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»Die Einsamkeit des Haftraums«

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 26/1992

Im Kölner Stadt-Anzeiger war zu lesen: »Gnade für einen Terroristen bleibt ein größeres Risiko als Gnade für Schwiegermutter-Mörder.«

Da kann der Schwiegermutter-Mörder nur weinen. Genauso sieht auch er das. Nur - von Gnade für ihn spricht keiner.

Derzeit wird lebhaft über die Freilassung inhaftierter Terroristen diskutiert, über die Aussetzung ihrer lebenslangen Freiheitsstrafen zur Bewährung. Sie sollen so behandelt werden wie andere Straftäter.

Wenn die anderen Straftäter in ihrer lebenslangen Haft sehr weise und sogar fromm geworden sein sollten, werden sie für die Terroristen beten, daß es ihnen erspart bleiben möge, wie die anderen Straftäter behandelt zu werden.

Doch es geht in der Diskussion über die Freilassung inhaftierter Terroristen sogar »um mehr als die Gleichbehandlung von RAF-Mitgliedern mit anderen Straftätern«, so die Frankfurter Rundschau, denn: »Auf der Tagesordnung steht vor allem der Versuch, Bedingungen zu schaffen, unter denen der Terrorismus beendet und vielleicht sogar begriffen werden kann.«

Und da können dann auch Weisheit und Frömmigkeit dem anderen Straftäter nicht mehr beistehen. Da kann er nur noch erbittert feststellen, daß er die Schwiegermutter als Instrument des Kapitalismus und Imperialismus hätte umbringen sollen und nicht in schlichter Blödheit als die Frau, die ihm - nach seiner unseligen persönlichen Überzeugung zur Tatzeit - die Ehe mit ihrer Tochter ruiniert hatte.

Zu der Frage, was »politisch motivierte« Kriminalität von »echter« Kriminalität unterscheidet, gibt es eine unendliche Literatur. Der Schwiegermutter-Mörder, um bei ihm zu bleiben, reagiert anders auf sie als jene, die Angriffe auf US-Einrichtungen, die sie vor vielen Jahren unternommen haben, Angriffe, die Menschen das Leben kosteten, »auch heute noch absolut für legitim« halten.

Der Schwiegermutter-Mörder erleidet die lebenslange Freiheitsstrafe nicht in einer glimpflicheren Weise als der Lebenslange, der seine Tat politisch begründet. Er ist sogar der Meinung, daß ihm die Freiheit härter und gnadenloser entzogen wird als den Häftlingen der RAF.

Mit ihm diskutiert man nicht. Seine Isolation treibt draußen niemand um. Und als heillos isoliert empfindet auch er sich, ob er nun in einem besonderen Trakt verwahrt wird oder nicht. Für das, was er getan hat, gibt es für ihn keine sein Gewissen entlastende Zuflucht in Argumente, die als politisch gelten. Er kann sich nicht wie jene, die sich als »Politische« empfinden, artikulieren. Oft hätte einer die Tat, wegen der er verurteilt wurde, nicht begangen, wenn er sein tatsächliches oder subjektives Elend anders hätte ausdrücken können. Doch wenn es für die anderen um Gnade geht, dann geht es um mehr - etwa um den Versuch, Bedingungen zur Beendigung des Terrorismus zu schaffen. Er fühlt sich höchst ungleich behandelt.

Dimitr Todorov war 24 Jahre alt, als er zusammen mit Hans Georg Rammelmayr, 31, am 4. August 1971 eine Zweigstelle der Deutschen Bank in der Prinzregentenstraße 70 in München überfiel. Eine Geisel und Rammelmayr kamen uns Leben. Am 13. Oktober 1972 wurde Todorov in München zur lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Seit 1986 versucht Todorov eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung zu erlangen. Seine Anträge hatten keinen Erfolg.

Wie es Rechtsanwalt Jürgen Arnold, München, im Februar 1992 in seinem derzeit anstehenden, letzten Antrag zugunsten Todorovs formuliert:

»Der Antragsteller ist nicht wegen Mordes, sondern wegen versuchten Mordes verurteilt worden, die Tatschuld ist nicht in dem Maße gegeben wie bei dem, der die Schuld eines oder mehrerer vollendeter Morde auf sich geladen hat. Es muß daher im vorliegenden Fall davon ausgegangen werden, daß die Straftat, die nunmehr vor fast 20 Jahren zur Verurteilung kam, unter dem Durchschnitt der sonst vorkommenden Fälle von Mordtaten liegt.«

Dimitr Todorov hat keinen Menschen getötet oder verletzt. Er ist an einem Verbrechen beteiligt gewesen, bei dem zwei Menschen starben. Doch schon in der Ablehnung seines ersten Antrags auf Aussetzung zur Bewährung hieß es 1986, 15 Jahre nach der Tat: »Das Gesamtverhalten bei der Tat liegt über der Regelschuld, d. h. über der Schuld des Mörders im Durchschnittsfall.« Eine Tatbeteiligung kann durchaus der eigenhändigen Täterschaft gleichkommen. Doch wie stellt man fest, was »Durchschnitt« ist und was ihn übertrifft?

Die Reaktion auf eine Straftat ist eine sehr persönliche Reaktion, auch wenn Juristen, auch wenn ein Gericht mit einem Beschluß ausdrückt, als wie schwerwiegend sie diese empfinden.

Der Bankraub in der Münchner Prinzregentenstraße war der erste Banküberfall mit Geiselnahme in der Geschichte der Bundesrepublik. Er wurde als eines der spektakulärsten Verbrechen in der Kriminalgeschichte empfunden - und das um so mehr, als sich viele im nachhinein fragen lassen mußten oder vielleicht sogar selber fragten, ob sie sich richtig verhalten hatten.

Kurz vor 16 Uhr drangen Hans Georg Rammelmayr und Dimitr Todorov am 4. August 1971 in die Bankfiliale ein. Sie waren maskiert und mit einer Maschinenpistole und zwei Revolvern bewaffnet. Sie nahmen Angestellte und Kunden als Geiseln, von denen 13 später die Bank verlassen durften.

Um 17 Uhr befahlen die Täter dem Kassierer, einem Verantwortlichen der Deutschen Bank ihre Forderungen, die sie ihm auf vier mit Schreibmaschine beschriebenen Bogen gaben, zu übermitteln:

»Seit 15.55 Uhr ist die Deutsche Bank AG von einer schwerbewaffneten Gruppe der Roten Front besetzt. Sie hält Verbindung mit ihrer Organisation nach draußen. In deren Auftrag verlese ich folgende Forderungsnote. Die Rote Front fordert von der Deutschen Bank AG zwei Millionen DM.«

Die Übergabe, so hieß es, müsse bis 22 Uhr erfolgen, dies sei »letzter Zahlungstermin«. Es sei ein neutraler Fluchtwagen, Marke BMW, viertürig, bereitzustellen. Für den Fall, hieß es weiter, daß die Deutsche Bank oder die Polizei »unsere Forderungsnote in nur einem einzigen Punkt verletzen oder versuchen, Verzögerungen herbeizuführen, wird sich die Rote Front mit brachialer Gewalt an der Bevölkerung rächen«.

»Maschinengewehrattentate auf beliebige Passanten und Pkw sowie Sprengstoffanschläge von verheerender Wirkungskraft werden die Folge sein«, drohten die Täter. Man werde die Vergeltungsaktion »Elend« starten, und diese werde beginnen »mit der Vernichtung der Deutschen Bank AG durch Zündung von 20 kg Sprengmasse verformbar. Unsere Leute werden durch Zerbeißen ihrer Giftampullen in den Freitod gehen«.

Die »Rote Front« war eine Erfindung, es gab sie nicht, weder Rammelmayr noch Todorov hatten etwas mit irgendeiner terroristischen Gruppe zu tun. Die »Rote Front« war nichts als eine 1971 zeitgemäße Verschärfung der Drohung. Doch wie sollte man das vor Ort erkennen? Um 21.15 Uhr fand tatsächlich außerhalb der Bank eine Explosion statt. Am Sockel eines Straßenbahnoberleitungsmastes wurde die Ringladung eines Sprengstoffs von einem Komplizen gezündet.

Auch hatten die Täter eine Probe des Sprengstoffs aus der Bank geschickt, mit dem reichlich versehen zu sein sie behaupteten. Daß sie von diesem gefährlichen Sprengstoff nur diese Probe hatten - erst später erwies es sich.

Ein tausendköpfiges Publikum, kaum von den Absperrungen zu bändigen, umgab inzwischen die Szene, und über die Bildschirme wurde live berichtet. Es johlte und pfiff im nächtlichen Klima einer »gespenstischen Mischung von Chicago und Oktoberfest«, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb.

Die Deutsche Bank entschloß sich zur Zahlung. Doch die Auseinandersetzung über die Frage, ob man die Täter abfahren lassen oder daran hindern sollte, war inzwischen mit dem Entschluß zum Schießen beendet worden. Kurz nach 23.30 Uhr stand ein Sack mit zwei Millionen Mark vor der Tür der Filiale. Rammelmayr, so der irre Plan der Täter, wollte zunächst das Geld unter Mitnahme einer Geisel in Sicherheit bringen und danach Todorov abholen. Als Geisel hatte man Ingrid Reppel, 20, ausgewählt.

Gegen 23.40 Uhr legt der Kassierer eine Botentasche mit dem Geld, das die Täter in der Bank vorgefunden haben, _(* Vorn mit Geldtasche der Bankkassierer; ) _(in der Mitte Geisel Ingrid Reppel; im ) _(Eingang Bankräuber Rammelmayr. ) auf den Rücksitz des Fluchtfahrzeugs. Der Kassierer muß die junge Frau, deren Augen verbunden und der die Hände vorn gefesselt sind, auf den Beifahrersitz setzen, den Sack mit den zwei Millionen holen und gleichfalls auf den Rücksitz packen. Dann kehrt er, wie befohlen, zur Bank zurück. Unterwegs kommt ihm Rammelmayr entgegen, im linken Arm die - nicht gespannte - Maschinenpistole und in der rechten Hand einen schußbereiten Revolver. Erst als er an der geöffneten linken Vordertür ankommt und einsteigt, wird das Feuer eröffnet.

Unmittelbar nachdem ihm eine tödliche Verletzung zugefügt wurde, betätigt er den Abzug des Revolvers, ob im Reflex oder bewußt, steht dahin. Ingrid Reppel, schwer verletzt, stirbt um 1.10 Uhr auf dem Operationstisch.

36 bis 39 Schüsse sind von zehn Schützen abgegeben worden. Warum, wenn denn geschossen werden mußte, ist auf Rammelmayr erst gefeuert worden, als er in den Wagen einstieg, als Geisel und Täter in Tuchfühlung waren? Peter Pragal und Herbert Riehl-Heyse zitierten damals in der Süddeutschen den Münchner Anwalt Hermann Messmer: »Das war schon kein kalkuliertes Risiko mehr, das war ein kalkuliertes Opfer.«

Fragen über Fragen blieben: zum Beispiel der Streit zwischen einem Vertreter der Staatsanwaltschaft und dem Polizeipräsidenten am Tatort, wer das Sagen habe. Und erst quälende Minuten nach dem Feuerhagel gelingt es, eines der drei Schaufenster der Bank zu zertrümmern und eine Hintertür aufzuschießen. Todorov hätte Zeit gehabt, die Geiseln zu erschießen, bevor die Polizei eindringt. Doch er schießt erst, als die Beamten feuernd hereinkommen. Er sagt, er habe bewußt vorbeigeschossen, er habe die Beamten nur am Eindringen hindern wollen. Das Urteil glaubt ihm nicht. Er habe zumindest den Tod eines Beamten billigend in Kauf genommen. Immerhin nennt das Urteil den Luftzug des Geschosses, den der Beamte gespürt haben will, eine subjektive Täuschung. Doch ohne diesen Schuß, ohne einen versuchten Mord - wäre ein Lebenslang nicht unumgänglich gewesen.

Ein spektakuläres Verbrechen, ja. Aber ein so ungeheuerliches, daß es noch im Mai 1991 gelegentlich der Ablehnung eines Antrags heißen mußte: »Todorov hat schwere Schuld auf sich geladen, so daß nach hiesiger Ansicht von einer Haftdauer . . . von weit über 20 Jahren ausgegangen werden muß«?

Man mag nicht an die Prinzregentenstraße erinnert werden. Die Medien und die Anwälte beispielsweise nicht, die sich damals abscheuliche Schlachten um die Exklusivrechte an den überlebenden Geiseln, am Tonband einer ersten anwaltlichen Unterredung mit Todorov lieferten. Vor allem aber lastete auf dem Prozeß gegen Todorov - und auch darum soll von der Prinzregentenstraße nicht mehr die Rede sein, sie ist eine unerträgliche Erinnerung, sie muß als ein Verbrechen gräßlichsten Ranges definiert werden -, was kurz zuvor, Anfang September 1972, mit dem Massaker an israelischen Sportlern über die Olympiade in München gekommen war.

Es hieß damals (SPIEGEL 39/1972): »Ist schon die gewöhnliche Kriminalität mit Geiselnahme a la Rammelmayr kaum kalkulierbar hinsichtlich der Chancen einer Befreiung, so gerät die Polizei leicht in den Bereich von Ahnungslosigkeit, Ohnmacht und Chaos, wenn politische Terroristen Geiseln nehmen.«

Fünf Jahre und sieben Monate hatte Dimitr Todorov bereits in Strafanstalten verbracht, als er sich 1971 an der Prinzregentenstraße beteiligte. Sein Strafregister beginnt 1964 mit zwei Wochen Jugendarrest wegen »eines Verbrechens der Verabredung zu einem Verbrechen«. Er war damals noch keine 17 Jahre alt. Er hatte eine bitterschwere, ihn gefährdende Kindheit hinter sich. Man möchte meinen, daß heute mit dem ersten Delikt eines Jugendlichen - durchaus auch und gerade in München - behutsamer und nicht derart, Kriminalität zuschreibend, umgegangen würde.

Verstöße gegen die Anstaltsordnung werden gegen Todorov vorgebracht. 1974 etwa wurden 23 Tage Arrest gegen ihn ausgesprochen und Einzelhaft angeordnet, da er versucht habe, mit zwei gefährlichen Mitgefangenen zwei Pistolen in die Anstalt zu schmuggeln und einen gewaltsamen Ausbruch vorzubereiten. Im Juni 1986 war eine disziplinäre Ahndung wegen des unerlaubten Besitzes eines Taschenrechners und eines Seils erforderlich. Auch heißt es, er habe sich 1990 an einer »Dachbesteigung«, einer »Meuterei« in der Anstalt Straubing beteiligt. Im Hinblick auf Sauberkeit und Ordnung in seinem Haftraum bedarf es des öfteren Ermahnungen.

Dagegen steht, daß Todorov 1989 das Abitur machte. 1988 war er bei der ersten Prüfung gescheitert. Sein Versagen hat er damals darauf zurückgeführt, daß ihn die Anwesenheit der Mitprüflinge gestört habe. »Er sei nur die Einsamkeit des Haftraums gewöhnt«, heißt es in der Zurückweisung seines Antrags. Die Einsamkeit des Haftraumes: Das steht so einfach da in dem Beschluß. Da fleht einer, und man führt das halt an.

Todorov betreibt heute mit anerkanntem Erfolg ein Fernstudium. Er lernt Sprachen. Doch: »Sein bisher gezeigtes, durch Undurchsichtigkeit und Absonderung gekennzeichnetes Vollzugsverhalten ist kein Hinweis dafür, daß Todorov seine rechtsfeindliche Einstellung auf Dauer geändert hat.« Ja, wie verhält man sich denn im Strafvollzug so, daß man Verständnis findet? »Er ist um guten Eindruck bemüht«, ist zu lesen. Also tut er offenbar auch wieder zuviel.

Todorov ist jetzt 45 Jahre alt. Vielleicht hat er gerade eben noch eine Chance draußen, wenn er bald einen Termin bekommt, auf den er hinarbeiten, sich einstellen kann. Jetzt müßten die Vorbereitungen beginnen, müßten ihm die Hilfen zuteil werden, die er braucht, um eines absehbaren Tages in eine so unendlich veränderte Freiheit zurückzukehren.

»Da sitzt Todorov, der keinen Menschen ermordet hat, aber auch keine politischen Motive vorzuweisen hat, zwischen allen Stühlen und soll wohl noch weitere Jahre sitzen, bevor er die Freiheit wiedererlangt«, hat Rechtsanwalt Arnold schon im Februar 1989 zu Sven Loerzer von der Süddeutschen gesagt.

Wir schreiben inzwischen 1992, und es geht um die lebenslange Freiheitsstrafe, um Versöhnung - nur nicht um die mit den »echten« Kriminellen. Es sollte jedoch nicht nur darum gehen, Bedingungen zu schaffen, unter denen der Terrorismus ein Ende hat. Es geht auch darum, grundsätzlich über die lebenslange Freiheitsstrafe nachzudenken. Das Bundesverfassungsgericht hat immer wieder vom Anspruch des Verurteilten auf Achtung seiner Menschenwürde und seiner freien Persönlichkeit gesprochen; von einem Anspruch, der zunehmendes Gewicht auch für die Anforderungen habe, die an die für die Prognoseentscheidung notwendige Sachverhaltsaufklärung zu stellen sind.

Der Psychiater Professor Werner Mende ist jetzt beauftragt worden, ein Gutachten über Dimitr Todorov anzufertigen, eine Gefährlichkeitsprognose zu stellen. Im Prozeß 1972 hatte er Todorov für strafrechtlich voll verantwortlich befunden. Martin Amelung, der damals Pflichtverteidiger von Todorov war und sich auch später noch über Jahre um diesen Mandanten bemüht hat, erfragte von dem Sachverständigen damals immerhin, daß die deutliche Unausgereiftheit des Angeklagten eine Besserung nicht als ganz unmöglich erscheinen lasse.

* Vorn mit Geldtasche der Bankkassierer; in der Mitte Geisel IngridReppel; im Eingang Bankräuber Rammelmayr.

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