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Die Enkel kommen

Aufbruchstimmung bei deutschen Schriftstellern und ihren Verlegern: Der Nobelpreis für Günter Grass weckt hohe Erwartungen - auch bei jenen Autoren, die dem Weltberühmten nachfolgen. Und wirklich: Es gibt eine neue Generation, die lustvoll erzählt.
aus DER SPIEGEL 41/1999

Am Mittwoch dieser Woche wird die letzte Frankfurter Buchmesse in diesem Jahrhundert ihre Tore öffnen. Der Gewinner steht schon vorher fest. Und zusammen mit ihm, Günter Grass, der dort den zugesprochenen Nobelpreis und seinen 72. Geburtstag feiern will, rückt auch die deutsche Literatur neu ins Zentrum internationaler Aufmerksamkeit.

Der Augenblick ist günstig wie selten zuvor: Nachdem nahezu 20 Jahre lang in der erzählenden deutschen Literatur wenig Bewegung, wenig Schwung war - mit einer Hand voll Ausnahmen wie Patrick Süskind und Bernhard Schlink -, zeigt sich bei einer Reihe jüngerer deutscher Autoren aus Ost und West, männlichen wie weiblichen Geschlechts, ein vitales Interesse am Erzählen, an guten Geschichten und wacher Weltwahrnehmung.

Sie heißen Karen Duve und Judith Hermann, Thomas Brussig und Ingo Schulze, Jenny Erpenbeck und Elke Naters, Thomas Lehr und Michael Kleeberg, Julia Franck und Silvia Szymanski - lauter neue Namen. Doch während früher deutsche Autoren, wenn sie nicht gerade Heinrich Böll, Siegfried Lenz oder Christa Wolf hießen, mit Auflagen von wenigen 1000 Exemplaren zufrieden waren, erreichen heute selbst Debütwerke Auflagen von 100 000 Stück - der Erstling des Jüngsten, »Crazy« von Benjamin Lebert, 17, verkaufte sich binnen kurzem 180 000-mal.

Die Enkel der Nachkriegsliteratur treten an, befreit von mancher Beschwernis der vom Zweiten Weltkrieg geprägten Vorgänger-Generation. Auch das Ausland, der deutschen Literatur lange Zeit überdrüssig, beginnt sich seit einiger Zeit wieder für Romane und Novellen aus Deutschland zu interessieren. »Die Situation hat sich plötzlich verändert«, stellt das Londoner Literaturblatt »The Times Literary Supplement« in seiner neuesten Ausgabe fest: mit einer »ungewöhnlich großen Anzahl perfekter Erstlingsromane« jüngerer deutscher Autoren. Der Nobelpreis für Grass ist da eine willkommene Ermutigung.

Die deutschen Verleger atmen hörbar auf, und sie stimmen, wie Michael Krüger vom Münchner Hanser-Verlag, froh in den Jubel ein. »Ich glaube ganz sicher«, sagt Krüger, 55, auch selbst Autor, »dass diese Preisverleihung an Grass einen Schub für die deutsche Literatur bringen wird. Schon in den Jahren zuvor hat sie im Ausland mehr Aufmerksamkeit gefunden als in früheren Jahren.«

Auch Dietrich Simon, 60, Chef des Ex-DDR-Verlags Volk & Welt in Berlin, ist überzeugt, dass die Nobel-Würde des Blechtrommlers allgemein die Aufmerksamkeit für deutsche Literatur erhöhen und den jungen Schriftstellern Auftrieb geben wird: »Bedenkt man den zeitlichen Abstand zwischen der Veröffentlichung der ''Blechtrommel'' 1959 und dem Nobelpreis 1999, so kann ja jetzt jeder Autor hoffen, dass in ihm ein Nobelpreisträger schlummert, der in 40 Jahren erweckt werden wird.«

Für die Verlagshäuser, die ganz oder überwiegend von Belletristik leben, wäre ein größeres, vor allem auch internationales Interesse an den heimischen Produkten ein Segen. Immer noch stammen fast 40 Prozent der neu erscheinenden Romane und Erzählungen aus dem Ausland: weitaus mehr, als umgekehrt an deutscher Literatur dorthin zu verkaufen war und ist.

»Die Flut angelsächsischer Bestseller wird auf die Dauer erstens monoton und zweitens unerschwinglich« - mit dieser Meinung steht Simon nicht allein da. Die zunehmende Konzentration auf dem deutschen Buchmarkt und der damit wachsende Konkurrenzdruck erlauben es den ausländischen Agenten, immer höhere Vorauszahlungen zu fordern.

Der Berliner Verleger konnte sich schon vor dem Grass-Triumph freuen: Mit Thomas Brussig hat Simon einen jungen, in der DDR aufgewachsenen, aber erst nach der Wende in Erscheinung getretenen Autor unter Vertrag, der den bisher originellsten literarischen Nachruf auf die DDR geschrieben hat. Dieser Roman - »Helden wie wir« (1995) - hat sich mit 200 000 Exemplaren hervorragend verkauft und ist gerade verfilmt worden, Kinostart: Anfang November. Brussigs neues Buch »Am kürzeren Ende der Sonnenallee«, von dem eine Filmvariante schon in den deutschen Kinos läuft, findet beim Publikum ebenfalls großen Anklang (SPIEGEL 36/1999).

Brussig, 33, steht mit seiner Erfolgsstory nicht allein da. Eine neue Lust am Erzählen ist spürbar, ein Scharren um die besten Plätze vernehmbar - noch gedämpft vom kollegialen Gefühl des gemeinsamen Aufbruchs. Doch die Verlage locken, literarische Agenten mischen mit und pokern für ihre jungen Autoren um Vorschüsse - schon werden für Taschenbuchrechte deutscher Debütromane Summen von mehreren hunderttausend Mark geboten. Verfilmungen sind keine Ausnahme mehr: »Der große Bagarozy«, nach einem Roman von Helmut Krausser, ist ein weiteres Beispiel. Auch die Zeitungen und Magazine werden aufmerksam, vor allem aber: Das Publikum ist neugierig - oder wie es die Kino-Eigenwerbung für die Dolby-Tonanlage zu Beginn des Filmabends verheißt: »The audience is listening.«

Und jenes »literarische Fräuleinwunder« (SPIEGEL 12/1999), das mittlerweile schon fast sprichwörtlich ist, setzt sich munter fort. Neben Judith Hermann ("Sommerhaus, später") zählt immer noch die Schweizerin Zoë Jenny ("Das Blütenstaubzimmer") zu den literarischen Spitzenreitern - beide haben von ihren Büchern mehr als 100 000 Stück verkauft, für Jennys kleinen Debütroman sind mittlerweile 21 Auslandslizenzen vergeben worden.

Das neue Buch von Birgit Vanderbeke ("Ich sehe was, was Du nicht siehst") hat sogar den Sprung auf die Bestsellerliste geschafft. Karen Duves Debüt ("Regenroman") findet lebhaftes Interesse und wurde bisher 30 000-mal verkauft. Das neueste Buch der Autorin, das in diesem Herbst erscheint, erfüllt die Erwartungen, die das erste geweckt hat: der Erzählungsband »Keine Ahnung« (siehe Gespräch Seite 255).

Duve, Jahrgang 1961, gehört auf dem Ball der Debütanten beinahe schon zu den Älteren - ebenso wie Silvia Szymanski, Jahrgang 1959, die im vergangenen Jahr ihren flotten Romanerstling »Chemische Reinigung« veröffentlichte und nun ebenfalls einen Erzählungsband nachgelegt hat: bizarre »erotische Geschichten« unter dem paradoxen Titel »Kein Sex mit Mike«. Auch Elke Naters, 36, und Julia Franck, 29, präsentieren in diesem Herbst mit »Lügen« (siehe Seite 264) und »Liebediener« - einem feinen, äußerst melancholischen Roman aus dem heutigen Berlin - jeweils schon zweite Bücher.

Neue beachtliche Debüts kommen hinzu: die »Geschichte vom alten Kind«, das Buch der 1967 geborenen Jenny Erpenbeck (siehe Seite 262), der Erzählungsband »Seltsame Materie« von Terézia Mora, Jahrgang 1971, und der Roman »Gisela« - eine gemeinsame Arbeit der 1971 in Ulm geborenen Anke Stelling und des aus Leipzig stammenden Robby Dannenberg, Jahrgang 1974.

»Gisela«, ein deutscher Gemeinschaftsroman: verblüffend die vom Ergebnis her nahtlose literarische Zusammenarbeit zwischen den Geschlechtern, zudem aus Deutschland-West und -Ost, verblüffend auch der freizügige und weitgehend überzeugende Umgang mit einer von sexueller Protzerei durchsetzten, multiperspektivischen Rollenprosa. Auch in diesem Roman versteckt sich unter der mit obszönen Details gesättigten Oberfläche die elegische Story uneingelöster Liebe und vergeblicher Hoffnung auf Nähe - wie hier am Schluss (aus männlicher Sicht):

Und ich wart einfach auf das, was kommen wird, und wenn nichts kommt, dann nehm ich halt das, was jetzt da ist, und das ist, im Ganzen besehn, genug, dass man leben kann. Und wenn man dazu noch regelmäßig einen geblasen kriegt, denkt man sowieso nicht mehr viel nach über alles, und das ist ziemlich gut.

Das Autorenduo, so unbefangen wie frech der Alltagssprache zugewandt, studierte gemeinsam am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, das 1995 aus dem ehemaligen Johannes-R.-Becher-Institut hervorgegangen und der Universität angegliedert ist. Auch das ist neu: Ohne falsche Scheu, frei von Geniekult erforschen junge Autoren, im kritischen Austausch, die handwerkliche Seite des Schreibens - und dabei könnte langfristig sogar so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger ("Opernball"), der seit 1996 am Institut als Lehrmeister tätig ist, staunt, wie ernsthaft seine Studenten sich gegenseitig kritisieren: »Das sind Menschen, die jahrelang zusammen sind und sich gegenseitig nichts schenken.« Man könne zwar keine Autoren heranzüchten, aber viele Anfängerfehler vermeiden helfen. Zunehmend, so Haslinger, werde auch die Form des Romans angestrebt. »Die ewige Frage: Lässt sich noch erzählen? spielt kaum noch eine Rolle. Da gibt es eine neue Unbekümmertheit.«

Anders als die Großväter von der »Gruppe 47« gehen die jungen Erzähler auch recht unbefangen mit der Vergangenheit um: Erstmals seit nahezu einem halben Jahrhundert scheint die Erinnerung an die deutschen Verbrechen nicht mehr die Zungen zu lähmen - denn weder die Autoren selbst noch ihre Väter haben Anlass zu Anklage und Selbstanklage. Die Auseinandersetzung mit den Nazi-Eltern scheint kein Thema mehr zu sein.

Die Geschichten spielen in Deutschland, aber Deutschland spielt nicht mehr die Hauptrolle wie - nahezu unausweichlich - in der Nachkriegsliteratur. »Sprechen«, schrieb Jean-Paul Sartre 1947 in seinem berühmten Essay »Was ist Literatur?«, »heißt handeln: jedes Ding, das man benennt ... hat seine Unschuld verloren.«

Übermächtige Schuldgefühle waren es vor allem, welche die deutschen Autoren nach 1945 immer wieder hinderten, literarisch zu handeln, mit Worten vital nach der Welt zu greifen und so einen neuen Blick auf die Dinge zu eröffnen. Ein zuweilen reizvoll rätselhaftes, meist aber bloß anstrengend in sich gekehrtes Schreiben war die deutsche Regel, die immerhin einige gute Gedichte entstehen ließ, aber kaum einen großen Roman.

Die Nachkriegsliteratur hatte sich von der ersten Stunde an mit dem Schatten der Nazi-Verbrechen, den Folgen des verlorenen Krieges und der Frage der deutschen Schuld auseinander zu setzen. Das war nicht nur ein moralisches, es war auch ein ästhetisches Problem: Wie ließ sich angemessen auf den Horror reagieren, der vergangen, aber nicht vergessen, ja noch nicht einmal richtig erinnert worden war?

»Die Literatur war nicht vorbereitet auf und hat keine Mittel entwickelt für solche Vorgänge«, notierte bald nach dem Krieg Bertolt Brecht mit Blick auf die deutschen KZ: Die Vorgänge dort würden »keine Beschreibung in literarischer Form« vertragen. Noch Jahrzehnte später sah der damalige Verleger und heutige Staatsminister für Kultur Michael Naumann deutsche Schriftsteller in einer Notlage: Keiner von ihnen könne »bei hellem Verstand« eine Geschichte erzählen, als wäre nichts geschehen. Das »wahre Wunder« sei, dass die deutsche Dichtung nach dem Krieg nicht gänzlich verstummt sei.

Forderungen und Empfehlungen in dieser Richtung gab es genug, besonders von Theodor W. Adorno, der nicht nur das Gedichteschreiben nach Auschwitz für »barbarisch« hielt, sondern 1954 kategorisch erklärte: »Es lässt sich nicht mehr erzäh-

* Mit Corinna Harfouch, Til Schweiger.

len.« Er meinte, in der Folge des Krieges sei die »Identität der Erfahrung« und damit »die Haltung des Erzählers« für immer verloren.

Erst vor diesem Hintergrund lässt sich die Leistung des Verfassers der »Blechtrommel«, lässt sich die Wirkung dieses vor 40 Jahren veröffentlichten Romans würdigen: Gegen alle verordneten Skrupel schrieb Grass Ende der fünfziger Jahre in seinem Pariser Kellerzimmer an - bestärkt und beraten nicht zuletzt von seinem Gesprächspartner Paul Celan, dem melancholischen Holocaust-Überlebenden und rätselvollen Lyriker ("Todesfuge"). Wild entschlossen trommelten der damals 31-jährige Autor und sein Held, der Winzling Oskar Matzerath, gegen das Erzählverbot. Der Bericht aus Zwergensicht ermöglichte das ungezwungene Fabulieren und dabei auch die Darstellung von Gräueltaten und Schrecken, ohne die Form des Romans zu sprengen.

Doch kaum waren 1959 und im Jahr darauf die ambitionierten Werke von Grass, von Heinrich Böll ("Billard um halbzehn"), Uwe Johnson ("Mutmassungen über Jakob") und Martin Walser ("Halbzeit") erschienen, begann der literaturin-

terne Kampf gegen das Erzählen erst richtig. In den sechziger Jahren wurde eine regelrechte Antihaltung von Autoren und Literaturtheoretikern kultiviert, die sich als Statthalter der Moderne verstanden.

Die literarischen Gattungen wurden für überholt, der Roman und schließlich - im Verbund mit der Studentenrevolte - die ganze »bürgerliche Literatur« für tot erklärt. Einer der einflussreichsten Vorsprecher damals: Hans Magnus Enzensberger. Seine rhetorische Brillanz wirkte fatal, weil sie viele Talente entmutigte.

Im Rückblick erscheint das damalige Literaturklima nahezu suizidär: Ausgerechnet den Schriftstellern galten plötzlich das Erfinden von Geschichten, »Einbildungskraft« und »Phantasie« als verdächtig und verächtlich. Die Voraussetzungen für den Roman seien zusammen mit dem Bürgertum verschwunden, spannende Fabeln mit auffälligen Helden seien vorindustriell, mithin bloß noch trivial, ja auf das Fabulieren überhaupt müsse verzichtet werden, erklärten Mitte der sechziger Jahre experimentelle Autoren wie Jürgen Becker, immerhin einer der Preisträger der einflussreichen Gruppe 47. Der junge Österreicher Peter Handke schloss sich an: Die »Methode der Geschichte«, schrieb er 1967, sei für ihn nur noch anwendbar »als reflektierte Verneinung ihrer selbst: eine Geschichte zur Verhöhnung der Geschichte«.

Dieses selbstzerstörerische Endzeit-Lied wurde 1968/69, als die junge Linke gegen Konventionen jedweder Art revoltierte, zum intellektuellen Gassenhauer: »Die Geschichten machen keinen Spaß mehr« (Wolf Wondratschek), »Literatur in jeder Form ist unnütz« (Peter O. Chotjewitz) - und als Gebot der Stunde wurde ernsthaft ausgegeben: »Holen wir die geschriebenen Träume von den brechenden Bücherborden der Bibliotheken herunter und drücken wir ihnen einen Stein in die Hand« (Peter Schneider).

Wer nicht gleich auf die Straße ging und dennoch auf der Höhe der Zeit sein wollte, duckte sich, lieferte brav gattungslose »Texte« ab, experimentierte mit Zitatmontagen und dokumentarischem »Material« - und ödete damit nicht nur das Publikum an, sondern am Ende wahrscheinlich auch sich selbst.

Der ausgestellte Überdruss am eigenen Metier, das Misstrauen den »eigenen Kunststücken« (Grass) gegenüber, alles im Namen eines dubiosen Fortschritts und gerichtet gegen das angeblich naive und traditionelle Geschichten-Erzählen, verschreckte zahlreiche Nachwuchstalente - zumal ein Großteil der deutschen Literaturkritik sich die Argumente zu Eigen machte.

Da half es zunächst auch wenig, wenn einige der Autoren bald schon die voreilige Preisgabe elementarer Bereiche des Literarischen wie Fabel und Fiktion bereuten und zur Umkehr mahnten. Handke erkannte zu Beginn der siebziger Jahre, »dass eine Fiktion nötig ist, eine reflektierte Fiktion, damit die Lesenden sich wirklich identifizieren können«.

Doch den Lesenden war die Lust auf deutsche Literatur vorerst vergangen: Es gab genug andere europäische Erzähler, von jenen aus Nord- und Südamerika ganz zu schweigen. Allenfalls konnte noch der Märchenerzähler Michael Ende überzeugen, der sich als Jugendbuchautor frei von Erzähltabus fühlen durfte - und mit den beiden für Kinder geschriebenen Romanen »Momo« (1973) und »Die unendliche Geschichte« (1979) überraschend ein Millionenpublikum erreichte.

Die zwei Bücher belegten demonstrativ die ersten beiden Plätze der SPIEGEL-Jahresbestsellerliste 1981 und gaben die Richtung für die achtziger Jahre vor: Wenn die Phantasie schon nicht im Straßenkampf an die Macht zu bringen war, so sollte sie doch in der Literatur wieder zu ihrem angestammten Recht kommen.

Mit dem Roman »Das Parfum« (1985), der ebenfalls märchenhafte Züge trägt, gelang dem 1949 geborenen Patrick Süskind als erstem deutschen Autor der Nachkriegsgeneration ein großer internationaler Bucherfolg, der nicht nur an den der »Blechtrommel« heranreicht, sondern ihn inzwischen glatt überrundet hat: Während der Roman des Nobelpreisträgers eine Weltauflage von rund vier Millionen aufweisen kann, verkaufte sich »Das Parfum« bis heute - in weniger Jahren - weltweit gut zehn Millionen Mal. Bezeichnend für das Zeitklima: »Das Parfum« erschien bei Diogenes in Zürich, nachdem mehrere etablierte Literaturverlage in Deutschland das Manuskript abgelehnt hatten.

Dass dieser Longseller ungleich erfolgreicher ist als Grass'' Roman, ist nur wenig bekannt: Süskind tritt als Person nicht in Erscheinung, öffentliche Auftritte oder gar die Teilnahme an politischen Diskussionsveranstaltungen sind ihm ein Gräuel - ebenso wie anderen erfolgreichen Schriftstellern deutscher Sprache, die in den achtziger Jahren und danach als Erzähler Furore gemacht haben, etwa Sten Nadolny ("Die Entdeckung der Langsamkeit"), Christoph Ransmayr ("Die letzte Welt") oder Bernhard Schlink ("Der Vorleser").

Inbegriff solcher Zurückgezogenheit ist der - wie Schlink - 1944 geborene Botho Strauß, der spätestens seit »Paare, Passanten« (1981) eine Form von Gedankenprosa ins Spiel bringt, die von der neuen Fabulierlust gleich weit entfernt ist wie vom gestrengen Avantgardedenken und Sprachexperiment. Strauß ist heute einer der wenigen, die ihr Schreiben auch theoretisch begleiten. Er sieht die »nachschöpferische Unbefangenheit« der jüngeren Romanproduktion mit Skepsis. Für ihn bleibt die deutsche Literatur von ihrer Herkunft her ideell: »Sie lebt von Gedankenschönheit.«

Tatsächlich wirken gerade die jungen Wilden der Erzählkunst wie von jeglichem Ballast befreit: Die Mehrzahl von ihnen schert sich nicht um Erzähl-Traditionen, scheint kaum noch etwas von den Skrupeln zu ahnen, die die deutsche Literatur ein halbes Jahrhundert lang begleitet haben. Die demonstrative Unbekümmertheit überdeckt auch manche Unsicherheit und Unkenntnis.

Die neue Autorengeneration hat zwar keinerlei Ambitionen, als Gewissen der Nation in Erscheinung zu treten oder gar in die politische Arena zu steigen - öffentlichkeitsscheu allerdings sind nur die wenigsten. Es gehört heute zum Geschäft, dass man sich zu verkaufen weiß und dies auch mehr oder weniger ungeniert tut.

Das treibt zum Teil groteske Blüten. Worüber schreibt ein literarischer Jungstar, der sein erstes Buch »Soloalbum« nennt, danach? Über seine Lesetour: einen Bericht mit dem Titel »Livealbum«. Benjamin von Stuckrad-Barre, 24, beschreibt seine Agentin, sein Publikum und den Hotelalltag ("Wer Klopapier wie Servietten faltet, um dessen Erstbenutzung zu belegen, kann auch gerne Faxe in Briefumschläge falten, voll ok") - und verkennt dabei, dass 250 Seiten darüber den Leser schneller ermüden als den Autor die ganze Reiserei.

Natürlich kann das seinen Witz haben, wie bei Joachim Lottmann, 45, der mit seinem zweiten Roman »Deutsche Einheit« einen spöttischen Reigen aus der Berliner Literatenwelt der neunziger Jahre ("Ganz Berlin war voller Literaturhäuser") präsentiert. Vom Literarischen Colloquium am Wannsee ("Die deutsche Subventionsliteratur hatte in dieser Villa ihr geistiges Zentrum") bis zu Marcel Reich-Ranicki ("der einzige echte Kenner der Literatur") wird alles, unverschlüsselt, zum Thema. Am Ende ist das kaum mehr als eine auf Buchlänge gezogene, mitunter sogar gelungene Reportage über den Betrieb: Literatur, die wieder einmal keine sein will (auch wenn »Roman« auf dem Titelblatt steht) - und die im eigenen Saft schmort.

So erfrischend das bisweilen daherkommt, es gaukelt einen selbstreflexiven Gestus nur vor. Der »Merkur«-Herausgeber Karl Heinz Bohrer, einer der schärfsten Kritiker der von vielen begrüßten »Rückkehr des Epischen« (Martin Hielscher), bemängelt das Fehlen einer Literatur, die die eigenen erzählerischen Mittel und Methoden im Auge behält. Er hält es geradezu für das Wesen des modernen Erzählens, dass es »die erzählte Gegenständlichkeit der weit fortgeschrittenen Reflexion aussetzte«. Bohrer urteilte unlängst über die neuen deutschen Dichter: »Die literarischen Standards sind auf dem tiefsten Niveau der Nachkriegszeit angelangt.«

Vielleicht könnte den grimmigen Kritiker der neue Roman von Thomas Lehr versöhnlicher stimmen. Lehr, 41, hat mit »Nabokovs Katze« einen ganz altmodisch-

* Mit Teresa Weißbach, Alexander Scheer.

gediegenen Bildungs- und Künstlerroman

geschrieben, zugleich eine Education érotique - mit einer Ernsthaftigkeit und Könnerschaft, die das Buch über die meisten Literaturtitel dieses Herbstes hinaushebt.

Lehr begleitet seinen Protagonisten Georg von Anfang der siebziger bis in die Mitte der neunziger Jahre: Schülerzeit in der Kleinstadt S. (deutlich Speyer, dem Geburtsort des Autors, nachempfunden), Lektüre von Sartre, Freud und Henry Miller, abgebrochenes Studium der Mathematik in Berlin, Beginn einer Karriere als Filmregisseur, Schaffens- und Ehekrise, Flucht nach Mexiko und längerer Aufenthalt in New York. Stationen eines Deutschen aus der Provinz, der mit Politik nicht viel am Hut hat, der um seine Kunst kreist - und von sexueller Besessenheit getrieben wird.

Die lebensbegleitende Sehnsucht freilich gilt der einen, der ersten Schülerliebe, Camille, die Georg nicht rangelassen hat ("Du willst mit mir schlafen, obwohl ich erst vierzehn bin") - sich dann aber von einem bärtigen Studenten deflorieren ließ. Trotz der oft unkomplizierten Eroberungen anderer Mädchen und Frauen lässt den Helden der Gedanke an Camille nie los. Die beiden schreiben sich Briefe, es gibt auch gelegentlich Treffen - ohne dass er seinem Ziel näher kommt.

Selten ist in der deutschen Literatur so drastisch und zugleich dezent und liebevoll über Sexualität geschrieben worden wie in diesem Buch. Anders als der Regisseur Georg, der mit einem seiner Filme namens »Nabokovs Katze«, einem »rein autobiografischen Fall«, kläglich scheitert, beweist Lehr mit seinem gleichnamigen Roman, dass es möglich ist, das Private zu erzählen, dass die Biografie immer noch fesseln kann.

Über Jahre hin erstreckt sich diese »Komödie des verweigerten Coitus«, eine wunderbare Liebesgeschichte, denn: »Mit keiner Frau war es so aufregend, nicht miteinander zu schlafen.« Wie real Camille für Georg wirklich ist, ob sie nicht nur ein Hirngespinst, ein Sehnsuchtsbild darstellt und wie schließlich das Märchen der Einlösung aller Hoffnungen in Heidelberg einzuschätzen ist - das offen zu halten und in einem kunstvollen Erzählrahmen zur Sprache zu bringen zeigt den versierten, mit den Mitteln der Perspektivbrechung jonglierenden Erzähler.

Und wer weiß, vielleicht sitzt irgendwo in Süddeutschland ein unbekannter Autor und schreibt derzeit an einer umfangreichen Generationensaga, die 2001 erscheinen wird? Vor genau 100 Jahren schrieb ein junger Dichter namens Thomas Mann in München an seinem ersten Roman, den er im Juli 1900 abschloss und der im Oktober 1901 herauskam - 28 Jahre später erhielt er für die »Buddenbrooks« den Nobelpreis. VOLKER HAGE

* Mit Corinna Harfouch, Til Schweiger.* Mit Teresa Weißbach, Alexander Scheer.

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