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DIE ERBFOLGE IST TABU

aus DER SPIEGEL 8/1968

Der Gedanke, als Axel Springer junior Karriere zu machen, war dem Axel Springer junior nie geheuer. Eines schönen Tages im Sommer 1961, während einer VW-Fahrt von Kampen auf Sylt nach Hamburg, taufte er sich einfach um. Kilometerlang kombinierte er mit seiner Freundin Rosemarie Koschwald klangvolle Namen zum Pseudonym. Kurz vor Hamburg einigten sich die beiden auf Sven Simon. Sven hieß der Sohn eines engen Freundes, für Simon sprachen der Wohllaut und die Alliteration.

So konnte aus dem Sproß des Konzernherrn, den doch bereits das Firmenschild »Axel Springer und Sohn« verbindlich als solchen ausweist, im Bedarfsfall der selbständige Lichtbildner Sven Simon werden. Das jedenfalls war die Absicht.

Denn Axel Cäsar Springers ältester Sohn, 1941 von der zweiten Frau Springer, Katrin, zur Welt gebracht, hatte frühzeitig die Erfahrung gemacht, daß es ihm nicht gegeben war, Sicherheit und Selbstvertrauen aus einem möglichst augenfälligen Anschluß an den Vater und an das Erbe zu gewinnen.

Das lag weniger am Vater, zu dem der ungebärdige Internatszögling Axel junior ein angenehmes Besuchsverhältnis unterhielt und on dem er sich gen darin unterweisen ließ, den Verkehrswert von zehn Deutschen Mark an hundert verkauften Bildzeitungen zu ermessen. Es lag vielmehr daran, daß Axel Springers Sohn, bei dessen Anblick würdige Herren aus wichtigen Stockwerken des Verlagshauses grundlos katzbuckelten, sich den Zeitgenossen offenbar eher als Beruf denn als Verwandtschaftsgrad darstellte -- als ein Beruf obendrein, den Axel Springer junior nicht ergreifen wollte.

Der jüngere Axel war überhaupt nicht sonderlich auf Karriere eingestellt. Seine Erziehung ist eher weitläufig als intensiv: er lernte mal in er Schweiz, mal in England, mal bei einem Privatlehrer, mit »dem er ein lustiges Leben hatte; sein Schulabschluß ist das englische General Certificate of Education, eine Art Einjähriges. Und seine entscheidende Begabung ist eine krampfiösende Kontaktfähigkeit, die selten versagt. Er kann mit allen.

Sein Charme hat noch ein bißchen Babyspeck, sek pausenarmes Parlando ist getränkt mit dem Jargon seiner Generation, auch mit einem äußerst reaktionsschnellen, manchmal ein bißchen albernen Humor. Er hat einen spielerischen Spaß am schmucken Schnack und natürlich an der Parodie. Es kam auch vorkommen, daß er mit seinem renngrünen Peugeot-404-Einspritzer-Coupö auf einer überfüllten Kreuzurg an einen besonders ausdrucksvoll den Verkehr dirigierenden Schupo heranfährt und hinausruft: »Karajan, wa?«

Aber dieser Humor ist eben kein Ausdruck überschäumender Lebensfreude, sondern eher eine Haltung -- eine Verhaltensweise gegenüber durchaus unbewältigten Lebensfragen, eine Möglichkeit, Position zu beziehen visà-vis einer vorerst noch ungereimten Existenz. Axel junior ist nach eigenem Bekenntnis eigentlich ein Melancholiker -- nicht zuletzt deshalb, weil er seine eigene Verletzlichkeit erkannt hat.

Es kam frühzeitig zum Bruch mit dem Vater -- keineswegs über die Firma, sondern über Rosemarie. Der neunzehnjährige Axel hatte die sechzehnjährige Botticelli-Blondine Kie in der Kneipe kennengelernt. Von Stund an hatte er ernste Absichten, zu ernste fast für Teenager-Verhältnisse. Und Anfang 1962 eröffnete er -- inzwischen volljährig und Wehrdienst leistend -- dem Vater, daß er Rosemarie nun also heiraten werde.

Der Vater riet dringend ab, denn er hatte selber mit 21 Jahren zum erstenmal geheiratet und war gescheitert dabei. Der Sohn aber ließ sich nicht abraten, zeigte sich vielmehr fest entschlossen, den angepeilten Stützpunkt seiner Verselbständigung, die Frühehe, keinesfalls aufzugeben. Es gab allerhand Gezerre und schließlich einen Eklat. Der Junior flog zu Hause »raus.

Das ist längst vergeben und vergessen. Schon zum Hochzeitsempfang bei Axels Mutter Katrin im Mai 1962 ist der Vater (obwohl inzwischen von ihr geschieden> wieder erschienen. Heute ist er Großvater (Enkel: Ariane Melanie, 5, und Axel Sven, 2). Und auf schicken Festen kann man Axel senior und Rosemarie junior sehr dekorativ miteinander tanzen sehen.

Damals aber, als der Gefreite Springer sich plötzlich im Freien fand, stellte Vaters Zorn den Sohn und Erben vor das Problem, unverzüglich und ohne, ja sogar gegen den Springer-Konzern als gewerbsmäßiger Pressephotograph seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Bislang hatte Axel junior als Photograph bloß dilettiert. Auf der Olympiade in Rom 1960, wo Rosemarie Springer senior, Vaters dritte Frau, für Deutschland ritt, hatte der mitgereiste Filius dem »Abendblatt«-Photographen Günther Krüger gelegentlich Kameras und Objektive schleppen geholfen und dabei spaßeshalber ein paar Photos gemacht, von denen einige dann gedruckt wurden. Das waren die Anfänge. Später kiebitzte er ein bißchen bei der »Bild-Zeitung« und durfte dort, wenn alle anderen Photographen weg waren, auch mal knipsen.

Nun aber, nach dem Hinauswurf, druckte keine Springer-Zeitung mehr ein Springer-Photo. Es gab Springer-Leute, die auf der Straße vorsichtshalber das Trottoir wechselten, wenn sie den Junior kommen sahen. Zwei Springer-Photographen allerdings, Kurt Kühne und Jochen Blume, brachten ihn zu dpa-Bildchef Gerd Herold; der engagierte ihn. Eines der ersten, unter der Chiffre DB 1517 verbreiteten Springer-Photos für dpa -- vergammelnde Äpfel während der Hamburger Flutkatastrophe von 1962 -- erschien vierspaltig auf Seite drei der Hamburger Ausgabe der »Bild-Zeitung«.

Als Springer senior sich dann mit Springer Junior wieder arrangierte, hatte dieser gerade Gefallen daran gefunden, als Sven Simon anderswo Photographen-Karriere zu machen,

Dabei blieb es auch. Zwar druckten nun Springer-Blätter fleißig Sven-Simon-Photos; aber den Ruf, ein

besonders bildkräftiger Photo-Reporter und obendrein ein begabter Porträt-Photograph zu sein, verdankt Sven Simon eher seinen Bildern in der »Zeit«, in »Christ und Welt«, im »Rheinischen Merkur« und im SPIEGEL. Zwar volontierte er nun bei Vaters »Hamburger Abendblatt«; aber wirklich gelernt hat er das Handwerk später bei der »Quick«, als Karl Heinz Hagen dort Chef war, und dann vor allem bei der alten »Revue«, wo er seine »bisher schönste Zeit als Journalist« zugebracht hat -- als Produktionschef, 23 Jahre alt.

Heute ist Sven Simon ein Geschäft im doppelten Sinne des Wortes. Kaum eine Gazette im deutschen Westen, die nicht seine Bilder druckte. Er betreibt mit Kurt Kühne zusammen eine Art Sport-Bildagentur; er photographiert ferne Länder für Heinrich Bauers »Neue Revue« (und dringt fast mühelos zum jeweiligen Staatschef vor, auch zu Lyndon B. Johnson); er gibt ein Photobuch heraus ("Das Tor des Jahrhunderts«, für Kindler & Schiermeyer) oder macht selber eines ("Adenauer und Kokoschka"' für Econ). Und der Repräsentationsband »Das Deutsche Lichtbild« stellt ihn 1968 in einem eigenen Kapitel als einen wichtigen jungen Photographen vor.

Als der Chef des Hauses Springer seinen Erben bei einem Freundschaftsbesuch in dessen Münchner Wohnung einmal väterlich fragte, ob er mit ein bißchen Geld für den Haushalt dienlich sein könne, revanchierte sich der Junior mit dem Gegenvorschlag, der geplagte Senior möge doch sein Partner in einer neuen Firma werden: »Sven Simon und Vater«.

Der Witz muß ersetzen, was im Dialog der beiden sonst ungesagt bleibt: daß der Vater richtig stolz ist auf den Erfolg, den der Sohn außerhalb des Konzerns gehabt hat; daß der Sohn sich auch außerhalb des Konzerns zumindest durch Familienbande mit dem Vater verbunden fühlt; und daß sie beide gleichwohl noch nicht wissen, ob und wie und wann sie innerhalb des Konzerns einmal zusammenkommen werden.

Die Erbfolge jedenfalls ist vorerst tabu -- im Konzern wie in der Familie. Aber seit Freitag, dem 13. Oktober 1967, arbeitet Axel Springer junior als Produktionschef der im Springereigenen Kindler & Schiermeyer Verlag erscheinenden Hochglanzpostille für Dreivierteiwüchsige, »Twen« geheißen.

Die Idee, ihn dahin zu holen, hatte »Bild«-Boß (und neuerdings »Twen«-Herausgeber) Peter Boenisch. Er stieß damit beim Vater auf wohldosierten Beifall und beim Sohn auf journalistischen Ehrgeiz, überlagert von trotziger Solidarität mit dem verhöhnten Blutsverwandten an der Konzernspitze. »Twen« wiederum (Druckauflage 221 045) soll so vom Aussterbe-Etat auf die journalistische Visitenkarte des Hauses Springer kommen.

Jedenfalls will der Twen Springer nun demonstrieren, was der väterliche Konzern seiner Meinung nach derzeit am dringendsten braucht: handwerklich einwandfreien Journalismus. Der Konzern interessiert ihn überhaupt vor allem handwerklich, kaum politisch. Die Definitionen, die er für den politischen Standort der Springer-Zeitungen anzubieten hat -- »rechtsliberal, regierungstreu, auf die Wiedervereinigung bedacht« -, verraten eine Distanz, die bis zum Desinteresse geht.

Das sind nicht Axel juniors Probleme, noch nicht. Er will Journalist sein, würde es ganz gewiß auch bleiben wollen an der Spitze eines Konzerns. Aber so weit mag er noch nicht denken.

»Alles ging blitzartig«, schreibt der Journalist Axel Springer junior in einer Geschichte über den Fußballer Franz Beckenbauer, die er in der ersten Person abgefaßt hat: »Die Stufen des Erfolges nahm ich im Laufschritt. Nun bin ich oben, aber immer noch ganz atemlos. Nicht eigentlich unglücklich, nur etwas verwirrt. Wie kann so etwas so schnell gehen? Wie kann aus einem Kindertraum so plötzlich Wirklichkeit werden? Schnell habe ich gelernt daß es gar nicht so einfach ist, mit diesem Erfolg zu leben.«

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