Es gab keine verbindliche Wahlordnung, so daß sich auch keine einheitliche Vertretungsnorm herausgebildet hatte. In Fabriken und militärischen Formationen entstanden die Räte zumeist durch die Initiative einzelner Arbeiter oder Soldaten, die zur Wahl aufriefen.

Die Folge davon war, daß die Delegierten in den Sowjets unterschiedliche Zahlen von Wählern vertraten. Beispielsweise stellten in Petrograd die Großbetriebe mit 87 Prozent aller Arbeiter 424 Delegierte, während die kleineren Betriebe mit 13 Prozent der Arbeiter 422 Delegierte in den Sowjet entsandten. In Tula entfielen auf 20 000 Arbeiter 350, in Orel 162 und in Woronesch 140 Sowjetdeputierte in Twer waren es 89 auf 35 000 Arbeiter.

Schließlich kamen den Bolschewisten auch die Eigenarten im russischen Sowjetsystem gelegen, daß die Räte infolge ihrer Größe nicht ständig tagen konnten, sondern Exekutivkomitees bilden mußten, und daß durch die Unregelmäßigkeit ihrer Wahl und Vertretung keine genaue Kontrolle der Mandate bei zentralen Versammlungen der Sowjets vorgenommen werden konnte.

Die Folgerung Lenins aus den Eigenarten der Sowjetbewegung bestand darin, daß er im April 1917 seiner Partei den Auftrag gab, sich diese Spontaneität zunutze zu machen und dadurch die Macht in den Sowjets zu erringen. Bei der Machtergreifung der bolschewistischen Partei im Oktober 1917 spielten diese Eigenarten die entscheidende Rolle. Sie vollzog sich zunächst im Petrograder Sowjet, dessen »Revolutionäres Kriegskomitee« unter Leitung Trotzkis die ersten Dekrete der bolschewistischen Herrschaft erließ.

Erst anschließend wurde dem bolschewistischen Aufstand und der Machtergreifung im Petrograder Sowjet durch den II. Allrussischen Kongreß der Arbeiter- und Soldaten-Deputierten der Schein der Legitimität verliehen, indem der Kongreß die bolschewistische Machtergreifung billigte und sich zum einzigen zentralen Organ der neuen politischen Herrschaft erklärte.

An diesem Kongreß nahmen allerdings nur (etwa 650) Delegierte von 402 Arbeiter- und Soldatenräten teil, obwohl in ganz Rußland über 900 Sowjets existierten.

Diese Zufälligkeit der Vertretung in den zentralen Organen begünstigte die Bolschewisten, da sich ihre Mehrheit in den Räten der Hauptstädte bei einer so geringen Beteiligung der Provinzialräte entsprechend auswirken mußte. Lenin nutzte die Gelegenheit, um ein ihm ergebenes Exekutivkomitee wählen zu lassen. Zudem versuchten die Bolschewisten im Anschluß an ihre Machtübernahme überall dort neue Wahlen zu organisieren, wo sie glaubten, ihren Einfluß auf die Räte in der Provinz vergrößern zu können.

Zur Ausnutzung der Räte-Idee für seine Zwecke bemerkte Lenin später nur lakonisch, daß die Menschewisten bis 1917 die Sowjets »verfälscht« hätten, »weil sie die Rolle und Bedeutung der Sowjets nicht zu begreifen vermochten«. Für ihn lag die Bedeutung der Räte-Idee darin, daß er durch die Ausnutzung ihrer Eigenarten die Macht erringen konnte, ohne seine Diktatur als eine Diktatur der bolschewistischen Partei offen in Erscheinung treten zu lassen.

Die Bolschewisten haben in der Folgezeit die Besonderheiten des russischen Rätesystems zu einem dauerhaften System ausgebaut. So wurde kein einheitlicher Modus für Wahltermin und Wahl festgelegt, sondern es blieb der Aktivität der örtlichen bolschewistischen Organisationen überlassen, Termin und Verlauf der Wahlen so zu regeln, daß sie den Bolschewisten die Mehrheit sicherten.

In der »Erklärung der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes«, die vom III. Sowjetkongreß im Januar 1918 verabschiedet wurde, wird das aktive und passive Wahlrecht auf die »werktätigen Massen« beschränkt. Diese allgemeine Bestimmung wurde in die erste Verfassung der Russischen Sowjetrepublik übernommen. Nur diejenigen sollten zur Wahl zugelassen werden, die »ihren Lebensunterhalt aus produktiver und gesellschaftlich nützlicher Arbeit bestreiten« (Paragraph 64). Vom Wahlrecht waren alle Personen ausgeschlossen, die Lohnarbeiter beschäftigen, dazu Kaufleute, Mönche, Geistliche und sonstige Angehörige der ehemals herrschenden Klassen (Paragraph 65).

Diese Bestimmungen sind dehnbar und tatsächlich auch in verschiedener Weise angewandt worden. Faktisch bestimmten die von der Partei eingesetzten Wahlkommissionen, wer wählen durfte.

Zum Wahlmodus heißt es in Artikel 66 der Verfassung vorn Juli 1918: »Die Wahlen werden laut eingebürgertem Brauch an den von den lokalen Sowjets festzusetzenden Tagen vorgenommen.«

Für die Praxis bedeutete diese allgemeine Formulierung, daß die örtlichen Wahlkommissionen nach eigenem Gutdünken, das heißt, in bolschewistischem Sinne, verfahren konnten. Willkürakte kamen häufig vor und führten zu einem allgemeinen Desinteresse an den Sowjetwahlen. Der bolschewistische Erfolg war überall dort gesichert, wo sich einige aktive Bolschewisten befanden.

S. O. Izyna beschreibt in ihrem Buch »Wie wählt man in die Räte«, Moskau 1925, welche Methoden angewandt worden sind, zum Beispiel: Die Wahlkommission lädt nur regierungstreue Einwohner zur Wahlversammlung ein, die anderen erfahren nichts davon. Oder die Säle sind zu klein, so daß nur »bestimmte« Wahlberechtigte Einlaß finden. Die Wahlversammlung wird in einen zentralen Ort verlegt, ohne daß die zugehörigen Dörfer benachrichtigt werden. Allerorts war es üblich, daß sich die Leitung der Versammlung massiv für bolschewistische Kandidaten einsetzte; häufig wurden andere abgelehnt, bedroht oder sogar verhaftet.

Auch die differenzierte Vertretung in den Sowjets wurde zum System erhoben: Nur die örtlichen Sowjets in den Städten und Dörfern wurden direkt gewählt, und das geschah in offener Abstimmung. Diese untersten Räte wählten dann aus ihrer Mitte Deputierte der nächsthöheren Kreis-Sowjets. Diese wählten ihre Abgeordneten in die Gouvernementskongresse der Sowjets, und sie schließlich wählten die Deputierten des Allrussischen Sowjetkongresses.

Die Vertretungsnorm für diesen Kongreß war einseitig festgesetzt. Während auf dem Lande auf 125 000 Einwohner ein Delegierter entfiel, kam in den Städten ein Abgeordneter auf 25 000 Wähler, das heißt: die Vorzugsstellung der Industriezentren, in denen die Bolschewisten mehr Anhänger hatten, blieb gewahrt.

Durch dieses indirekte Wahlverfahren fielen unliebsame Delegierte, die ungewollt in die unteren Sowjets gewählt worden waren, gleichsam durch ein mehrfaches Sieb. In die zentralen Instanzen stießen nur noch bolschewistische Delegierte vor.

Auch die besondere Stellung der Exekutivkomitees blieb erhalten. Sie nahmen die Rechte der immer seltener tagenden Sowjetkongresse in der Zwischenzeit wahr. Da die einfache Mehrheit der Bolschewisten in den Sowjets bei ihrer einheitlichen Abstimmung genügte, um ein rein bolschewistisches Exekutivkomitee zu wählen, saßen in diesen Vollzugsorganen in der Regel nur Bolschewisten.

Endlich blieb der bolschewistischen Partei noch die Möglichkeit, durch die jederzeit zugelassene Abberufung der Delegierten feindliche Sowjetvertreter auszuschalten. Nach Berichten ausländischer Besucher machten sie häufig davon Gebrauch. Sinowjew erklärte offen, daß die Kandidatur von Menschewisten für die Sowjets automatisch zu ihrer Verhaftung führte.

Infolge der vielen Wahlmanipulationen hatten die Bolschewisten bald nach ihrer Machtübernahme in allen zentralen Sowjets die Mehrheit und verloren sie nie mehr.

Die folgende Übersicht zeigt, wie sich das Sieb des indirekten Wahlverfahrens zugunsten der Bolschewisten auswirkte. Bolschewistische Delegierte gab es in den Kongressen der Kreissowjets und Gouvernementssowjets: In den Kongressen 1918 1922 der Kreissowjets: 60,6 % 54,4 % der Gouvernementssowjets: 71,4 % 78,8 %

Von den Delegierten wurden die Exekutivorgane auf den verschiedenen Ebenen gewählt. Bei der geschlossenen Abstimmung der bolschewistischen Gruppe in den Sowjets mußte das Mehrheitsverhältnis also in den Exekutivorganen noch günstiger für die Bolschewisten ausfallen.

Das beweist eine Übersicht über die Lage in den Exekutivkomitees. Hier werden folgende Mitgliedszahlen in der bolschewistischen Partei mitgeteilt:

In den Exekutivkomitees

1918 1922

der Kreissowjets: 83,5 % 81,2 % der Gouvernementssowjets: 83,9 % 91,0 %

Die Bolschewisten saßen also in den Schlüsselstellungen der Sowjets. Damit hatten sie eine breitere Plattform für ihre Regierungsmaßnahmen gewonnen, die nun nicht mehr als rein bolschewistische Direktiven erschienen, sondern als Aktionen der Sowjets.

In Wirklichkeit entschieden nicht die Sowjets als unabhängige Organe, denn die Entscheidungen fielen in den Führungsgremien der Partei, die ihre Gruppen in den Sowjets anwiesen wie sie sich zu verhalten hätten. Die bolschewistischen Mehrheitsfraktionen waren jederzeit imstande, diese Entscheidungen in den Kongressen und hauptsächlich in ihren Exekutivkomitees durchzusetzen.

Schon im Frühjahr 1918 stellte Lenin fest, daß es den Sowjets nicht leicht werden würde, ihre eigentliche Aufgabe, nämlich die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten, zu erfüllen. Ständig drängte er vor allem die örtlichen Räte, doch endlich diese neue Verwaltung zu organisieren.

Inzwischen hatte sich längst herausgestellt, daß die Mitglieder der Sowjets dieser Aufgabe nicht gewachsen waren.

Lenin entschuldigte diesen Mangel damit, daß hinsichtlich der organisatorischen Fähigkeiten »der Russe nun einmal der unbegabteste Mensch ist

Das ist unsere allerschwächste Seite.« In der Partei seien einfach nicht genügend Führungskräfte vorhanden.

Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als die früheren Beamten und Angestellten der Verwaltung wieder einzustellen. Für »diese bot die bolschewistische Notlage die günstige Gelegenheit, sich durch die Beschäftigung in den Sowjetorganen oder noch besser durch den Eintritt in die bolschewistische Partei einen Platz an der Futterkrippe zu sichern. Einige Jahre später bekannte Lenin:

»Die Sache war so, daß uns der Staatsapparat im Jahre 1917, nachdem wir die Macht erobert hatten, sabotierte. Wir waren damals sehr erschrocken und baten die Beamten: »Bitte, kommt doch zu uns zurück!« Und siehe da, sie kamen alle zurück, und das war unser Unglück. Wir haben jetzt eine ungeheure Masse von Angestellten, jedoch nicht genügend ausgebildete Kräfte, um sie tatsächlich anzuleiten.«

Auf diese Weise stieß nach der Oktoberrevolution eine Schar von Glücksrittern zur Partei oder sympathisierte mit ihr, um die begehrte Anstellung in den Sowjets zu erhalten. Die Folge davon war, daß die Verwaltung in Rußland sich bald vervielfacht hatte. Überall bildeten sich Räte und Kollegien. Die Büros wuchsen förmlich aus dem Boden; denn jeder unerfahrene Kommunist legte sich einen Stab von Fachleuten des früheren Verwaltungsapparates zu, die seine Unerfahrenheit weidlich ausnutzten.

Früher entfielen auf eine Kreisverwaltung 20 Verwaltungsangestellte, im Herbst 1918 waren es schon 100 geworden. Nachdem die bolschewistische Regierung im März 1918 ihren Sitz von Petrograd nach Moskau verlegt hatte, reichten die Verwaltungsgebäude Petrograds, die früher für die Verwaltung des ganzen Landes genügt hatten, bei weitem nicht mehr aus, um nur die Angestellten der Stadtverwaltung von Petrograd unterzubringen.

Binnen kurzem war aus den »unbürokratischen« Sowjets ein besonderer Verwaltungsapparat geworden, der sich von dem früheren nur dadurch unterschied, daß er viel umfangreicher war. Lenin wurde durch diese Entwicklung, .die er keineswegs vorausgesehen hatte, in die größte Verlegenheit gestürzt.

So mußte er sich, erschrocken über sein eigenes Produkt, schon im ersten Jahr nach der Oktoberrevolution mit der »Wiedergeburt der Bürokratie« beschäftigen. Ab Januar 1919 erklärte er den »Bürokratismus und die Spekulation« zu den Hauptfeinden des neuen Staates. Der Kampf gegen die Sowjetbürokratie, die im Grunde doch nicht zu beseitigen war, wurde zur wichtigsten Frage und ließ Lenin nicht mehr los.

Als Rezept gegen die Auswüchse der Bürokratie schlugen Lenin und Trotzki die Beseitigung der Kollegialität und den Übergang zur Einzelverantwortung, zur »Einmanndiktatur« vor.

Dieser Prozeß vollzog sich zuerst in der Armee. Hier war es schnell offenkundig, daß mit der Wahl von Vorgesetzten und ihrer jederzeitigen Abberufung die militärische Disziplin nicht aufrechterhalten werden konnte.

Da aber die Bolschewisten zur Sicherung ihrer Macht dringend bewaffnete Streitkräfte benötigten, waren sie auf die Disziplin der Soldaten angewiesen. Was blieb ihnen also anderes übrig, als die Wahl der Vorgesetzten sowie die revolutionären Kollegien wieder abzuschaffen.

Trotzki entwickelte die neuen Thesen erstmalig vor einer Parteikonferenz in Moskau Ende März 1918 -- seine Rede trug den bezeichnenden Titel: »Arbeit, Disziplin und Ordnung werden die sozialistische Sowjetrepublik retten« -~. »Unter dem jetzigen Regime in der Armee, ich sage es euch vollkommen offen, erscheint das Wahlprinzip politisch zwecklos, und in den Dekreten ist es bereits faktisch aufgehoben.«

Der Übergang zum Ernennungs-Prinzip bewährte sich in der Armee so gut, daß Lenin seine Ausdehnung auf die gesamte Verwaltung forderte. Er meinte, die Erfahrungen der Armee könnten nicht isoliert betrachtet werden, und sprach sogar von einer »gesetzmäßigen Entwicklung der Verwaltungsorganisation von den Anfangsformen der Kollegialität zur Einzel-Verantwortung«, zur »einzig richtigen Arbeitsweise

Überall in der Sowjetrepublik wurden nach wenigen Monaten bolschewistischer Herrschaft die 1917 gebildeten Kollegien wieder abgeschafft. Auch die Absicht Lenins, die Gehälter der Sowjetdeputierten und Angestellten auf den Arbeiterlohn zu beschränken, scheiterte an der Wirklichkeit. Seine Dekrete aus der Anfangszeit der bolschewistischen Herrschaft wurden kaum noch beachtet. In der Regel bereicherte sich jeder, der zu einem Amt gekommen war. Das traf nicht nur für jene zu, die sich dem System nur zu diesem Zweck verschrieben hatten, sondern auch für die bolschewistischen Funktionäre.

Die Begrenzung des Einkommens war ohnehin sinnlos, da das Geld wertlos geworden war. Die Privilegien drückten sich darin aus, daß man die Wohnungen der ehemaligen »Ausbeuter« requirierte und Lebensmittel, Textilien usw. im Namen der Sowjetmacht für sich beschlagnahmte.

Stolz erklärte Lenin im Oktober 1921, daß die Rote Armee im Hinblick auf ihre Disziplin der zaristischen Armee »in nichts nachsteht": »In ihr werden strenge, energische Maßnahmen angewandt bis zur Erschießung -- Maßnahmen, die sogar bei der früheren Regierung unbekannt waren. Die Spießbürger schrien und jammerten: Da haben wir"s, die Bolschewisten haben Erschießungen eingeführt!' Wir dürfen darauf sagen: »Ja, wir haben sie eingeführt, und zwar völlig bewußt!'«

Die Macht der Bolschewisten war zwar gesichert, aber den Preis mußten nicht nur die ehemaligen Ausbeuter, sondern alle Schichten des russischen Volkes bezahlen. Auch Lenin bezahlte mit der Aufgabe seiner Vorstellungen über die Struktur des zukünftigen politischen Gemeinwesens:

* Er wollte das Volk durch die Räte unmittelbar an der Verwaltung beteiligen, damit kein besonderer Verwaltungsapparat mehr notwendig sei. Im Ergebnis entstand eben dieser Apparat, die Sowjetbürokratie. Sie blieb einer bestimmten Schicht vorbehalten, und der sowjetische Verwaltungsapparat war umfangreicher und volksfremder als im bürgerlichen Staat. > Lenin wollte die Bezahlung der Führungsorgane dem Arbeiterlohn angleichen. In Wirklichkeit hatten sie größere Privilegien als je zuvor und waren nicht weniger korrupt. > Nach Lenins Vorstellung sollte das ganze Volk bewaffnet werden und dadurch selbst die Armee und die Miliz darstellen. In ·der Sowjetrepublik gab es bald nach der Revolution wieder eine reguläre Armee und einen besonderen Polizeiapparat. > Es sollte ein Bund freier Völker entstehen -- die Nationalitäten wurden unterdrückt, und es begann sich der großrussische Chauvinismus zu regen. In einem wesentlichen Punkt unterschied sich die bolschewistische Staatsmacht vom bürgerlichen Staat: Die Trennung der Gewalten in Legislative, Exekutive und Jurisdiktion, die den Bürger gegen die Willkür »des Staates schützt, war »in der Sowjetrepublik aufgehoben. Damit konnte Lenin die »Diktatur des Proletariats« auch mit der Minderheit seiner Partei aufrechterhalten. Nur richtete sie sich gegen die Mehrheit des russischen Volkes. Sie war -- wie es Trotzki, als er mit Lenin uneins war, im Jahre 1904 prophezeit hatte -- »eine Diktatur über das Proletariat« geworden.

Im Winter 1920/21 flammten im ganzen Lande Bauernunruhen auf. Zugleich murrten die Arbeiter. In der Proklamation der streikenden Arbeiter von Petrograd erklärten diese, daß »sie nicht nach den Dekreten »der Bolschewiki leben«, sondern »selbst über sich verfügen wollten.

Die Kronstädter Matrosen, Soldaten und Arbeiter kamen ihnen zu Hilfe, indem sie »Sowjets ohne Diktatur« forderten. Die von der kommunistischen Partei »betriebenen »Ersatz-Sowjets« sollten aufgelöst und durch »freie Sowjets« ersetzt werden. Mit der Niederwerfung der Aufstände wurden Trotzki und Sinowjew beauftragt. Der Angriff begann am 7. März und dauerte bis zum 18. März 1921. Dann erst war Kronstadt gefallen, und es begann ein blutiges Gemetzel, um »die meuterische Stadt zu reinigen«.

Günther Wagenlehner

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