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»Die Dame ist noch im Rennen«

Eine Woche vor dem FDP-Parteitag ist immer noch nicht klar, wer in den nächsten Jahren die Freien Demokraten führen wird. Otto Graf Lambsdorff diktiert zwar Tempo und Themen, dennoch hat sich, so seine Rivalin Irmgard Adam-Schwaetzer, im Lager des ehemaligen Wirtschaftsministers »eine totale Verunsicherung« breitgemacht. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Um fünf nach sechs hat Otto Graf Lambsdorff seine verschlafenen Radiohörer oft schon mit endgültigen Wahrheiten über Freund und Feind munter gemacht - eine beliebte Morgengymnastik für ihn. Da muß auch Irmgard Adam-Schwaetzer, seit sie den Grafen im Kampf um den frei werdenden Vorsitz der FDP herausforderte, schon ganz schön früh aufstehen, wenn sie was werden will.

Kein Richtungsstreit: Das hatten die Kandidaten sich selber, auf Wunsch der Partei, verordnet, Und fair wollten sie sein und bleiben. Daher bestätigen sie sich immer mal wieder, dieses Ziel erreicht zu haben.

Aber wer sich mit »Otto dem Großen«, wie ihn seine Verehrer nennen, anlegt, der darf auf Pardon nicht rechnen oder gar auf Galanterien. Fehler weidet der Graf geschäftsmäßig aus, Schwächen stellt er genüßlich bloß, Vorlagen verwandelt er umgehend. Er diktiert Tempo und Themen und hält seine Konkurrentin in Atem.

Irmgard Adam-Schwaetzer merkte schon früh, worauf sie sich eingelassen hatte - und doch ließ sie sich den Schneid nicht abkaufen. Sie gibt zurück und teilt aus. Beide bohren in den Wunden des anderen. Sie triezen sich mit feinen Spitzen. Und je länger sich die Kandidatenkür hinzieht, um so mehr artet das Ganze eben doch in einen Richtungskampf aus. Eine Woche vor der Entscheidung des Parteitages haben sich die stillen Hoffnungen des Grafen gleichwohl nicht erfüllt - »die Dame ist immer noch im Rennen«, wie ein Präsidiumsmitglied verwundert anmerkte.

»Eine totale Verunsicherung« hat Frau Adam-Schwaetzer im anderen Lager beobachtet: »Es macht die ganz schön jeck, kurz vor dem Parteitag nicht recht zu wissen, wohin der Hase läuft.«

Es war schon eine unangenehme Überraschung für den Grafen, daß die Staatsministerin im Auswärtigen Amt ihm den Weg an die Spitze plötzlich verstellte. Noch schlimmer aber traf es ihn, daß sie schon bald seine Favoriten-Stellung erschütterte. In Umfragen erreichte Irmgard Adam-Schwaetzer auf Anhieb erstaunlich hohe Sympathiewerte.

Eigentlich durfte Lambsdorff sich als der geborene Nachfolger des nach Brüssel abwandernden Vorsitzenden Martin Bangemann fühlen. Der langjährige Wirtschaftsminister ist hinter dem über allen schwebenden heimlichen Parteiführer Hans-Dietrich Genscher die eindrucksvollste Figur bei den Liberalen: ein wirkungsvoller Redner, geradeheraus und bisweilen übers Ziel hinaus, ein kampflustiger Profi, ein harter Brocken.

Als Genscher nach der Wende, die mit dem Austritt einiger begabter Köpfe wie Günter Verheugen oder Ingrid Matthäus-Maier bezahlt wurde, zermürbt den Parteivorsitz aufgab, sollte denn auch, klarer Fall, Lambsdorff übernehmen. Die Krönung aber fand nicht statt, wegen einer Kleinigkeit, der Spendenaffäre - ein Schlüssel für Lambsdorffs gegenwärtige Kampagne.

Manche seiner Parteifreunde fragen erstaunt, warum den 61jährigen plötzlich ein so unbändiger Ehrgeiz umtreibt. Für die Partei hatte er sich früher nur aus einem Grund interessiert: Sie sollte ihm seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen bestätigen.

Seit seiner Verurteilung im Spendenprozeß aber verlangt der Graf von seiner FDP etwas ganz anderes - seine Rehabilitation. Einen zermürbenden Prozeß hat er, mit allseits bewunderter Haltung, durchstehen müssen, weil er für die Partei illegal Geld besorgte. Und auch in

den nächsten Monaten wird er noch einige Male vor Gericht stehen: als Zeuge in Parteispendenverfahren gegen große deutsche Unternehmen.

Nun soll die FDP ihm die Verdienste honorieren und ihn zugleich entlasten: Der Vorsitz ist sein Preis, nachdem er, großmütig oder einsichtig, auf einen Platz am Kabinettstisch verzichtet hat. Kein unbilliges Ansinnen, aus seiner Sicht, alle spüren den moralischen Druck zur Solidarität. Offen aber redet Lambsdorff nicht davon.

Statt dessen veranstaltet er ein furioses politisches Powerplay. Er führt der Partei vor, was sie an ihm haben würde, wenn sie ihn denn nach oben läßt: einen brillanten öffentlichen Fighter mit Kompetenz und Führungskraft. Keinem der Delegierten können diese Tugenden verborgen bleiben, dafür sorgen auch seine Helfer.

Eine hauseigene Agentur, die von der Wenge GmbH (Geschäftsführer: Otto Friedrich Wilhelm von der Wenge Graf Lambsdorff) verkauft den Redner und seine Manuskripte. Im Süden betreibt der Parteifreund Dietrich Freiherr von Gumppenberg mit seinem PR-Büro die Vermarktung des Marktgrafen. Und bundesweit trommelt für ihn ein »Mann fürs Grobe«, wie Irmgard Adam-Schwaetzer bissig den nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden und Bildungsminister Jürgen Möllemann nennt. »Lambsdorff hält sich vornehm zurück«, so sieht sie die Arbeitsteilung, »er hat ja den Jürgen.«

Möllemann, der schon 1982 im Hintergrund die Drähte zog, als Genscher die Wende vorbereitete, steht nunmehr mit all seinen Umtriebigkeiten in Lambsdorffs Diensten. Der kumpelige Axel Hoffmann, sein persönlicher Referent im Ministerium, geht ihm fleißig zur Hand - mit System. Die beiden haben Seilschaften in den Landesverbänden aufgebaut, die Listen führen über Freund und Feind, vor allem aber über die unsicheren Kantonisten. Und denen wird besondere Aufmerksamkeit zuteil. Sie erhalten Nachhilfe über die Bewerberin.

»Die Irmgard« ist, aus Möllemanns Sicht und grob gesagt, eine Nummer zu klein. Vielleicht kann noch was werden aus ihr, das will er nicht ausschließen. Aber er mag sich diese Frau in der Männerrunde der Elefanten neben Franz Josef Strauß und Helmut Kohl einfach nicht vorstellen. »Wir brauchen die Tycoons«, lautet seine Rede, der »Faktor Qualität« ist sein Maßstab.

Als Beleg wird das angebliche Urteil des Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick, eines Gewährsmannes von hoher Autorität, verbreitet: »Die kann das nicht.« Und nach diesem Grundmuster werden die 402 Parteitagsdelegierten fast generalstabsmäßig bearbeitet.

Aus München meldete sich ein hochgeachtetes Ehrenmitglied mit einem Brief an die bayrischen Delegierten. Einem »uralten Parteimitglied« falle die Wahl »wirklich schwer«, schreibt Herbert Engelhardt, der, wie er sagt, mit Ex-Bundeskanzler Ludwig Erhard »in den gleichen Vorlesungen saß«. Aber »bei fachlicher Abwägung« halte er den Grafen für den »Gewiegtesten«. Auch in Baden-Württemberg

spürte die Kandidatin vor kurzem bei einer Vorstellung die Regie: Irmgard Adam-Schwaetzer wurden ein Brief ihres Ehemannes gegen Lambsdorff und ihr nicht ganz gelungener Auftritt vor dem Bundesverband der Deutschen Industrie vorgehalten: »Müssen wir uns jeden Tag«, wollte einer wissen, »auf neue derartige Peinlichkeiten einrichten?«

Dem Landesverband in Hamburg, in dem Lambsdorff nicht so hoch in Gunst steht, wünschte Möllemann seine bildungspolitischen Aktivitäten zu schildern; er bat darum, auch die Parteitagsdelegierten zu dem Treffen einzuladen. Die Absicht war zu durchsichtig. Er sei gern gesehen, lautete die höfliche Antwort aus Hamburg, aber nur im Kreis des Vorstands.

Zweifelnden wird auch schon mal handfeste Entscheidungshilfe zuteil. Dem Stuttgarter Hinrich Enderlein besorgt der Bildungsminister einen Posten als Generalsekretär der Bun/Länder-Kommission für Bildungsplanung. Die Bundestagsabgeordnete Uta Würfel, deren Platz auf der saarländischen Liste gefährdet ist, bekam ein Angebot für die Europaliste (was sich dann nicht verwirklichen ließ). Die NRW-Landtagsabgeordnete Ruth Witteler-Koch, einzige Adam-Schwaetzer-Freundin ihrer Fraktion, muß sich Sorgen um ihren Listenplatz machen.

Der Graf selber ist derweil unermüdlich in der Chefsache unterwegs, er hetzt von Termin zu Termin, von Interview zu Interview. Doch der Kandidat verteilt nicht nur Freundlichkeiten. Als Hans-Joachim Otto, den Frau Adam-Schwaetzer zu ihrem Generalsekretär machen will, für die bevorstehenden Kommunalwahlen um Lambsdorffs Hilfe bat, schrieb der cool zurück: »Sie werdne verstehen, daß ich die Entscheidung über meine Wahlkampfeinsätze auch in einem gewissen Zusammenhang mit der bevorstehenden Entscheidung des Bundesparteitages sehe.«

Einen Coup landete Lambsdorff mit seinem Vorschlag, im Falle seiner Wahl eine Frau zur Generalsekretärin zu machen. Cornelia Schmalz-Jacobsen, eine attraktive Mittfünfzigerin, Kinderbuchautorin und Jugendsenatorin in Berlin, wird gezielt auf die weiblichen Wähler angesetzt. »Hoher Respekt«, räumt Konkurrent Otto ein, »das ist alles strategisch gut angelegt.«

Dagegen hat die Herausforderin einen schweren Stand. Einst Lambsdorffs Ziehkind und Genschers Zögling, hat sie Mühe, die eigenständige Position, Kompetenz und Führungskunst neben dem begabten Selbstdarsteller überhaupt zur Geltung zu bringen. Der einstige Wirtschaftsminister konnte über Jahre seine Netzwerke knüpfen. Die studierte Apothekerin aber versucht den Sprung nach oben ohne Netz.

Als Generalsekretärin, als Schatzmeisterin, als AA-Staatsministerin, immer war sie die Außenseiterin, die mißtrauisch beäugt wurde. Jedesmal fragten Parteifreunde: Kann die das? »Aber jedesmal«, meint ihr designierter Generalsekretär Otto, »hat sich das Irmchen aus Düren gesteigert.«

So hält sie sich auch jetzt, in dem Rennen mit den ungleichen Startchancen, selbst nach dem Urteil ihrer Gegner erstaunlich gut. Sie setzte, auch mit allerlei Bösartigkeiten, dem Grafen respektlos zu. Selbst ihre Schwächen wußte sie vorteilhaft herauszuputzen.

Lambsdorffs Führungskraft wertete sie kurzerhand als schlechten Stil ab. Da wartete sie gar mit grobem Kaliber auf: In ihren Augen benimmt Lambsdorff sich »autoritär« wie in »vordemokratischen« Zeiten. Solchem »Gutsherrenstil« möchte sie die demokratische Diskussion entgegensetzen.

Bei den Freidemokraten kommen derlei Versprechen durchaus an. Sie haben unter Genschers Alleinherrschaft gelitten und fühlten sich durch Bangemanns Alleingänge überfahren. Und sie kennen die Unduldsamkeit des Grafen.

Lambsdorffs Erfahrungen imponieren Irmgard Adam-Schwaetzer nur mäßig. Die 46jährige präsentiert sich als Beispiel für den fälligen Generationswechsel, den die Sozialdemokraten mit Björn Engholm oder Oskar Lafontaine schon eingeleitet haben. Sie vertraut auf den Reiz des Unverbrauchten - und natürlich auf die Reize der Frau. Die SPD habe mit der Quotenregelung, findet sie, Maßstäbe gesetzt.

Allein Lambsdorffs unbestreitbare Kompetenz läßt sie wohl oder übel gelten, aber die sieht Irmgard Adam-Schwaetzer nur auf wirtschaftspolitischem Feld. Und da soll er auch weiterhin unangefochten der King bleiben. »Aber es ist doch nicht nötig«, meint Irmgard Adam-Schwaetzers Helfer Otto über Lambsdorff, »daß der Ober-Wirtschaftspolitiker auch an der Spitze steht.«

Paradox: Ausgerechnet seine größte Stärke macht den Grafen auch höchst anfechtbar. Die Delegierten auf den Parteitagen spendeten ihm bisher immer wieder großen Beifall, aber oft genug folgten sie ihm dann doch nicht.

Zu sehr ist sein Horizont, selbst für FDP-Verhältnisse, auf die Lehre von der reinen Marktwirtschaft verengt. Wenn die Wirtschaft floriert, bleibt auch fürs Soziale was übrig, lautet sein Credo. Umweltschutz sah er vor allem als Kostenfaktor für die Unternehmer. Den Ausbau der Kernenergie betrachtet er als Zukunftsinvestition, die Förderung alternativer Energien eher als Geldvergeudung.

Während Lambsdorff ein klares Weltbild samt Lösungen im Kopf trägt, sieht Frau Adam-Schwaetzer die »Welt im Umbruch«, ein Konzept oder gar »schnelle Programme« hat sie nicht zu bieten. Die neunziger Jahre, weiß sie nur, brauchen »andere Themen« als nur Wirtschaftspolitik. »Öffnung« heißt ihre Botschaft.

Die Kandidatin beklagt die »soziale Kälte« des Grafen. Sie scheut, wie die SPD, nicht den »Ausstieg« aus der Kernenergie. Sie verlangt eine »neue Orientierung«, die nach Meinung ihres Kontrahenten noch 50 bis 70 Jahre dauert.

In der Finanzpolitik sieht sie zwar Differenzen mit der SPD, doch keinen »meilenweiten« Abstand wie Lambsdorff; aber auch ihre Einschätzung lautet, die SPD sei »noch nicht in der Lage, Verantwortung zu übernehmen«. Steuerpolitik

sollte der Modernisierung der Wirtschaft dienen, zum Nutzen der Umwelt. »Frau Matthäus-Maier«, die neue SPD-Finanzsprecherin, sagt sie voraus, »wird ein Programm hinlegen, daß uns Hören und Sehen vergeht.«

Lambsdorffs großer Kummer ist, daß er, trotz aller Anstrengungen, immer noch abgeschlagen in der Wählergunst zurückliegt. Nach jüngsten Umfragen des Politbarometers wird der Graf auf der Skala von plus fünf bis minus fünf bei minus 0,4 notiert, die Dame bei plus 0,9 - ein Wert, den außer Genscher noch kein FDP-Politiker erreichte.

Das Entscheidende aber ist: Nicht nur bei der eigenen Klientel hat sie große Sympathien, sondern auch bei Sozialdemokraten und Grünen. Lambsdorffs Freunde hingegen stammen aus der Union: für die Koalition ein nutzloser Wähleraustausch.

Irmgard Adam-Schwaetzer, andererseits, ist mit ihrem Anspruch auf einen Kabinettsposten schwer in die Bredouille geraten. In der FDP kennt man ihre Ambitionen auf das Wirtschaftsministerium - aber sie traut sich nicht, dieses Ressort eindeutig für sich zu reklamieren. Das werde, wiederholte sie in Dutzenden Interviews, erst »nach dem Parteitag« entschieden. »Alle Positionen« könnten »auf den Prüfstand kommen«.

So vergrätzt sie die Parteifreunde, die ihre Verrenkungen nicht gut finden, und beruhigt auch die anderen nicht, die sich solchen Wünschen entgegenstellen - zum Beispiel Generalsekretär Helmut Haussmann, der selber gern Wirtschaftsminister werden will. Und ihren Gegnern schafft sie die gute Gelegenheit, hämisch zu verbreiten, Irmgard Adam-Schwaetzer »weiß nicht, was sie will«.

Rückgriff aufs Altbewährte oder Mut zum begrenzten Risiko?

Der Taktierer Genscher, auf dessen offene Hilfe die Staatsministerin lange vergeblich hoffte, mochte sich auch eine Woche vor Parteitagsbeginn mit einer Prognose für den Ausgang der Wahl nicht festlegen: »Lambsdorff hat sein Näschen vorn - noch.«

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