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Die Ehrenwerte Gesellschaft

aus DER SPIEGEL 3/1965

3. Fortsetzung

Ich frage Sie: Ist das Bestehen einer so weitläufigen, so gut organisierten, so geheimen und so mächtigen Verbrecherorganisation überhaupt denkbar ... ? Können Sie mir einen einzigen Prozeß nennen, der je die Existenz eines Verbrecherbundes namens Mafia erwiesen hätte?«

Diese verblüffenden Fragen stammen aus einem Roman über die Mafia, der 1962 in Italien und jüngst auch in der Bundesrepublik erschien*: Ein Politiker - so die Roman-Episode - versucht mit der rhetorischen Fragestellung einen Carabiniere-Hauptmann umzustimmen, der es gewagt hat, einen »ehrenwerten« Bürger wegen Verdachts der Teilnahme an einem Mafia-Mord zu verhaften.

Der Autor des Romans, der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia, demonstriert mit der erfundenen Passage einen der Standardtricks, die zu dem beispiellosen Geheimhaltungserfolg der Mafia beigetragen haben: Neugierige werden mit dem Argument besänftigt, die ganze Sache sei nichts anderes als eine aufgeblähte Zeitungssensation.

Als Sciascia den Dialog im Jahre 1961 niederschrieb, hätte der Carabiniere in der Tat zugeben müssen, daß es noch keinen einzigen schlüssigen Beweis für das Vorhandensein der Mafia gab.

Doch bereits ein Jahr später, als das Buch erschien, war das bis dahin fehlende Glied in der Beweiskette gefunden: Zum erstenmal wurden im Jahre 1962 die Organisationsformen der Mafia und ihre Praktiken der Öffentlichkeit bekannt. Ein Mitglied des Geheimbundes hatte sie enthüllt.

Ein ganzes Jahrhundert lang waren Experten mit der Aufklärung des Rätsels Mafia befaßt gewesen. Soziologen und Anthropologen hatten sich gemüht, die »sizilianische Pest« zu diagnostizieren. Ungefähr hundert Bücher waren zum Thema Mafia verfaßt worden, die meisten reich an Theorien - alle im wesentlichen falsch.

Keiner hatte bis dahin definieren können, was die Mafia überhaupt ist. Wie trat man beispielsweise dem Geheimbund bei? War die »Ehrenwerte Gesellschaft«, wie sie in ganz Sizilien genannt wurde, nach militärischem Muster aufgebaut, mit Rängen, Pflichten, Beförderungen, Auszeichnungen und Belohnungen? Wurden regelmäßig Zusammenkünfte abgehalten? Gab es - wie etwa bei den Freimaurern - Einführungsriten und Zeremonien? War die Mafia-Mitgliedschaft- erblich? Niemand wußte auf solche Fragen Antwort - die Furcht vor gewaltsamem Tod hatte die Wissenden daran gehindert, derlei Geheimnisse auszuplaudern.

Freilich,, wie wenig einfache Sizilianer über Aufbau und Gesetze der Mafia wissen mochten - wer zu den »Ehrenwerten Männern« zählte, wußten sie. Jeden Mafioso, jeden »Mann von Ansehen«, umgab etwas, »das ihn unfehlbar kenntlich machte, wie eine Hasenscharte oder eine Narbe im Gesicht: Wer in die Mafia aufgenommen wurde, fühlte sich fortan als Angehöriger einer Elite, eines Rittertums der Macht, und wie eine unsichtbare Kraft strahlte der Glaube an die eigene, fast gottähnliche Überlegenheit von ihm aus.

Wenigen Mafiosi gelingt es, dieses gesteigerte Selbstvertrauen zu verbergen und nur in Ausnahmefällen durchblicken zu lassen. Ein Beispiel dafür überlieferte ein pensionierter Carabiniere-Offiziers namens Renato Candida, der über seine Erfahrungen mit der Mafia ein Buch geschrieben hat. Pensionär Candida berichtete von einem Mann, der allgemein als unbescholtener, gesetzestreuer Bürger galt, bis er sich in einer ungewöhnlichen Situation als Mafia-Mitglied zu erkennen gab.

Der Mann fuhr als unscheinbarer Fahrgast in einem Omnibus. Unterwegs wurde der Bus von einer Räuberbande angehalten. Die Passagiere mußten aussteigen, sich in einer Reihe aufstellen, ihre Jakken ausziehen und die Taschen nach außen kehren. Als der verkappte Mafioso an die Reihe kam, warf er dem drohenden Banditen lediglich den berühmten kalten Blick zu, der einem »Mann von Ansehen« eigen ist, und sagte ruhig: »Faß mich nicht an!« Sofort senkte der Bandit sein Gewehr und wandte sich dem nächsten Opfer zu.

Einer der unglücklichen Fahrgäste erzählte dann dem Polizisten Candida von jenem ungewöhnlichen Mitreisenden, der einen Banditen mit einem einzigen Blick verscheucht hatte. Candida suchte den mutmaßlichen Mafioso auf und bat ihn, das Aussehen der Banditen zu beschreiben - keiner der anderen Passagiere hatte den Mut dazu gehabt. Es zeigte sich, daß der Mafioso die Banditen gleichfalls als eine Plage ansah. Der Codex eines »Mannes mit Ansehen« hinderte ihn zwar an einer offenen Zusammenarbeit mit der Polizei, er sprach nur vage und in unklaren Metaphern, aber er ließ doch einige Hinweise einfließen, mit deren Hilfe Candida die räuberische Bande aufspüren und bis zum letzten Mann verhaften konnte.

Die Mafiosi waren zudem an ihrem ungewöhnlichen beruflichen Erfolg erkennbar. Beim Mafia-Arzt sammelten sich die Patienten; er konnte auch jederzeit ein Spitalbett auftreiben. Dem Mafia-Anwalt standen alle Informationen zur Verfügung, und seine Klienten gewannen zumeist die Prozesse. Regierungsaufträge wurden allem Anschein nach gewöhnlich den Bewerbern zugeschanzt, die Angehörige der Mafia waren, obwohl diese meist zum Höchstpreis angeboten hatten und ihre Arbeiter mit Löhnen abspeisten, die unter dem gewerkschaftlich vereinbarten Minimum lagen.

Aus Tradition bewarben sich Mafia-Mitglieder niemals selber um die Wahl ins Parlament; aber jedermann wußte, daß der politische Boß, der die Wahl eines Kandidaten arrangierte, ein Mafioso war: Er war der Unbekannte, der dem gegnerischen Kandidaten höflich, aber bestimmt empfahl, in dem betreffenden Wahlkreis keine Versammlungen abzuhalten.

Mafia-Mitglied war auch der einsame bewaffnete Reiter, der an den Grenzen eines großen feudalen Grundbesitzes entlangritt und dessen bloße Anwesenheit genügte, fünfhundert Bauern in Schach zu halten, die sich herausnahmen, ein Stück Land zu fordern. Und ein Mafioso war - wenn nicht der Bürgermeister selber - so doch zumindest dessen engster Ratgeber.

Was aber die privilegierte Gesellschaftsschicht der »Ehrenwerten Männer« zusammenhielt, wie der Geheimbund aufgebaut war und wie er funktionierte, das wurde erstmals und schlagartig deutlich, als 1962 die Mailänder Wochenzeitschrift »L'Ora« ein einzigartiges

Dokument veröffentlichte: Das Blatt druckte in drei Fortsetzungen die Geständnisse des Mafia-Arztes Dr. Melchiorre Allegra.

Allegra, im Jahre 1937 der Beihilfe zu einem Mafia -Mord verdächtigt, hatte damals freimütig der Polizei erzählt, wie er zur Mafia gekommen war und was er als Mitglied der »Ehrenwerten Gesellschaft« erlebt hatte. Daß er seine Enthüllungen überlebte und friedlich im Bett starb, kann nur durch einen Umstand erklärt werden: Die Aussage des Arztes war im Polizei-Archiv versehentlich an falscher Stelle - wahrscheinlich zu der Akte eines unbedeutenden Namensvetters - abgelegt worden. So erfuhren seine Mafia-Freunde nichts davon; Allegra blieb am Leben.

Gewiß hatte die Polizei - besonders während der Schreckenstage, als Mussolini gegen die Mafia kämpfte - auch schon bei anderen Gelegenheiten ähnliche Geständnisse entgegengenommen. Aber die Mafia arbeitete mit Polizeidienststellen so eng zusammen, daß derlei Dokumente sehr schnell wieder verschwanden: Jeder Polizeibeamte etwa im Range eines Hauptmanns konnte die betreffenden Akten vom Archiv der Präfektur »zu Studienzwecken« anfordern; dabei wurde dann das Geständnis entweder entfernt oder zumindest gegen ein weniger verräterisches Dokument ausgetauscht.

Wie glatt dieses Verfahren lief, bewies zum Beispiel 1943 Don Calò Vizzini, der damalige Mafia-Chef von Sizilien. Schon wenige Tage nachdem er durch die Gunst der Alliierten zum Bürgermeister von Villalba avanciert war, verschwand seine Polizei-Akte aus dein Archiv der Präfektur in Palermo.

Für die kriminalistische Aufklärung der Mafia-Rätsel war Dr. Allegras Geständnis ein Durchbruch; er kam der Entzifferung eines Schriftzeichens in einer Handschrift der Etrusker gleich. Freilich hätte es noch vor zwanzig Jahren kein Zeitungs-Redakteur gewagt, das enthüllende Dokument auch nur anzusehen.

Aber die Redaktionsräume von »L'Ora« hatten inzwischen bereits zweimal dem Zugriff der Mafia widerstanden, zuletzt im Jahre 1958, als die Zeitung eine eigene Untersuchung der Mafia startete - und eine Bombenexplosion einen Teil des Redaktions-Gebäudes in die Luft riß. Da diese Angriffe dem Ruf der Zeitung und ihrer Auflagenhöhe zugute kamen, ergriff »L'Ora« fortan jede Gelegenheit, ihre Kampagne gegen die Mafia voranzutreiben. Die Mafia-Leute mußten denn auch einsehen, daß sie - außer die Redakteure samt und sonders umzulegen - recht wenig gegen das Blatt unternehmen konnten.

Der erste Kontakt zwischen dem Kronzeugen Allegra und der Mafia war während des Ersten Weltkrieges zustande gekommen; Dr. Allegra war damals Arzt an einem Militär-Hospital in Palermo.

Als sich im Jahre 1916 das Kriegsglück wendete, waren die Hospitäler voll von sizilianischen Soldaten, die Krankheiten simulierten oder sich selbst Verstümmelungen oder Erkrankungen beigebracht hatten. Dr. Allegra beobachtete die teilweise überaus geschickten Simulanten eher amüsiert, so beispielsweise einen Mann, der sich mit einer injizierten Mixtur aus Terpentin und Jod erfolgreich eine Wundrose am Knie beigebracht hatte.

Allegra drohte dem Patienten mit einer Meldung an die Truppe. Aber schon einige Stunden später, noch ehe er Zeit dazu gefunden hatte, besuchte ihn ein Mann namens Giulio D'Agate. Die Art, wie der Besucher auftrat, ließ keinen Zweifel: Er war ein »Mann von Ansehen«, ein Angehöriger der Mafia.

D'Agate vermied es, den Arzt einzuschüchtern; er bat vielmehr in aller Höflichkeit um Nachsicht für den Mann, der Vater einer großen, notleidenden Familie sei. Zu Recht sah Dr. Allegra in dem sanftmütig vorgetragenen Mafia -Anliegen eine womöglich weitaus größere Gefahr, als wenn der Mafia-Gesandte ihm gedroht hätte. Er pflichtete dem höflichen Besucher bei, heilte stillschweigend den Patienten und verschrieb ihm einen mehrmonatigen Krankenurlaub.

Einige Tage später wurde Allegra vor dem Hospital erwartet: D'Agate war gekommen, zusammen mit zwei Männern, die offenbar ebenfalls der Mafia angehörten. Verständlicherweise sah Allegra der Begegnung mit einiger Nervosität entgegen. Aber die Männer gaben sich überaus freundlich und zuvorkommend - Allegra atmete erleichtert auf. Seine Furcht kehrte zurück, als sie ihn baten mitzukommen; sie hätten ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Allegra wagte nicht, die Einladung zurückzuweisen.

Die Männer brachten ihn zu einem Obstgeschäft, das einem von ihnen gehörte. Es wurden reichlich Komplimente ausgetauscht, D'Agate lobte den Arzt besonders wegen der »Ernsthaftigkeit seiner Ansichten« - dann endlich kam die Rede auf das eigentliche Thema.

»Die drei erklärten mir«, so gab Allegra später vor der Polizei zu Protokoll, »sie seien Mitglieder einer sehr bedeutenden Vereinigung, der Männer aller Gesellschaftsschichten, auch der höchsten, angehörten. Sie alle würden 'Männer des Ansehens' genannt. Die Vereinigung sei Außenseitern wohl als Mafia bekannt, die meisten Leute hätten jedoch nur eine undeutliche Vorstellung davon; denn nur die Mitglieder könnten sicher sein, daß diese Verbindung wirklich existiere.«

Es ist nicht ohne Reiz, sich vorzustellen, wie die drei Dunkelmänner in dem Obstgeschäft dem Arzt selbstverständliche Tatsachen auseinandersetzten, wobei er selbst noch angemessene Überraschung heucheln mußte.

»Sodann«, erinnert sich Allegra weiter, »wurde ich darüber aufgeklärt, daß Verstöße gegen die Regeln der Vereinigung sehr streng bestraft würden. Mitglieder dürften beispielsweise keine Diebstähle begehen, dagegen sei Mord unter gewissen Umständen Erlaubt, allerdings müsse in diesem Fall jeweils die Billigung des Chefs vorliegen. Eigenmächtiges Handeln in Mordsachen könne innerhalb der Mafia mit dem Tode bestraft werden.

»Gleichsam ermutigend fügte D'Agate noch hinzu: Wenn der Chef einen Mord erst einmal genehmigt habe, dann könne der Antragsteller auf den Beistand der Vereinigung und nötigenfalls sogar auf Hilfe bei der Ausführung der Tat rechnen.«

Der folgende Passus in Allegras Aussage gibt Aufschluß über die Organisationsformen der Mafia: »Ich erfuhr, daß die Vereinigung in 'Familien' aufgeteilt sei; jeder Familie stehe ein Oberhaupt vor. Gewöhnlich setze sich eine Familie aus kleinen Gruppen von benachbarten Städten oder Dörfern zusammen. Wenn jedoch eine der 'Familien' zu groß und unübersichtlich geworden sei, werde sie in Zehnergruppen unterteilt; jede von diesen habe dann wieder einen Unterführer. Hinsichtlich der Beziehungen zwischen den verschiedenen Provinzen sei Unabhängigkeit die Regel. Jedoch stünden die Provinzchefs untereinander in enger Verbindung; auf diese Weise werde eine zwanglose interprovinzielle Zusammenarbeit aufrechterhalten. Die Gesellschaft habe mächtige Niederlassungen in Nord- und Südamerika, Tunesien und Marseille.«

Das Oberhaupt, so wurde dem Arzt im Gemüseladen weiter offenbart, werde jeweils von den Mitgliedern der betreffenden »Familie« gewählt. Dem Chef werde ein Ratgeber beigestellt, der im Falle seiner Abwesenheit als Stellvertreter handeln könne. Bei allen schwerwiegenden Entscheidungen müsse der Chef seinen Ratgeber befragen, bevor er handeln dürfe. An Politik sei die Gesellschaft im allgemeinen nicht sehr interessiert, doch ab und zu entschließe sich eine »Familie«, die Parlamentskandidatur eines Politikers zu unterstützen, wenn fest damit zu rechnen sei, daß er seinen künftigen Einfluß zu ihren Gunsten geltend machen werde.

Diese Passagen in dem umfassenden Geständnis Dr. Allegras wurden bestätigt und noch erweitert, als im September 1963 der nach Sizilien zurückgekehrte US-Gangster Nicola Gentile der italienischen Presse einige Hinweise zukommen ließ. Auch Gentile beschrieb die Mafia-Organisation als »sehr demokratisch«. Es würden regelmäßig Wahlen abgehalten; die Zehnergruppen wählten ihre Chefs und diese wiederum das Oberhaupt der »Familie«; und die »Familien«-Oberhäupter zusammen mit den Stellvertretern wählten dann den Chef der ganzen Mafia, den »Capo dei Capi«.

Mit wachsendem Unbehagen hatte Allegra den freimütigen Enthüllungen der drei Mafiosi zugehört. Denn als er nun endlich gefragt wurde, ob er Mitglied der Gesellschaft werden wollte, war er sich klar darüber, daß es für ihn kein Zurück gab.

Es scheint in der Tat, als ob die Mafia-»Familie«, deren Führer sich an ihn gewandt hatten, dringend die ständigen Dienste eines intelligenten und geschmeidigen jungen Arztes brauchte und daß Dr. Allegra - allein durch die Mitteilsamkeit der Unterhändler - regelrecht in die Mafia gepreßt wurde.

Allegra: »Ich erkannte, daß ich schon zu viele Geheimnisse erfahren hatte. Hätte ich mich geweigert, würde ich die Zusammenkunft nicht mehr lebend verlassen haben. Mir blieb nichts übrig, als auf der Stelle ja zu sagen, und zwar mit allen Zeichen der Begeisterung.«

Danach begann das Ritual der Aufnahme. Die Mafia hatte sonst für Mummenschanz nichts übrig; es gab kein geheimes Händeschütteln, keine Zeichen oder Losungsworte. Die Einweihungs-Zeremonie jedoch hatte archaisches Gepräge.

»Mein Mittelfinger wurde mit einer Nadel angestochen«, berichtete Allegra, »dann wurde Blut herausgedrückt und ein kleines papierenes Heiligenbild damit durchtränkt. Das Bild wurde verbrannt, und während ich die Asche in meiner Hand hielt, mußte ich einen Eid ablegen, etwa folgenden Inhalts: 'Ich schwöre, meinen Brüdern treu zu sein, sie niemals zu betrügen, ihnen stets zu helfen, und wenn ich das nicht tue, soll ich verbrennen und zu Asche werden wie dieses Bild."'

Sodann wurde der Arzt von seinen neuen Freunden zu einer aufmunternden Überlandtour eingeladen: Er lernte alle bedeutenden Mafia-Persönlichkeiten kennen. Die meisten baten ihn sogleich, medizinische Tricks zu verraten, mit denen man Freunde aus der Armee herauslotsen könne.

Gesellschaftlicher Treffpunkt der Mafia-Elite, so erfuhr Allegra, war die »Birreria Italia«, ein Café in Palermo. Alle Mafia-Oberen, die gerade in der Hauptstadt weilten, trafen sich dort etwa um elf Uhr vormittags zu ihren geschäftlichen Besprechungen. Noch heute, tausend Jahre nach der sarazenischen Besetzung, ist das die Stunde, da Palermo sein Gesicht nach Osten wendet.

Um elf Uhr morgens hört die Arbeit auf, Menschen drängen sich auf den Straßen, der Duft gerösteten Kaffees erfüllt die ganze Stadt. Männer in dunklen Anzügen bevölkern die Cafés, bis darin gerade noch genug Bewegungsfreiheit bleibt, die winzigen Kaffeetassen in der Hand zu halten.

Auch Angehörige der sizilianischen Aristokratie besuchten gern zur Kaffeestunde die Birreria, um dort verstohlen mit den Herren der Unterwelt Kontakt zu pflegen. So war zeitweise von den Gästen, die sich mit ihrer Miniatur-Tasse in der Hand um die Theke drängten, jeder zweite entweder ein Krimineller oder ein Herzog.

Der Arzt Dr. Allegra hatte seine Seele für einen guten Preis verkauft. Er konnte in Castelvetrano, etwa 70 Kilometer von Palermo entfernt, eine Praxis erwerben; sie ging so gut, daß er schon wenig später eine eigene Klinik eröffnete.

Natürlich erwartete und bekam die Gesellschaft seine Gegenleistung. Dazu gehörten auch gelegentlich rechtswidrige Operationen und die stillschweigende Behandlung von Schußwunden - zwangsläufig geriet der Arzt mit den Gesetzen in Konflikt. Aber die »ehrenwerten« Freunde lieferten ihm Alibis, er kam bei allen Prozessen ungeschoren davon. Die Italienische Ärztevereinigung versuchte auch, seinen Namen aus dem Register zu streichen, aber bei einem »Mann von Ansehen« mußte ein derartiger Versuch erfolglos bleiben.

In der Tat genoß Dr. Allegra offenbar schon fast den Status eines gehobenen Mafia-Mitglieds - er wurde jedenfalls mehr als nur der erfolgreichste Arzt in der Gemeinde. Als »angesehener« Mafioso stand er nicht nur über dem Gesetz, vielmehr ersetzte er es bis zu einem gewissen Grad: Die Leute kamen zu ihm, trugen ihre Streitigkeiten vor und ließen den Arzt über sie richten.

Schließlich durfte Melchiorre Allegra die jüngeren Mafiosi sogar tadeln und zurechtweisen, wann immer er es für nötig hielt. Ein Beispiel dafür gab er später in seinem Geständnis vor der Polizei zum besten: »Eines Tages besuchte mich Cammarata Carmeli, ein junger Mafioso aus Palermo. Ein Baron aus dem Bezirk Madonie hatte sich an ihn gewandt, er sollte mithelfen, die Braut eines Professors zu entführen.«

Entschied der Mafia-Arzt Allegra: Ich stimmte gegen dieses alberne Projekt. Es wurde fallengelassen, und der Professor durfte seine Braut behalten.«

IM NÄCHSTEN HEFT:

Die Mafia baut Staudämme, handelt mit Reliquien und organisiert ein Wunder - Der Ort mit der höchsten Mordquote der Welt - Mafia-Mönche terrorisieren eine Gemeinde

Copyright DER SPIEGEL / Econ Verlag;

c. Norman Lewis 1964.

Leonardo Sciascia: »Der Tag der Eule«.

Walter Verlag, Freiburg; 174 Seiten; 12 Mark.

Mafia-Dolch: Noch dem Treueschwur mit Blut und Asche ...

Autor Sciascia

... ins Rittertum der Macht

Mafioso-Geständnis in »L'Ora"*: Ein Irrtum der Polizei ...

... rettete dem Verräter das Leben: »L'Ora«-Redaktion, Rotation nach Mafia-Bombenanschlag

US-Mafioso Gentile

Jeder zweite Gast ...

... ein Herzog oder ein Verbrecher: Mafia-Treffpunkt »Birreria Italia« in Palermo

Villa des Mafia-Arztes Allegra in Castelvetrano: Im Gemüseladen die Seele verkauft

* »L'Ora«-Schlagzeile vom 22. Januar 1962:

»Wie ich, ein Arzt, Mafioso wurde«.

Norman Lewis
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