Zur Ausgabe
Artikel 70 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Bosnien »Die Deutschen rauswerfen«

Von Renate Flottau
aus DER SPIEGEL 21/1995

SPIEGEL: Wegen Völkermord läßt das Internationale Kriegsverbrechertribunal gegen Sie ermitteln. Sie werden beschuldigt, für den Tod Tausender Zivilisten und für die Vertreibung Hunderttausender Moslems und Kroaten verantwortlich zu sein. Werden Sie nach Den Haag fahren und sich verteidigen?

Karadzic: Die Richter in Den Haag denken sich, wohl aus Langeweile, Dummheiten aus und wollen mich als Sündenbock vorführen. Was für eine Schande für die internationale Staatengemeinschaft, uns Serben die alleinige Verantwortung an diesem Krieg zuzuschieben! Für die jetzige Krise sind andere verantwortlich: die damaligen Außenminister Deutschlands, Österreichs und Italiens, die Herren Genscher, Mock und De Michelis.

SPIEGEL: Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten, der Westen habe Internierungslager befürwortet oder gar angeordnet?

Karadzic: Unsere Politik war immer korrekt. Wir unterhielten nur Lager für gefangene Soldaten, nie für Zivilisten. Sollten sich einige Wächter unvorschriftsmäßig verhalten haben, werden wir sie selbstverständlich anklagen - vor unseren eigenen Gerichten.

SPIEGEL: Sie bestreiten die gewaltsame Vertreibung Hunderttausender Bosnier aus ihrer Heimat? Die Massenvergewaltigungen?

Karadzic: Bitte, finden Sie mir 100 Kinder, die aufgrund von Vergewaltigungen zur Welt kamen, dann werde ich mich schuldig bekennen. Was die ethnischen Säuberungen betrifft, die uns unterstellt werden: Es gibt in Bosnien doch mehr serbische Flüchtlinge als moslemische und kroatische zusammen. Die Menschen fliehen aus Angst, das ist normal im Krieg.

SPIEGEL: Die Uno hat darüber andere Zahlen vorliegen. Und es ist doch bekannt, daß Ihre Freischärlertruppen mit gezieltem Terror bewußt die Angst schürten.

Karadzic: Das waren nicht meine Leute, das waren Extremisten. Versetzen Sie sich in die Lage eines Serben, der aus Zentralbosnien fliehen mußte. Der ist mit Recht auf Moslems und Kroaten wütend. Natürlich verurteile ich Racheakte. Doch beim besten Willen kann ich nicht alle verbitterten Flüchtlinge unter Kontrolle halten.

SPIEGEL: Sie wollen also Ihre Politik nicht ändern und weiterhin an einem Großserbien festhalten? Lehnen Sie den internationalen Friedensplan zur Zweiteilung Bosniens - 49 Prozent für die Serben, 51 für Kroaten und Moslems - deshalb noch immer ab?

Karadzic: Ich verrate doch nicht mein Volk. Die internationale Kontaktgruppe für Bosnien ist wirkungslos und beschäftigt sich nur noch mit sich selbst. Die Deutschen nehmen dabei einseitig für Moslems und Kroaten Partei. Sie versuchen, die Gruppe der Unterhändler zu bevormunden. Sie wirken kontraproduktiv. Die Deutschen sollte man da unbedingt rauswerfen!

SPIEGEL: Unter welchen Umständen sind Sie zum Frieden bereit?

Karadzic: Es gibt neue Denkansätze. Da hat sich eine Ad-hoc-Gruppe von Intellektuellen und pensionierten Politikern gebildet, die der US-Regierung nahestehen. Deren Vorschlag heißt: Bosnien als eine Union zweier souveräner Staaten zu konstituieren, wie Deutschland und Frankreich in der EU. Ich sehe darin für uns Serben einen akzeptablen Kompromiß, den etwa Jimmy Carter aushandeln könnte. Ein Ministerrat hätte als eine Art übergeordnete Regierung diese beiden Staaten zu verwalten. Wir fordern bei einem solchen Modell allerdings den Tausch einiger Territorien.

SPIEGEL: Und diese bisher völlig unbekannte Gruppe soll in der Lage sein, Bosnien zu befrieden?

Karadzic: Ja, ich bin zuversichtlich, noch in diesem Jahr wird ein solcher Friedensvertrag unterschrieben.

SPIEGEL: Wie soll denn die bosnische Führung unter Präsident Alia Izetbegovic für eine solche Idee gewonnen werden?

Karadzic: Er hat keine andere Wahl. Er kann unser Volk nicht abschlachten, und wir werden seinen moslemischen Staat niemals akzeptieren. Alles hängt an den USA. Wenn Washington den Plan gutheißt, wird ihn auch die bosnische Regierung in Sarajevo schlucken müssen.

SPIEGEL: Sie haben sich seit längerem mit Ihrem Ziehvater und langjährigen Gönner, Serbiens Präsident Slobodan Milosevic, überworfen. Milosevic wird Bosnien vielleicht bald völkerrechtlich anerkennen, um die völlige Aufhebung der internationalen Sanktionen gegen Belgrad zu erreichen. Verbittert Sie das nicht?

Karadzic: Eine Anerkennung Bosniens durch Milosevic hätte mich auch früher nicht gestört. Die Weltgemeinschaft hat Bosnien anerkannt, aber das kümmert uns nicht. Vergessen wir nicht, Bosnien ist derzeit kein souveräner Staat. Ich halte hier die Macht über mehr als 70 Prozent des Territoriums und nicht Izetbegovic.

SPIEGEL: Zwischen Mittelsmännern des bosnischen Präsidenten Izetbegovic und denen des Belgrader Serbenführers Milosevic soll es angeblich zu einem Geheimtreffen gekommen sein. Sind Sie bald endgültig isoliert?

Karadzic: Zwischen Belgrad und Sarajevo gibt es in der Tat eine Annäherung. Milosevic versucht, Angehörige meines Parlaments gegen mich zu mobilisieren. Aber ohne nennenswerten Erfolg. Gerade 6 von 84 Volksvertretern machen da mit - der politische Widerstand gegen mich ist bedeutungslos.

SPIEGEL: Sie nehmen es auch gelassen, sollte die Uno ihre 24 000 Mann starke Friedenstruppe aus Bosnien abziehen und das Schlachtfeld den Kriegsparteien selbst überlassen?

Karadzic: Wir fordern nicht den Abzug der Uno-Blauhelme, würden dies aber begrüßen. Sollten unsere Stellungen von Nato-Bombern noch einmal angegriffen werden, dann sind die Blauhelme unsere Geiseln. Und werden die Uno-Schutzzonen von den Moslems nicht entmilitarisiert, werden wir sie alle mit Waffengewalt einnehmen, einschließlich Sarajevo.

SPIEGEL: Übernehmen Sie sich nicht bei Ihren Kriegsabenteuern? Kroaten und Bosnier fügen den Serben derzeit an vielen Frontabschnitten empfindliche Niederlagen zu.

Karadzic: Diese unwesentlichen Eroberungen können wir schnell wieder rückgängig machen. Aber wir wollen auch nicht mehr Land, als wir schon haben. Wir wollen unseren Staat nicht ausweiten und darin eine moslemische Minderheit haben. Das würde wieder Unruhe mit sich bringen, in fünf Jahren gäbe es den nächsten Krieg.

SPIEGEL: In Kroatien haben die mit Ihnen verbündeten Krajina-Serben Anfang Mai eine empfindliche Niederlage erlitten. Die kroatische Armee eroberte Westslawonien in wenigen Tagen zurück. Beunruhigt Sie diese Gegenoffensive wirklich nicht?

Karadzic: Kroatiens Präsident Franjo Tudjman will ein Großkroatien, Izetbegovic einen moslemischen Staat. Darauf weiß ich nur eine Antwort: Wir Serben müssen uns so schnell wie möglich in einem Staat vereinigen. Die Führung in Belgrad muß und wird sich mit uns in Pale versöhnen. Was wird die Welt dagegen unternehmen? Wer wird es dann noch wagen, uns anzugreifen? Y

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 70 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.