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»Die dunklen Seiten von 1848«

Der Frankfurter Historiker Lothar Gall über das Scheitern der ersten deutschen Revolution und die Folgen für die Geschichte des 20. Jahrhunderts
aus DER SPIEGEL 7/1998

Gall, 61, lehrt Neuere Geschichte an der Universität Frankfurt am Main. 1980 veröffentlichte er die Biographie »Bismarck. Der weiße Revolutionär«.

SPIEGEL: Herr Professor Gall, Sie haben der Frankfurter Ausstellung zum 150. Geburtstag der Revolution von 1848/49 den optimistischen Titel »Aufbruch zur Freiheit« gegeben. Wurden damals nicht eher die Weichen zur deutschen Katastrophe gestellt?

Gall: Nein, man sollte die deutsche Geschichte nicht als Einbahnstraße ins Dritte Reich sehen. Der Titel zielt auf das, was der Kern der Bewegung von 1848 war und was über die Jahrzehnte trotz aller Gegenkräfte fortgewirkt hat. Wesentliche Elemente unseres Gemeinwesens, die Garantie von Grundrechten, der Parlamentarismus, die demokratische Legitimation politischen Handelns, gehen auf 1848 zurück.

SPIEGEL: Aber steht das Scheitern der Revolution nicht doch am Beginn jenes Weges, der zum Kaiserreich Wilhelms II. und später zu Adolf Hitler führte?

Gall: Sicher hat die Wiederherstellung der alten Machtverhältnisse manche verhängnisvolle Entwicklung begünstigt. Aber die Menschen sind nicht bloße Marionetten der Geschichte. Jede Generation trägt ihre eigene Verantwortung. Von der These eines deutschen Sonderweges, der fast zwangsläufig von Bismarck über Wilhelm II. zu Hitler geführt habe, sind die Historiker längst auf breiter Front abgerückt.

SPIEGEL: Gab es denn in den Jahren nach 1849 noch eine reelle Chance für die Demokratie?

Gall: Ja, durchaus, denn in den Köpfen blieben die Ideen von 1848 lebendig. Und seit Ende der 1850er Jahre erlebten ihre Hauptträger, die Liberalen, wieder einen großen Zuwachs an Bedeutung und Einfluß ...

SPIEGEL: ... bis Bismarck 1862 preußischer Ministerpräsident wurde.

Gall: Auch danach. Gerade Bismarck mußte - zum Schrecken seiner Standesgenossen - viele Forderungen der Revolution von 1848 umsetzen, um sich politisch zu behaupten. Allerdings: Das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, die Entwicklung eines schließlich mörderischen Antisemitismus, wäre bei einem Erfolg der ersten deutschen Demokratie vielleicht gar nicht erst aufgeschlagen worden.

SPIEGEL: Auch während der Revolution kam es zu judenfeindlichen Ausschreitungen, vor allem auf dem Lande.

Gall: Die will ich damit nicht leugnen. Aber man muß unterscheiden zwischen den seit Jahrhunderten gängigen, im Kern religiös geprägten Vorurteilen, die sich für die breite Masse auch daraus nährten, daß viele Juden Geldverleiher waren, und jenem radikalen, völkisch-rassenideologisch motivierten Antisemitismus, der schließlich nach Auschwitz führte.

SPIEGEL: Trug der massive Nationalismus vieler 48er - manche träumten von einem großdeutschen Reich zwischen Nordsee und Schwarzem Meer - nicht schon den Keim des wilhelminischen Imperialismus in sich?

Gall: Dies gehört in der Tat zu den dunklen Seiten von 1848, auf die sich im übrigen Bismarck später berief, indem er sich den übrigen Mächten als Bändiger des deutschen Nationalismus präsentierte.

SPIEGEL: Kann sich die Bundesrepublik trotz alledem auf 1848 berufen?

Gall: Ja. Ich glaube, die Identität der Deutschen sollte im Bekenntnis zu den Ideen und Ordnungsprinzipien liegen, die 1848 formuliert worden sind: Menschenrechte und Demokratie, vor allem.

SPIEGEL: Und die Nation?

Gall: Die Idee der Nation hat ja zwei Seiten: die dunkle eines militanten und gegenüber allen Andersdenkenden intoleranten und expansiven Nationalismus und diejenige, die darauf zielt, die verschiedenen Gruppen einer Gesellschaft über gemeinsame Ideen zusammenzuführen, sie in einem gemeinsamen Willensbildungsprozeß zu einem freien Gemeinwesen zu vereinigen.

SPIEGEL: Nach den ersten Unruhen im März 1848 zogen sich die Aufständischen schnell wieder zurück. Woher kam diese Angst vor einem gewaltsamen Umsturz?

Gall: Den Menschen damals stand nicht zuletzt die Entwicklung der Französischen Revolution von 1789 vor Augen, die Schreckensherrschaft der Jakobiner, die mit Gewalt eine ganz neue Ordnung durchzusetzen suchten - und am Ende damit vollständig gescheitert sind.

SPIEGEL: Die eher friedliche Revolution von 1848 war keineswegs erfolgreicher.

Gall: Sie setzen mit Ihrer Frage eine Erwartung gegenüber der Revolution voraus, die die Menschen so nicht hatten. Die meisten Bürger wollten mit Hilfe eines frei gewählten Parlaments und einer Verfassung eine grundlegende Neuordnung schaffen. Sie zielten auf stabile Verhältnisse, nicht auf endlos revolutionäre Zustände.

SPIEGEL: Aber auch für die Unterstützung ihres Parlaments waren die Deutschen kaum zu mobilisieren.

Gall: Das kann man so nicht sagen. Im Frühjahr und Sommer 1848 war die Begeisterung groß. Die Abkehr von der Nationalversammlung und der Revolution begann erst im Herbst 1848, als immer weitere Kreise der Bevölkerung durch die Folgen der revolutionären Unruhen ihre materielle Existenz bedroht sahen.

SPIEGEL: Hatte die Revolution unter diesen Umständen je eine Chance?

Gall: Ich glaube, ja. Im März 1848 waren die Träger der alten Ordnung fast vollständig zurückgewichen. Und auch im Sommer behielten die Revolutionäre noch die Oberhand, während in der Frankfurter Paulskirche an der Verfassung gearbeitet wurde. Die Situation kippte erst endgültig, als sich die Führungsschichten der beiden deutschen Großmächte Österreich und Preußen von ihrem Schrecken erholten, ihre Bataillone wieder sammelten und zum Gegenschlag, zur Gegenrevolution, ausholten.

SPIEGEL: Friedrich Engels hat den Parlamentariern vorgeworfen, »das deutsche Volk zu langweilen, statt es mit sich fortzureißen«. Haben die Abgeordneten zu lange über die Verfassung diskutiert und damit wichtige Zeit verloren?

Gall: Nein. Was hier zur Debatte stand, ließ sich in der Tat nicht im Handumdrehen bewältigen. Die Revolution ist ja auch nicht an den Differenzen zwischen dem Volk und den Parlamentarieren gescheitert, sondern an denen, die dieser Revolution feindlich gegenüber standen.

SPIEGEL: Wen zählen sie dazu?

Gall: Vor allem den Adel. In England war und blieb der Adel zu Reformen bereit, in Deutschland in seiner Mehrheit nicht, obgleich in der Frankfurter Nationalversammlung auch viele Adlige saßen.

SPIEGEL: Aber diese reformwilligen Adligen konnten sich gegen Reaktionäre wie den jungen Bismarck nicht durchsetzen.

Gall: Das war womöglich entscheidend. Daß der konservative Adel 1848 und auch in den folgenden Jahrzehnten starr auf seinen Privilegien beharrte, hat die Entwicklung Deutschlands sehr gehemmt.

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