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»Die Erde wird ein öder Stern«

SPIEGEL-Redakteur Jochen Bölsche über das Elend des Naturschutzes (IV): Von »Global 2000« zu »Lokal 2000« Sie blockieren Chemiemüll-Schiffe, schicken Päckchen mit vergifteter Erde nach Bonn und kippen zentnerweise verseuchten Fisch vor Konzernzentralen: Mit spektakulären Aktionen machen immer häufiger Anhänger eines Neuen Naturschutzes von sich reden, die - anders als die regierungsfrommen Funktionäre vieler Traditionsverbände - »nicht nur reagieren, sondern kämpferisch agieren«. Im Untergrund basteln derweil Öko-Kommandos Bomben, formiert sich eine Art »Grüne Armee Fraktion«. Droht nun ein »ökologischer Bürgerkrieg«?
aus DER SPIEGEL 16/1982

Die Prophezeiung ist jahrhundertealt: Eines Tages, so weissagten die Medizinmänner der Cree-Indianer im Norden Amerikas, würden die Flüsse voller Gift sein und die Vögel vom Himmel fallen.

Dann jedoch, wenn die Gier des weißen Mannes die Welt schon an den Rand des Untergangs getrieben habe, würden »Regenbogen-Krieger« erscheinen, um für eine Zukunft der Erde zu kämpfen.

Vor gut fünf Jahren, im Sommer 1976, waren die Crees sicher, daß die Verheißung sich erfüllt habe. Ein Medizinmann namens Fred Mosquito überreichte den Totemring des Stammes einigen Männern, in denen er die Regenbogen-Streiter erkannt zu haben glaubte: Vertretern der Umweltschutz-Stiftung »Greenpeace«.

Seither schmückt das indianische Totem die Flugblätter und Aufkleber des Verbandes. Und »Rainbow Warrior«, Regenbogen-Krieger, heißt eines jener Schiffe, mit denen die friedfertigen Grünen seit 1970 zu weltweit beachteten, gewaltfreien Aktionen ausrücken.

Greenpeace-Mitglieder protestierten per Segeltörn gegen französische Atombombenversuche, verzögerten durch riskante Schlauchboot-Manöver die Versenkung von britischem Atommüll im Nordatlantik und versuchten, häufig unter Lebensgefahr, Walfänger und Robbenjäger am Auslaufen zu hindern.

Seit 1980 operiert Greenpeace auch in Westdeutschland. Im Dachgeschoß des »Hauses der Seefahrt« an der Hamburger Deichstraße planen die Naturschützer, nach US-Vorbild unter strengster Geheimhaltung, ihre Aktionen, die stets spektakulär angelegt und von wissenschaftlich präzisen Presse-Verlautbarungen begleitet sind.

Im letzten Sommer verschafften sich Mitglieder von Greenpeace (wörtlich: Grüner Frieden), getarnt als Lieferanten einer fiktiven Firma »Friedemann Grün«, Zugang zum Gelände des Hamburger Chemiewerks Boehringer.

Sie besetzten einen 30 Meter hohen Fabrikschornstein, entnahmen hoch droben Abgasproben und schafften auf diese Weise prompt, was örtlichen Bürgerinitiativen mit Flugblättern und Broschüren ("Chemie-Skandal Boehringer") jahrelang nicht gelungen war: das Augenmerk der Öffentlichkeit auf die Gift-Emissionen des Unternehmens zu lenken, gegen dessen Pestizid »2, 4, 5-T« das Umweltbundesamt nach Protesten von Umweltschützern im letzten S.65 Herbst ein Verbotsverfahren eingeleitet hat.

Ende Oktober wurde Greenpeace Deutschland in der Nordsee vor Helgoland aktiv. Bei Windstärke sechs legten sich vier Mitglieder in Taucheranzügen als »lebende Kette« vor das Nordenhamer Chemiemüll-Schiff »Kronos«.

Mit dieser Aktion erreichten sie abermals, vor surrenden Fernsehkameras, worum andere Naturschützer sich zuvor vergebens bemüht hatten: bundesweite Aufmerksamkeit für die Ursachen der Nordsee-Verseuchung durch jährlich 50 Millionen Tonnen Chemiegifte und Schlämme.

Die Greenpeace-Mixtur aus strikt gewaltfreier, bisweilen selbstmörderisch anmutender Aktion und beharrlicher Argumentation verfehlt auch in anderen Fällen ihre Wirkung nicht.

Teilerfolge im Streit um Fangverbote für Wale und Robben, Bundestagsdebatten über Chemiegifte, ein im letzten Monat von Bayer-Leverkusen angekündigter Verzicht auf Dünnsäure-Einleitung in die Nordsee - das alles macht den S.66 Regenbogen-Kriegern Mut, weiterhin mit Demonstrationen, aber auch mit Dia-Vorträgen »kontinuierlich an den Schwerpunkten zu arbeiten, die einmal begonnen worden sind, bis wirklich eine Verbesserung eintritt« (Sprecher Gerd Renker).

Greenpeace, nach dem Urteil der Hamburger »Zeit« »kein Platz für Naturmystiker, Träumer und Spontis«, repräsentiert eine neue Spielart des Naturschutzes: Die internationale Organisation, die sich auf 35 000 Förderer stützt, wendet sich - anders als die meisten traditionellen Verbände, von den Orchideenliebhabern bis zu den Imkern - geschickt an die Öffentlichkeit, attackiert auch mal hart die Regierenden und werkelt nicht an Symptomen, sondern geht die Ursachen der Umweltzerstörung an.

»Unser Hauptziel«, sagt die Greenpeace-Streiterin und Soziologiestudentin Monika Griefahn, 27, »ist, nicht nur einige gefährdete Tierarten zu erhalten, sondern auch der Menschheit den Grundgedanken einer neuen, umweltbewußten Denkweise zu vermitteln.«

Dem Neuen Naturschutz, wie Greenpeace ihn betreibt, läßt sich eine wachsende Zahl westdeutscher Verbände zurechnen - allen voran der »Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland« (BUND), dem mehr als 60 000 Mitglieder angehören.

BUND-Aktivisten wie der württembergische Vorsitzende German Krieglsteiner fordern eine Abkehr vom »konservativen Naturschutz«, der sich auf die »reine Erhaltung von bestimmten Arten und Reservaten« beschränkt, und verstärkte Arbeit auf den Feldern »des ''technischen'' und ''politischen'' Umweltschutzes«.

Soll heißen: Wer wirksam Tiere und Pflanzen schützen will, darf sich nicht nur um hungernde Meisen kümmern, Schwäne füttern oder Lichtbildervorträge über Wildblumen halten, sondern muß sich, so Krieglsteiner, auch mit »der sogenannten Flurbereinigung« befassen oder mit Fragen »des Wasser-, Luft- und Landschaftsverbrauches, der Immissionsbelastung von Luft und Boden, alternativen Energien und biologisch-organischer Landwirtschaft«.

Für den BUND sind Umweltschutz und Naturschutz mithin »allenfalls formal zu trennen«. Krieglsteiner: »Sie verhalten sich wie die beiden Brennpunkte ein und derselben Ellipse.«

Der bisweilen menschenfeindlichen Naturschwärmerei der konservativen Organisationen setzt der Neue Naturschutz die nüchterne These entgegen, »daß Pflanzen- und Tierwelt zu den Lebensgrundlagen des Menschen gehören« (BUND-Vorsitzender Gerhard Thielcke).

Naturschutz müsse daher, wie im März 1980 eine Reihe internationaler Umwelt-Dachverbände definierten, weltweit aufzeigen, wie die Ökosysteme, die lebenden S.67 Hilfsquellen der Menschheit, »rückhaltig« statt rückhaltlos genutzt werden können - auf daß sie nicht unwiederbringlich zerstört werden.

Enge Zusammenarbeit verbindet die Neo-Naturschützer mit Organisationen wie dem Freiburger »Öko-Institut«, das mit Spendengeldern regierungsunabhängige Umweltforschung betreibt, oder mit dem »Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz« (BBU), der beispielsweise im Februar 1981 zum Anti-Atom-Marsch nach Brokdorf und im November zu gewaltfreiem Protest gegen den Startbahn-Bau bei Frankfurt aufrief.

Je enger indes die Naturschützer neuer Prägung an Umweltschutz-Initiativen und Atomgegner heranrücken, desto größer wird der Abstand zu den Traditionsverbänden, etwa zu einem Teil jener 94 Vereinigungen, die im Deutschen Naturschutz-Ring (DNR) zusammengeschlossen sind.

Der DNR, der Organisationen mit über drei Millionen Einzelmitgliedern vertritt, umfaßt Vereine, die zum Teil widerstreitende Interessen vertreten und von denen viele die Natur eher nutzen als ihr nützen.

Unter dem DNR-Dach vereint sind die »Deutschen Tierfreunde e. V.«, die gegen die »Überforderung der Pferde« streiten, aber auch die 330 000 Mitglieder der »Deutschen Reiterlichen Vereinigung«, die den »nationalen und internationalen Turniersport« fördert.

Angeschlossen sind dem DNR der »Deutsche Jagdschutz-Verband«, der sein »Wild im Bestand bewahren«, aber Habicht und Mäusebussard dezimieren will, ebenso wie die »Schutzgemeinschaft Deutscher Wald«, die den Wald auch vor Wildschaden schützen möchte, oder der »Dachverband Deutscher Avifaunisten«, der, natürlich, die Greifvögel vor den Jägern zu retten trachtet.

Und während die Forstfreunde nichts dabei finden, in ihrem Jahrbuch 1981 für Chemiegifte werben zu lassen ("Große Breitenwirkung gegen Gräser, Unkräuter, Sträucher und Farn"), sind die Biozide Problem Nummer eins für den »Deutschen Imkerbund e. V.« wie auch für den »Deutschen Bund für Vogelschutz«.

Die Vogelschützer, kein Wunder, wettern wider die Mitglieder des »Verbandes Deutscher Sportfischer«, die gefährdete Wasservögel von ihren Gelegen aufschrecken, und gegen die Störenfriede vom »Deutschen Kanu Verband«. Kanuten wiederum sind den Anglern böse, weil sie Laichgewässer zeitweise für Bootsfahrer sperren lassen. Und einige von ihnen schimpfen auf die biologischen Vereinigungen, die Fahrverbote durchgesetzt haben, um die aussterbende Flußperlmuschel nicht zuletzt vor Paddlern zu schützen.

Nicht einmal die jeweiligen Spezial-Hobbyisten sind einander immer grün.

Die »Ornithologische Gesellschaft in Bayern e. V.« mußte jahrzehntelang nicht nur gegen die Katzennarren in den Tierschutzvereinen, sondern auch gegen Vogelfreunde in Konkurrenzverbänden kämpfen, die »vorwiegend Meisenzucht« betrieben und daher »Prämien für den Abschuß von Sperbern« zahlten.

Mißtrauisch beäugen konsequente Vogelschützer auch die Mitglieder der (ebenfalls dem DNR angeschlossenen) »Arbeitsgemeinschaft für Vogelschutzwarten«. Die nämlich schützt nicht etwa nur Vögel, sondern vor allem Flughäfen und Obstbauern vor verkehrsgefährdenden Krähen und knospenknabbernden Gimpeln.

Finanziert wird der »Sammeltopf aller möglichen Interessen« (BUND-Krieglsteiner über den DNR) weitgehend von der Bundesregierung.

Ins Impressum der lehrreichen, aber politisch handzahmen Faltblätter und Broschüren zu Themen wie »Hände weg vom Jungwild« läßt DNR-Präsident Wolfgang Engelhardt, Generaldirektor der Naturkundesammlungen des Freistaates Bayern, regelmäßig einen Hinweis auf seinen Förderer und Landsmann Josef Ertl einrücken: »Herausgegeben mit finanzieller Unterstützung des Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.«

Die neuen Naturschützer sehen in der »allgemeinen Verbrüderung« des DNR mit den Verantwortlichen für einen Teil S.70 der Naturzerstörung »eher einen Klotz am Bein als eine Hilfe« (Krieglsteiner).

Da mag Josef Ertl Schirmherr noch so vieler DNR-Mitgliedsverbände sein, der Aktion Saubere Landschaft wie auch der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald; da mag Kanzlergattin Loki Schmidt noch so nette Geleitworte für Benefiz-Schallplatten zugunsten des Wildblumenschutzes verfassen ("Die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück") - von dieser Regierung wollen die neuen Naturschützer finanziell nicht abhängig sein. Denn dem Agrarminister mögen sie den Spott über Giftgegner ("Religiöser Wahn") und die Mitwirkung an der Verwässerung des Natur- und Artenschutzrechts zugunsten von Landwirtschaft und Lederindustrie nicht nachsehen.

Und dem Kabinett Schmidt insgesamt werfen die neuen Naturschützer vor, daß es den Ausbau der Atomenergie vorantreibt und selbst von einem ökonomisch wie ökologisch gleichermaßen sinnlosen Projekt wie dem Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals allenfalls zögernd Abschied zu nehmen bereit ist.

Obwohl sogar der Bayerische Oberste Rechnungshof feststellte, daß »ein wirtschaftliches Bedürfnis für den Weiterbau« des Kanals »nicht feststellbar ist«, obwohl auch Bonns Verkehrsminister Volker Hauff die Einstellung dieses »nach dem Turmbau von Babel dümmsten Projektes« forderte, mochte sich Kanzler Schmidt zu einer klaren Absage bislang nicht durchringen; er will offenbar die Zerstörung der letzten intakten Lebensräume für Dutzende gefährdeter Tier- und Pflanzenarten im bayrischen Altmühltal in Kauf nehmen.

»Begreift er nicht«, entsetzte sich BUND-Streiter Horst Stern über den Kanzler, »daß er seine eigene Frau öffentlichem Lächeln preisgibt, wenn er hektarweise mit staatlichen Millionenmitteln vernichten läßt, was sie mit erbetteltem privatem Geld quadratmeterweise zu schützen versucht?«

Daß sich viele Naturschützer alter Schule, anders als Stern, zu solchen politischen Widersprüchen allenfalls zurückhaltend äußern, hat sie einem großen Teil des kritischen Umweltschutz-Nachwuchses längst entfremdet.

Während 1970 die Funktionäre des DNR das »Europäische Naturschutzjahr« in Festveranstaltungen gemeinsam mit Ministerpräsidenten und Ministern begingen, schlug sich das damals frisch erwachte Umweltbewußtsein der Deutschen anderswo nieder: vor allem in Bürgerinitiativen. »Bezeichnenderweise«, räumt DNR-Präsident Engelhardt ein, wurden die Initiativgruppen »besonders dort gegründet, wo die an sich zuständigen Fachverbände keine oder zu geringe Aktivitäten entwickelt hatten«.

Anfang der siebziger Jahre bemerkte Horst Stern das Aufkommen einer »neuen Rasse von Naturschützern": Statt der »pensionierten Schulmeister, Studienräte und Förster«, weithin als »Strickstrumpfwandervögel« belächelt, geben seither, so Stern, mehr und mehr Umweltschützer den Ton an, »die nichts Schwärmerisches mehr an sich haben«, darunter »erstaunlich viele junge Akademiker, vollgestopft sowohl mit dem ökologischen als auch mit dem politischen Wissen ihrer Zeit«.

Die Jungen verfolgen neue Strategien: »Sie buckeln nicht«, beobachtete Stern, »sie treten.« Auch in den Zielen unterscheiden sich die beiden Naturschutz-Generationen: Während etwa unabhängige Bürgerinitiativen vehement gegen überflüssige Kanalbau- und riskante Kernkraft-Projekte stritten, beschränkten sich die von den Regierungen subventionierten orthodoxen Naturschützer lange Zeit auf die Anregung, solche Bauwerke hübsch grün zu garnieren.

»Es wurden Vorschläge erarbeitet«, heißt es in einem Rechenschaftsbericht des Bundes für Naturschutz und Landschaftspflege (BNL) in Niedersachsen, »beim Bau des Elbeseitenkanals Moorflächen zu erhalten« und »beim Bau des Kernkraftwerks Würgassen an der Weser schonend für die Umgebung vorzugehen«.

Noch immer sehen die Konservativen in den Verbänden ihr Hauptziel darin, den Schwund von Tier- und Pflanzenarten statistisch zu erfassen (Spott von links: »Kartierung des Untergangs") und mit freundlichen Briefen an Politiker Einfluß auf die Verabschiedung von Gesetzen zu nehmen, die dann gleichwohl, so der BNL, oft genug »enttäuschend« ausfallen.

Emsig erarbeiten die Funktionäre Anträge auf Biotop-»Unterschutzstellung«, die sich zu Hunderten unbearbeitet in den unterbesetzten Naturschutzbehörden stapeln. Oder die Verbände machen bei Bauprojekten rege von ihrem gesetzlich garantierten »Anhörungsrecht« Gebrauch, was sie viel Zeit kostet, aber, weil in den meisten Bundesländern kein Klagerecht damit verbunden ist, in der Regel wenig oder nichts bewirkt.

So haben denn die klassischen Naturschutzorganisationen während der letzten Jahrzehnte zwar den mit Festreden bei ihnen gastierenden Politikern als grünes Alibi gedient. Aber das Resultat der Naturschutzpolitik haben sie kaum zu beeinflussen vermocht.

Die erfolgsarmen Naturschützer vom DNR müssen in ihren Verbandsschriften nun der Frage nachgehen, ob sich »Naturschutz ohne Nachwuchs« betreiben läßt. Zehntausende zumeist junger Westdeutscher protestieren derweil, ohne die alten Herren vom Kanuten-, Jäger- und Anglerverband zu fragen, gegen die Vergiftung von Elbfischen durch Industrieabwässer (60 000 Demonstranten), gegen die Zerstörung südhessischer Wälder durch Flughafenbauer (100 000 S.72 Demonstranten) oder gegen Atomanlagen im niedersächsischen Gorleben (130 000 Demonstranten).

Den neuen Naturschützern, ob im BUND, bei Greenpeace oder in Bürgerinitiativen, ist die Information der Öffentlichkeit über Öko-Fragen zumindest ebenso wichtig wie der Dialog mit Politikern. »Nicht nur reagieren«, beschreibt der Hamburger BUND-Landesvorsitzende Wolf Pohl die Strategie, »sondern kämpferisch agieren.«

Daß nur grelle Signale vom Publikum wahrgenommen werden und nur noch schrille Schreie Politikerohren erreichen - diese Erfahrung haben keineswegs nur Hausbesetzer gemacht, deren Taten erst die Wohnungspolitik zum Tagesordnungsthema werden ließen.

Was vielen Alt-Naturschützern degoutant erscheint, findet nun bei den Neuen Verständnis oder Beifall: Da rufen Atomgegner zum Stromzahlungsboykott auf, Elbfischer blockieren mit ihren Kuttern den verseuchten Strom, Waldschützer ketten sich an bedrohte Bäume.

Greenpeace-Freunde hinderten nicht nur, in Nordenham wie in Rotterdam, Giftmüll-Schiffe am Auslaufen, sondern kippten Fisch - alles frisch - in die Pförtnerloge der Bayer-Chemiewerke in Brunsbüttel. In Hamburg, vor dem Deutschen Hydrographischen Institut, das die Nordseeverschmutzung genehmigt hatte, landeten mehrere Zentner Aal mit sogenannten Himbeergeschwüren und von der Blumenkohlkrankheit befallener Butt.

Originelle Methoden nutzt in Bayern die von Bürgerinitiativlern gegründete »Schutzgemeinschaft Alpen«, deren Mitgliedern der traditionsbeladene Deutsche Alpenverein zu träge und zu theorieverhaftet ist.

Der letztes Jahr gegründete Verein will alljährlich einer besonders tourismusbesessenen Fremdenverkehrsgemeinde die »Rostige Blechdose« verleihen und anschließend den angeprangerten Ort mit weiterer »aggressiver Negativwerbung« miesmachen.

Positives Gegenstück: Umweltbewußten Kommunen werden »Goldene Visitenkarten« überreicht. Die erste ging an die Tiroler Gemeinde Vent im Oetztal, die sich einem geplanten Anschluß an ein Sommerskigebiet samt Straßen- und Hotelbau widersetzte. Der belobigte Ort soll ein Jahr lang durch Urlaubsbesuche und Renovierungsaktionen unterstützt werden.

Nach Greenpeace-Muster wollen diese Alpenschützer ihre Aktivitäten auf ausgewählte Objekte konzentrieren. Und sie sind bereit, notfalls nach »Heinzelmännchenart« auch mal Regeln zu verletzen.

Eines der Mitglieder, der Münchner Umwelt-Publizist Klaus Gerosa, würde zum Beispiel riskieren, einen Bagger zuzuschütten, der zum Planieren einer ökologisch schädlichen Skipiste bereitsteht, oder die Gondeln einer neuen Lift-Anlage schwarz anzupinseln. Mit solchen Aktionen stünden die Alpenverteidiger nicht allein da.

Der Bürgerinitiativen-Verband BBU rief 1980 seine Anhänger auf, aus Protest gegen das unzureichende Umweltchemikaliengesetz »Kostproben ''ganz ungefährlicher Stoffe''« nach Bonn zu schicken, »z. B. ein Päckchen mit Wasser aus Eurem Fluß, mit Gift belasteten Boden, verschmutzte Luft«.

Der Phantasie, ermunterten die BBU-Vorständler Monika Zimmermann und Josef M. Leinen auf grauem Umweltpapier die »lieben Freunde«, seien »keine Grenzen gesetzt«. S.73 Eng begrenzt freilich ist der finanzielle Spielraum vieler Umwelt- und Naturschützer.

Um von Regierungszuwendungen unabhängige Arbeit ermöglichen zu können, gründeten BBU- und BUND-Streiter Ende letzten Monats in Mainz eine »Deutsche Umweltstiftung«.

Propagiert wurde das Projekt von 560 Unterzeichnern, darunter Erhard Eppler und Öko-Bauer Baldur Springmann, die Freidemokratin Helga Schuchardt sowie die Schriftsteller Siegfried Lenz und Günter Graß, die mittlerweile ein Stiftungsvermögen von 132 000 Mark zusammengetragen haben.

Die Stiftung soll unter anderem Öffentlichkeitsarbeit und ökologische Forschung von Wissenschaftlern ermöglichen, die, so Initiator Hans Günter Schumacher, »wegen ihres Gewissens aus Wirtschaft, Industrie oder Hochschulen aussteigen, um sich frei von Interessenkonflikten dem Umweltschutz zu verschreiben«.

Um die Unabhängigkeit der Arbeit zu gewährleisten, ist die Stiftung laut Gründungsaufruf »freizuhalten von staatlichen und industriellen Mitteln«. Als Stifter fungieren dürfen nur Einzelpersonen oder aber solche Firmen und Verbände, die »sich nachweislich in den letzten Jahren aktiv im Umweltschutz betätigt haben und bereit sind, nach dem Stiftungsakt keinen Einfluß mehr auszuüben«.

Mit Hilfe der Stiftung wollen die Förderer vor allem dazu beitragen, Natur- und Umweltschutz »mehrheitsfähig« zu machen und »mangelnder Aufklärung« über ökologische Zusammenhänge zu begegnen - wahrhaft eine Sisyphusarbeit.

Denn den neuen Naturschützern ist bewußt, was schon vor Jahren der US-Umweltforscher Barry Commoner beklagt hat: »Die Welt wird nicht durch einen einzigen Fehler, den irgendein cleverer Plan korrigieren kann, an den Rand der ökologischen Katastrophe gedrängt, sondern durch eine Phalanx einflußreicher wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Kräfte, die den Lauf der Geschichte bestimmen.«

Commoner: »Jeder, der sich vornimmt, die Umweltkrise zu beheben, versucht damit, den Lauf der Geschichte zu ändern.«

Für die BBU-Spitzen ist klar, daß die natürlichen Lebensgrundlagen Luft, Wasser, Boden, Flora und Fauna nicht durch »punktuelle Einzelmaßnahmen« erhalten werden können, sondern nur durch »Verwirklichung einer umfassenden ökologischen Politik«.

Um beispielsweise das Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten zu bremsen, genügt es nicht, die vorhandenen Naturschutzgebiete zu pflegen und ein paar neue anzulegen.

»Was nützt es«, argumentiert auch der BUND, »ein Stückchen Auenlandschaft zwischen Stadt, Autobahn und landwirtschaftlicher Monokultur für ein paar seltene Blumen und aussterbende Amphibien zu reservieren, wenn Abgase, Staub, Reifenabrieb, Biozide, Salz und Lärm das ''kleine Paradies'' zur ''Hölle'' machen und wenn die vom und zum Laichplatz ziehenden Elterntiere zu Tausenden überfahren werden?«

Wer - eingedenk des Ökologen-Ratschlages »Global denken, lokal handeln« S.74 - in seiner örtlichen Umgebung allen Ernstes Schlußfolgerungen aus Weltuntergangsstudien wie dem US-Regierungsgutachten »Global 2000« ziehen wollte, müßte schon politisch tätig werden, aber auch Hunderte gewohnter Handlungen korrigieren und zum Teil buchstäblich vor der eigenen Haustür fegen.

Ihm bliebe, wenn er den Empfehlungen der Ökologen folgt, nichts anderes übrig, als

* öfter mal Schnee zu fegen und zu schippen statt Tausalz zu streuen (das Pflanzen und Grundwasser ruiniert);

* im Garten statt exotischer Koniferen einheimische Gehölze anzupflanzen (als Versteck, Nistplatz beziehungsweise Nahrungsquelle für bedrohte Igel, Vögel und Schmetterlinge);

* den Rasen am Haus zur bunten Naturwiese verwildern zu lassen (die, siehe Schaubild Seite 73, dreimal soviel Vögeln Lebensraum bietet wie Einheitsgrün);

* Haushaltschemikalien sparsam zu verwenden und biologisch abbaubare Waschmittel zu bevorzugen (um die Belastung von Fischgewässern mit Detergentien zu verringern);

* in der Toilette durch Manipulation der Spülung Wasser zu sparen (um dazu beizutragen, Trinkwasserförderung und Grundwasserabsenkung in Feuchtgebieten überflüssig zu machen);

* Abfälle zu kompostieren und Laub statt Torf auf die Beete zu streuen (was helfen könnte, die Vernichtung der letzten Moor-Biotope durch Austorfung zu verhindern);

* beim Kauf von Lebensmitteln solche Landwirte zu unterstützen, die giftfrei produzieren (und es unterlassen, durch Biozid-Einsatz Rebhühner und Hasen auszurotten).

Und, und, und. Die von einschlägigen Verbänden verbreiteten Empfehlungslisten, beispielsweise der vom BUND herausgegebene Band »Mehr Natur in Dorf und Stadt«,

( Herwig Klemp: »Mehr Natur in Dorf und ) ( Stadt«. 142 Seiten; 7.90 Mark; BUND. ) ( Postfach 120536, 53 Bonn 1. )

umfassen tausendundeinen Ratschlag zu »naturschutzgerechtem Verhalten« - bis hin zu der Empfehlung, Blattläuse im Garten auf unkonventionelle Weise giftfrei zu bekämpfen: mit Hilfe von Marienkäfern oder von Ohrwürmern, die sich in einem umgestülpten, holzwollegefüllten Blumentopf ansiedeln lassen, der in befallenen Bäumen aufzuhängen sei.

Mit solchen Verhaltensänderungen aber wäre es längst nicht getan. Umweltbewußte Menschen haben sich nach Ansicht der Verbände auch staatsbürgerlich zu betätigen, angefangen in der Dorf- und Stadtpolitik, wo sie helfen müßten, die dort gängigen Fehlentscheidungen zu verhindern: Entgrünung von Ortskernen, Zersiedelung des Umlands, Roden von Feldgehölzen oder auch das regelmäßige Reinigen der Bachläufe von, wie es gewöhnlich heißt, »Gras, Sträuchern und sonstigem Unrat«.

Notwendig sei, fordert der Bonner SPD-Abgeordnete Freimut Duve, eine bundesweite »Aktion Lokal 2000«. Denn: »Die Bekämpfung der von ''Global 2000'' vorausgesagten Gefährdungen kann nur vor Ort stattfinden.«

Aber auch auf Landesebene seien, meinen Verbandsstrategen, die Aussichten gar nicht so schlecht, eine »Politik des Grünstifts« durchzusetzen - wenn nur hinreichend viele Bürger darauf drängten.

Selbst unter dem Diktat des Rotstifts wären wichtige ökologische Kurskorrekturen finanziell glatt durchsetzbar. Der ersatzlose Verzicht auf fragwürdige Wasserbau- wie Flurbereinigungsprojekte und auf das regelmäßige Mähen von Straßenböschungen (jährliche Kosten pro Kilometer: 40 000 Mark) kosten keinen Pfennig - »Naturschutz zum Nulltarif«, wie ihn auch der BUND fordert.

Den Durchbruch zu einer zukunftsorientierten Politik indes, die nicht länger Raubbau an der Natur begünstigt, läßt sich nach Ansicht der Verbände nur auf Bundesebene erreichen. Ökologen bestehen auf zwei Minimalforderungen:

* Im Bundesnaturschutzgesetz von 1976 müsse die »Landwirtschaftsklausel« gestrichen werden, nach der »ordnungsgemäßer« Landbau - was immer das sein mag - »nicht als Eingriff in Natur und Landschaft anzusehen« ist; dieser Passus habe sich in der Praxis wie ein Freibrief für die Zerstörung von Biotopen ausgewirkt.

* Durch Einführung der sogenannten Verbandsklage, eines Klagerechts für anerkannte Öko-Verbände gegen Eingriffe in die Landschaft, müßten die Naturschützer endlich den Naturzerstörern juristisch zumindest gleichgestellt werden.

Beide Forderungen hat sich im Mai letzten Jahres auch der Bundesparteitag der FDP zu eigen gemacht, ihre Verwirklichung steht noch aus. Ökologen vermuten hinhaltenden Widerstand im Agrarministerium: Dessen Politik, analysierte Horst Sterns Monatsblatt »Natur«, »läuft darauf hinaus, die Bauern und Tierhalter so lange wie möglich gegen die Forderungen des Natur-, Tier- und Umweltschutzes zu verteidigen«.

Tatsächlich ließ Schlitzohr Ertl (gegen den Willen des Bundesinnenministeriums) einen Gesetzentwurf zur Tilgung der Landwirtschaftsklausel so gestalten, daß er der Zustimmung der CDU/CSU-Mehrheit im Bundesrat bedarf - mit der allerdings nicht zu rechnen ist.

Abwehrend reagiert das Landwirtschaftsministerium zudem auf die Forderung einer Bonner Öko-Sachverständigengruppe nach Verzehnfachung der Naturschutzgebiete. S.75 Ertls Staatssekretär Georg Gallus sieht »kaum Realisierungsmöglichkeiten«.

Tief ist die Kluft zwischen Konzept und Praxis auch bei den Sozialdemokraten. So präsentierte ein SPD-Arbeitskreis, dem unter anderen Verkehrsminister Volker Hauff angehört, unlängst ein 46seitiges Papier mit Öko-Forderungen, etwa mit der Feststellung, »die Grenzen der Umweltbelastung durch den Kraftwagenverkehr« seien erreicht, und der Anregung, der Bund solle alle öffentlichen Planungen, Investitionen und Förderprogramme formell vom Innenminister auf ihre Umweltverträglichkeit prüfen lassen. Doch Mitautor Klaus Traube ist skeptisch: »Wir können die schönsten Papiere machen«, ändern werde sich erst etwas, »wenn die Mehrheit in der Partei die aktuelle Politik beeinflußt«.

Auch der Kieler Biologie-Professor Berndt Heydemann klagt, in der Umweltpolitik der letzten Jahre sei häufig »außer Reden nichts gewesen«. In der politischen Praxis regiert, wie der Biologe erfahren hat, zumeist der Kompromiß: Vor die Entscheidung gestellt, ob sie einem Ökosystem etwa durch Abwassereinleitung oder Straßenbau »null oder zwanzig Prozent Einbußen an Artenvielfalt« zumuten wollten, neigten viele Verantwortliche noch immer dazu, sich »auf die arithmetische Mitte von zehn Prozent« zu einigen.

»Nur fünf von solchen gestuften Kompromissen je zehn Prozent Minderung eines Artenbestandes« jedoch, weiß Heydemann, verringerten binnen zwanzig Jahren die Artenvielfalt um mehr als die Hälfte: »So entstehen Rote Listen.«

Womöglich, meinen viele Naturschützer, ließen sich die traditionellen Denkweisen von Wählern wie Politikern nur durch eine schon im Kindesalter einsetzende Umwelterziehung überwinden. Verbände wie der BUND regen daher an, für alle Schulen »Lehrgärten« und »Lehrweiher« anzulegen. Der pädagogische Nutzen solcher Einrichtungen steht für die Naturschützer außer Zweifel. Denn dem trockenen traditionellen Biologieunterricht geben Ökologie-Experten ein gut Teil der Schuld am heutigen Ausmaß der Naturzerstörung.

»Für die überwiegende Mehrzahl unserer Mitbürger«, meint der Verhaltensforscher Paul Leyhausen, »ist es völlig unfaßbar, daß unsere gesamte menschliche Existenz wesentlich und zuallererst von Bedingungen abhängen soll, die dieses Bildungssystem als nebensächlich behandelt oder sogar völlig mißachtet.«

Der Hamburger BUND-Streiter und Umwelt-Autor Emanuel Eckardt ("Kein schöner Land") erinnert sich: »Wir haben gelernt, wie die Biene an den Stempel der Tulpe kommt. Aber was mit den Bienen geschieht, wenn Obstbauern ihre Plantagen mit Insektiziden einnebeln, damit wir makellose Äpfel bekommen, hat uns niemand beigebracht.«

Immerhin haben ökologisch engagierte Lehrer inzwischen eine Reihe von Unterrichtsmodellen entwickelt, die beispielsweise zur Übernahme der »Patenschaft für ein Gewässer« samt »Bau von Krötenzäunen« anregen oder »Waldsäuberungsaktionen« und »Untersuchungen zur Versalzung des Bodens« vorsehen. Tips gibt ein Monatsblatt mit dem Titel »Ökopäd«, der BUND unterhält eine Studienstation und einen Bio-Lehrerservice mit »Ideenbörse«.

Infiltrieren wollen die neuen Naturschützer auch den Religionsunterricht und die Arbeit der Kirchenvorstände. Von den Kanzeln herab müsse, fordert der BUND, endlich gepredigt werden, was Gottes Wort »Machet Euch die Erde untertan« wirklich bedeute: nicht einen Aufruf zur Schröpfung der Schöpfung, sondern zu ihrer pfleglichen Nutzung.

Wortgewaltig fordert BUND-Vorständler Enoch Freiherr von und zu Guttenberg, Sohn des verstorbenen CSU-Politikers, auf einem Flugblatt den S.76 bayrischen Klerus auf, die drohende Vernichtung der letzten Blaukehlchen-Bestände im Freistaat als »moderne Gotteslästerung« zu ächten und das Kirchenvolk die ganze Genesis zu lehren: »Gott der Herr setzte den Menschen in den Garten Eden, daß er ihn bauete und bewahrete«, schleudert der fromme Freiherr dem in Öko-Fragen eher schweigsamen Episkopat entgegen.

Dazu zitiert BUND-Führer Guttenberg ein Bibelwort, dem zufolge sich jeder Geistliche eigentlich als eine Art Regenbogen-Krieger »erstehen müßte: Darum soll mein Regenbogen in den Wolken sein, d"ß » ich ihn ansehe und gedenke des ewigen Bundes zwischen Gott » » und allem lebendigen Tier, in allem Fleische, das auf Erden » » ist. »

Nur mit Hilfe der Kirchen, zudem der Gewerkschaften und der großen Parteien läßt sich wohl erreichen, was, so die Strategen des neuen Naturschutzes, nottue: »Ökologisches Bewußtsein« gelte es »allen jenen zu vermitteln, die es noch nicht erfahren haben« (Öko-Autor Fred Kurt).

Allenfalls dann, wenn derlei Denken in der Bonner Republik mehrheitsfähig geworden sei, ließen sich die langfristigen Ziele der Umweltschützer durchsetzen: eine, wie der BUND definiert, »Synthese zwischen Ökonomie und Ökologie«.

Was damit gemeint ist, haben Linke auf den Begriff »Ökosozialismus« gebracht, versucht BUND-Vize Weinzierl mit Schlagworten wie »Neue Nationalökonomie« und »Ökosoziale Marktwirtschaft« zu verdeutlichen: Der Schutz der »unvermehrbaren Güter Boden, Wasser, Luft, Landschaft, Tiere und Pflanzen« müsse in die Rahmenbedingungen sozialistischer wie kapitalistischer Wirtschaftssysteme eingebaut werden, um Raubbau auszuschließen.

In Paragraph 1 des Bonner Stabilitätsgesetzes will Weinzierl - neben den Forderungen nach Preisstabilität und möglichst hohem Beschäftigungsstand - als gleichwertigen Auftrag die »Stabilisierung des Naturhaushaltes« aufgenommen sehen.

Auch einzelnen Unternehmern beginnen sich die Konsequenzen zu erschließen: »Das technisch Machbare, das ökonomisch Mögliche und das sozial Erwünschte wird in Zukunft nur noch verwirklicht, wenn es sich auch ökologisch vertreten läßt«, heißt es in einer Erklärung des »Grassauer Kreises« politisch engagierter Unternehmer. Der Weg zur ökologischen Marktwirtschaft werde »nur mit dem Übergang der freien zur sozialen Marktwirtschaft zu vergleichen« sein.

Viele Naturschutz-Experten freilich halten den Glauben, die Plünderung des Planeten ließe sich einfach durch Einsicht oder per Parlamentsbeschluß stoppen, für reichlich naiv. Das Problem zeigten, bei einem Streitgespräch in der Zeitschrift »Natur«, der Konstanzer Biologe Hubert Markl und sein Kieler Kollege Berndt Heydemann auf.

»Die Menschheit«, postulierte Markl, »kann nur überdauern, wenn sie ihr Wirtschaftssystem dem Gesamtsystem der Biosphäre anzupassen vermag.«

Wie aber, hielt Heydemann dagegen, »soll in einer sogenannten freien Marktwirtschaft, deren Grundprinzipien die Maximierung der Produktion bei voller Ausschöpfung der Ressourcen sind, der Übergang zur Ressourcen-Bewirtschaftung anfangen?« Und: »Wie hat man sich im Rahmen der Demokratie die dafür notwendigen politischen Entscheidungen vorzustellen?«

Vielleicht zunächst mal so: Die Bundesregierung könnte den Einzelhandel gesetzlich verpflichten, Quecksilberbatterien für Kameras, Hörgeräte und Armbanduhren mit Pfand zu belegen und zwecks Recycling zurückzunehmen - statt lediglich (weithin vergebens) an die Händler zu appellieren, die hochgiftigen Knopfzellen freiwillig wieder einzusammeln.

Oder so: Der Bundestag könnte, wie Professor Jost Martin Franz von der Biologischen Bundesanstalt anregt, eine Öko-Steuer für Pflanzenschutzmittel beschließen, gestaffelt nach der Umweltverträglichkeit der Präparate. Oder so: Bonn führt, wie Umwelt-Staatssekretär Hartkopf empfiehlt, nach skandinavischem Vorbild eine Sondersteuer für Einwegverpackungen ein, um den gigantischen Zuwachs (um 90 Prozent seit 1975 bei Erfrischungsgetränken) zu drosseln.

Kein Zweifel aber: Selbst kleine Schritte in Richtung Ökosoziale Marktwirtschaft würden Widerstand hervorrufen. Schon als das Bonner Innenministerim letztes Jahr eine längst fällige Begrenzung von Krebserregern wie Asbest und Arsen in Industrieabgasen ankündigte, erhob der Bundesverband der Deutschen Industrie schrill Protest - für Staatssekretär Hartkopf Anzeichen einer »seltsamen Blindheit« gegenüber umweltpolitischen Notwendigkeiten.

Zumindest kurzsichtig reagieren auch viele Gewerkschafter - etwa jene DGB-Bosse, die im Dezember die These des SPD-Rechten Richard Löwenthal unterzeichneten, es sei notwendig, »wieder S.77 und wieder ausufernde ökologische Forderungen in Interesse des Rechts auf Arbeit zu begrenzen«.

In Wahrheit haben, wie der Bonner Umweltpolitiker Hartkopf erklärt, »mehrere umfassende wissenschaftliche Untersuchungen« die Pauschal-Behauptung, Umweltschutz bedrohe Arbeitsplätze, in den Bereich politischen Aberglaubens verwiesen. Auch der SPD-Linke Duve weiß: »Maschinen treiben die Arbeitnehmer aus Büro und Betrieb, nicht der Umweltschutz.«

Richtig ist: Rund 300 000 Arbeitsplätze, vom Klärwärter bis zum Meßtechniker, hängen in der Bundesrepublik bereits jetzt direkt oder indirekt vom Natur- und Umweltschutz ab. Selbst in Rezessionsphasen hat Bonns Umweltpolitik »keine Arbeitsplätze vernichtet, sondern neue in erheblichem Umfang« produziert (Hartkopf).

Nach Schätzungen des BUND ließen sich durch aktive Umweltpolitik »mittelfristig über eine Million Arbeitsplätze schaffen": rund 400 000 durch konsequente Nutzung energiesparender Technologien, 300 000 im Kläranlagen-, Bahnlinien- und Radwegebau, 100 000 durch die Förderung der (arbeitsintensiven) ökologischen Landwirtschaft, 100 000 in Abfallwirtschaft und Recycling, 200 000 in diversen Bereichen des technischen Umweltschutzes.

Ob gegen den Widerstand der Wirtschaftsverbände und ohne massive Unterstützung durch Gewerkschafter in der Naturschutz- und Umweltpolitik auf Dauer mehr möglich ist als nur gelegentliche Einzelkorrekturen, ist fraglich - doch notwendig wäre es schon, den Weg nach Ökotopia anzutreten.

»Ziele wie Vermeidung von Ressourcenverschwendung, Erhaltung von Ökosystemen, Landschaftsschutz und so weiter« sind, wie Innenminister Baum sagt, »nur erreichbar, wenn Umweltschutz als umfassendes politisches Gestaltungsprinzip begriffen wird«. Dem Liberalen ist aber auch klar: »Die Skepsis, ob eine freiheitliche Bewältigung des Umweltproblems und der Ressourcenverschwendung überhaupt noch möglich ist, nimmt zu.«

Nicht zu Unrecht fürchten Ökologen und Konfliktforscher, daß die politische Auseinandersetzung um eine umweltgerechte Gestaltung der Gesellschaft sich in den achtziger Jahren als bislang größte Herausforderung für die bundesdeutsche Demokratie erweisen könnte.

Als »kleine therapeutische Schritte« zur Gesundung des Ökosystems Erde schlägt etwa der Marburger Ökologe Hermann Remmert eine »Begrenzung des Wachstums beim Energieverbrauch« vor, dazu »Begrenzung des Bevölkerungswachstums« und »Rückkehr zur Handarbeit, wo das möglich ist, anstelle energie- und rohstoffzehrender Maschinen« - um dann erschrocken einzuhalten: »Spätestens hier scheinen die Forderungen des Ökologen die Forderungen eines Extremisten zu sein.«

Denkbar ist schon, daß eine vom Wachstum jahrzehntelang verwöhnte Nation die ihr lästigen, Bescheidenheit predigenden Öko-Apostel tatsächlich eines Tages wie Extremisten behandeln könnte, als Sündenböcke der Degression - in den USA kleben an Stoßstangen bereits böse Parolen wie: »Bist du arbeitslos, brat dir einen Ökologisten«.

Andererseits ist abzusehen, wie ein Teil der Naturschutz-Streiter reagieren wird, wenn ihre moralischen Appelle ins Leere gehen - etwa der Sinnspruch »Wir haben die Erde nicht geerbt von unseren Vätern, sondern geliehen von unseren Kindern«, oder die von Grünen vielzitierte indianische Weissagung: S.78 » Wenn ihr den letzten Fluß verdorben habt und den letzten Baum » » geschlagen und den letzten Fisch gefangen - erst dann, und » » das ist schlimm, werdet ihr merken, daß man Geld nicht essen » » kann. »

Schon mehren sich die Anzeichen dafür, daß in Teilen der Umwelt-Bewegung die Hoffnung sinkt, auf demokratischem Wege der Naturzerstörung Einhalt gebieten zu können.

Die einen, beobachtete der Umweltpublizist Gerosa, resignieren: »Die sagen, wir werfen den ganzen Schrott jetzt hin, gehen raus aufs Land mit drei Schafen und lassen die Jalousien runter.«

Andere aber fürchten, so Gerosa, eines Tages »mit Parallelen zum Dritten Reich konfrontiert zu werden, mit der Frage der Kinder: ''Was hast du eigentlich damals gemacht, du warst wohl im Urlaub auf Mallorca''«.

Ein Teil dieser Naturschützer, sagt Reinhold Kaub, Sprecher des Bundes Naturschutz in Bayern, »ballt schon die Fäuste«. Kaub: »Nach vielen Enttäuschungen über die schleppende Art der Behörden ist der Boden für eine gewisse Radikalität schon aufbereitet.«

Projekte wie der überflüssige Rhein-Main-Donau-Kanal bringen manch einen, wie Kaub weiß, dazu, »aus lauter Verzweiflung mit dem Kopf durch die Wand zu gehen": Es wäre, meint er, »kein Wunder«, wenn den gewaltabstinenten Kanal-Gegnern eines Tages »die Dinge aus der Hand gleiten«.

Experte Gerosa, jahrelang Pressesprecher des Naturschutz-Rings, heute Chefredakteur der Zeitschrift »Umweltforum«, hält es für gut möglich, daß sich über kurz oder lang eine »Öko-Guerilla« in Westdeutschland formiert: »Es gibt Leute«, sagt er, »die haben die Schnauze so gestrichen voll, daß sie verdeckt arbeiten wollen, nach dem Motto: Wenn eh schon alles über den Jordan geht, können wir auch noch eins draufgeben.«

Die Funktionäre der Naturschutzverbände begnügen sich mit martialischen Worten. Der BUND-Landesverband Baden-Württemberg empfiehlt, »um jede einzelne Tier- und Pflanzenart so zu kämpfen, als ginge es um unser eigenes Leben«. BUND-Mitglied Georg Fruck, grüner Abgeordneter im Niedersachsen-Landtag, verlangt Aktionen gegen den »Holocaust an der Natur«. Der Bayer Weinzierl, der »mit Leidenschaft für jeden Wildbirnbaum« und »gegen die Diebe unseres Glücks« streiten will, hält Widerstand gegen die Naturzerstörung für »so legitim wie den Widerstand von 1944«.

Schon sieht denn auch SPD-Chef Willy Brandt Anlaß, eindringlich vor dem »inflationären Gebrauch des Wortes Widerstandsrecht« zu warnen. Doch viele derjenigen, die von Widerstand reden, als gelte es, einen Tyrannen zu stürzen, meinen es bitterernst.

Im Parteiorgan »Die Grünen« durfte im November ein Rechtsanwalt Alfred Schmidt auf anderthalb Zeitungsseiten S.79 die Auffassung darlegen, die Bundesregierung sei »durch Unterlassen« dafür mitverantwortlich, daß infolge »Ressourcenverschwendung, Umweltzerstörung, Overkill .. dem Menschen Katastrophen bisher unbekannten Ausmaßes« drohten. Weil es daher »nicht nur um den Bestand des Staates« gehe, sondern »um die Grundlagen der Existenz, sogar für die Art« Homo sapiens, sei »jetzt« der Zeitpunkt gekommen, das im Grundgesetz verbürgte Widerstandsrecht zu nutzen, und »jede Widerstandsmaßnahme« gerechtfertigt, selbst der »Einsatz von Waffen, auch schwerer Waffen«.

( Grundgesetz-Artikel 20. Absatz 4: ) ( »Gegen jeden, der es unternimmt, diese ) ( Ordnung zu beseitigen, haben alle ) ( Deutschen das Recht zum Widerstand, ) ( wenn andere Abhilfe nicht möglich ) ( ist.« )

Manch einer an der Basis könnte so etwas wörtlich nehmen. Ähnlich wie Ende der sechziger Jahre, bevor ein Teil der Außerparlamentarischen Opposition zu Pflastersteinen griff, ist zumindest »Gewalt gegen Sachen« für viele grüne Kämpfer nicht mehr tabu.

Das ganze Ausmaß der Gewaltbereitschaft ist schwer abzuschätzen. Denn nach etlichen Öko-Anschlägen verfügte die Justiz Nachrichtensperre, um nicht zu Nachahmungstaten zu ermuntern.

Noch scheint es nicht ganz so weit wie in Frankreich, wo im Januar »Pazifistische Ökologen« mit einer Panzerfaust sechs Raketen auf den Rohbau eines Schnellen Brüters im Rhonetal schossen. »Es war«, berichteten Augenzeugen, »ein regelrechtes Bombardement.«

Westdeutsche Atomgegner, soviel jedoch ist sicher, sprengen bisweilen Strommasten (wie im niedersächsischen Esensham) oder werfen Sprengsätze (etwa in die Kölner Geschäftsstelle der »Gesellschaft für Reaktorsicherheit"), zerstören Bohrsonden (in Gorleben) oder legen nachts Feuer (im Landgericht Itzehoe oder in den Glückstädter Elektrizitätswerken).

Startbahngegner ("Gewaltlos sind wir den Wald los") deponierten im November binnen zwei Tagen ein halbes Dutzend Brandsätze in Frankfurter Telephonzellen, Bankfilialen und Baufirmen und blockierten im Januar durch Radfahren auf der Rollbahn eine gute halbe Stunde lang den Hamburger Flugverkehr. Frankfurter Demonstranten kippten Gepäckkarren auf Bahngleise, Unbekannte ließen ein Holzhaus in Flammen aufgehen, in dem ein Flughafensender untergebracht war (Gesamtschaden: über 600 000 Mark), und setzten diverse SPD-Büros in Brand.

Autobahngegner zündeln an Kränen und Fahrzeugen (im Siegerland) oder streuen Sand in die Motoren von Straßenbaumaschinen (wie eine Gruppe von »Außerstandsetzern« auf einer Autobahn-Baustelle bei Osnabrück).

Gewässerschützer demolieren technisches Gerät (an einem Neubau der Hamburger Wasserwerke am Rande der Lüneburger Heide) oder werfen Werkzeugkisten in Pumplöcher (im bayrischen Loisachtal). Und Landschaftsschützer kippen Zucker in die Tanks von Firmenwagen (wie in Bielefeld, wo ein Hotelneubau nach Ansicht von Protestlern »den Rücken des Johannisberges verschandelt").

Die weit überwiegende Mehrheit der Naturschützer jedoch reagiert auf solche Taten wie Klaus Mengedoth, 24, vom Bielefelder »Umweltzentrum": mit entschiedener Distanzierung, wenngleich auch mit einem gewissen Einfühlungsvermögen. Mengedoth: »Wenn man es mit Verwaltungsbeamten zu tun hat, die kein Maß mehr kennen und alles genehmigen und durchziehen wollen, dann kann auch der brave Bürger mit harten Bandagen kämpfen.«

An jeglichem Verständnis indes mangelt es den meisten Umweltschützern, wenn Protestaktionen Menschenleben in Gefahr bringen. »Die Umweltschützer-Aktionen«, sagt Verena Krieger vom NRW-Landesvorstand der »Grünen«, »müssen nicht immer legal sein, aber grundsätzlich gewaltfrei. Menschenleben gefährdende Aktionen lehnen wir deshalb ab.«

Diese Hemmschwelle aber scheint, wie nicht nur Pflastersteinwürfe bei Anti-Atom-Demonstrationen signalisieren, rasch zu sinken. Bei Brandanschlägen von Kernkraft-, Straßenbau- und Startbahn-Gegnern riskierten die Täter wiederholt, daß Menschen zu Schaden kamen.

In Siegen setzten Unbekannte einen Verteilerkasten an einer Autobahnbaustelle S.81 unter Starkstrom; ein Arbeiter kam nur deshalb mit leichten Verletzungen davon, weil er Sicherheitsschuhe trug. In Frankfurt wurden Bremsschläuche von vier Polizeiwagen zerschnitten. Anonyme »Woodfighter« warfen einen Molotow-Cocktail auf das Grundstück eines Leitartiklers der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, der indes nichts abbekam; knisternd brannte ein Gartenbaum nieder.

Über die Urheber solcher Anschläge erfahren die Ermittler meist nur wenig. Mal meldet sich ein Zirkel namens »Feurige Ratten«, mal eine mysteriöse »Kampfgruppe 7«. Zu einigen Taten, unter anderem zu einem mißlungenen Bombenanschlag auf das Wiesbadener Wirtschaftsministerium im Dezember und zu einem gelungenen Attentat auf das Konstruktionsbüro einer Wiesbadener Baufirma (100 000 Mark Sachschaden) im März, bekannten sich »Revolutionäre Zellen«, in deren »Bekennerbriefen« auch der (bislang ungeklärte) Mord am hessischen Wirtschaftsminister und Startbahn-Förderer Heinz-Herbert Karry rühmend erwähnt wird.

Ob Karrys Mörder tatsächlich aus dem grünen oder aber aus dem roten oder braunen Untergrund kommen - kaum übertrieben scheint die Mahnung des SPD-Vorsitzenden Brandt, in der Bundesrepublik drohten »bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen« um Öko-Streitpunkte.

»Wir müssen mit Toten rechnen«, meint der hessische Innenminister Ekkehard Gries (FDP), der bereits in Japan die blutigen Auseinandersetzungen um den Flughafen Narita studiert hat. Sein Ministerpräsident Börner erhält hin und wieder Morddrohungen: »Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat.«

Auch Christdemokraten rechnen offenbar mit martialischen Reaktionen, so Niedersachsens Regierungschef Ernst Albrecht, der den Verzicht auf den Bau eines Atomzentrums in Gorleben mit den Worten begründete: »Ich will keinen Bürgerkrieg im Land.«

Noch machen »feldmarschmäßig ausgerüstete Chaoten« (Polizeigewerkschaft) nur eine Minderheit unter den Öko-Demonstranten aus. Doch die Gewaltbereitschaft, fürchten besonnene Umweltschützer, wird steigen, vor allem, wenn sich allzu harte Polizeieinsätze gegen die gewaltfreie Demonstranten-Mehrheit häufen.

Der hessische CDU-Kreistagsabgeordnete Karl-Heinz Kubb erlebte bei den Anti-Startbahn-Demonstrationen auf Seiten der Polizeibeamten »nackte Gewalt in vielfacher Hinsicht": »Sie schlugen blindwütig auf Leute mit erhobenen Händen ein, die ''Wir sind gewaltfrei'' gerufen haben.« Christdemokrat Kubb ist sicher, »daß das Spuren hinterläßt«.

Derlei Erfahrungen, meint der Bochumer Ingenieur Hermann Schweihs, Bundesvorsitzender des 70 000 Mitglieder starken Vereins »Pro Grün«, könnten die Bereitschaft radikaler Naturschützer zu militanten Aktionen rasch verstärken. Schweihs, der »Schlimmes auf uns zukommen« sieht, hält nicht nur grüne Jungs für gewaltanfällig. Bei Großdemonstrationen der letzten Zeit seien, sagt er, immer mehr »kriegserfahrene Veteranen« mitmarschiert: »Dadurch stehen den Polizisten ganz neue Gegner gegenüber.«

Selbst in den Reihen konservativer Tierschützer wächst die Neigung zu Gewaltaktionen und Gesetzesbruch. In Mienenbüttel, einem Dorf bei Hamburg, stahlen im November Mitglieder einer »Hundebefreiungsfront« nächtens 48 Beagles aus einer Tierversuchsanstalt. »Wie weit«, fragten wenig später zwei Hausfrauen in einem offenen Brief, »müssen wir noch gehen? ... Wir können nur wünschen, daß noch weitere Tierschützer zur Selbsthilfe greifen.«

Opfer tierschützerischer Selbstjustiz wurde Anfang dieses Jahres ein arbeitsloser Hamburger, der seine Dogge beinahe hatte verhungern lassen: Fünf Tierfreunde, nach Ku-Klux-Klan-Art mit weißen Kapuzen getarnt, lockten den Mann aus seinem Haus, gossen ihm Teer über den Kopf, bestreuten ihn mit Federn und verprügelten ihn dann.

Immer häufiger auch mischen sich Rechtsradikale unter die Öko-Bewegten. In einer obskuren »Grünen Korrespondenz« beispielsweise finden sich Sätze wie: »Entweder die Welt wird nationalsozialistisch, also grün, oder sie versinkt im Chaos.«

In politischer Hinsicht scheint das Protest-Potential denn auch ziemlich gemischt. Nicht linksradikale K-Gruppen-Anhänger, sondern biedere einheimische S.84 Bürger beispielsweise drohen der Wiesbadener Landesregierung mit Widerstand für den Fall, daß Ministerpräsident Börner den Hohen Meißner zum Braunkohleabbau freigibt. Selbst der SPD-Landrat Eitel Oskar Höhne hat geschworen, das in seinem Kreis liegende Naturschutzgebiet gegen Börners Pläne »mit einer Wagenburg zu verteidigen«.

Auch in anderen konservativen Landstrichen gilt das Wort Frankfurter Startbahngegner: »Wenn die Bäume fallen, stehen die Menschen auf.« Nicht Studenten mit Parka und Palästinensertuch, sondern historisch kostümierte Landwirte in buntem Wams, mit Sensen und Hellebarden rücken an, wenn Vermessungsbeamte in der Nähe des württembergischen Boxberg den Bau einer Daimler-Benz-Teststrecke vorbereiten wollen. Im Zeichen des Regenbogens und unter der gleichen Bundschuh-Fahne, mit der ihre Vorfahren im Mittelalter in den Bauernkrieg gezogen sind, kämpfen die Landleute nun gegen das »Verbrechen an unserer Heimat«.

Am Frankfurter Flughafen schließlich, dessen Ausbau nicht zuletzt den dort stationierten US-Truppen zugute kommt, vereinten sich im Protest gegen die geplante »Nato-Startbahn« gar sämtliche Strömungen der außerparlamentarischen Opposition: einerseits christliche und pazifistische, prokommunistische wie nichtkommunistische Anhänger der neuen Friedensbewegung, andererseits alte und neue Naturschützer sowie Fluglärmgegner aller Schattierungen.

Bonner Politiker haben für diese ganz große Koalition von Ökologisten und Pazifisten schon ein Kürzel gefunden: »Ökopax«. Diese Strömung, kommentierte die »Frankfurter Rundschau«, werde eines Tages stark genug sein, »stabilere Regierungen als die Holger Börners zu erschüttern«.

Sollten sich in den nächsten Jahren häufiger mal ähnlich breite Bündnisse zum Schutz der Umwelt zusammenfinden, sollten Regierende dann weiterhin, wie Börner, vor allem mit Polizeieinsätzen dagegen angehen - die Konsequenzen wären unschwer auszumachen.

Der schöne Traum der Greenpeace-Streiter vom gewaltfreien Kampf für die Bewahrung der Natur würde, so viel ist sicher, so rasch vergehen wie ein Regenbogen.

Ende

Die Serie »Die Erde wird ein öder Stern« ist, neben Beiträgen über Wasserbau, Naturgärten, Meeresverschmutzung, Waldsterben und Säureregen sowie einem Anschriften- und Literaturverzeichnis, Bestandteil des jetzt erschienenen SPIEGEL-BUCHES 22 - Jochen Bölsche (Hg.): »Natur ohne Schutz. Neue Öko-Strategien gegen die Umweltzerstörung«. Rowchlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 288 Seiten mit 54 Abbildungen; 16 Mark.

S.76

Darum soll mein Regenbogen in den Wolken sein, daß ich ihn ansehe

und gedenke des ewigen Bundes zwischen Gott und allem lebendigen

Tier, in allem Fleische, das auf Erden ist.

*

S.78

Wenn ihr den letzten Fluß verdorben habt und den letzten Baum

geschlagen und den letzten Fisch gefangen - erst dann, und das ist

schlimm, werdet ihr merken, daß man Geld nicht essen kann.

*

S.64Amerikanische Greenpeace-Mitglieder messen die Länge harpunierterWale, um zu beweisen, daß sich sowjetische Walfänger nicht anSchutzbestimmungen halten, die den Fang von Jungtieren verbieten.*S.65unten: Schornstein-Besetzung in Hamburg; Anti-Atom-Dorf beiGorleben.*Oben: Demonstration in Brokdorf;*S.72Beim Vertilgen von Blattläusen.*S.74Herwig Klemp: »Mehr Natur in Dorf und Stadt«. 142 Seiten; 7.90 Mark;BUND. Postfach 120536, 53 Bonn 1.*Kranke Elbfische vor dem Deutschen Hydrographischen Institut inHamburg.*S.75Protest gegen Elbverschmutzung in Hamburg.*S.76Im Oktober 1981 bei einer Demonstration gegen den Bau derFrankfurter Startbahn West.*S.79Grundgesetz-Artikel 20. Absatz 4: »Gegen jeden, der es unternimmt,diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zumWiderstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."*S.81Protestaktion gegen den Bau des Flughafens Narita/Tokio 1978; einDemonstrant ist beim Hantieren mit einem Molotow-Cocktail in Brandgeraten.*

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