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DIE EHRENWERTE FAMILIE

Die Werbemilliarden der pharmazeutischen Industrie haben die kritische Distanz der Mediziner zur Marketingpolitik der Arzneimittelhersteller zerstört, die früheren Ärztegenerationen eigen war. Die Folge: Patienten und Krankenkassen müssen Millionen für Medikamente zahlen, deren Wirksamkeit klinisch nicht erwiesen ist.
aus DER SPIEGEL 43/1976

Mit massiver Absatzwerbung, deren Milliardenaufwand in die Arzneimittelpreise eingeht, buhlt die Pharmabranche um die Gunst der Ärzte.

Plakative Anzeigentexte und geschickt aufbereitete Fachliteratur, bei deren Auswahl es nicht immer redlich zugeht, vor allem aber die rhetorischen Kunstfertigkeiten der tagaus, tagein im Bundesgebiet umherreisenden Arzneimittelvertreter sollen den Doktoren die Markennamen ins Gedächtnis meißeln.

Doch auch bei der Werbeansprache des allgemeinen Publikums hält sich die Pharmabranche nicht zurück. Für die sogenannte Laienwerbung -- zur Umsatzhebung bei rezeptfreien Mitteln -gibt sie jährlich mehr aus als die Bierbranche.

Wenn unterdes Ärzte über ein Zuviel an Anzeigen in ihren Fach- und Standesblättern mäkeln, was vorkommt, wird die Pharma-Industrie deutlich:

»Niemand sollte übersehen«, stellte die von sieben marktstarken Pharma-Multis deutscher Herkunft finanzierte »Medizinisch Pharmazeutische Studiengesellschaft« in einer Dokumentation klar, »daß es gerade die pharmazeutische Insertionswerbung ist, die die medizinisch-wissenschaftlichen Zeitschriften als aktuelle Informationsquellen des Arztes wirtschaftlich sichert und am Leben erhält.«

Die offizielle Führung der deutschen Ärzteschaft, Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung, versteht solche Winke. Das von beiden Gremien herausgegebene »Deutsche Ärzteblatt«, Sprachrohr konservativer Standespolitik, beeilte sich erst jüngst wieder, der Pharma-Industrie den höheren Nutzen ihrer massiven Absatzwerbung zu bescheinigen.

»Böswillige Interpretation« sei es, betonte das Blatt, die »Arzneimittelinsertion« als »Bedarfsweckung« zu mißdeuten. Die Pharma-Industrie betreibe mit ihrer »nur an Ärzte gerichteten Insertion« keine Arzneimittelwerbung, sondern »Arzneimittelinformation«. Und »um zu bewirken, daß die Pharma-Anzeigen in Zukunft allgemein als erwünschte und notwendige Information angesehen werden«, schrieb der von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung betriebene »Deutsche Ärzte-Verlag« gar einen »Anzeigen-Wettbewerb« unter den »Pharma-Werbern« aus.

Die erste Siegerehrung des neuartigen Reklame-Festivals fand am Freitag letzter Woche anläßlich des »Ersten Internationalen Forums der Bundesärztekammer »Fortschritt und Fortbildung in der Medizin"' in Köln statt.

Mit Medaillen und Geldpreisen von insgesamt 35 000 Mark belohnt wurden die Neurocil-Anzeigen von Bayer ("Graphisch gekonnt"), die Broncho-Noleptan-Reklame von Thomae ("Dramatischer Ausdruck"). die Anzeigenserie zum Absatznutzen des Eisenpräparats ferro sanol duodenal ("Werblich sauberes Konzept") und die Simplotan-500-Werbung des US-Multis Pfizer ("Der Produktnutzen sitzt photographisch auf dem Punkt").

Das Wettbewerbsziel' »Insertion im guten Sinne« zu prämiieren, wurde allerdings bei genauerem Hinsehen -- kaum erreicht:

* Die Bayer-Schlagzeile »Neurocil schafft Abstand vom Schmerz« verschleiert, daß die Werbung keinem harmlosen Schmerzdämpfer, sondern einem risikoreichen Neuroleptikum gilt, das in erster Linie bei »Psychosen des schizophrenen Formenkreises« indiziert ist;

* die Ferro-sanol-duodenal-Reklame von Pharma-Schwarz unterstellt, bei dem menstruationsbedingten, vorübergehenden und geringfügigen Eisendefizit vieler Frauen handele es sich um eine schlimme »Eisenmangel-Krankheit«, die »ausgeprägte Erschöpfungszustände« heraufbeschwöre;

* die Broncho-Noleptan-Anzeigen der Boehringer-Ingelheim-Tochter Thomae preisen als »neu«, was lediglich ein Arzneigemisch aus alten Stoffen ist, und

* die flotte »lx4Tabl. -- Das ist alles«-Devise der Simplotan-500-Werbung von Pfizer täuscht therapeutischen Fortschritt vor, da die verheißene spontane Wiederherstellung der Verkehrsfähigkeit nach »Trichomonaden-Infektion bei Frau und Mann« seit langem durch 14 einfache Simplotan-Tabletten (zum gleichen Preis) erreichbar ist. Noch kritikfreier als der »Deutsche Ärzte-Verlag« steht der in Planegg bei München angesiedelte »Selecta«-Verlag den Werbe-Intentionen der Pharma-Fabrikanten gegenüber.

Dem ..Selecta«-Eigner Dr. med. Ildar Idris, zugleich Herausgeber und Chefredakteur des meistgelesenen »Wochenmagazins des Arztes«, gebührt das Verdienst, eine besondere Variante der Schleichwerbung ersonnen zu haben.

Als redaktionelle Beiträge erscheinen in »Selecta« häufig mehrseitige Aufsätze »Porträt eines Pharmakons« so jüngst beispielsweise ein Lobgesang auf das suchtfördernde Schmerzmittel Valoron der Warner-Lambert-Tochter Gödecke.

Den werbewirksamen Text für diese Redaktions-Rubrik übernimmt »Selecta« von einer »Presse & Werbe GmbH« namens »Informed«. Geschäftsführer dieser Pharma-Werbefirma ist »Selecta«-Eigentümer Ildar Idris.

Doch die Pharma-Industrie finanziert der deutschen Ärzteschaft nicht nur die berufspolitische Standes- und die medizinische Fachlektüre. Auch Plaketten, Medaillen und Geldpreise der Pharma-Fabrikanten regnen alljährlich auf die Ärzteschaft herab.

Es gibt kaum ein Unternehmen von Rang, das seine Produktionspalette nicht durch einen attraktiven Förderpreis krönt. Zwar tritt in der Regel als Preisverleiher eine der zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften auf. Doch wer die 5000, 8000 oder 10 000 Mark jeweils gespendet hat, wird bei jeder Laudatio mit artigem Respekt erwähnt.

So verdankt die »Deutsche Gesellschaft für Fortschritte auf dem Gebiet der Inneren Medizin« die alljährliche Verteilung ihrer »Ludwig-Heilmeyer-Medaillen« (in Gold und in Silber, verschönt mit 10 000 und 6000 Mark) der Werbekraft der Firma Bayer. Auch die »Deutsche Arbeitsgemeinschaft für internistische Intensivmedizin« kann dank Bayer ihre »E.-K.-Frey-Medail-

* Rechts: Hans Mohl, Leiter der Gesundheitsredaktion beim ZDF.

le« und ihren »E.-K.-Frey-Preis« (Dotation: 10 000 Mark) verleihen.

Hinter dem Förderpreis der »Deutschen Diabetes-Gesellschaft« (11 000 Mark) stecken die Firmen Schering und Bayer, Verkäufer des Antidiabetikums Pro-Diaban. Die »Saarländisch-Pfälzische Internistengesellschaft« verteilt den »Albert-Knoll-Preis« (10 000 Mark) der BASF-Tochter Knoll für »hervorragende Arbeiten auf dem Gebiet der Inneren Medizin«.

Hinter dem »Friedrich-von- Bodelschwingh-Preis« der »Deutschen Sektion der Internationalen Liga gegen Epilepsie« steht die Deutschland-Tochter des britischen Chemie-Giganten ICI, Herstellerin der Antiepileptika Mylepsinum und Pyknolepsinum.

Der »Paul-Morawitz-Preis« der »Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung« stammt von der Pharmafirma Thiemann, deutsche Tochter des holländischen AKZO-Konzerns, die das Kreislaufmittel Fludilat vertreibt. Die »Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Blutgerinnungsforschung« wiederum darf den ebenfalls von Thiemann gestifteten »Alexander-Schmidt-Preis« (10 000 Mark) verteilen.

Der Psychiatern zugedachte »Hermann-Simon-Preis« (10 000 bis 20 000 Mark jeweils) wird von dem Psychopharmaka-Produzenten von Heyden, Deutschland-Dependance der amerikanischen Pillenfirma Squibb, finanziert.

Der für junge Kreislaufforscher ausgesetzte »Edens-Preis« kommt von der Beecham-Tochter Wülfing, die ihren Jahresumsatz in erster Linie mit dem Durchblutungsmittel Complamin zusammenbringt. Hinter dem »Arthur-Pappenheim-Preis« der »Deutschen Gesellschaft für Hämatologie« stehen die Nordmark-Werke des IG-Farbennachfolgers BASF, hinter dem »Albert-Döderlein-Preis« der »Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe« die in der Eschweger Firma Woelm konzentrierten deutschen Pharma-Interessen des US-Kosmetikkonzerns Reylon.

Die Pfizer-Tochter Mack in Illertissen läßt sich ihren »Mack-Forster-Award« alljährlich 10000 Mark kosten, und die Konstanzer Pharmafirma Byk Gulden aus der Quandt-Gruppe verteilt einmal im Jahr die gleiche Summe an »Doktoranden der experimentellen Naturwissenschaften an der Universität Konstanz«.

Am tiefsten aber griff der langjährige Präsident des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Dr. Rolf Lappe, in die Kasse.

Sein Arzneimittelhaus Nattermann, das die zur Senkung der Blutfettwerte gedachte wundersame Heilsubstanz »Essentielle Phospholipide« ersann, setzte dem in der Lipidforschung tätigen wissenschaftlichen Nachwuchs Drei-Jahres-Stipendien aus, höchst splendid: Wer den Nattermann-Ansprüchen genügt, darf pro Jahr bis zu 52 000 Mark erwarten, »Mittel für Laborausgaben und Reisen« zusätzlich.

Weniger üppig, doch origineller verfuhr die zu den Interessensbereichen der Quandt-Gruppe und der amerikanischen Schering-Corporation gehörende Münchner Pharmafirma Byk Essex.

Sie entsann sich der Verdienste westdeutscher Medizinjournalisten um die Pharma-Industrie und setzte einen mit 10 000 Mark dotierten Preis »Medizin im Wort« aus. Als erster errang ihn der Geschäftsführende Sekretär des »Kollegiums der Medizinjournalisten"' der approbierte Arzt Dr. Georg Schreiber (über die Preisverleihung zerstritt sich das Kollegium; nun gibt es zwei Zirkel). Am schönsten aber blüht das von der Ärzteschaft dankbar gewürdigte »Mäzenatentum« (Ex-Bundesärztekammer-Präsident Professor Ernst Fromm) der Pharma-Idustrie, das der Bundesbürger beim Einkauf jeder Pillenschachtel mitbezahlt, auf dem Gebiet der ärztlichen Fortbildung.

Bei jedem Ärztekongreß' vom alljährlichen »Deutschen Ärztetag« bis hinunter zur »Wissenschaftlichen Sitzung des Vereins Nassauischer Ärzte« zu Limburg, trägt die Pharmabranche das ihre bei, die jedem Arzt gesetzlich obliegende Pflicht der Fortbildung in ein Vergnügen zu verwandeln.

Aus ihren Werbeetats der »wissenschaftlichen Information« finanziert sie kalte Büfetts und festliche Arbeitsessen, verteilt Präsente an die miterschienenen Gattinnen oder vertreibt den Damen die Langeweile mit Modeschauen, und Museumsbesichtigungen.

Sie engagiert professorale Titelträger für Vortragsabende. Wochenendseminare oder Kongreßreisen ärztlicher Verbände. Sie versorgt die Ärzteschaft mit teuren Fortbildungsfilmen und wissenschaftlicher Literatur, was so manchem Mediziner erspart, Lehrmaterial auf eigene Kosten anzuschaffen.

Sie lädt zu einem Ärztesymposium auf Capri ein (Hoechst), auf dem es, wie beiläufig, auch um die Problematik der Zuckerkrankheit geht, gegen die das einladende Unternehmen just das rechte Mittel (Euglucon) zur Verfügung hält. Sie veranstaltet »Deidesheimer Gespräche' (BASF-Tochter Knoll) über »Probleme der Bioverfügbarkeit und des Wirkungsnachweises von Medikamenten«, bei denen zufällig auch das Thema »Herzglykoside« angesprochen wird, dem sich die gastgebende Firma besonders widmet.

Sie hält ihre gehobenen Angestellten an -- so etwa die Nattermann-Tochter Dr. Schieffer-Arzneimittel -, die sogenannten wissenschaftlichen Schriftenreihen der Ärzteverbände uni bedeutsame Abhandlungen zu bereichern, oder nimmt die ärztliche Fortbildung einfach selber in die Hand.

So veranstaltet die deutsche Hoffmann-La Rache, die mit ihren Valium- und Librium-Tabletten Millionengewinne einfährt, quer durch die deutschen Lande

Roehe-Wochenend-Seminare~, um auch Nichtpsychiatern den »Zugang zur psychischen Situation des Patienten« zu eröffnen.

So wetteiferten beispielsweise die Firmen Kali Chemie Pharma (Solvay-Konzern), Merckle. Albert Roussel

(Hoechst-Konzern),

Thiemann (AKZO-Konzern) und Miles (US-Konzern Miles) allein innerhalb von zwei Wochen um die Fortbildungsbereitschaft Berliner Ärzte, denen sie -- über das amtliche Kammerblatt -- »Fortbildungsveranstaltungen« verschiedenster Art andienten.

So ist das Haus Nattermann schon seit Jahren am Werk, »das Vortragswesen noch weiter und gezielter auszubauen«, und trug beispielsweise dazu bei, daß allein in einem Jahr »99 Vorträge von anerkannten Klinikern und 27 Filmvorträge gehalten« wurden, »wo in den meisten Fällen -- sei es auch nur in der Diskussion -- unsere Präparate erwähnt wurden«.

So führte die deutsche Tochter des französischen Pharma-Multis Labaz Ende vergangenen Jahres »im gesamten Bundesgebiet Fortbildungsveranstaltungen an Sonnabenden durch«, und zwar, wie sie betonte, »in Eigenregie, ohne die ärztlichen Standesorganisationen«. Als »Hauptreferenten« traten dabei »die Labaz-Autoren Müller aus Wien und Begemann aus München« auf.

Die Kosten dieses Aufwands, der Deutschlands Ärzten die Berufspflichten versüßt, trägt freilich der Patient. Er allein bezahlt sie, entweder unmittelbar beim Einkauf seiner Pillenschachtel oder indirekt über seinen Krankenkassenbeitrag.

Die Pharmabranche hält dies für selbstverständlich.

In dem Verfahren vor dem Bundeskartellamt rechtfertigte Hoffmann-La Roche-Marketingchef Dr' Christoph Bally die nach Ansicht der Berliner Preishüter exorbitant überhöhten Valium- und Librium-Preise ausdrücklich auch mit den Firmenaufwendungen für die »Roche-Wochenend-Seminare« zur Schulung von Allgemeinärzten in Sachen Psychosomatik.

Die Ärzteschaft weiß die Fortbildungshilfen der Industrie zu schätzen. Was die Industrie den Medizinern an Medaillen und Geldpreisen, Präsenten und geselligem Verzehr schenkt, lohnen die ärztlichen Standesorganisationen mit Ehrungen. auch mal mit Gold.

Für »Verdienste um die ärztliche Fortbildung« beispielsweise hält die Bundesärztekammer die »Ernst-von-Bergmann-Plakette« parat. Sie wurde schon so manchem Marketingler und medizinischem PR-Mann der Pharmabranche angeheftet -- etwa dem Marketingchef von Boehringer Mannheim, Dr. Georg Weiss, dem Leiter der Pharmazeutisch-Wissenschaftlichen Informationsstelle von Bayer. Dr. Egon Rempen, dem Vorsteher der Medizinisch-Wissenschaftlichen Informationsabteilung der Degussa-Tochter Chemiewerk Homburg, Dr. Gerfried Kristen, dem Leiter des Gesundheitspolitischen Referats von Hoechst, Dr. Reinhold Rathscheck, oder dem Geschäftsführer der Bayer-Tochter Bayropharm, Dr. Otto Ludescher.

Die jährlich mit Milliardendruck auf die Arzneimittelpreise durchschlagende Firmenreklame bezeichnen Insider, wie etwa der Bayer-Direktor für »Wissenschaftliches Marketing«, Dr. Günter P. Albus, gelegentlich durchaus als »Verkaufsinstrument«.

Doch gleichzeitig sehen sie in ihr eine »Kommunikationsform zum Zwecke einer Verhaltenskonditionierung«, um bei der Ärzteschaft »den Lernprozeß über die neuen Entwicklungen der Arzneimittelforschung zu forcieren« (Albus).

Und um dieses hohen Zieles willen wirft die Pharma-Industrie ein wahres »Netzwerk der Kommunikation« (Albus) über jeden Arzt und setzt alle Raffinessen moderner Verkaufspsychologie ein, um bei ihm das ganze »System von Absicherungsmechanismen' aufzuknacken, »das erst passiert werden muß, bis eine Arznei verschrieben wird« (Albus).

Die rund 10 000 Ärztebesucher, die tagaus, tagein die Arztpraxen abklappern -- Kostenaufwand je Vertreter einschließlich Sozialabgaben, Firmenwagen, Reisespesen, Werbeausstattung und Erfolgsprämien: rund 100 000 Mark im Jahr -- wissen aufgrund ihrer an den Präparate-Umsatz gekoppelten Einkünfte, worum es geht: »Der Ärztebesucher«, so das Fachblatt »Medizin und Werbung«, »hat selbstverständlich primär die Aufgabe, für die Präparate seiner Firma zu werben, den Arzt zu informieren und somit seiner Firma zu einem höheren Umsatz zu verhelfen.«

Voraussetzung für den Verkaufserfolg ist, wie das offizielle Sprachrohr der Pharmabranche, die Zeitschrift »Die Pharmazeutische Industrie«, ungeniert bekennt, die »bewußte Anpassung« des Firmenabgesandten an die »gesellschaftliche Sonderstellung« des deutschen Arztes.

Das freilich wird den pharmazeutischen Klinkenputzern in bis zu sechs Monaten dauernden Schulungskursen eingetrichtert.

Sie werden mit medizinischem Basiswissen geimpft, müssen das medizinische und pharmakologische Fachchinesisch einüben, im ärztlichen Standesrecht zu Hause sein und vor allem die chemischen Grunddaten des firmeneigenen Spezialitätenprogramms derart in sich aufsaugen, daß sie jedweden Einwand ihrer aufgrund dürftiger Ausbildung in Pharmakologie ohnehin nur beschränkt bewanderten ärztlichen Gesprächspartner überwinden können.

»Unumgängliches Rüstzeug«, so das Fachblatt »Der Arztbesuch«, des aufwendigen Firmentrainings' dessen Kosten -- mindestens 30 000 Mark je Vertreter -- selbstverständlich in die Arzneimittelpreise eingehen, ist das Einüben aller Tricks moderner Verkaufsmethoden, vor allem der Kontakt- und Werbepsychologie.

Die Firmenvertreter werden in der »Technik des Arztgesprächs« geschult, lernen alle »Gesprächsmethoden« beherrschen, »mit denen man Einwänden des Arztes begegnen kann« -- von der »Ja/aber-Methode: Durch anfängliche Zustimmung das Widerspruchsbedürfnis entwaffnen und so die Aufnahmebereitschaft für Gegenargumente bahnen«, über die »Fragemethode: Durch geschicktes Fragen den Gesprächspartner in seinen Antworten sich selbst entkräften lassen« bis zur »Verzögerungsmethode: Am Beispiel eines anderen Falles den Einwand besprechen und dann konkret entkräften«.

Denn für den Ärztebesucher hat zu gelten: »So viele Einwände es gibt, so viele Möglichkeiten gibt es auch, ihnen zu begegnen.«

Wer die Gesprächstechnik auch nur »einigermaßen beherrscht«, weiß das Fachblatt, »erarbeitet mit dem betreffenden Arzt faktisch das Werbeargument für das besprochene Präparat, wie es den Arzt selbst am besten überzeugt«.

Entscheidend ist dabei keineswegs. »was der Ärztebesucher sagt«, sondern allein, »was der Arzt glaubt, aus einem Gespräch entnehmen zu können«.

Daher wird selbst den im Außendienst erprobten »Pharmareferenten« in regelmäßigen Wiederholungskursen stets von neuem eingeimpft' »den Arzt, seine Empfindungen und Reaktionen zu studieren« und »über seine therapeutischen Ansichten und über den Aufbau seiner Praxis zum Sprechen zu bringen«. Denn die Pharmabranche weiß, so das Fachblatt »Der Arztbesuch«, »daß sich der Arzt menschlichgefühlsmäßig beeinflussen läßt, und zwar mehr. als man im allgemeinen glaubt«.

Plaudert der angesprochene Arzt nur wenig oder gar nichts über seine Verschreibungsgewohnheiten und seine Praxis aus, werden die Firmenvertreter mitunter angehalten, die ihren Arbeitgeber interessierenden Daten hinterrücks zu erkunden.

So wies die Firma Nattermann des langjährigen Verbandspräsidenten Lappe ihre 187 Außendienstmannen an, bei jedem niedergelassenen Arzt, »auch wenn der Arzt für ihre Besuchstätigkeit normalerweise nicht interessant ist«, auszukundschaften ("Zum Beispiel durch vorsichtiges Befragen der Sprechstundenhilfe"),

wie viele Patienten er täglich verarztet.

* wie viele Hilfskräfte er beschäftigt,

* ob er »wenig«, »normal« oder »viel Labor macht und ein EKG-Gerät benutzt,

* wie viele »Behandlungsräume« er

besitzt,

* wie viele Patienten »zum Zeitpunkt Ihres Besuches« im Wartezimmer sitzen und wie viele Sitzplätze ("Wir bitten um exakte Zählung") generell vorhanden sind.

Wie der Arzt seine Praxis organisiert hat -- »a) ohne System« »b) Nummernsystem«. »c) Bestellsystem« -, galt es ebenfalls herauszufinden.

Die Schnüffelei war ergiebig. Mit einem » Beleganfall von circa 250 000« brachte die heimliche Erkundung der Firma Nattermann nach eigenen Angaben »umfangreichere Informationen über den Arzt« ein, die bis dato »noch nicht vorhanden« seien.

Trotz solcher gelegentlicher Unfeinheiten sind die »dynamischen« Pharma-Werber' die laut Stellenangeboten »vorzügliche Umgangsformen, Schwung, Kontaktfreude"' die »Fähigkeit, sich gewandt und überzeugend auszudrücken« (Merck) und »echte Freude am Verkaufen« (Thomae) mitbringen müssen, in den Praxen gern gesehen.

Sie beleben den Arztalltag nicht nur durch kleine Aufmerksamkeiten wie »Nattermanns Kräuter-Schnäpsgen«. Sie bringen auch den neuesten Tratsch aus den Nachbarpraxen mit, die Nachricht, daß der Kollege schon wieder sein Labor erweitert und jetzt die vierte Helferin eingestellt hat oder in den nächsten drei Wochen nur einen Vertreter beschäftigt, weil er an der Fortbildungs-Kreuzfahrt des Hartmannbundes quer durch die Karibische See teilnimmt.

Vor allem aber tragen sie dem Arzt an, wenn er es wünscht, kostenlos Medikamente von ihrem Arbeitgeber frei Haus zu beziehen, was er besonders schätzt.

Denn die »als unverkäufliche Muster« dargereichten Originalpackungen befreien den Kassenarzt nicht nur von der Regreßfurcht vor den Krankenkassen.

Dank der »Ärztemuster« kann er gegenüber seinen Patienten immer mal wieder Weihnachtsmann spielen oder aber auch in die Rolle des »klinischen Prüfers« schlüpfen, was dem Selbstverständnis guttut.

So diente beispielsweise die Grenzacher Deutschland-Tochter des Basler Pharma-Multis Hoffmann-LaRoche 34 000 Allgemeinmedizinern, Internisten und Nervenärzten je zehn Originalpackungen ihres neuen, von der Valium-Rezeptur abgeleiteten Schlafmittels Dalmadorm unter dem Vorwand an, sie seien auserwählt worden, an einer »praxisorientierten Prüfphase« mitzuwirken.

Mitunter laben sich allerdings auch nichtärztliche Interessenten an den von der Pharmabranche großmütig verstreuten Wertobjekten »Ärztemuster«. (Nach Angaben von Insidern betragen allein die jährlichen Herstellungskosten dieser Originalpackungen, als Werbeaufwand deklariert und den Abgabepreisen des offiziellen Sortiments zugeschlagen, rund 200 Millionen Mark.)

Soeben erst kam die Staatsanwaltschaft Wuppertal einem »in die Millionen« (Oberstaatsanwalt Hans-Georg Körner) gehenden Muster-Krimi auf die Spur.

Sorgfältig hatte der Arzneimittelvertreter einer »im Raum Neuss« ansässigen Pharmafirma im Verein mit zwei Kollegen bei »ganzen Pkw-Ladungen von Ärztemustern« den Schachtelaufdruck »unverkäufliches Muster« mit einer acetonhaltigen Flüssigkeit abgebeizt. Dann bot das Trio die gereinigten Packungen Wuppertaler Apothekern zum Weiterverkauf im Heilmitteleinzelhandel an. Vorzugspreis: 20 bis 50 Prozent billiger als der von Apothekern heim Großhandel üblicherweise zu zahlende Einstandspreis.

In den monatelangen geschäftlichen Erfolg -- die Apotheker verkauften die preisgünstig erstandene Originalware zum normal hohen Apothekenabgabepreis weiter -- teilten sich die Heilmittelvertreter und -händler brüderlich, bis die Staatsanwaltschaft einschritt.

Doch ungeachtet solcher Pannen, die am Image der stets auf ihren Ruf bedachten Pharmafirmen kratzen, zahlt sich das teure Liebeswerben der Pharmabranche um die Gunst der Ärzte mit »Ärztemustern«, »Forscherpreisen« und einfühlsam ausgeschmückten »Fortbildungsseminaren« täglich aus.

Das hellwache Selbstbewußtsein ihrer Väter gegenüber der Pharma-Industrie, die noch gelernt hatten, pharmazeutische Substanzen, nicht lediglich Markennamen zu verordnen, ist Deutschlands Medizinern längst entschwunden.

Wie betäubt von den ihnen ständig dargereichten Werbedrogen, durchschauen sie nicht mehr die plumpe Fabrikantenlist, immer wieder alte Hausmannskost als neuestes Resultat höchsten Forschungseifers auszugeben.

So wurden Deutschlands Ärzte erst jüngst von der Verheißung überrascht, endlich sei es gelungen, »ein modernes Laxans« namens Laxoberal zu erfinden, das alle bisherigen Abführmittel übertreffe, weil selbst bei Dauergebrauch »keine Störung der Serum-Kalium-Werte« eintrete. Ein Universitätsinstitut in Neapel habe es nachgewiesen.

Doch was die Bielefelder Arzneimittelfirma Dieckmann als neuen Fortschritt pries, war ihrer Mutterfirma Bochringer Ingelheim bereits vorgestern eingefallen. Sie hatte das »moderne Laxans« jahrelang durch ihre Biberacher Tochter Thomae vermarkten lassen und es erst als »Neuheit« an ihren Sprößling Dieckmann weitergereicht, als unter Thomae-Regie die Laxoberal-lJmsätze zu wünschen übrigließen.

Welche Gelder die Patienten und deren Krankenkassen sparen könnten, wenn die rezeptierenden Mediziner den Arzneimittel-Fabrikanten mehr Kritik und weniger Gläubigkeit entgegenbrächten, hat eine von den Hochschullehrern Eberhard Greiser (Düsseldorf) und Erik Westermann (Hannover) vorgenommene Repräsentationsüberprüfung von über 54000 Arztrezepten mit insgesamt 132 768 Einzelverordnungen aus dem Krankenkassenbereich Niedersachsen ausgelotet.

Wichtigstes Ergebnis der Durchleuchtung: Hätten sich die Doktoren der Therapie mit dubiosen Arzneimitteln enthalten und ausschließlich Medikamente verschrieben, deren Wirksamkeit klinisch nachgewiesen ist, hätten die gesetzlichen Krankenkassen von Niedersachsen (und damit deren Beitragszahler) allein innerhalb eines halben Jahres und allein hei der Rezeptur von Herz- und Koronarmitteln volle achteinhalb Millionen Mark sparen können.

Konsequenzen derartiger Untersuchungen brauchen die Arzneimittelproduzenten nicht zu fürchten. Sie wissen: »Obwohl bei dem Gros der Ärzte«, so die Pharmafirma Bochringer Mannheim in einer vertraulichen Studie. »häufiger kritische als wohlwollende Anmerkungen zur augenblicklichen Situation der Pharma-Industrie gemacht werden, muß die Grundeinstellung positiv gesehen werden.«

67 Prozent aller niedergelassenen Arzte, analysierte die Firma hausintern eine Ärztebefragung, seien mit der Pharmabranche einverstanden. Und »diese Solidarisierung« erfolge ·hauptsächlich über die Erkenntnis, daß man auf die Pharma-Industrie, insbesonders deren Forschungsbemühungen um neue Präparate, angewiesen ist.

Zwar beklagen die Doktoren gelegentlich die Namensvielfalt des deutschen Präparate-Angebots und den Mangel an Transparenz. Auch ärgern sie sich zuweilen über die »Verteuerung auf dem Präparate-Sektor« (Boehringer Mannheim). Doch den Großen der Branche sind sie auf jeden Fall wohlgesinnt. Oben an der Spitze der Kriterien der Unternehmens-Klassifizierung steht für sie die »Größe der Firma«. Das Kriterium »Preisgünstigkeit der angebotenen Präparate« rangiert bei ihnen erst an fünfter Stelle.

Und das Kriterium »Präparat-Qualität« kommt gar erst zu allerletzt.

So nimmt nicht Wunder, daß selbst der Verkauf von schierem Wasser als Arzneispezialität auf dem deutschen Pharmamarkt möglich ist.

Die Gödecke-Tochter des US-Multis Warner-Lambert hat es nachgewiesen. Sie kreierte ein Gurgelmittel »zur Mundhygiene hei schweren Allgemeinerkrankungen« namens Hexoral, das pro 200 Milliliter-Flasche (Apothekenverkaufspreis: 6,51) Mark) außer 0,2 Gramm Hexetidin nur destilliertes Wasser enthält.

Kontraindikationen, so garantiert Gödecke, »sind nicht bekannt« und empfiehlt: »Unverdünnt anwenden«.

Im Jahre 1971 tadelte der Direktor des Pharmakologischen Instituts der Universität Heidelberg, Professor Dr. Franz Gross, öffentlich: »Die Bundesrepublik Deutschland als zweitgrößter Arzneimittelproduzent der Welt hat in bezug auf Arzneimittelgesetzgebung und Arzneimittelkontrolle den Status eines Entwicklungslandes.«

Inzwischen, seit sich die meisten Entwicklungsländer eigene Überwachungsgesetze gegeben haben, mußte er formulieren: Noch nicht einmal den. Ende

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