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Die deutsche Depression

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann berichtet über die Stimmungslage der Nation (l)
aus DER SPIEGEL 3/1982

Das waren Zeiten, als die Bundesrepublik und ihre Bürger noch verdrossen gescholten wurden. Oder lieblos und erschöpft. Unterkühlt, phantasiearm und gereizt. Es ist erst Monate her.

Da fielen Rednern und Leitartiklern noch bunte Wörter ein für die triste Gemütsverfassung der Deutschen: Sauertöpfisch seien sie, miesepetrig und übellaunig. Dazu anspruchsvoll, faul und fad. Wie Wunder an Genauigkeit erscheinen solche Beschreibungen, verglichen mit der verbalen Einheitsdüsternis, die jetzt das Land überzieht.

Heute haben wir nur noch Angst. Große Angst und kleine Angst, gewiß, auch Angst vor der Angst. Aber sonst gar nichts. Zu den Physiognomien der Griesgrame, die etwa Hans-Jochen Vogel seinen hessischen Genossen beschrieb, jene, die aussehen, als »seien der Essig und die Salzsäure ihr Lieblingsgetränk«, fielen einem unschwer Namen ein. Vogel zum Beispiel.

Einen anderen Tip pflegte der SPD-Abgeordnete Freimut Duve beizusteuern, wenn er Routinefragen nach der Lage der Nation mit dem Hinweis beantwortete: »Achten Sie auf die Mundwinkel des Kanzlers.«

Das ist vorbei. Zu den raunenden Beschwörungen von Apokalypse, Untergang und Endzeit wollen keine Gesichter mehr passen. Die deutsche Angst, die längst auch im Ausland das Bild der Bundesrepublik eingraut, ist anonym. Sie liegt in der Luft. Macht krank. »Sie höhlt den Menschen aus«, wie »Welt«-Chefredakteur Herbert Kremp berichtet: »Sie ist die Vorhalle des Nichts.«

Da stehen wir nun also. Vor einem »säkularen Wandel« ("FAZ") von spätmittelalterlichen oder spätrömischen Ausmaßen. Vor der »Auflösung der Zivilisation« (Golo Mann). Bei weiterer wirtschaftlicher Belastung wird »das System zusammenbrechen«, glaubt der Historiker Wolfgang Mommsen. Schon jetzt sieht uns der bayrische Kultusminister Maier als »eine Gesellschaft auf dem Wege zurück zum Faustrecht«.

Stehen wir da?

Es fällt, sonderbarerweise, gleichermaßen schwer, das eigene Land in dieser Finsternis zu erkennen, wie die Prognosen einfach als unsinnig zurückzuweisen.

Einerseits: Läuft nicht wirklich alles ganz normal im Lande? Es wird regiert und gewählt, gereist und gefeiert wie eh. Gefeiert sogar mehr als sonst. Winzer-, Sommer-, Straßenfeste landauf, landab. Bürgerkrieg in Berlin? - Bürgerfest in Bamberg: Das scheint eher die Grundstimmung der Nation. »Kein schöner Land in dieser Zeit«, singen sie.

Andererseits: Sie singen es wie mit zusammengebissenen Zähnen. Die Arbeitslosigkeit wächst. Die Zahl der Bankrotte und Pleiten steigt. Der Staat ist überschuldet. Umweltzerstörung wird überall sichtbar. Demonstrationen, Hausbesetzungen, Krawalle. Die Frauen mucken auf. Die Jugend rebelliert oder steigt aus oder funktioniert zu reibungslos, ist jedenfalls nicht in Ordnung. Nie wollten so viele Menschen auswandern. Nie seit Bestehen der Bundesrepublik nahmen sich so viele Deutsche das Leben. »Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff« ist auch ein populäres Lied.

Glaubt man dem Hauptvorstand der Gewerkschaft Chemie-Papier-Keramik, der auf seinen Glückwunschkarten zum neuen Jahr traurige Tropfen aus der umwölkten Jahreszahl 1982 herausregnen läßt, dann müssen die Bundesbürger in den kommenden Monaten »Auf alles gefaßt sein ...« S.57

Wer die Karte aufschlägt, der sieht die Westdeutschen angesichts einer »Sündflut düsterer Prophezeiungen« - 1982 kommt »mindestens« der Weltuntergang - in eine Arche Noah ("German speciality") drängen. Vorneweg die Parteien, dann die Unternehmer, dann die Gewerkschafter, die Grünen, die Alternativen.

»Bangemachen gilt nicht«, schreiben die IG-Chemie-Kollegen dazu unverdrossen.

Das sind so Witze dieser Tage. Lachen, das manchen im Halse steckenbleibt. Weihnachtsfeiern, bei denen die Hausfrau Wert auf die Mitteilung legt, daß die aufgetischte Gans nicht aus Polen kommt. Kanonenschläge zu Silvester, die manchen Älteren frösteln lassen, wenn er dazu in den Nachrichten von seinem Parlamentspräsidenten Richard Stücklen hört, der »Geist der ersten Nachkriegszeit« solle »wieder Allgemeingut« werden.

Feste und Ängste liegen dicht beieinander im »zwittrigen Gefühlsleben« (Günter Rühle) der Bundesbürger. So war es das ganze Jahr 1981. Nichts deutet auf Änderung.

Tübingen. Im September. So jong komma mr nemme zsamma. Strahlendes Spätsommerwetter. Die Tübinger stadtfesten wie noch nie. Auf dem alten Marktplatz schmettern Blaskapellen Rosamunde. Vor der Burse dröhnt die Rock-Band »Zabinskis Maschine«. An der Krummen Brücke singt die Menge zu Pepes Combo: »Marmor, Stein und Eisen bricht.«

Jubel, Lieder, Frohsinn. Mehr als 50 000 Tübinger und Zugereiste saufen, fressen und lärmen, daß es der lokalen »Südwest Presse« unheimlich wird. Sie zitiert am Ende einen Festteilnehmer mit der düster-trotzigen Bemerkung »Wer S.59 weiß, ob''s näcksch Johr no a Schtadt geit«.

Tanz auf der Titanic? Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus. Freundliche Tübingerinnen verteilen hausgemachten Kuchen. Schüler backen Waffeln. Beim alten Schlachthaus wird das Pflaster zum Parkett. Im Gedränge beachtet die rockende Jugend die Mahnung, die handgeschrieben in einem Beet steckt: »Bitte laßt die Blumen leben.«

Heimat. Daheimsein. Heimeligkeit. Die Menschen suchen Tuchfühlung, drücken sich auf langen Bänken zusammen. »Wo sind die sonst bloß alle«, staunt ein Bäckerlehrling. Über den Hölderlinturm am Neckar donnert am Freitag auch die Rockbrass-Band »Blutgruppe": Marmor, Stein und Eisen bricht.

»Ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen«, hat Hölderlin vor knapp zweihundert Jahren geschrieben. Strafen ihn die Tübinger ausgerechnet in einer Zeit öffentlich verbreiteter Katastrophenstimmung Lügen?

Gewiß nicht. Der Marmor-Brecher-Gesang der Rockband ist blanker Hohn, Parodie der »Elefanten-Musik« auf dem Markt. Sie bleiben unter sich. Mit weißer Farbe steht an der Wand über ihrem Fest: »Alemanhische Folgsrebublig ohne Bolidsei«!

Manchmal zerreißt der Schleier der Bierseligkeit auch bei den anderen. Eine Volksmusikgruppe aus sechs bärtigen jungen Männern sammelt am Samstagmorgen schnell ein paar hundert Bürger um sich, als sie mit Fiedeln, Handharmonika und Schrummbaß Lieder über die Betonierungssucht der Politiker singt, über Bauspekulationen und Abrißlust: »Wehr dich, kleiner Mann, wehr dich, kleine Frau!« Da nicken auch viele alte Leute, nicht nur Studenten.

Und als die Sänger mit monotonem »ruckezucke-ticketacke-zisch-puff« zu einer bitteren Veralberung des Arbeitsalltags ansetzen, singen auch sehr untypenhafte Tübinger mit: »Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt.«

Am Rande wird aber auch Protest laut. Was das für ein Staat sei, der sich immerzu auf der Nase herumtanzen lasse? Ängste und Aggressionen stauen sich ganz dicht unter der feuchtfröhlichen Oberfläche.

Auf der Titelseite ihrer »Südwest Presse« konnten die Tübinger die Schlagzeilen vom Tag lesen: »Weniger Kindergeld - Rauchen und Trinken teurer«. Und: »Reagan droht Moskau Härte an.« Und: »Auch Kranksein wird teurer.« Baden-Württembergs Verkehrsminister Rudolf Eberle besteht in ihrer Stadt darauf, die B 27 durch das Neckartal sechsspurig auszubauen.

Solche Nachrichten lassen sich für ein paar Stunden überfeiern. Aber vergessen? Die Risse, die durch das Land laufen, bleiben sichtbar. Das Unbehagen spürbar. Beim verkaterten Blick in die Morgenzeitung ist alles wieder da, rückt jedem einzelnen auf die Pelle.

Zum Beispiel: Der CSU-Abgeordnete Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg hat im benachbarten Ergenzingen erklärt, was die Friedensbewegung bedeutet. »Das ist, aus lauter Angst davonzulaufen und die eigenen Kinder aus der eigenen Angst heraus den Kommunisten in den Rachen zu werfen.«

Die Kinder kontern mit einem offenen Brief an den Oberbürgermeister, in dem sie darauf aufmerksam machen, daß Tübingen nur »20 Kilometer (Luftlinie) nordwestlich von Großengstingen« liegt - »ein bevorzugtes Ziel für sowjetische Atomraketen«. Denn dort sind amerikanische Lance-Raketen stationiert, der Aufbau von Pershing 2 und Cruise Missiles sei zu befürchten.

Bombenstimmung? Nicht nur die Gegenwart ist explosiv. Oberbürgermeister Eugen Schmid empfängt unter dem Eichengebälk des großen Sitzungssaals im Rathaus, während draußen das Fest mit einem »historischen Wochenmarkt« anhebt, eine Gruppe von 27 ehemaligen Tübinger Juden mit 17 Angehörigen, die aus aller Welt zum ersten Mal wieder in ihre Geburtsstadt gekommen sind.

Tränen fließen, als Professor Hans Mayer, Jude auch er, aber auch Preuße und Tübinger, versichert: »Man kann wieder miteinander leben.«

Leicht freilich nicht, das sagt er auch, und macht einen Vorgriff auf die Wirtshaus-Sprüche, die in den folgenden Tagen auch zum Fest gehören: »Das haut hin, da wird fertiggemacht und abgeschossen, man besäuft sich bis zur Vergasung, Rübe ab, Untermenschen.«

Ein Festtag in der Bundesrepublik Deutschland 1981. Zufällig Tübingen. Es könnte auch Eutin in Schleswig-Holstein sein. Oder Manderscheid in der Eifel. Oder Saarbrücken. Oder Bremen. Ein Bedürfnis nach Freude und Vergessen S.60 stößt sich an deprimierenden Tatsachen. Frust heißt ein Schlüsselwort, Streß ein anderes. Und Angst, natürlich, viele Ängste.

Vor Krieg. Vor Unruhe. Vor dem Schwinden des Wohlstands. Vor der Zerstörung der Umwelt. Aber auch voreinander. Vor der allgemeinen Sinnlosigkeit. Vor dem Leben.

Die einen posaunen ihre Angst heraus, gehen damit hausieren. Andere bekennen sich still dazu, betrachten sie als gesundes Warnsignal. Die meisten drücken sie weg. Geht es ihnen nicht gut, »zu gut«, wie fast alle sagen?

Deren Sorgen sind dennoch unschwer zu erkennen. Sie werden sichtbar, wenn Bundesbürger das Wörtchen »noch« verwenden. Sie tun es unentwegt:

Noch krieg'' ich ja meine Rente. Noch kann ich ja verreisen. Noch nehmen mir ja die Ausländer nicht alles weg. Noch haben wir keinen Bürgerkrieg. Noch kommen die Russen ja nicht. Noch kann man die Milch ja trinken. Das Wörtchen fällt oft, meist rutscht es unbewußt in die Rede, ist Alarmsignal der Verunsicherung, des Mißtrauens, der Ohnmacht.

Nur - welcher Bürger erkennt denn seine eigenen kleinen Ängste noch wieder, wenn sie ihm im großen öffentlichen Mund in die Angst verdreht worden sind? Dann erscheinen sie plötzlich übertrieben, unberechtigt, eingeredet.

Ein alter Trick der Deutschen. Schon Hegel hat ihn 1802 beschrieben: »Zwischen die Begebenheiten und das freie Auffassen derselben stellen sie eine Menge von Begriffen und Zwecken hinein und verlangen, daß das, was geschieht, diesen gemäß sein soll.«

Die Begriffe verselbständigen sich. Es erfolgt - so der Essayist Michael Rutschky - »jene Vernichtung der Wirklichkeit durch das Allgemeine, die Zerstörung der Bilder durch ihre Interpretation, die alles je schon bekannt erscheinen läßt«.

Die Angst ist so ein Begriff, ein Schlagetot der Realität. Abgekoppelt von der Wirklichkeit, ist das Wort zu einem Gemeinplatz verkommen, der seinerseits eigene Realitäten entwickelt.

Ein Sog entsteht, gegen dessen »herrschende Unerbittlichkeit« sich nicht einmal wirksam anspotten läßt, haben die Akteure von Karl Napps Chaos-Theater erkannt. Wer wie sie die Untergangsatmosphäre mit »kurz vor Hai Nuhn« veralbert, wer wie Wolfram Wickert vom Bundeskanzleramt aus kulturellem Anlaß zu »apokalyptischer Bohnensuppe« einlädt, verstärkt eher die Angst, als daß er sie auflöst. Unversehens wird zum Stimmungsmacher, wer die Stimmung nur beschreiben will.

»Angst allein macht noch nicht glücklich«, höhnt es von Klomauern. Aber das stimmt nicht für alle. Es wird verdient an der Angst, nicht schlecht, wie der Münchner Psychologe Georg Sieber weiß. Ölmultis wie Liedermacher erschließen neue Märkte. Wertlose Diamanten und Sumpfland in Florida finden verängstigte Käufer, die aus Furcht vor einer Geldentwertung in Sachen flüchten. Was immer schon eine Neigung war, kriegt jetzt panische Züge.

Auch politisch ist die Angst ein Gewinn: allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. Der Gemeinplatz - im Brustton der eigenen Unanfälligkeit zurückgewiesen oder für existentielle Ausnahmefälle eingeräumt - erspart es den Politikern, genau hinzugucken oder hinzuhören, was die Menschen eigentlich ängstigt. »Ein Großteil, vielleicht der anstrengendste Teil der Arbeit von Politikern besteht ja darin, die Dinge nicht zu sehen, nicht sinnlich wahrzunehmen, für die sie verantwortlich sind«, findet die Schriftstellerin Eva Demski.

Hessens Innenminister Ekkehard Gries hat im Gespräch mit Startbahn-West-Demonstranten im November S.61 erfahren, daß es eine Sache ist, sie vom Amtszimmer aus als Asoziale, Kriminelle und Chaoten zu beschimpfen und mit Polizeihundertschaften zu bekämpfen, eine andere, ihnen Auge in Auge vor Ort gegenüberzutreten.

Plötzlich schockt ihn die Situation. »Blöde Assoziationen« kommen ihm im Flörsheimer Wald. Er fühlt sich an eine »KZ-Szene« erinnert, wie er später der »Frankfurter Rundschau« bekennt. Er verspricht Konzessionen.

Erst am Schreibtisch hat er sich wieder im Griff. An die Stelle einzelner, konkreter Menschen tritt wieder der Gesamtzusammenhang. Da nimmt er alles zurück.

Die Angst hilft dabei. Sie sei ein schlechter Ratgeber, sagen die Politprofis. Und damit ist das Gespräch mit den Ängstlichen im Lande eigentlich schon zu Ende. Das Selbstgespräch über eigene Ängste braucht gar nicht zu beginnen.

Ungedämpft tönt aus Bonn statt dessen die alte Litanei der Bescheidwisser. Alles übertrieben, sagt der Kanzler. Wehleidiges Kriegsgerede. Zugegeben, die Lage war schon besser. Aber Angst? Da muß man doch relativieren. Muß man mal mit dem Ausland vergleichen. Oder mit 1945.

Immer mehr Politiker richten den Blick trostsuchend in die gute alte Trümmerzeit, stimmen das Lied vom Ärmelaufkrempeln wieder an. Zwar sind Vatis Argumente längst Opas Argumente, aber sie klingen wie neu.

Haben sie nicht sogar einen Hauch von großer, weiter Welt bekommen? Kühle Durchhalteappelle mit Airline-Touch bei vorübergehender Turbulenz? Bitte schnallen Sie die Gürtel enger und bewahren Sie Ruhe und Ordnung. Folgen Sie unbedingt den Anweisungen der Besatzung. Der Kapitän hat die Situation unter Kontrolle. Im volksnahen Originalton fürs Fernsehen heißt das beim Kanzler: »Der Schmidt in Bonn weiß schon ...«

Ob in Bonn noch einer weiß, wie so etwas ankommt »draußen im Lande«? All die Ratschläge von Ratlosen an Ratlose? Die Beschönigungen und Beschwichtigungen? Die Appelle und Bekenntnisse? Die Deklamationen? Der ganze Schwall von Worten, der an die Stelle von Taten getreten ist?

Bonn. Im Mai. In einer Kneipe im Bonner Norden verstummen die Gespräche der Feierabendgäste am Tresen. Fernsehnachrichten. Als der Sprecher die Nachricht vom Papst-Attentat verliest, breitet sich Betroffenheit aus.

Es ist totenstill im Raum. Dann spricht der Mann auf dem Bildschirm den zweiten Satz der Meldung: Bundespräsident Karl Carstens habe Abscheu und Empörung geäußert. Im Namen des deutschen Volkes. Noch einen Augenblick ist es still. Dann prustet Gelächter durch das Lokal.

Noch Wochen später erinnert sich ein Gast, daß niemand eine Erklärung gebraucht habe für das Gelächter: »Erst so ein schlimmes Geschehen, dann so ein schlimmes Geschwätz. Nach diesem Prinzip funktioniert der Witz. Da lacht man eben.«

Der Staatssekretär des Präsidenten, Hans Neusel, erschrickt, als er die Geschichte hört. Für ihn ist sie untypisch. Er glaubt, die allgemeine Stimmung habe sich eher gehoben, der Vertrauensschwund der Politiker sei gestoppt. Aber andererseits: Wer etwas über die Bewußtseinslage der Nation erkunden wolle, sei in Bonn »natürlich ganz falsch«. Da nickt man schon fast automatisch. Natürlich. Natürlich?

Die Regierenden wissen nicht viel über ihr Volk, das sie »die Basis« nennen. Ein paar Wahlkreiseindrücke, ein Plausch mit Verwandten und Freunden, sonst Meinungsumfragen, Presseechos, Wahlergebnisse. Den meisten Bonner Politikern reicht, daß irgendwo in ihrem Parteiprogramm das Bekenntnis niedergelegt ist: »Im Mittelpunkt der Politik steht der Mensch.« Für die Praxis gilt eher der Zusatz, der an der Bar des Bundestagsrestaurants, mal zynisch, mal schuldbewußt, gehandelt wird: »... und damit immer im Wege«.

Hannover. Im Juli. Der Bonner Parlamentsneuling Gerd Schröder (SPD) begrüßt in seinem Büro skeptisch seinen S.62 Wähler Karl-Heinz Meyer aus Ehlershausen. Der hat ihm telephonisch angekündigt, er werde dem Abgeordneten detailliert vorrechnen, daß die Bonner Pläne zur Kürzung des Kindergeldes ihn sein Eigenheim kosten würden.

Meyer, 42, verheiratet in zweiter Ehe, unterhaltspflichtig für vier eheliche Kinder und zwei Stiefkinder, hat alles säuberlich aufgeschrieben. Bundesbahnbeamter ist er, Besoldungsgruppe A 10, Dienstaltersstufe 11, Stellenzulage plus Grundgehalt plus Ortszuschlag plus Kindergeld minus Lohnsteuer, Klasse IV 2, minus Krankenversorgung minus Unterhalt. Ergebnis: Meyer hat recht.

»Sie«, sagt Schröder verblüfft, »Sie sind nicht vorgesehen. Sie darf es gar nicht geben.«

Ein Sonderfall, inzwischen korrigiert. Aber das Gefühl dafür, daß sie es an ihrer Basis mit einzelnen Menschen zu tun haben, mit lauter Sonderfällen, ist den meisten Politikern längst verlorengegangen. Sie haben Interessen hochgerechnet und allgemeine Regelungen erlassen, sie haben Prinzipien durchgehalten, Sachzwänge berücksichtigt, den Gesamtzusammenhang im Auge gehabt.

In ihrer Sorge um den Menschen reden sie vom »Zweitkind« wie vom Zweitwagen. Einfühlung ist ihre Sache nicht. Heftig verwahren sie sich gegen eine Emotionalisierung der Standpunkte, sobald nur anteilnehmende, sympathisierende Sachlichkeit gefordert wird.

So ist den meisten wohl auch eher als eine elegante Marotte erschienen, was Walter Scheel ihnen 1979 beim Abschied aus dem Amt des Bundespräsidenten nahelegte. In seiner letzten Rede im Parlament riet er seinen Politiker-Kollegen, statt immer nur auf Meinungsbefragungen und Presseübersichten zu starren, einmal von einem anderen »Spiegel der Wirklichkeit« Gebrauch zu machen: dem der zeitgenössischen Kunst und Literatur. Scheels Eindruck: »Es scheint bei uns schwer zu sein, menschlich zu sein.«

Eine grobe Untertreibung, schon damals. Inzwischen spiegelt sich in fröstelnden Gedichten und realistischen Prosastücken, die sich fast alle auch als Krankengeschichten schwerer seelischer Störungen lesen lassen, in Gemälden, Collagen und »Environments« ein Bild von Isolation und Reizüberflutung, von Verletzung und Entfremdung, Verwüstung, Zerstörung und Unmenschlichkeit in diesem unserem Lande, das schockt.

Wird da Realität erfaßt? Ist es wirklich so, daß die Bürger der Bundesrepublik Deutschland zu »Rädchen der Megamaschine« konditioniert werden, daß die Menschen ständig weiter »verzwergt, entleert, ausgebalgt, enthäutet, zugerichtet, nutzbar gemacht und auf eine Weise ums Leben gebracht (werden), welche eine Novität darstellt«? (Günter Kunert).

Ist das so, daß sie mit »gezinkten Wörtern« reden (Astrid Tümpel) und »langsam aus ihrem Leben herausrutschen« (Peter Hamm)? Daß »schneller unkenntlich zu werden (beginnt), was wir kennen« (Rolf Haufs), daß »dem Land ein Winter zur Brust kriecht« (Roger Loewig), daß die »Wirtschaftswohlstandsbiedermeierzeit« endgültig vorbei ist (Dieter Schlesack)?

Dichterische Übertreibung, vielleicht. Verzerrung, gewiß doch. Auch Feuilleton.

Aber Rückzug aus der Realität ist vor allem der Literatur - mit ihren unverhohlen autobiographischen Zügen - kaum vorzuwerfen.

Es muß dem Instinkt und den Erfahrungen des einzelnen überlassen bleiben, wieweit er sich und seine Umwelt wiedererkennt in diesem Spiegel. Doch daß gerade Lyrik wieder gefragt ist, daß Lieder Konjunktur haben, wird wohl kein Zufall sein.

Tatsächlich erscheint die Darstellung der Wirklichkeit in Bildern und Metaphern, die sprachliche Verdichtung von Atmosphäre in lyrischen Symbolen der Realität seltsam angemessen. Nicht zufällig haben Wörter wie »Packeis« und »Grönland« ihren Weg von den Hauswänden in Zürich bis in die Bonner Parteizentralen gemacht und sind auch in den Sprachgebrauch von Verfassungsrichtern eingedrungen.

Wer in diesen Monaten länger durch die Bundesrepublik reist, durch Dörfer, in denen noch fremden Autos nachgewinkt wird, und Städte, in denen viele nicht mehr den Nachbarn in der nächsten Hochhauswohnung kennen, der findet reichlich Belege für die Lebenssicht der Künstler.

Aber ein klares Bild, das findet er nicht. Der Untergrund der ungezählten Ängste, aus denen die öffentlichen Vordenker die Angst destillieren, ist brüchig und unübersichtlich. Vieles scheint auf den ersten Blick intakt, das sich beim nächsten Hinsehen als leere, tote Form erweist. Vieles, was »kaputt« wirkt, birgt erstaunliche Vitalität.

Neues entpuppt sich als sehr Altes, die zornigen Jungen und ihre oft nicht minder zornigen Großeltern erscheinen näher beieinander als bei der Generation dazwischen.

Eine auffällige Gegenläufigkeit wird sichtbar. Restauration breitet sich aus auf der offiziellen Ebene, kein Zweifel. »Bei den Institutionen«, sagt Rolf Dahrendorf, »bewegt sich nichts.« Im Gegenteil. Der Status quo wird festgeschrieben und betoniert, paramilitärisch verteidigt.

Aber zugleich erscheint richtig, daß die Bundesrepublik Deutschland durch eine Zeit einer »historisch beispiellosen zivilisatorischen Dynamik« geht, wie der konservative Philosoph Hermann Lübbe schreibt. Denk- und Lebensweisen von Millionen Menschen, nicht nur jungen, verändern sich rapide.

Feste Anhaltspunkte sind rar und selten dort zu finden, wo das Auge des Politprofis hängenbleibt. Alltagswissen wird wichtig, der »Bauch« als zusätzliches Sinnesorgan scheint unverzichtbar - nicht nur zum Verständnis von Aussteigern.

Subjektivität ist nicht nur Fehlerquelle, ist auch, ständig in Frage gestellt, oft einziger Zugang zu einer Realität, der immer mehr Verbindlichkeit abgeht.

Alles ist in der Schwebe, verlagert sich, »unfixiert wie Quecksilber«, hat der Soziologe Urs Jaeggi erkannt. Kein S.63 Wunder, daß Ängste ins Kraut schießen und »diffus« sind, wie die Allensbacher Umfragen ermittelten.

Die Mehrheit der Bürger fühlt sich allein gelassen. Hilflos. Bedroht. Die Regeln sind noch da, theoretisch eindeutig, aber wirksam oft nur noch als Ideologie. Die Richtung ist nicht erkennbar. »Wo leben wir denn hier eigentlich?« ist eine Standardfloskel geworden.

Nichts stimmt mehr. Alle sehen alles anders als die anderen, und alle haben auch noch Zeugen und Beweise. Nicht nur »weil in unserem Lande viel zuviel ganz schlicht gelogen« wird, wie der frühere Fernsehpfarrer Jörg Zink schimpft, »zuviel verheimlicht, vertuscht und unter den Teppich gekehrt wird«, ist ein großer Teil der Bevölkerung durcheinander.

Auf dem Landesparteitag der SPD in Berlin ist im November keiner empört aufgesprungen, als Ex-Staatssekretär Günter Gaus seine Rede mit den Worten begann: »Wir alle werden viel belogen, jeden Tag ... Absichtsvoll und unabsichtlich, bewußt wie unbewußt wird uns der Blick verstellt durch zweckbestimmte Gebots- und Verbotstafeln, auf denen geschrieben steht, wie wir dies und das sehen sollen, was wir nicht denken dürfen, sondern statt dessen zu glauben haben.«

Vor allem deshalb erscheint immerzu die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt, weil nicht mehr verbindlich ist, was oben und was unten ist, was recht und was unrecht, was links und was rechts. Mißtrauen und Ratlosigkeit sind die Folge. Wut, Ungewißheit, Selbstzweifel überall.

Düsseldorf. Der Fuhrunternehmer Herbert A. aus Düsseldorf bezeichnet sich selbst als einen »Rechten«. Der Staat ist ihm zu schlapp, die Gesetze gegen Kriminelle sind ihm nicht rigoros genug. Daß verurteilte Mörder, Lebenslängliche, vom Knast Urlaub kriegen und dann im Fußballstadion entwischen, wo gibt es denn so was?

Anfang der Siebziger, das muß Herbert A. ja zugeben, hat er auch mal Willy Brandt gewählt. Aber dann diese Versprechungen. Und »mehr Demokratie wagen«, wenn er das schon hört. Es muß einfach mehr gearbeitet werden. Den Jungen geht es viel zu gut.

Und die Friedensbewegung? Sagt er ja: Denen geht es zu gut. Obwohl andererseits - »also mich kriegt jedenfalls keiner mehr in einen Krieg«.

Zwar ist er bei der Bundeswehr gewesen, kann das auch nur empfehlen »aus erzieherischen Gründen«. Aber wenn der Helmut Schmidt jetzt sagen würde, so gehe das nicht weiter, es müsse Krieg gemacht werden - was weiß er denn, warum, vielleicht, weil die Franzosen nicht spuren oder die Russen zu frech werden -, also, mit Herbert A. jedenfalls nicht: »Ich desertiere. Ganz glatt.«

Und Hausbesetzungen? Sagt er ja: Chaoten und Krawallmacher müssen S.64 eins auf die Nuß kriegen. Ist viel zu schlapp der Staat. Obwohl andererseits - »verstehen kann ich die schon«. Wenn die wirklich keine Wohnung haben und da stehen Tausende leer? Und irgend so ein Otto will die dicken Mäuse machen? »Also, da ging'' ich auch rein.«

Ein Rechter? Ein Linker? Ein Chaot? Ein Ordnungsliebhaber? Der Düsseldorfer kennt sich nicht mehr aus, sagt er. Er weiß nicht, woran er ist. Einerseits, andererseits. Man weiß ja so wenig. Oder zuviel? Oder zuviel, ja.

»Die Forderung nach weniger Staat kreuzt sich mit dem Ruf nach mehr Staat«, stellt Ernst Benda fest, Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Gespräche münden oft in Streit. Je weniger einer sich noch zurechtfindet, desto mehr klammert er sich an seine privaten Gewißheiten, verschließt sich gegen Argumente. Politik ist tabu. Aber was ist nicht Politik? Ob er über die Schule redet, über Geschäfte, selbst über das Wetter - der Dialog eines Kölner Geschäftsmannes mit seinem Bruder endete stets beim Russen, der vor der Tür steht. »Es ist ein Elend«, seufzt der Kölner.

Niemand kann das auf die Dauer durchhalten. Das Bedürfnis nach Hoffnung ist stark. Nach Träumen, Schönheit, Phantasie. Nach Flucht.

München. Im September. Menschen mit Konfetti im Haar und abwesend lächelnden Gesichtern kommen aus dem Zirkus Roncalli. Sie sind wehmütig heiter. Verzaubert, sagen manche. Wenige wagen von Kitsch zu reden.

Zweimal dreitausend Menschen täglich machen die »Reise zum Regenbogen«. Wenn der Clown Pic aus seiner sternenbesetzten blauen Erdkugel klettert, scheu, kindlich, melancholisch, senkt sich Weihnachtsstimmung ins Rund. Begleitet von einer sanften Klarinette, bläst er Seifenblasen durchs Zelt. Das ist die Attraktion.

Der junge Schweizer steckt in einem blauen Spielanzug mit gelber Ente darauf. Was er tut, versteht er wohl »irgendwie« politisch. Früher hat er Straßentheater gemacht. Jetzt raunen Deutschlands Leistungsbürger ah, wenn er seine schillernden Schäume schweben läßt, und oh, wenn sie zart funkelnd zerstäuben.

»Bleib doch noch«, rufen ihm manche nach, wenn er wieder in seine Kugel steigt. Erwachsene Menschen, viele mit Tränen in den Augen. Dreimal hat Zirkus Roncalli in München verlängert. Über 300 000 Leute kamen allein in der Isarstadt. Ähnlich gefragt war der Zirkus zuvor in Köln und Düsseldorf.

Auch Andre Hellers Variete »Flic Flac« ist überlaufen. Magierwettbewerbe und andere Poesieverlockungen nicht minder. Märchen erleben einen Boom. »Die Menschen erkennen allmählich, daß doch nicht alles von Tarifverträgen und Computerprogrammen abhängt. Man braucht etwas fürs Herz«, erklärt Wolfdietrich Siegmund, Präsident der Europäischen Märchengesellschaft und Facharzt für Psychotherapie in Telgte.

Deshalb wohl auch schieben sich durch die Traum-Schlösser des Bayern-Königs Ludwig II. Herrenchiemsee und Neuschwanstein Tausende von deutschen Menschen, und nicht, wie gern behauptet wird, nur Amerikaner.

Abschalten, Ausklinken, wenigstens auf Zeit. Die Menschen bauen Mauern, um sich gegen die Flut der Hiobs-Nachrichten zu schützen. Wer kann immerzu zittern, sobald im Fernsehen einer den dritten Weltkrieg heraufbeschwört?

»Daß die Welt beschissen ist, weiß ich mittlerweile«, sagt die Verlagsangestellte Lore H. aus Frankfurt. »Ich will es nicht immer und immer wieder aufs Brot geschmiert kriegen.«

Sie wollen auch mal lachen, sagen sie, bestehen darauf, daß es auch Schönes gibt. Flucht allein ist es wohl nicht, was ein Unternehmen wie Roncalli ihnen bietet, sondern auch eine lebenswichtige Anreicherung ihres Daseins, das in herzloser Hetze verläuft. Wärme, Zärtlichkeit, auch das zwar aus zweiter Hand, aber jeder ist einbezogen. Selten genug: eigene Gefühle.

Tarifverträge, das Bruttosozialprodukt, der berufliche Aufstieg haben freilich nach wie vor Vorrang. Wenn auch die naive Zufriedenheit der frühen Wirtschaftswunderjahre vorbei ist. Überdruß am gewalttätigen Wohlstand geht zusammen mit fast panischer Angst, ihn einzubüßen. Das kann schnell gehen.

Münster. Im November. Wer die Nummer des Tiefbauingenieurs Klaus P. anruft, kann sicher sein, daß sich mit matter Stimme die Ehefrau meldet. Fast immer weinen Kinder im Hintergrund.

Klaus P., Anfang vierzig, ist seit dem Sommer arbeitslos. In einem kleinen Dorf im Münsterland, wo ihn jeder kennt, hat er sich in seinem aufwendigen Eigenheim verkrochen. Für das Haus muß er monatlich über 2000 Mark aufbringen. Für seine vierköpfige Familie erhält er 1500 Mark Arbeitslosenunterstützung.

Der Ingenieur hatte bis Anfang 1981 einen guten Job. Über 4000 Mark netto. Dienstwagen. Als er sich ungerecht behandelt fühlt, kündigt er kurzerhand. Er ist ehrgeizig.

Als Gemeinderat in der richtigen Partei, als Mitglied des Kirchenrats hat er keine Schwierigkeiten, etwas Neues zu finden. Aber dann setzt die Sparwelle ein. Die Aufträge gehen zurück, vor S.65 allem die Kommunen machen Rückzieher. Klaus P., noch in seiner Probezeit, wird gefeuert.

Jetzt ist er ein gebrochener Mann. Sein Haus, der protzige Stolz der Familie, wird umgebaut: Eine Wand durchs Eßzimmer. Die Räume im Obergeschoß sollen vermietet werden. Frau P., seit 15 Jahren Hausfrau, will wieder als Sekretärin arbeiten. Halbtags. Aber sie findet nichts. Sie ist auch sehr dick geworden.

Die Nachbarn sind keine Hilfe, hämen hinter der Hand. Er hat zu sehr aufgetrumpft, als er es noch »dicke« hatte. Soll er doch sein Haus verkaufen, sagen sie. Aber das will niemand haben. Im Nachbardorf stehen fünf Eigenheime leer.

Soll er sich doch Mühe geben. Wer wirklich arbeiten will, findet auch was, spotten sie. Das hat Klaus P. früher auch immer gesagt.

Keiner will zu kurz kommen. Sparen ja, aber mit dem Gürtel-enger-Schnallen halten es die Bürger wie die Regierungen mit dem Abrüsten: Der andere soll anfangen. Vor allem: Gerecht muß es sein. Für dumm will sich keiner verkaufen lassen. Denn jeder kennt einen, der hat noch einen schnellen Schnitt gemacht. Einen Steuertrick gefingert. Ein paar »Riesen« schwarz verdient. Hintenrum etwas besorgt. »Stütze« eingesackt. Schwarzgefahren. Krankgefeiert. Etwas durch den Zoll gemogelt. Abgestaubt, »Vitamin B« eingesetzt: Beziehungen.

Eine Ellenbogengesellschaft? Ein Anspruchsvolk? Ja, aber eines in der Defensive: gerade noch mal die Kurve gekriegt. Jeder für sich. Höchstens noch für die Familie. Wer weiß denn, wie lange es noch dauert?

Die Mehrheit fühlt sich in der Klemme. Daß es ihr »eigentlich gut geht«, den meisten, »ehrlich gesagt, so gut wie nie«, erleichtert wenig. Im Gegenteil. Sie haben viel zu verlieren. Obwohl immer mehr zweifeln, ob tatsächlich alles Gewinn ist, was sie haben. Und ob sie nicht zu teuer dafür bezahlen.

Das ist die eine Seite der Klemme. Selbstzweifel. Zu viele machen nicht mehr mit. Die Jungen, die Frauen. Spuren nicht mehr einfach. Nun machen auch schon die Alten Rabatz, wollen nicht bloß als »Friedhofsgemüse« abgeschrieben werden, wie die Grauen Panther aus Wuppertal es ausdrücken. Und sie haben gute Gründe.

Die andere Seite: Der Laden läuft nicht mal mehr. Geldnöte? Die fangen bei den meisten gerade an. Aber es wird wieder gerechnet. »Noch« und »noch nicht«. Plötzlich wirft mancher einen neuen Blick auf die eigene Firma. Steht sie etwa auch schon ein bißchen schräg in der Wirtschaftslandschaft?

Das eine wird vorsichtshalber angeschafft. Auf das andere wird vorsichtshalber verzichtet. In den Dörfern um Ingolstadt haben die Leute plötzlich riesige Holzstapel vor der Tür: »Reicht für zwei Winter«, sagt ein Ingenieur. Man weiß ja nie.

Alle fühlen sich gegängelt. Verwaltet. Verplant. Verführt. Versorgt. »Sie werden wieder stärker. Wer denn? Sie«, beschreibt Erich Fried das Gefühl der Abhängigkeit von anonymen Mächten. »Die da oben«, »die Multis«, »die in Bonn«, »die in der Firma«, jeder macht es mit ihnen.

Daß sie Opfer der Bürokratie sind, ist eine tägliche Erfahrung, obwohl die Staatsdiener doch eigentlich für sie da sein sollten. »Na, dann wollen wir mal so günstig sein ...« sagt ein Steuerbeamter in Bonn. Er meint es freundlich, aber der Hinweis auf die Gunst, den meint er wohl ernst.

Hamburg. Im Juni. Auf dem evangelischen Kirchentag richtet die Bonner FDP-Zentrale auf Wandtafeln Fragen an die Besucher. Eine will wissen, welche Gruppen und Bürger sich in diesem Staat »untergebuttert« fühlen.

Gerechnet haben die Liberalen mit Randgruppen und Außenseitern, mit Homosexuellen, Kiffern, Punkern und Ausländern. Die tauchen auch prompt auf, zum Schrecken der Initiatoren sind sie aber nur Teil einer Liste, die rasch zu einer Art Gesamtaufstellung aller Bürger wird.

Wer sich alles untergebuttert fühlt? Kinder, Azubis, Studenten, Frauen, Arbeitnehmer, die Bundeswehr, Gewerkschaftsfunktionäre, Unternehmer, alte Mitbürger, die Fahrradfahrer, jeder Normalbürger - kurz: »der Mensch«.

Die Anonymität wirkt bedrückend. Der Computer weiß alles. Der läßt sich zwar nicht ein auf Beschwerden, dafür ist S.67 auf ihn Verlaß, wenn die Oma hundert Jahre alt wird. Dann springt er wieder auf Null. Mit hundertfünf kriegt Oma dann eine Aufforderung zur Einschulung.

Maloche ist Streß, Freizeit zu kurz. Das haben die Jungen nicht erfunden, das haben sie abgeguckt. Überhaupt haben sie mehr von den Alten gelernt, als die wahrhaben möchten.

Selbstverwirklichung? Das versuch'' mal einer am Fließband. Am Büroschreibtisch. Am Bankschalter. Leben fängt, wenn überhaupt, mit der Freizeit an.

»Noch eine Stunde, sechzehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden.« Der Bankkassierer in Hannover blickt auf die Uhr. Freitagnachmittag. Um Punkt ist er weg. Keine Sekunden länger. Keine Sekunde.

Der Streß hört dann aber nicht auf. Streß ist überall. Gestern eine Hochzeit, heute Kegeln. »Mann, was ''n Streß«. Ralf Dahrendorf, zu Gast aus England, dem das begegnet ist, lacht: »Wehleidigkeit wird als nächstes deutsches Wort unübersetzt in der englischen Sprache auftauchen.«

Wenn andere jammern, nervt das gewaltig. Gereiztheit. Gleichgültigkeit. Na und? Ich auch. Keine Zeit für Mitmenschen. Auch Scheu, sich Blößen zu geben.

Offenheit? Vertrauen? Das zahlt sich nicht aus. Wem gegenüber auch? Dem Vorgesetzten? Dem Vertrauensarzt?

Essen. Theo F., Betriebsschlosser und seit Jahrzehnten von seiner Firma geschätzter Facharbeiter, ist immer stolz darauf gewesen, daß ihn seine Chefs wegen seiner Verläßlichkeit auf Montage ins Ausland schickten. Mit 58 fühlt er sich jetzt dafür zu alt, bittet um einen ruhigeren Job.

Die Firma lockt mit einer Abfindung und überredet ihn, vorzeitig auf Rente zu gehen. Daß er ein »Stingl-Bruder« sein soll, behagt Theo F. schon nicht, aber was er dann bei den Amtsärzten erlebt, macht ihn bitter.

Zuerst entdeckt der Arzt der Arbeitsverwaltung bei ihm allgemeinen schweren Verschleiß, vor allem an Rücken und Gelenken, alles weit fortgeschritten. So trostlos ist die Diagnose, daß sie Theo F. erschüttert: »Ich habe mich gefragt, wieso ich überhaupt noch lebe.«

Dann liefert der Renten-Vertrauensarzt von der Landesversicherungsanstalt sein Gutachten ab: Völlig okay sei Theo F., leichte Abnutzungen seien natürlich für sein Alter. Im ganzen tipptopp. Nach dieser Untersuchung sagt Theo F.: »Ich frage mich, wenn ich dieses Gutachten sehe, warum die mich nicht zur nächsten Olympiade anmelden.«

Keiner will auffallen. Viele drücken sich. Die meisten beißen, auch wenn es schwerfällt, die Zähne zusammen und schlucken alles: Zumutungen und Überforderungen.

Die Theologin Dorothee Sölle hat auf dem evangelischen Kirchentag in Hamburg erzählt, wie es sich anfühlt, wenn man sich in Überbeanspruchung verliert.

Sie berichtet von sich selbst: »Ich habe mich dann aus mir selbst zurückgezogen, so daß meine Haut gar nicht mehr berührungsempfindlich ist! Ich spüre nichts mehr. Ich bin nicht mein Leib, ich habe nur noch einen Körper ... Ich erledige, was nötig ist, und es geht maschinenhaft. Meine Bewegungen sind tot. Nichts freut mich, nichts betrübt, nichts erreicht mich wirklich. Ich esse, ohne hungrig zu sein, ich stopfe Informationen in mich hinein, die ich nicht brauche. Ich lebe nicht, sondern irgendeine Maschine hat mich besetzt ...«

Dorothee Sölle glaubt, daß die meisten Menschen dieses Gefühl des »Abgeschnittenseins« kennen, diese Verwandlung in einen Lebensroboter, »eine Arbeitsmaschine, eine Eßmaschine, eine Sexmaschine, eine Lesemaschine, eine Kaufmaschine«.

Schon 1971, im Albrecht-Dürer-Jahr, hat Günter Graß zeitgemäße Versionen für des Meisters »Melencolia I« angeboten, die diesem Menschenbild entsprechen: Die Weißblech stanzende Fließbandarbeiterin bei Siemens. Die Eierpackerin in der Hühnerfarm. Die Touristin auf der gemanagten Photosafari. Die grüne Witwe, »sinnentleert, weil kontaktlos«.

Oft lassen Menschen solche Einsichten nicht an sich heran. Wie es geht? Naja, muß ja. Aber überall finden sich die Belege dafür, daß die Menschen - bei ständigem Gerede über Freizeit und bei sinkender Arbeitsleistung - angespannt sind bis zur Grenze des Erträglichen und darüber hinaus.

»Wir sind eine Gesellschaft in disease«, sagt Walther Lechler, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb. Die englische Formel »in dis-ease«, wie übersetzt man die? Un-leicht? Beschwert? Bedrückt? Krank?

Unübersehbar ist: Die psychischen Ausfälle häufen sich, obwohl die Betroffenen es nach Möglichkeit verstecken. Über nichts schweigt die schweigende Mehrheit so hartnäckig wie über seelische und gesundheitliche Defizite.

Aus gutem Grund. Die Gesellschaft hat ein bezeichnendes Wort für solche Ausfälle: »Der tickt nicht mehr richtig.« Dann wird er abgeschrieben, ist kein brauchbares Material mehr für den Leistungsapparat. Sichtbar werden seelische S.69 Störungen immer zunächst privat. So traut ist das deutsche Heim nicht, wie die Familienideologen der Union glauben machen wollen. Viele Schulschwierigkeiten der Kinder - Konzentrationsschwächen, Kontaktarmut und Aggressivität - lassen sich unschwer auf Ehekrisen und ständige Streitereien der Eltern zurückverfolgen. 400 000 Gewalttätigkeiten gegen Kinder werden jährlich in der Bundesrepublik registriert.

Freunde, Bekannte, Kollegen sind die nächsten, die von psychischen Schwierigkeiten erfahren. Jeder kennt einen, der nicht mehr kann. Kennt zumindestens einen, der einen kennt, bei dem alles zusammenzubrechen droht: Arbeit, Ehe, Gesundheit, Leben.

Dann bekommt es die Telephonseelsorge zu spüren. Erst wenn es gar nicht mehr allein geht, erreicht das seelische Elend die Praxen der Mediziner, die selbst überfordert sind. Die Chefärztin einer Rheinischen Landesklinik: »Wir haben soviel mit uns selbst zu tun, wir können eigentlich gar keinen Patienten gebrauchen.«

Jeder fünfte Deutsche leidet heute an behandlungsbedürftigen psychischen Problemen, an Schlafstörungen jeder dritte bis vierte. Bei den über 65jährigen ist schon fast jeder vierte seelisch so gestört, daß er ärztliche Betreuung braucht.

Auch 25 Prozent der Vorschulkinder und Schulanfänger werden als »gestört, krank oder behindert« eingestuft, berichtet die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie.

Daß die wahren Zahlen noch höher liegen, weiß jeder Fachmann. Heiner Ochsenfahrt, Stellvertretender Geschäftsführer der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, hat »den Eindruck, daß Millionen unter Tranquilizern stehen«. Statistisch schluckt jeder Bundesbürger in seinem Leben nicht weniger als 36 000 Tabletten.

Die Münchner Apothekerin Eva H. sagt: »Es ist schrecklich. Die Leute geben sich die Klinke in die Hand. Lebensangst, reine Lebensangst.«

Allein in Bayern, so schätzt der frühere Münchner Polizeipsychologe Georg Sieber, gibt es eine Million Tablettensüchtige. Dazu vermutet Sieber in Bayern allein zwei Millionen Alkoholiker.

Offiziell wird die Zahl der Alkoholkranken für die ganze Bundesrepublik nur auf 1,8 Millionen geschätzt. Dazu rechnet Sieber noch zwei Millionen Herzneurosen. Da bliebe ja nur ein harter Kern von sechs Millionen robusten Bajuwaren übrig? Sieber beharrt auf seinen Schätzungen.

Auch das ist noch nicht alles. Für maskierte Störungen aus dem seelischen Bereich halten Fachleute auch über die Hälfte aller organischen Krankheiten, die in den Praxisräumen der Allgemeinmediziner behandelt werden. Herzinfarkte, Kreislaufstörungen, Bandscheibenschäden, Magengeschwüre, Migräne, Asthma, Ischias - alles sozusagen von der Gesellschaft akzeptierte Defekte, die es den Opfern erlauben, aus dem täglichen Konkurrenzkampf auszuscheiden, ohne das Gesicht zu verlieren.

Aussteiger mit Alibi. Horst-Eberhard Richter: »Was die Jüngeren mit ihren Ängsten offen ausdrücken - dieses Leben macht uns kaputt -, signalisieren die Älteren durch physischen Verschleiß.«

Ein Bild zeichnet sich ab: Gedrückte Stimmung. Versteinerung im Verhalten. Abkapselung. Verbitterung. Verlust an Geborgenheit. Ungewißheit. Selbstwertzweifel. Autoaggression. Selbstvorwürfe.

Dazu: Nur mühsam unterdrückte innere Unruhe. Die Neigung, allem auszuweichen. Ein Gefühl von Leere. Jammern und lamentieren. Wahnhafte Ängste um Gesundheit und Besitz. Verlust an Wirklichkeitssinn. Schuldgefühle. Ständige Müdigkeit. Lebensunlust.

Das sind Stichworte aus dem Psychiatrielehrbuch von Walter Schulte und Rainer Tölle zur Beschreibung von depressiven Neurosen und Melancholie.

Ein neues Horrorgemälde im Schreckensmuseum der Untergangsbeschwörer? Depression als Seuche, als Pest unserer Zeit? Der Arzt und Schriftsteller Paul Lüth sieht es so.

Aber nicht als klinische Befunde sind die Merkmale hier aufgezählt. Die Absicht ist nicht, die Bundesrepublik Deutschland als ein verkapptes Narrenhaus zu entlarven. Obwohl auch dieser Witz schon die Runde macht: Die BRD sei die geschlossene Abteilung, West-Berlin die offene Psychiatrie.

Die »kranke« Gesellschaft und das »gesunde« Volksempfinden sind Begriffe, die zumeist diffamierend gebraucht werden, nicht beschreibend. Aber nur darum soll es gehen, um den Versuch der Darstellung eines offenkundigen Zustands gestörten und verstörten Verhaltens und Empfindens von so vielen, daß die Kluft zwischen dem geistigen und politischen Klima des Landes und den Realitäten auffällig groß ist und gefährlich weiter aufreißt. Um es mit Helmut Schmidt zu sagen: »Die Deutschen sind ein kleinmütiges Volk.«

»Vom Schweinemut der Zeit« ist die Rede, wie Hermann Kinder einen Roman über die Zustände im Lande genannt hat, sich berufend auf ein Wort des einst in Rom praktizierenden griechischen Arztes Galenus. Nach dem Grimmschen Wörterbuch zitiert er: »wenn diu melancoli ain oberhant nimpt und sich zeucht zuo dem haupt, so kümpt dem menschen sweigen und betrahten, und swaerikeit, wainen und trakheit, vorht und sorg und klainmüetichait - die melancholy, schwarz geblut das den menschen schweinemutig machet.«

Melancholie und Depression also - ungenaue Bezeichnungen, auch in der Medizin. Aber soviel ist sicher: Sie haben mit Realität zu tun, mit der Unfähigkeit, eine schmerzliche Wirklichkeit zu ertragen, Verluste zu betrauern.

Aber ist das neu? Gehören Wörter wie Schwermut, Weltschmerz, Trübsal, Wehmut, Grübelei - Graß hat darauf S.70 verwiesen - nicht seit eh und je zum deutschen Wesen?

Es ist etwas dazugekommen. Weitgehend verlorengegangen ist den Menschen die Scheinsicherheit ihres Wohlstandes und ihres satten Friedens. Die Kluft zwischen dem grauer werdenden Lebensalltag und den weiterlebenden Erwartungen der Konsumwelt, des technischen Fortschritts und der Bewußtseinsindustrie ist nicht nur für die jungen Menschen sichtbar geworden.

»Wir waren doch«, sagt Friedrich Belz, Chef der Rheinklinik für psychosomatische Medizin in Bad Honnef, »alle mit auf dem Mond vor einem Jahrzehnt. Jetzt kommen wir anscheinend nirgendwo mehr auf der Erde zurecht.«

Allmacht und Ohnmacht. Sicherheit und Freiheit. Rüstung und Entspannung. Ständig sieht sich der einzelne vor neuen Zerreißproben. Soll er weiter wühlen wie bisher, oder haben nicht doch die Kinder recht mit ihrer Frage: Wofür?

Wie er die ständig an ihn herangetragene Forderung nach mehr Disziplin am Arbeitsplatz verbinden soll mit der ebenso fortgesetzten dringlichen Aufforderung zu mehr Hemmungslosigkeit beim Konsum, bleibt ein Konflikt, der schon allein ausreicht, einen Menschen depressiv zu stimmen.

Aber ist es erlaubt, angesichts der Depression vieler Deutscher schon von einer deutschen Depression zu sprechen? Addieren sich die Lebensschwierigkeiten so vieler einzelner einfach zur Krise des Staates?

So ist es ja nicht. Zur deutschen Depression wächst sich die Lage aus, weil die Krisen der einzelnen Bürger nur ein Reflex sind auf die politische, kulturelle und historische Großwetterlage der Republik. Auch auf der oberen politischen Ebene zerbröseln die alten Ordnungen. Auch in den Chefetagen hat sich Ohnmacht eingenistet.

Drei Krisen, jede für sich belastend für jede Gesellschaft, aber einzeln bisher verwaltbar, treffen in der Bundesrepublik derzeit zusammen. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch.

Erstens: Eine Kulturkrise. Die Kritik am technologisch-zivilisatorischen Fortschritt, gewiß nicht neu, gewinnt eine neue Dimension, seit die mitproduzierten Zerstörungen so offen auf der Hand liegen, daß der Glaube an die Glücksversprechungen des industriellen Systems rapide abbröckelt. Spätestens seit dem Bericht des »Club of Rome« und der US-Studie »Global 2000« kann jeder nachlesen, daß Selbstvernichtungs-Alpträume nicht nur Sache von grünen Spinnern sind, sondern von Managern und technischen Experten geteilt werden.

Dazu tritt, zweitens, eine ökonomische Krise. Zwei Ölpreisexplosionen, dazu die Sättigung wichtiger Märkte, der Anstieg des Dollars und die Hochzinspolitik verlangen dem Wohlstands- und Sozialstaat Bundesrepublik Veränderungen ab, die er bisher nicht bewältigen konnte. In Arbeitslosigkeit, Inflation und Sparmaßnahmen schlägt sich die Tatsache nieder, daß Bürger wie Staat über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Als drittes kommt, scheinbar aus heiterem Himmel, eine Krise der kollektiven Identität hinzu. Die Frage, was für ein Staat die Bundesrepublik Deutschland eigentlich sein will und auf welches Mindestmaß an Übereinstimmung sich ihre Bürger einigen können, wird mit einer bisher ungekannten Radikalität neu gestellt.

Von der Kultur- und der Weltwirtschaftskrise werden alle westlichen Industrienationen gebeutelt. Aber während andere Länder ihre objektiv größeren Schwierigkeiten mit einiger Gelassenheit ertragen, legt sich über die Bundesrepublik Deutschland Endzeitstimmung.

Vielen dämmert erst jetzt die Erkenntnis, daß diese Republik dreißig Jahre lang anscheinend vor allem durch das zusammengehalten wurde, was jetzt gleich von zwei Seiten in Frage gerät und bedroht wird: materieller Wohlstand.

Sind wir nichts anderes als Wunderkinder? Das wird sich zeigen. Vergeblich halten Politiker wie Bürger bisher nach Traditionen und Zielen Ausschau, in denen sie Identität finden können.

Sicher ist, daß die alleinige Konzentration der Bundesbürger auf den Wiederaufbau in den 50er Jahren, ihre zunehmende S.71 Besessenheit, den materiellen Aufstieg allein für Wert und Sinn der neuen Demokratie zu halten, ihre Bereitschaft, die unheilvolle Vorgeschichte des Nazireiches als störend und schmerzhaft zu verdrängen und die Teilung der Nation ohne andere als deklamatorische Trauer hinzunehmen, ein Vakuum an Sinn und Werten hinterlassen hat. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein »Staat ohne geistigen Schatten« (Rüdiger Altmann).

Bei der Suche nach Lösungen für jede einzelne der drei Krisen zeigt sich, wie unheilvoll sie miteinander verquickt sind. Das ist der Kern des gegenwärtigen Unbehagens. Immer versteht der andere anderes, als der Sprecher gemeint hat. Immer reden alle mit Wörtern, an denen noch ein Stück von anderen Zusammenhängen und Bedeutungen klebt. Mißverständnisse fordern Klarstellungen heraus, Klarstellungen enthalten Mißverständnisse, die dementiert werden. Wann immer sich an einer Front etwas bewegt, rutscht Wort- und Emotionsgeröll von den beiden anderen nach.

Politisches Handeln verkümmert so zu hektischer und wortreicher Bewegungslosigkeit. Die politische Diskussion erstarrt im Austausch von klischeehaften Bekenntnissen und Distanzierungen, Beschuldigungen und Rechtfertigungen zwischen den etablierten Parteien. Auf die Regierten wirkt das verbale Gezänk zunehmend kindisch - eine Beobachtung mit viel Wirklichkeitsgehalt.

Bonn. Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag am 17. September. Am Rednerpult steht Helmut Kohl und erinnert den Bundeskanzler daran, daß er 1976 versprochen habe, die öffentlichen Haushalte »dauerhaft« zu konsolidieren. Der CDU-Chef höhnt: »Nun weiß ich nicht, was er unter dauerhaft versteht.«

Herbert Wehner, SPD-Fraktionschef, ruft dazwischen: »Ihre Reden sind dauerhaft, das ist das einzige.« Darauf Kohl: »Das einzige, was in diesem Hause dauerhaft ist, sind Sie, Herr Wehner.« Wehner: »Kohl bleibt Kohl.«

Trotz wortreicher Bekundungen des Gegenteils scheint vielen Politikern noch immer nicht aufgegangen, wie gleichgültig den »Menschen draußen im Lande« Politik in diesem Stil zunehmend wird. Wie sehr immer mehr Bundesbürger sich im Stich gelassen fühlen in ihren konkreten Ängsten.

Als »eine ratlose Horde« sehen sie nach einer Untersuchung der Berliner Sozialwissenschaftler Burkhard Strümpel und Michael von Klipstein ihre Regierenden. Nur wüßten die »oben« noch nicht einmal, daß sie keine Rezepte mehr haben, weshalb sie die Ratlosigkeit denen »unten« anhängen. Deutsche Depression.

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Der Schock der Älteren: Sie sehen sich als Arbeitstrottel und Leistungsidioten abgestempelt

S.62An der Baustelle der Frankfurter Startbahn West am 7. November1981.*

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