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JENS DANIEL: DIE ENGLISCHE KRANKHEIT

aus DER SPIEGEL 23/1955

Bei der deutschen Spaltung handelt es sich um einen historischen Vorgang, ähnlich dem Abfall der USA von England und der Niederlande von Spanien, ähnlich der Trennung Norwegens von Schweden. Das sind Naturgesetze, an denen nichts geändert werden kann.

Lord Ismay, Generalsekretär der Nato

Seit etlichen Wochen ist die politische Welt um einen bedeutungsschwangeren Begriff reicher: Es gibt den »Schock von Königswinter«, jenen Alptraum, den die englischen Gesprächsgäste auftauchen sahen, als ihre deutschen Partner auf der diesjährigen deutsch-englischen Verständigungswoche weniger von der atlantischen Solidarität als von der deutschen Einheit sprachen; und das, als die Tinte auf den Ratifizierungsurkunden der Pariser Verträge noch nicht trocken war.

Es gibt Schocks, die heilsam wirken. So sehr zu befürchten steht, daß die diesjährigen Gespräche von Königswinter ihre Heilkraft auf unsere englischen Freunde verfehlen werden, so heilsam könnte der Schock die Situation klären, den die deutschen Teilnehmer davongetragen haben. In den nächsten Monaten wird nämlich viel davon abhängen, die englische Politik ohne Illusionen zu sehen. Jetzt schon ist klargeworden, daß die Amerikaner neuen Lösungen in Europa möglicherweise aufgeschlossener gegenüberstehen als die Briten, denen der Status quo in Europa auf lange Zeit der Weisheit letzter Schluß zu sein scheint

Man würde der englischen Diplomatie nicht gerecht, wollte man verkennen, wie zäh und geschickt sie in den letzten zehn Jahren bemüht war, die Kräfte zu bändigen. die Hitler entfesselt hat. Unschätzbar waren die britischen Anstrengungen, den Frieden in Asien zu bewahren. Eine gleich konstruktive Tätigkeit kann man den Briten in Europa nicht bescheinigen. Hier sind sie im Gegenteil als die Nation in Erscheinung getreten, die als einzige Europa hätte aufrichten können und die sich hilfreich abgewandt hat. Das Kapitel ist lehrreich. Gewiß steht es uns Deutschen am wenigsten an, den Briten Zensuren zu erteilen, aber schon um unseren eigenen Weg zu bestimmen, haben wir zu untersuchen, wieso aus Europa nichts werden kann

Würden die Engländer das gleiche Thema anfassen, müßten sie gar bald darauf kommen. daß sie uns selbst auf den geraden Weg zur deutschen Einheit gestoßen haben, indem sie der europäischen Föderation die kalte. atlantische Schulter zeigten. Denn was der französische Volksrepublikaner Pierre-Henri Teitgen sagt, ist unbestreitbar richtig: Die Deutschen werden sich entweder für Europa engagieren oder, wenn man ihnen das versperrt, für die Einheit ihres Landes. Wir müssen Teitgen ergänzen: Entweder wird es ein selbständig handelndes Europa geben oder ein selbständig handelndes Deutschland - soviel ist gewiß.

Europäische Politik könnte uns auf einem Umweg tatsächlich zum dringend gewünschten nationalen Ziel bringen - aber eben nur europäische, nicht atlantische Politik. Einigermaßen grotesk wirken die englischen Versuche aus jüngster Zeit, über die Benelux-Länder die supranationale Teil-Integration wieder anzuheizen, jene Politik also, der sie den Todesstoß versetzt haben, indem sie sich darauf versteiften, daß Neuseeland ihnen näher stehe als der Kontinent.

Man wird den Engländern nicht böse sein dürfen, weil sie an Europa kein Interesse gezeigt hätten - nur sollten sie hinwiederum uns nicht verübeln, daß wir unsere Schlüsse daraus ziehen. Die Engländer

sind berühmt für die bewundernswerte Unbefangenheit, mit der sie ihre eigenen Belange gleichsetzen den Belangen etwa der weißen Menschheit. »Ihr könnt doch selbst kein Interesse daran haben«, so argumentieren sie, »daß unser Parlament von Westminster noch einmal durch Bomben zerstört wird.« Freilich, wer wollte Westminster solch ein trauriges Schicksal nicht ersparen! Aber man darf sehr zweifeln, daß die insulare Politik der Briten Westminster wirklich zu schützen vermöchte. Eher ist zu vermuten, daß sie Westminster zerstören wird, und Europa dazu.

Sicher ist es da mit Vorwürfen nicht getan. Nicht jedes Volk lernt so schnell und so wenig gründlich um wie die Bewohner der Bundesrepublik. Tradition und Institutionen verpflichten. Namentlich den Engländern sitzt ihre die Meere und den Handel beherrschende Rolle derart eingefleischt im Blut, daß sie es nicht über sich gewinnen können, Westeuropa anders zu betrachten denn als ein vergrößertes Belgien, als das Glacis, das nicht in Feindes Hand fallen darf, dessen miserable politische Querelen die Insel aber keinesfalls zu den ihren machen darf.

Man weiß, daß der Kampf gegen Napoleon sich immer wieder an der Rheinmündung entzündete. Man weiß, daß die Briten große Mühe gehabt hätten, am ersten Weltkrieg teilzunehmen wenn der deutsche Generalstab den Stoß nicht durch Belgien geführt hätte. Sir Anthony Eden hat es verstanden, den britischen Entschluß, vier Divisionen ständig auf dem Kontinent zu stationieren, als eine sensationelle Hilfestellung für Europa erscheinen zu lassen. Kunststück! »Wem die Nase läuft, der braucht sich nicht schneuzen«, sagt das Sprichwort. Verlangt nicht das nackte britische Interesse, zu verhindern, daß die Sowjets im Kriegsfalle innerhalb von drei Tagen am Kanal wären? Das britische Verteidigungs-Weißbuch vom Februar 1955 sieht es denn auch ungleich nüchterner: »Und Landstreitkräfte benötigen wir doch, um den Feind in den entscheidenden Anfangsstadien eines Krieges möglichst weit im Osten Europas zu halten. Dies würde uns die Zeit bringen, die Wirkungen unserer strategischen Luftoffensive fühlbar werden zu lassen. Landtruppen würden auch von Großbritannien die Bedrohung durch Flugzeuge von kleinerem Aktionsradius und durch ferngelenkte Geschosse fernhalten.«

Um vor den Raketen und leichten Bombern verschont zu bleiben, hat England die Aufrüstung der Bundesrepublik ermöglicht, »denn Landtruppen brauchen wir«, sagt das Weißbuch. Ein wiedervereinigtes Deutschland könnte zwar auch Landtruppen stellen, aber womöglich nicht in dem für nötig gehaltenen Ausmaß, nicht unter eindeutig atlantischem Oberbefehl und nicht ohne jene nationale Beimischung, vor der es den Engländern graust. Dabei sind deutsche Divisionen in englischen Augen nicht der ausschlaggebende (eher ein Symbol-) Wert, weshalb denn auch die »Times« alle halbe Jahr eine Rüstungsrelation zwischen sowjetzonaler Volkspolizei und unserer Blank-Armee vorschlägt. Das Glacis ist wichtiger. Ein sicheres Nato-Glacis bis zur Elbe - mit Radar-Warnnetz, Infra-Struktur und amerikanischen Garantie-Truppen - ist den Briten lieber als ein weniger sicheres

Glacis bis zur Oder. Was dann, so fragen sie, wenn Gesamtdeutschland bolschewistisch wird oder wenn es zu den Russen übergeht?

Nun würde man die britische Klugheit wahrlich unterschätzen, wollte man ihnen diese zur Schau getragene Sorge abkaufen. Die Briten fürchten nicht ernsthaft, daß Deutschland bolschewistisch wird oder zum Osten übergeht. Die Briten fürchten, daß Deutschland Europa erneut die Gretchen-Frage stellen wird, die England mit viel List und etwas Tücke aus der Tagesordnung herausmanipuliert hat: Soll Europa sich zu einer selbständigen, handlungsfähigen Einheit zusammenschließen und die amerikanischen Truppen stufenweise entlassen, oder soll es weiterhin Kostgänger der Amerikaner bleiben und Klientel in ihren Händen?

Dies ist das Dilemma: Nur England und Deutschland sind kräftig genug, sich an die Spitze der europäischen Einigung zu setzen, Deutschland aber, dem diese Rolle sehr zu unserem Leidwesen auf den Leib geschnitten ist, hat sich für eine ganze Weile selbst disqualifiziert. Also müßte England die Führerrolle übernehmen, da Frankreich und Italien eine unüberwindliche Scheu an den Tag legen, auf eigenen Füßen zu stehen. England aber, mit dem jahrhundertealten Instinkt des Inselvolkes, glaubt nicht, auf die Dauer zur Führung des Kontinents berufen zu sein, da wohl der Bär, nicht aber der Walfisch in den Wäldern König sein kann.

Mehr noch, Englands bevorzugte Mittler-Mission zwischen Ost und West, zwischen den atlantischen Mächten und Asien würde erlöschen, wenn erst eine handlungsfähige europäische Föderation entstanden wäre. Es ist unendlich schwer, selbst in die Waagschale zu springen, wenn man das Gleichgewicht der Erde so lange in den geschickten Händen ausbalanciert hat.

Zwei gewonnene Kriege machen den Entschluß nicht leichter. England klammert sich an das Empire, weil es an seine europäische Rolle nicht zu glauben vermag. England und Frankreich sind stark genug, jede Hegemonie in Europa zu verhindern, aber keines von beiden Ländern fühlt sich stark genug, sie auszuüben, noch sind sie willens, es gemeinsam zu versuchen. England hat die Westeuropäische Union als eine Art Trampoline aufgebaut, um die Bundesrepublik in die Nato schnellen zu lassen. Nun der Sprung getan ist, kann das Gerät wieder abgebaut werden. Man dürfte vergeblich darauf warten, daß England den Buchstaben des West-Union-Vertrages mit Leben erfüllen wird. Englands Rolle ist nicht an der Seite Europas, sondern Amerikas. Wie Sancho Pansa wird es darauf bedacht sein, dem Don Quijote von jenseits des Wassers die Begegnung mit der harten östlichen Welt zu erleichtern und zu vermitteln. So mag es erlaubt sein, das Gespenst, das in Europa umgeht, die englische Krankheit zu taufen: Das zähe Festhalten an Privilegien, die in Wahrheit längst von dannen geschwemmt worden sind. Und wenig Tatsachen berechtigen uns zu der Hoffnung, in dieser Knochenerweichung nur eine Kinderkrankheit Europas zu erblicken.

Auf solchem Hintergrund kann einen die sowjetische Friedensoffensive in der Tat mit Beklemmung erfüllen. Wenn Europa selbst politisch nicht zum Leben erwachen

will, wenn es sich weiter damit begnügt, sich als strategisches Vorfeld Amerikas zu betrachten, dann kann die allseits gewünschte Entspannung tatsächlich nur so aussehen, daß gewisse Zonen neutralisiert werden: Die Russen ziehen eine Division aus Magdeburg ab, die Amerikaner eine aus Passau; der Ostblock verlegt ein Luftgeschwader, die Nato räumt einen Flugplatz. Alle militärischen Vorkehrungen in einem bestimmten Bereich werden dann von den Garantie-Mächten festgesetzt und kontrolliert; sollen außer Deutschland auch noch Länder des Ostblocks solcherart neutralisiert werden, so wird Sowjet-Rußland schon aus Prestigegründen verlangen, daß auch Gebiete Westeuropas einbezogen werden, etwa die Kanalländer Belgien und Holland. Freie Wahlen für ganz Deutschland wären in diesem Schema eine glückliche Zugabe, von freien Wahlen in Osteuropa gar nicht zu reden, die augenblicks noch so illusorisch sind wie ein Nordlicht am Äquator.

Die »österreichische Lösung« wäre für Deutschland besser als alles, was unter derartigen Auspizien aus Vierer-Gesprächen für uns herausspringen kann. Gleichwohl, die SPD hat wieder einmal Angst vor ihrer doch wahrlich nicht umwerfenden Courage und lehnt kurzerhand alles ab: die Pariser Verträge, die eine österreichische Lösung erst diskutabel gemacht haben, die österreichische Lösung als Modell, den neutralen Gürtel, von dem selbst Präsident Eisenhower sprach - alles, alles. Statt dessen träumt sie von einem System kollektiver Sicherheit, in dem keine Blöcke mehr existieren. An die Stelle des alten Sozialistentraumes von der klassenlosen Gesellschaft ist die Phantasmagorie von der blöckelosen Gesellschaft getreten (in der die Blöcke von den Schafen geschieden sind). Wann will die Partei sich nach einem neuen Chef umsehen? Es gehört schon eine gehörige Portion Blindheit dazu, selbst auf seiten der Opposition nicht zuzugeben, daß Deutschland die österreichische Lösung akzeptieren müßte, wenn sie uns tatsächlich geboten werden sollte.

Ich glaube nicht, daß die Sowjets sich dazu verstehen werden, wenigstens in nächster Zeit noch nicht. Täten sie es, so würde der Gedanke bewaffneter Neutralität in Deutschland derart Boden gewinnen, daß sie es noch nicht einmal nötig hätten, der Bundesrepublik den Bruch der Pariser Verträge zuzumuten: So sicher wäre, daß ein gesamtdeutsches Parlament keinem Militärbündnis beitreten würde. Ist schon vergessen, daß der deutsche Bundeskanzler im Dezember 1951 in London erklärt hat: »Neutralität nur bewaffnet«?

Nicht der Atlantikpakt, wohl aber eine europäische Föderation unter Einschluß oder gar unter Führung Englands könnte die Bundesrepublik davon abhalten, die Wiedervereinigung mit der bewaffneten Neutralität zu erkaufen - einfach, weil wohl eine europäische Föderation, nicht aber die Nato die deutsche Einheit mit den Mitteln der Politik verwirklichen könnte. Will man von den Deutschen den zeitweiligen Verzicht auf ihre legitimen Interessen fordern, so kann man das nicht im Namen eines Europa tun, das zu erringen man sich weislich hütet. Die Potemkinsche Landschaft des europäischen »Als - ob«, mit supranationalen Projekten gepflastert wie der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen, hat Deutschland auf den Weg seiner eigenen Interessen gestoßen, und wer immer in Königswinter oder sonstwo einen Schock erfährt, mag sich fragen, was er selbst getan hat, die europäische Eidgenossenschaft zu verwirklichen.

Jens Daniel
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