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»Die Entführer haben uns überlistet«

In eine Kiste gepfercht, mit Strom geschockt, gegen 21 Millionen freigelassen -- die Entführung des Millionärssohns Richard Oetker setzt neue Maßstäbe im Kapitalverbrechen Kidnapping. Es ist nur der spektakulärste Fall in einer Entführungsserie, die sich mit Sicherheit fortsetzt: Für Kriminologen ist Kidnapping das klassische Nachahmungsdelikt. Die Polizei ist hilflos, solange das Opfer in den Händen der Entführer ist.
aus DER SPIEGEL 53/1976

Eine halbe Stunde vor Mittag, am 16. Dezember, läßt die Empfangschefin Marianne Hübner vom Münchner »Sheraton«-Hotel im weitläufigen, sich über mehrere Ebenen erstreckenden Foyer per Lautsprecher »Herrn August Oetker« ausrufen. Keiner der in der Vorhalle flanierenden Herren und keiner der Männer an der eine Treppe höher gelegenen Bar fühlt sich angesprochen.

Wenig später versucht es »Sheraton«-Portier Jakob Seriano noch einmal -- auch er ohne sichtbaren Erfolg. Dennoch, August Oetker, 32, ist schon im Bilde, denn nachdem er eine Zeitlang unauffällig gewartet hat, schwingt er sich nun, zwei Lederkoffer in der Hand, durch die Drehtür ins Freie und eilt zum rund hundert Meter entfernten »Arabella«-Hotel.

Dort fällt der Herr mit den zwei Koffern nicht weiter auf. »Arabella«-Portier van Kampen: »Niemand von uns hat etwas bemerkt, niemand hat einen Herrn Oetker ausgerufen.« Doch wiederum weiß der eben angekommene Passant flugs weiter. Er eilt zu einem Taxi vor dem Hoteleingang und fährt, die zwei Koffer sorgsam neben sich postiert. zu einem anderen Hotel, dem »Bayerischen Hof« in der Münchner Innenstadt.

Dort war für den unruhig Suchenden schon am Vortag ein Einzelzimmer für zwei Nächte bestellt worden. Zusammen mit dem Zimmerschlüssel übergibt der Portier dem neuen Gast einen Schließfachschlüssel und eine gelbbraune Kunststoffmappe, deren Inhalt August Oetker auf seinem Zimmer studiert. Das überreichte Papier enthält die Adressen weiterer Stationen, die Oetker -- sollte nicht an Ort und Stelle anderes bestimmt sein -- nun noch der Reihe nach anzulaufen hat. Beflissen macht der Mann mit den Koffern sich auf den Weg.

August Oetker läßt sich zum Hauptbahnhof chauffieren, geht erst zu den Bahnsteigen eins, 26 und 11, wo der D-Zug 285 nach Rom (planmäßige Abfahrt: 13.27 Uhr) bereitsteht, dann zu dem Schließfach, wo er einen Aluminium-Koffer und weitere Instruktionen vorfindet.

Dann steigt er die Treppe zur Bahnhofstoilette hinab, betritt eine Kabine und füllt den Inhalt der Lederkoffer in den Alu-Koffer um. Danach marschiert er zum Karlsplatz, besser bekannt als Stachus, und betritt dort das Untergeschoß -- die größte unterirdische Ladenstadt Europas. Dort postiert sich der Bote, gleich neben der Metro-Apotheke, mit dem Rücken zu einer graugrünen Metalltür, einer von über 100 im Bauwerk.

Während Passanten, wie um diese Zeit üblich, zu Hunderten an dem Wartenden vorbeihasten, öffnet sich hinter ihm langsam die eiserne Tür. Heraus kommt eine Hand, greift nach dem abgestellten Alu-Koffer, zieht ihn hinter die Tür. Die Tür fällt ins Schloß. Für August Oetker ist das Abenteuer vorbei.

Der Aluminiumkoffer mit den Ausmaßen 45 mal 60 mal 90 Zentimeter enthielt 21 Millionen Mark in Tausendmarknoten, das Lösegeld für den Agrar-Studenten Richard Oetker, 25, den Bruder des Koffermannes. Der Sohn des Konzernchefs war zwei Tage zuvor vor einem Hochschulinstitut im oberbayrischen Freising entführt worden, in einem Holzpferch von 60 mal 70 mal 120 Zentimeter, nicht sehr viel größer als der Geld-Container.

Fünf Stunden nach der Geldübergabe wurde die Geisel im Kreuzlinger Forst westlich von München gefunden: mit beidseitigen Oberschenkelhalsfrakturen, zwei gebrochenen Brustwirbeln, schweren Herzrhythmusstörungen -- Folge versehentlicher Stromstöße aus einer Vorrichtung, die offensichtlich als Tötungsinstrument für den Fall gedacht war, daß die Erpressung scheitern sollte; und mit einer gefährlichen Spätkomplikation, einem Lungenkollaps nach 47 Stunden beengten Atmens in gekrümmter Haltung im Holzpferch.

Geld weg, Geisel frei, wenn auch schwer geschunden -- das war die Formel, unter der die Öffentlichkeit vom Fall Oetker zum erstenmal erfuhr. Stillschweigen über die auslösende Tat und Geheimhaltung der eigentlichen Entführung scheinen bei der Fortentwicklung dieser Spezialität unter den Kapitalverbrechen mittlerweile zur Übung zu werden. Kidnapping ist die kriminelle Mode dieses Herbstes.

* Der Fuldaer Kaufmann Wolfgang Gutberlet, 32, Mitinhaber zweier osthessischer Supermarktketten, wurde am 8. Oktober von drei Entführern in einer Kiste verschleppt und eine Woche später für zwei Millionen Mark wieder freigelassen. Die Täter wurden gefaßt, das Lösegeld sichergestellt.

* Der Homburger Brauereierbe Gernot Egolf, 32, wurde am 19. Oktober von zwei Männern, die zwei Millionen forderten, in einen Bunker gebracht. Die Kidnapper waren nach 52 Tagen überführt. Egolf wurde in dem Verlies tot aufgefunden.

* Der Münsteraner Springreiter Hendrik Snoek, 28, Juniorchef einer westfälischen Verbrauchermarktkette, wurde am 3. November entführt und in der Sprengkammer einer Autobahnbrücke an die Kette gelegt. Fünf Millionen kassierten die Täter, das Opfer wurde befreit.

Für Kriminologen die Nachahmungstat schlechthin.

Wie im Leitfaden für Polizeitaktik bietet die Entführungsserie gleich das gesamte Spektrum der möglichen Ausgänge: ein raffinierter Coup mit Geldverlust und Lebensrettung; ein Dilettantenstück von Tätern, die am Ende ohne Geld und Geisel, dazu noch in Haft sind; schließlich -- Schreckensvariante -- Tod der Geisel nach Regiefehlern bei den Verfolgern.

Im vierten, jüngsten Fall schließlich schienen alle drei Möglichkeiten angelegt: Das Geld war weg, das Leben der Geisel auch nach der Freilassung noch nicht gerettet, und die Polizei stand nicht eben makellos da. Gleichviel, unter welche Rubrik die Sache Oetker letztlich fallen würde -- von Anfang an wußte man eins: Die Kidnapperbranche hat sich hier Maßstäbe gesetzt.

Mit soviel Chuzpe, wie im Stahltürtrick unterm Stachus offenbar, sind Fahnder lange schon nicht mehr genarrt worden. Und mit noch mehr Geld als jenen 21 Millionen im Gewicht von 30 Kilo wird sobald kein Gangster wieder türmen. Allein die Liste mit den Geldscheinnummern, von der Polizei zur Information der Banken in 20 000er Auflage in Druckauftrag gegeben, mißt 210 Schreibmaschinenseiten.

Es ist eine gleichsam epidemische Kriminaltat, die manchen Reichen im Lande diesen heißen Herbst gebracht hat. Denn der erpresserische Menschenraub, obwohl in der deutschen Statistik noch unter die selteneren Delikte gerechnet, ist für Kriminologen die Nachahmungstat schlechthin. Dieses Verbrechen geschieht fast immer serienweise: Zu Oetker führt ein logischer Weg, und daß er bei Oetker nicht endet, zeigte sich bald nach diesem Fall -- als in Augsburg die nächste Entführung geschah.

Zu lockend ist die von den Massenmedien bis ins letzte Dorf verbreitete Vision vom plötzlichen Reichtum nach Rezept. Kidnapping und Fernsehen -- das bedeutet Millionentransfer vor Millionenpublikum. Entführungsexperte Charles Bates vom amerikanischen FBI: »Dann sagt sich einer: Warum hin ich nicht längst selber auf die Idee gekommen? Und geht zu Werk.«

Kinder schnappen, das praktizierten im England des 17. Jahrhunderts Verbrecher, die Minderjährige ihren Eltern raubten und sie als Arbeitskräfte in die Kolonien verkauften. Mittlerweile ist das Delikt Inbegriff der zugleich wirkungsvollsten und niederträchtigsten Erpressung -- »das Verbrechen unserer Zeit«, wie die New Yorker Zeitung »Daily News« formulierte.

Es grassiert: In südamerikanischen Staaten ist heute an der Tagesordnung, daß einflußreiche Leute von der Straße verschwinden und als Geisel zur Durchsetzung politischer Forderungen festgehalten werden. Allein 1973 mußten in Argentinien 13 Großunternehmen 300 Millionen Mark zum Freikauf entführter Angestellter auswerfen.

In rund 1000 Entführungsfällen ermittelte das amerikanische FBI 1969, voriges Jahr waren es schon mehr als 1500. Im Jahre 1969 wurden von amerikanischen Bundesgerichten 41 Kidnapper abgeurteilt, 1975 schon 94, und Kidnapping, so scheint"s, ist in den USA auf dem Wege, die Banküberfälle als Alltagsdelikt abzulösen. »Bei all den Kameras, Lichtern und Alarmanlagen sind sie heute zu riskant«, so Fred Rayne, Entführungsspezialist der Detektei Burns International Investigation Bureau in Miami, »da ist es doch viel einfacher, sich den Vizepräsidenten einer Bank aus dem Autobahnverkehr zu fischen.«

In Italien. wo Kidnapping vor allem im Banditentum Siziliens und Sardiniens jahrhundertealte Tradition hat, wurden seit 1960 über 400 Personen gekidnappt, gefangengesetzt und -- zum überwiegenden Teil -- von Angehörigen für Summen bis zu 27 Millionen Mark wieder freigekauft. Dem Ölerben Paul Getty III schnitten Entführer, um ihre Forderung zu unterstreichen, ein Ohr ab und schickten es der Familie.

Mittlerweile hat sich das Arbeitsfeld für Entführer ungeahnt erweitert, sind potentielle Opfer nicht mehr nur verängstigte Anverwandte oder solvente Unternehmen. Daß durch die Fortnahme eines beliebigen Staatsbürgers ganz direkt auch der Staat erpreßbar ist, wurde 1971 erstmals öffentlich demonstriert: Die NRW-Landesregierung kaufte ein Kind frei, und Ministerpräsident Heinz Kühn signalisierte: »Das Leben eines Menschen muß uns 200 000 Mark wert sein.«

Beträchtlich aufgewertet wurde noch -- und wiederum von Amts wegen -- im Fall Lorenz. Hier hat der Staat sich gleichsam selbst als Opfer veranlagt, aufgezeigt. wieviel für ein Menschenlehen erfolgreich gefordert werden kann -- nämlich schon fast alles. Die Entführer erreichten Verlesung von Polittiraden im TV, erzwangen Geld, Pässe und schließlich den öffentlichen Abflug der freigepreßten Genossen.

Der Fall Lorenz hat überdies klargemacht, wie sehr heim Menschenraub neuerer Version die politische Kriminalität und die schiere Unterweltlerei einander bedingen, munitionieren und aufschaukeln. Die Terroristen erst haben die Erpressung mit dem Menschenleben auf die Ebene zweistelliger Millionensummen gehoben. 40 Millionen Mark für den argentinischen Exxon-Manager Victor Samuelson, gezahlt 1974; mehr Lohn und mehr Rechte für die Mercedes-Arbeiter von Buenos Aires, erpreßt durch die Geiselnahme des Managers Heinrich Franz Metz -- das war schon eine Art Revolution: Eine Geisel im Keller, und schon tanzt das System.

Großen Reibach freilich machen neben den Untergründlern längst auch die Berufsverbrecher. Außerhalb der Bundesrepublik formierten sich schon Profis zu straff organisierten Syndikaten: Die meisten Entführungen in Norditalien gehen nach Polizeieinschätzung auf das Konto einer mit der Mafia verbundenen Organisation »Anonima Sequestri« (Entführungs-AG) -- Menschenraub, so der Mailänder »Corrriere della Sera« kürzlich, »ist ... zu einer »Industrie' mit fast wissenschaftlichem Management geworden«.

Das Know-how kommt unter die Strauchdiebe.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Luftpiraten und Terroristen aller Erdteile durch Geiselnahme ans Ziel gelangen, hat neue Täterkreise erschlossen. Der verschuldete Akademiker überwindet nun auch schon mal die Hemmschwelle, für den Knacki aus der dritten Unterweltsgarnitur braucht es nicht mehr viel, ein für allemal aus dem Schneider zu sein.

Sie alle kalkulieren mit der stets aufs neue bloßgestellten Toleranz der westlichen Gesellschaft; danach haben, so formuliert es der Polizeirechtler Gerhard Wacke, das »Opfer des einzelnen und der Gewinn für die Allgemeinheit in einem vernünftigen Verhältnis zueinander (zu) stehen«.

Da ein Gewinn für die Allgemeinheit um den Preis eines toten Opfers aber schwerlich zu denken ist, halten professionell agierende Geiselnehmer den Rechtsstaat nach Belieben in der Zwickmühle.

Auch beim Erkunden neuer Methoden waren wiederum die Polittäter ganz vornan. So lieferte das von südamerikanischen Untergrundkämpfern entwickelte »Volksgefängnis« dem Ganovenmilieu die Lehre von der perfekten Abschirmbarkeit eines Geiselverstecks und deren zentraler Bedeutung fürs ganze Unternehmen.

Das postversandte Polaroidphoto vom gefesselten Entführten, aufgenommen in irgendeinem unauffindbaren Kellergelaß, bedeutet zumeist schon den absoluten Zahlzwang für den Empfänger. Und die Publicity, die gelungenen Entführungsstücken à la Lorenz zuteil wird, sorgt wieder für eingehende Verbreitung technischer Einzelheiten. Know-how kommt so auch unter die Strauchdiebe.

Überwiegend Neulinge im kriminellen Geschäft.

Bislang ist die Aufklärungsquote noch hoch: in den USA mehr als 90 Prozent; bis Springreiter Hendrik Snoek entführt wurde, war in der Bundesrepublik nur ein einziger Kidnapping-Fall unaufgeklärt geblieben.

Denn trotz organisierter Entführung hier und da rekrutiert sich die Branche der Menschenfänger noch aus Nicht-Profis, Einzelgängern, Anfängern. Bei 298 Fällen von Kidnapping, die in einer Untersuchung der American Bankers Association analysiert wurden, waren die Täter zu 70 Prozent Hilfsarbeiter und Arbeitslose und überwiegend Neulinge im kriminellen Geschäft.

Auch die ersten Kidnappings in der Bundesrepublik waren, 1958 und 1961, das Werk von Gelegenheitskriminellen -- und endeten, vielleicht deshalb, mit dem Tod der Opfer. Joachim Goehner, 7, aus Stuttgart, und Hans Knaupp aus Friedrichshofen wurden, wie Anno 1932 das Lindbergh-Baby, getötet, noch bevor die Täter Kontakt mit den Eltern aufgenommen hatten -- aus Angst, entdeckt zu werden, wie sie später gestanden. Der eine, ein Gärtner, wollte mit dem Lösegeld eine neue Ehe beginnen, der andere, ein Hilfsarbeiter, konnte seine Raten fürs Moped nicht mehr bezahlen.

Eine andere Erkenntnis der Kriminologen, daß nämlich Kidnapping den ausgesprochenen Nachahmungsdelikten zuzuordnen sei, bestätigte sich bald gleichfalls für die Bundesrepublik: In den sechziger Jahren war die Entführung schon fester Bestandteil der Kriminalität, entführt wurde in immer kürzeren Abständen zehn Fälle registrierte die Polizei bis zum Sommer 1971, vier Opfer wurden dabei getötet, darunter der siebenjährige Wiesbadener Antiquitätenhändlerssohn Timo Rinnelt. In allen Fällen waren die Entführten minderjährig und die Lösegeldforderungen vergleichsweise gering. Mit dem Beginn der siebziger Jahre bekam das Verbrechen eine neue Qualität. Es ging von nun an um größere, immer größere Summen, und nun waren es auch nicht mehr Kinder, die entführt wurden, sondern reicher Leute erwachsene Söhne und Töchter oder die Begüterten selber.

Eine glatte Million verlangten drei vermummte Männer

vom Reeperbahn-Gastronomen Bernhard Keese ("BalL Paradox"), den sie samt seiner Verlobten in den frühen Morgenstunden des 23. August 1971 zu einer gemeinsamen Spritztour im Keese-Mercedes nötigten. Dem 71jährigen gelang es noch, das Lösegeld auf 100 000 Mark herunterzuhandeln: Die Täter ließen die Verlobte aussteigen, die sich die Geldscheine bei Keeses Hausbank besorgen und das Bündel überbringen mußte.

Um sieben Millionen ging es, als am 29. November desselben Jahres der »Aldi-Supermarkt«-Millionär Theo Albrecht entführt wurde -- und spätestens in der Gerichtsverhandlung gegen die Täter wurde klar, wie eng bei dieser Form des Gewaltverbrechens Brutales und Burleskes beieinanderliegen. Als Entführer entpuppten sich: der verkrachte Rechtsanwalt Heinz-Joachim Ollenburg aus Düsseldorf und der Tresorknacker Paul Kron aus der rheinischen Unterwelt. Der Jurist und der Schränker verwahrten den Kaufmann in Ollenburgs Kanzlei, bis Albrecht nach 17 Tagen durch Vermittlung des Essener Bischofs Hengsbach freigelassen wurde.

Aufgeflogen wäre dies Ding womöglich nie -- wenn »Diamanten-Paul« Kron sich als frischer Millionär nur hätte bremsen können. Er bezahlte seine Schulden glatt mit Beute-Scheinen, deren Nummern die Polizei registriert hattet den Anwalt spürte Interpol in Mexiko auf. Beide wurden zu achteinhalb Jahren verurteilt, aber die Hälfte der Albrecht-Millionen blieb bis heute verschwunden -- Ollenburg kommt demnächst frei.

Zu einem Schmunzelstück geriet schließlich auch im Gerichtssaal, was ursprünglich als Millionencoup ausgebuffter Profis gegolten hatte: die Entführung von Evelyn Jahn, Tochter des »Wienerwald«-Konzernchefs Friedrich Jahn, im November 1973. Bei der Verhandlung stellte sich heraus, daß einer der Entführer, der Schlosser Johann Mittermeier, am Tag der Tat noch rasch zur Polizei gegangen war, um einer richterlich angeordneten Meldepflicht nachzukommen. Sein Komplize Peter Knapp fuhr zur Übernahme des Lösegelds in Höhe von drei Millionen Mark mit dem auf seinen Namen zugelassenen BMW. Und dem dritten Mann, dem Spenglermeister Rudolf Maierhofer, der die Entführung telephonisch fernsteuern sollte, hatte die Post wegen unbezahlter Rechnungen den Anschluß gesperrt.

Im Gerichtssaal erntete Mittermeier Lachsalven, wenn er die taktischen Überlegungen des Trios gegenüber dem Entführungs-Opfer Evelyn schilderte: »Wenn die die Pistoln siecht, is sie meiserlstaad. Des woaß i von meine Überfälle auf Tankwarte -- de ham alle bloß zittert.« Der Staatsanwalt mußte sich dagegen verwahren, daß der Fall »zur Köpenickiade heruntergespielt« werde: »Dieses Gangstertum muß mit allen gesetzlichen Mitteln bekämpft, das Risiko für die Täter muß größer werden.« Nach Mord und Totschlag handele es sich hier um Taten, »die den Menschen am stärksten bereifen«.

Das Bajuwarische im Stück der Jahn-Entführer verdeckte in der Tat nur eine beklemmende Erkenntnis: daß selbst kriminelle Dilettanten beim Kidnapping taktische und psychologische Vorteile gegenüber der Polizei haben wie bei kaum einem anderen Delikt. »Es braucht nicht viel Phantasie«, so ein norddeutscher Kripo-Chef, »um sich vorzustellen, was passiert, wenn da Leute rangehen, die ihr kriminelles Handwerk verstehen.«

Dann müßten sich, so die Befürchtungen der Fachleute. die höchst unterschiedlichen Startpotentiale voll auswirken: hier der Entführungsplan aus einem Guß, dort womöglich nur der Kommissar Zufall. Die Täter

* besitzen Planungsvorsprung: Monatelang können sie das Einfangen und Verstecken der Geisel minutiös ausklügeln -- allein bei ihrem Geschick liegt es, ob die Polizei bei Kontaktaufnahmen oder Geldübergabe Spuren aufnehmen kann; diktieren den Ablauf der Erpressung. während auf der Gegenseite eine »sehr bald bemerkbare Turbulenz und Hektik« (so der Münchner Kriminalist Johann Fischer) einziehen und den meist uneingeübten Krisenstab lähmen:

* verschaffen sich bei unerwarteten Entwicklungen nach Belieben Bedenkzeit, halten jedoch die Polizei durch Bedrohung des Geisellebens ständig unter Zugzwang;

* sind auch nach Verfahrensfehlern vor dem sofortigen Polizeizugriff sicher, weil sie weiterhin das Leben der Geisel bedrohen;

* bestimmen über Art des Lösegelds und Modalitäten der Geiselfreilassung, so daß Flucht und spätere Verwertung der Beute ungestört bleiben.

Technische Hilfsmittel und findige Vorbilder stellen den Entführern ein schier unbegrenztes Instrumentarium zur Verfügung. Das Opfer kann in einer Situation gehalten werden, wo schon bei hinhaltendem Taktieren der Gegenseite automatisch Todesgefahr aufkommt. Schaurige Premiere: 1968 wurde in den USA die Amerikanerin Barbara Nackle auf Zeit beerdigt -hei begrenztem Luftvorrat, an zunächst unbekanntem Ort.

Weitere Pluspunkte für die Entführer: Die Geldübergabe läßt sich wie ein Schnitzeljagdmanöver anlegen -- etwa mit der Anweisung, am Ende den Geldkoffer aus einem fahrenden Zug zu werfen, an einer nur den Entführern bekannten, per Funksignal angezeigten Streckenstelle. Die meist registrierten Beutebauknoten schließlich sind zügig und spurlos zu »waschen«, etwa durch Aufstückelung in verschiedenste Sorten und Streuen auf Spielbankkassen oder ferne Bankschalter.

Neuralgischer Punkt der Jagd nach dem Täter bleibt jedoch die Herrschaft der Kidnapper über das Leben der Geisel. Nie bürgt der Unbekannte mit mehr als seiner Ganoven-Ehre für die Einhaltung des Deals. Die Geisel ist als oftmals einziger Tatzeuge und Identifizierungshelfer ohnehin regelmäßig in Lebensgefahr -- ein totes Opfer redet nicht. Das Risiko, daß sich die Verbrecher des Gefangenen entledigen, behindert ständig Fahndungsakte und die Sicherung von

* Abtransport der Rinnelt-Leiche durch Kriminalbeamte.

Spuren zwecks späterer Verfolgung. Nicht einmal von Versprechungen. die den Tätern während der Entführung gemacht wurden, kommt die Polizei ohne weiteres frei. Kriminologen wie der Frankfurter Friedrich Geerds raten, die Fahnder sollten zu Versprechungen »auch später stehen«, künftigem Verhandlungsspielraum zuliebe.

Ein Profi weiß sein Risiko einzuordnen.

Da die Kidnapper aus dem Dunkel verhandeln, die Gefahren für das Opfer also unüberschaubar sind, solle sich die Polizei ohnehin eher »als stiller Teilhaber« in das Dreiecksverhältnis mit Erpressern und Erpreßten einschalten -- und wieviel davon abhängt, was die Polizei innerhalb dieses Beziehungsgeflechts tut und läßt, machen zwei Fälle aus der jüngsten Entführungsserie deutlich.

Die Entführungen Gutberlet und Egolf ähnelten einander in den Ausgangspunkten derart, daß sich so etwas wie eine Parallel-Entwicklung der Kriminalfälle hätte Voraussagen lassen -- wenn es beim Kidnapping kalkulierbar zuginge.

Der Tätertyp war identisch. Die Entführer Gutberlets, der Metzgermeister Horst Hoos, der Fußbodenleger Reinhard Miethe und der Malermeister Hans-Karl Weller, allesamt miteinander verschwägert, galten aus Unterweltssicht durchweg als Stümper -- Provinzler aus dem Vogelsberg und »keine Profis«, wie der Kasseler Kriminaloberrat Karl-Heinz Enders erkannte. Egolfs Kidnapper, der Heizungsmonteur Andreas Leiner, 22, und der Waldfacharbeiter Joachim Müller, 21, holten sich nach der Geiselnahme gar bei einer Diskothekenbekanntschaft Rat -- »eher Jüngeichen«, ordnete ein Kripomann später die beiden ein.

Die Opfer wurden nach gleichen Kriterien ausgewählt. In beiden Fällen hielten sich die Entführer an Begüterte aus näherer Umgebung, deren persönliche Verhältnisse sie genau kannten. Die drei aus dem Hessischen griffen sich den Kaufmann Wolfgang Gutberlet, 32, aus Fulda. der von seinem Vater die Leitung zweier Supermarktketten übernommen hatte, die zwei von der Saar den Geschäftsmann Gernot Egolf, 32, Erbe und Mitgesellschafter der Karlsberg-Brauerei in Homburg.

Die Täterpläne waren kongruent. Beide Opfer wurden unter einem Vorwand telephonisch an den Entführungsort gelockt, Gutberlet an eine Tankstelle, Egolf an den Homburger Bahnhof. Dort überumpelten die Kidnapper jeweils die Angelockten und transportierten sie im Auto zum Versteck, Gutberlet in eine Holzkiste und mit verklebten Augen, Egolf mit Klebeband gefesselt und einem Kopfkissenbezug über das Gesicht gestülpt.

Im Ergebnis aber unterschieden sich die Fälle durch Leben und Tod. Bei ganz und gar einheitlichem Raster endete die Gutberlet-Entführung als positiver Musterfall der Verbrechensbekämpfung und das Egolf-Kidnapping. bei dem nach Meinung des Freiburger Kriminologen Wolf Middendorff »wohl alle geschludert haben«, als Fiasko.

Im Fall Gutberlet erwies sich die Polizei als umsichtig, der Entführte als wahrnehmungssicher und die Angehörigen als besonnen. Schon zwei Stunden nach der Entführung hatte Gutberlets Ehefrau Inge die Polizei »voll eingeschaltet und sich Rat geholt, wie sie sich verhalten soll«, so Kriminalist Enders. Fortan, wenn es Telephonanrufe mitzuschneiden und Übergabeorte zu beschatten galt, hielten sich Polizei wie Angehörige an die Abmachungen.

Als ginge es nicht um sein Leben und das Familienvermögen, sondern nur um die spätere Ergreifung der Täter, zeigte das Opfer von Beginn an kriminalistischen Spürsinn, der sonst bei Entführten meist in der Angst untergeht. Ehe er zum Treff mit den Unbekannten ging, notierte Gutberlet zu Hause die Nummern von Hundertmarkscheinen. die er einsteckte. Im Versteck in einer Frankfurter Wohnung dann prägte sich der Kaufmann die markantesten Punkte ein, als er einen Moment nur durch einen Schlitz seiner Augenbinde blinzeln konnte: eine Eisenbahnbrücke und die Leuchtschrift der »Kraftwerk Union

Reichlich Spurenmaterial sammelten ihrerseits die Fahnder. denn die Täter machten es ihnen durch alle nur denkbaren Fehler leicht: Wenige Stunden nach Gutberlets Freilassung waren sie festgenommen.

Trug das Zusammenspiel zwischen Fahndern und der Familie wesentlich zum glimpflichen Ausgang der Entführung von Wolfgang Gutberlet bei, so ging Gernot Egolf offenkundig im Chaos unterschiedlicher Interessen, wechselnder Kompetenzen und einer überspitzten Hinhaltetaktik zugrunde.

Vater Karl Simon Egolf ("Unmöglich, zwei Millionen ... wie denken Sie sich das?") ging nur zögernd auf Verhandlungen mit den Entführern ein. Und die Kripo überprüfte zunächst Gerüchte. der Junior könne womöglich mit den Entführern gemeinsame Sache machen. Die Erpresserbriefe, von den Geiselnehmern diktiert, von Egolf geschrieben, nahmen die Fahnder zunächst nicht allzu ernst: zeigten sie doch, wie sich der Leitende Oberstaatsanwalt Hans-Werner Wiesen von einer Graphologin bedeuten ließ, »keine Anzeichen von Streß«.

Die Täter aber hatten. durchaus ernsthaft, den Brauersohn in einem Verlies in der Nähe der Ortschaft Eisen angekettet. »alle drei bis vier Tage«, so das Vernehmungsprotokoll. brachten sie Getränke und was zu essen, leisteten auch schon mal Gesellschaft.

Nach zwei Wochen erst ließen sich die Fahnder auf Forderungen ein. Zweimal wurde eine Tasche mit 50 000 Mark auf Anweisung der Entführer hinterlegt, in einem Auto vor der Hornburger Kreissparkasse und an einem Feldweg. Die Täter kamen nicht, statt dessen kam eine »letzte Warnung« von ihnen: »Wenn das nächstemal nur 1 Stück von einem Polizisten gesehen wird, hören Sie nichts mehr von uns und nichts mehr vom Sohn.«

Die Drohung weckte keine neue Aktivität der Fahnder, nach dem verlorenen Sohn suchten sie noch immer nicht, obwohl mittlerweile eine Aktion großen Stils sinnvoll hätte sein können. Denn die von den Tätern vorgeschlagenen Treffpunkte und die Aufgabeorte der Erpresserbriefe hatten ein begrenztes Bewegungsfeld markiert, in dem Gernot Egolf. wie sich später, zu spät herausstellte, auch versteckt war. Nach weiteren vier Wochen erst, als die Täter gefaßt waren, wurde er gefunden: tot, abgemagert um 15 Kilo, zugedeckt mit einer Wolldecke, unter einer dünnen Erdschicht begraben.

Im Gerede ist seither das Verhalten aller, die in dem 52 Tage dauernden Erpresserstück eine Rolle übernommen hatten. Da war der Seelsorger Siegfried Wagner. als Kontaktmann eingesetzt, mal bei einer Synode in Speyer, als die Entführer anriefen, dann zwar zu Hause, aber sichtlich überfordert. Wagner: »Da haben so viele Leute antelephoniert, daß ich dann nicht mehr wußte, wer die richtigen waren.«

Den Dekan hatte Rechtsanwalt Egon Müller als Bindeglied zu den Entführern eingesetzt; dem Anwalt seinerseits hatte die Justiz nach den fehlgeschlagenen Geldübergaben freie Hand im Umgang mit den Tätern gelassen. Gerade solches Wechselspiel kann aber Täter verwirren, um so mehr, wenn sie im kriminellen Geschäft noch unerfahren sind. »Ein Profi weiß sein Risiko einzuordnen«, erläutert Kassels Kriminaloberrat Enders, »ein Nichtprofi neigt zu Kurzschlußhandlungen«.

Und ob es überhaupt richtig war, die Egolf-Entführung so lange, bis in die sechste Woche, geheimzuhalten -- jeder Kidnapping-Fall« und mutet er noch so kalkulierbar an, »liegt anders«, wie Kriminalist Enders weiß.

Bei der Entführung des Springreiters Hendrik Snoek. dem dritten Kidnapping in Folge, einigten sich Fahnder und Familie auf die Formel, die für die Rettung des Opfers gewöhnlich die beste Aussicht bietet -- den Tätern, was ihre Forderungen angeht, so weit als möglich entgegenzukommen, bei der Beschattung aber ja nicht zu nahe zu treten.

Gleichwohl wäre der Olympia-Reiter und Juniorchef der Verbraucherkette »Ratio« in seinem Zwangsversteck, einer Sprengkammer der Autobahnbrücke über dem Ambachtal, womöglich umgekommen, wenn nicht unten im Tal ein Steinbrucharbeiter ein von Snoek als Signal abgeworfenes Textilbündel entdeckt hätte.

Die Polizei hätte, wenn Snoek sich nicht selber hätte bemerkbar machen können, keine Spuren gehabt -- weder vom Entführten noch von den Entführern. Schwierig war offenbar, wie in vielen Fällen, schon die Zusammenarbeit mit den verschreckten Angehörigen. Vater Snoek hielt die Beamten recht kurz. Jedenfalls gab es keine Fangschaltungen, die Anrufe der Entführer nahm Mutter Snoek auf Band -- technisch mangelhaft. Die Kripo steht, wie der Kölner Kriminologe Günter Kohlmann erläutert, »unter dem emotionalen Druck der Familie«.

So scheiterte auch der Einbau eines Peilgerätes in den Wagen, mit dem der Lösegeld-Überbringer -- Snoek-Freund Graf Rantzau -- hätte geortet werden können, am Einspruch von Angehörigen. Und selbst die einzigen konkreten Hinweise auf die Täter, die später der befreite Snoek gab, führten im nachhinein nicht weiter: Der eine Täter habe rheinischen Dialekt gesprochen, der andere sei stumm gewesen oder habe einen Sprachfehler gehabt -- beides, so dämmerte es letzte Woche einigen Ermittlern, womöglich gar keine Spur, sondern Tarnung.

Ob sich Polizeibeamte übervorsichtig aus der Geldübergabe völlig heraushalten, wie im Fall Snoek, und dadurch auf wertvolle Hinweise verzichten, oder ob sie sich beim Observieren der für die Geldübergabe ausgemachten Treffpunkte zu weit vorwagen, wie beim Kidnapping im Saarland, und dadurch den Geldempfänger verschrecken -- bei keiner anderen Verbrechensbekämpfung ist die Wahrscheinlichkeit. Fehler zu machen, so groß wie beim Kidnapping. Bei offener Geiselnahme zum Beispiel kann die Polizei unmittelbar auf die Täter einwirken, durch Psychologen etwa, die auf die Geiselnehmer einreden, oder durch Scharfschützen, die den Täter ins Visier nehmen.

Taktik der Täter diktiert das Geschehen.

Beim Kidnapping aber hat sie es mit lauter Unbekannten zu tun -- Aufenthalt und Zustand des Opfers unbekannt, Zeitplan, Zahl und Taktik der Täter unbekannt. Die Entführer, in aller Regel anonym, diktieren grundsätzlich das Geschehen.

Diese Chancen-Ungleichheit heim Kidnapping machten die Oetker-Gangster im Schlußakt der Entführung exemplarisch deutlich. Die Fahndung, auf hohen Touren, lief nicht schnell genug, konnte es nicht -- fast zwangsläufig, wie die Polizei im bautechnischen Labyrinth Stachus trotz Überzahl gegenüber den detailliert vorbereiteten Tätern ins Leere lief. Kriminaldirektor Georg Schmidt findet die Tatversion von der unversehens zuschnappenden Metalltür »natürlich peinlich für uns« und räumt ein: »Die Entführer haben uns überlistet.«

Vermutlich auch aus diesem Grunde hat die Polizei im Fall Oetker die Nachrichtengebung nahezu eingefroren

ein probates Mittel, etwaige Blamagen der Fahnder zu verhüllen. Besonders verschämt reagierten Polizeisprecher auf alle Fragen nach den näheren Umständen der Geldübergabe unterm Stachus. Denn dort wurden die Fahnder, deren Eifer in Entführungsfällen ohnehin notgedrungen zurückgestaut ist, offenbar schwer düpiert. Für die zuschnappende Eisentür, die nur von der Seite des Räubers her zu öffnen war, hatte die Polizei zwar einen Schlüssel; aber der hing im Polizeirevier 23 am Oberanger, etwa einen Kilometer vom Tatort entfernt.

Nun sollten die fünf Dutzend hochgeheim im Stachus-Bau lauernden Polizisten auch gar nicht hinter dem Räuber herrennen. Denn der und seine Komplizen hatten ja nach wie vor die Geisel in der Kiste. Die Observatoren der 90köpfigen Oetker-Sonderkomission sollten allenfalls diskret ein paar später verwertbare Erkenntnisse erhaschen: Gestalten und Gesichter von Tatbeteiligten, Modell und Nummer etwaiger Tatfahrzeuge und ähnliches.

Wohl ist das 200-Millionen-Bauwerk mit seinen vier Geschossen, seinen Aufzügen, Rolltreppen, S-Bahn-Tunnels, Versorgungsschächten, Fluchtgängen und den einseitig schließenden Eisentüren ein vertracktes Gelände für polizeiliche Fahndungsarbeit. Doch das unterirdische Labyrinth mit all seinen Hintertreppen, Laderampen, Autoausfahrten und Notausstiegen bietet für Verfolger im Prinzip auch riesige Vorteile, denn die Erbauer des unterirdischen Park-, S-Bahn- und Ladenzentrums hatten durchaus daran gedacht, daß die 127 Türen zu den insgesamt drei Kilometer langen, jedes Geschoß umlaufenden Fluchtgängen auch zu Diebstählen und Räubereien mißbraucht werden könnten.

Jede dieser Türen, die laut rotumrandetem Hinweis nur im Notfall benützt werden dürfen, wird deshalb elektrisch überwacht. Nachts zwischen 20 Uhr und 6 Uhr ertönt beim »Zivilen Sicherheitsdienst« eine Hupe, wenn eine Tür aufgeht -- die sogenannten schwarzen Sheriffs müssen dann laut Vertrag binnen drei bis fünf Minuten da sein. Tagsüber begnügt sich die Stachus-Verwaltung beim Öffnen einer Tür mit dem Aufleuchten eines roten Lämpchens in der Zentralwarte im zweiten Untergeschoß, direkt gegenüber dem Männerpissoir.

Das Lichtspiel auf der Schalttafel, auf der auch defekte Rolltreppen und Sprinkleranlagen, erloschene Beleuchtungskörper und mißbrauchte Feuermelder angezeigt werden, irritiert die Stachus-Wächter freilich längst nicht mehr. Offenstehende Türen ordnen die Routiniers längst »neugierigen Leuten aus der Parkgarage« zu. Trotz entgegenstehender Vorschriften werden offene Nottüren kaum noch kontrolliert: »Bis da unsere Leute hinkommen, ist doch längst wieder zu.«

So ist es natürlich nichts mehr mit der Schleusenfunktion der nur in einer Richtung zu öffnenden Türen, die etwaiges Gesindel abfangen soll. Immerhin: Die ausgeklügelte Siemens-Anlage in der Zentralwarte hält nach wie vor die vielen Türbewegungen mittels Protokolldrucker in einer Buchstaben-Zahlen-Kombination zwecks jahrelanger Archivierung fest mit Datum und Uhrzeitangabe.

Für den Tag der Übergabe der Oetker-Millionen weist der Protokollstreifen zwischen 13.07 Uhr und 14.24 Uhr (die Übergabe war kurz nach 14 Uhr) eine Reihe von Eintragungen aus -- eine gespenstische Choreographie un-

* Wahrscheinlicher Übergabeort der 21 Millionen Mark Lösegeld.

terirdisch bewegter Türen, auf die sich auch Experten in der Zentralwarte keinen Reim machen können«. Am Beginn des Streifens (13.07 Uhr) öffnen sich gleichzeitig die Tür 97 und die Tür 107 bei der Klimastation Nord. Die erste steht am Ende des Streifens (14.24 Uhr) immer noch offen, die zweite fällt um 14.10 Uhr ins Schloß -- und mit ihr auf die Sekunde genau auch die Tür 32 (geöffnet: 13.51 Uhr) und die Tür 33 (geöffnet: 13.55 Uhr), die beide vom Versorgungsgeschoß zum Fluchtgang führen.

Außer vier Türen von den Parkgaragen, die teils nur kurz auf- und zugemacht werden (so die Nummern 69 und 92) oder 13 Minuten offenstehen (so 61) oder offenbleiben (wie Nr. 37), wird laut Protokollstreifen tatsächlich auch im Ladengeschoß, wo die Geldübergabe angeblich stattfand, die Tür Nr. 6 exakt um 14.10 Uhr kurz auf- und zugemacht.

Wäre jemand durch diese Tür gegangen, dann hätte er nur durch den Notausstieg Nr. 4 über eine Spindeltreppe auf den Bürgersteig gelangen können -- wie einst Harry Lime im Orson-Welles-Film »Der Dritte Mann« aus der Wiener Kanalisation. Doch Notausstieg Nr. 4 wurde laut elektronischem Protokoll gar nicht benutzt.

Im übrigen eignet sich Tür Nr. 6 auch gar nicht zur Demonstration des Falles Oetker, wie er von der Polizei dargestellt wird. Denn sie läßt sich vom Ladengeschoß aus, von der Passantenseite also, in Richtung Fluchtgang öffnen und nicht umgekehrt. Und außerdem: Nr. 6 liegt gar nicht neben der Apotheke.

Dort vielmehr, am Ort der Übergabe, so hatten die Täter ausbaldowert, mündet eine andere Art von Türen, die für den Fall wie maßgefertigt anmuten. Die Stadt München hatte nämlich an der Rückseite der größeren Läden einen eigenen Fluchtgang angebaut mit zwei entgegengesetzt schließenden Türen -- »um im Brandfall eine Flucht in zwei Richtungen, zur Passage und zum (allgemeinen) Fluchtgang zu ermöglichen« (Festschrift).

Diese Zusatztüren, die laut Festschrift »auch für andere Zwecke nützlich« sind (etwa als Verbindung zwischen Läden und darunterliegenden Lagerräumen), nützten nun auch die Oetker-Entführer. Zusätzliches Plus: Die für Kriminaltäter so überaus praktischen Eingänge sind nicht an die hochtechnisierte Signalanlage der Zentralwarte angeschlossen. Unkontrolliert konnte der wartende Mann vom Entführer-Team seine Tür immer mal wieder einen Spalt öffnen, um Ausschau nach August mit dem Alu-Koffer zu halten -- da hätten nur versierte Ortskenner der Polizei helfen können.

Allerdings: Der Stachus stand womöglich schon auf der Checkliste aus dem »Bayerischen Hof«, spätestens aber auf der aus dem Schließfach. So waren die Sub-Etagen mindestens seit 13.30 Uhr als möglicher Tatort bekannt, und doch wachte eine Stunde später kein einziger der fast 5000 Münchner Polizisten an der Ausfahrtrampe, um sich wenigstens Nummern und Wagentypen zu notieren.

Dabei wäre es noch nicht einmal nötig gewesen, in der Kälte Posten zu stehen -- denn »zur Überwachung von kritischen Stellen« (Festschrift) sind auf den unterirdischen Autowegen überall Fernsehkameras installiert mit Monitoren in der gutgeheizten Hauptkasse. Mit dem teuren elektronischen Instrument aber werden, so scheint es, allenfalls Parksündern unbezahlte Zehnerl abgejagt -- und zur fraglichen Stunde nicht einmal das.

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