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Martin Morlock DIE ENTSPANNTE HANSA

aus DER SPIEGEL 37/1966

Daß der deutsche VW-Käfer, unge-Dachtet seiner geringen Eignung als Augenweide, läuft und läuft und läuft ...«, wäre der zivilisierten Welt verborgen geblieben, gäbe es nicht In New York und Düsseldorf die Werbe -Agentur Doyle Dane Bernbach.

Wie nahe hätte es diesem Unternehmen liegen können, auch eine andere Kundschaft, die Deutsche Lufthansa, fliegen, fliegen, fliegen und abermals fliegen zu lassen! Aber nein, die Werber dachten sich diesmal etwas anderes aus; freilich nicht ohne an ihrer speziellen Gepflogenheit festzuhalten, die Lichtseite eines anzupreisenden Verkaufsgutes vor ein Dunkel zu stellen; Mängel und Vorzüge zu absatzfördernder Harmonie zu verquicken.

Was, überlegten sich Doyle, 63, Dane, 60, und Bernbach, 55, könnte ausländischen Flugwilligen an der Deutschen Lufthansa eventuell mißfallen? Daß sie die deutsche Lufthansa ist. Und flugs durchblätterten sie ihr Handbuch der unumstößlichen Vorurteile, fanden das Stichwort »German« und lasen: gründlich, gewissenhaft; den Freuden des Daseins abgekehrt, wenn es gilt, Arbeit zu verrichten.

Wäre die britische Bea, die Air France oder die spanische Iberia ihre Auftraggeberin gewesen, hätten sie die Adjektive »perfide«, »liebeserfahren« oder »stolz« zu Werbebotschaften aufpusten müssen. So aber ersannen sie zwecks überseeischer Veröffentlichung Anzeigentexte wie: »Manchmal mögen Sie sich über die fanatische Gründlichkeit der Deutschen ärgern, aber nicht, wenn es heißt: »fasten seat belts - bitte anschnallen!"' - »Deutsche Mechaniker lieben Ihre Schraubenmuttern und Bolzen mehr als ihre Ehefrauen.« Oder: »Lufthansaflug 404 hatte acht Minuten Verspätung, weil die Kaffeemaschine kaputt war ... Mit typisch deutscher Pingeligkeit ("fussiness") weigern wir uns zu starten,

wenn nicht sämtliche (Flugzeug-)Teile perfekt funktionieren.«

Solche »dickköpfige deutsche Art, das Unwichtigste wichtig zu nehmen«, macht noch den »schlechtesten Lufthansa-Mechaniker« zur Koryphäe ("Sie können ihm vertrauen, er ist Deutscher"); solche »Unfähigkeit, sich weder entspannen noch die Dinge leichtnehmen zu können« ("Haben Sie schon mal einen entspannten Deutschen gesehen?") läßt Lufthansa-Kapitäne stur darauf bestehen, daß das Lichtsignal »Nicht rauchen« aufleuchtet oder daß sich die Passagiere an ihre Sitze gürten.

Nur etwas Undeutsches« ließen Doyle Dane und Bernbach augenzwinkernd hingehen: die Lufthansa-Stewardessen. Anders als in den Mechanikern und Piloten, stecke in ihnen allen ein Stück »sorgloses Kind«, dem man es nicht krummnehmen dürfe, wenn es einem »ein Steak auf den Schoß fallen läßt«. Sind halt Mädchen.

Soviel Aufhebens um einen Volkscharakterzug konnte nicht ohne Echo bleiben. »Eichmann!« tönte es vielstimmig aus dem Walde, in den man »fanatische Gründlichkeit« hineingerufen hatte. »Niemals in der Geschichte der Public Relations gab es eine (Werbe-) Kampagne von so unglaublich schlechtem Geschmack«, schalt der Herausgeber des Londoner »Encounter«, Melvin J. Lasky. Sogar das offizielle Bonn konnte, laut »Time« nicht »darüber glücklich sein«, daß der deutsche Homo faber reklamehalber zum »Roboter« und »seelenlosen Geschöpf« denaturiert wurde.

Was tun? Image bleibt Image; es sei denn, die Lufthansa entschlösse sich zu Maßnahmen, die außerhalb dessen lägen, was man selbst bei großherziger Definition Public Relations nennen könnte. In diesem, meines Dafürhaltens unausweichlichen Falle müßte einem ausländischen Passagier all das Nachfolgende begegnen:

Am Lufthansa-Schalter des Flughafens bekommt er den ersten Ärger, weil seine Buchung nicht eingetragen wurde, doch ein paar Ermunterungs-Dollars werden dieses kleine Mißgeschick beheben.

Am Flugsteig wird die Bodenstewardeß ihn, Reisenden der 1. Klasse, als letzten durch die Sperre lassen, so daß er den Bus versäumt und einen längeren Fußmarsch unternehmen muß; vorbei an entspannt hingelagerten Lufthansa-Mechanikern, die, von ihren Frauen träumend, mit übriggebliebenen Schräubchen spielen.

Lange Zeit später werden der Kapitän und sein Kopilot übernächtigt und unrasiert auf die Maschine zutorkeln und lallen: »Alles klar, Jungs?« - Und das Bodenpersonal wird antworten: »Ja, bis auf den Höhenmesser und das zweite Triebwerk, das spuckt so komisch; vielleicht sind noch 'n paar Amseln drin.« Doch der Lufthansa-Pilot wird lallen: »Max nix.«

Kurz vor dem Abheben wird der Captain, auf dem linken Knie eine Blonde, auf dem rechten eine Brünette, laut nach rückwärts rufen: »Festhalten, wer nicht angeschnallt ist! - Hat jemand 'ne Zigarette? Relax!« - Und dann befindet sich der fremde Flugpassagier für ein Weilchen exklusiver als gewöhnlich in Gottes Hand.

Schließlich wird er, weil man vergessen hatte, aufzutanken, in Amsterdam stehen anstatt in London; die Hose voller Bratfett, in der Hand einen Koffer, der ihm nicht gehört, und im Auge den Abglanz eines Gretchenlächelns.

Erst wenn dem Fremdling solches mehrmals widerfahren ist, wird er das Bild von den Deutschen, wie es die Herren Doyle Dane und Bernbach gezeichnet haben: aus seiner Vorstellung löschen können.

Leute, kauft Lufthansa-Aktien!

Martin Morlock
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