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»Die Erde wird ein öder Stern«

SPIEGEL-Redakteur Jochen Bölsche über das Elend des Naturschutzes (III): Komplexe Netze Bewaffnete Wilderer, ausgerüstet mit Flugzeugen und Funkgeräten, rotten Nashörner und Elefanten aus, italienische Jäger knallen Singvögel ab. Doch während deutsche Natur-Enthusiasten die Schuld am Niedergang der Tier- und Pflanzenwelt mit Vorliebe im Ausland suchen ("Kein Urlaubsort, wo Vogelmord"), ist die Vielfalt der Flora und Fauna in der Bundesrepublik zumindest ebenso gefährdet wie in Kenia oder in Italien. Tiertod droht in Deutschland jedoch weniger durch Gewehre als durch Gifte, die heimlich in Nahrungsketten emporsteigen, und eine Vielzahl harmlos anmutender Eingriffe in das komplexe Netzwerk der Natur.
aus DER SPIEGEL 15/1982

Der feiste, fette, flaumige Dodo watschelte jahrtausendelang über die Insel Mauritius - bis, vor 300 Jahren, europäische Seefahrer den Nährwert seines Fleisches entdeckten.

Binnen kurzem wurde die bizarre Riesentaube so selten wie die blaue Mauritius. Das letzte Exemplar des Vogels erschlug 1681 ein besoffener Matrose mit seiner Schnapsflasche.

»As dead as dodo«, wie englische Seeleute noch heute sagen, sind seit langem auch der nordamerikanische Oregon-Bison und der Östliche Bison. Büchsenhelden wie Buffalo Bill hatten um 1870 bei Vergnügungsjagden, teils von Eisenbahnzügen aus, täglich jeweils bis zu 250 Indianerbüffel abgeknallt. Mit Maschinenwaffen schossen Ende des vorigen Jahrhunderts Delikatessenjäger alljährlich bis zu einer Milliarde Wandertauben aus nordamerikanischen Bäumen. Die Jahrmillionen währende Entwicklungsgeschichte dieses Vogels fand unwiderruflich ihr Ende, als am 1. September 1914 gegen 17 Uhr das letzte Lebewesen dieser Art im Zoo von Cincinnati starb.

Ob Dodo, Bison oder Wandertaube - über die Ursache ihres Aussterbens muß nicht gerätselt werden: Ausrottung durch Jagdmassaker war jahrhundertelang der Hauptgrund des Artenrückganges.

Heute indes, da alles komplizierter ist, stirbt es sich anders aus. Nur mehr 26 Prozent der gegenwärtig gefährdeten Tierarten, etwa der Wal und das Nashorn, sind durch Jagd und Fang bedroht (siehe Schaubild Seite 67).

Mehr als die Hälfte der weltweit als gefährdet betrachteten Tierarten jedoch stirbt aus, ohne daß eine Büchse knallt oder eine Harpune zischt. Der Faktor, an dem diese Spezies zugrunde gehen, heißt in den Statistiken internationaler Naturschutz-Dachverbände »Gestörte natürliche Umwelt«.

Hinter dieser Formulierung verbirgt sich ein kaum überschaubares Geflecht indirekter Todesursachen. Das Netzwerk ist derart verworren, daß manch ein Biologe zu verzweifeln scheint. Auch die Ökologie, die Lehre vom Naturhaushalt, hilft da kaum weiter. Sie hat bislang vor allem eines entdeckt: die Grenzen menschlichen Wissens. S.65

In einem Buch, das den passenden Titel »Enzyklopädie der Ignoranz« trägt, schreibt der britische Biologe Martin Holdgate: »Es kann sein, daß die Ökologie wegen der schieren Komplexität der Systeme, mit denen sie sich abmüht, niemals eine nützliche Wissenschaft sein wird.«

Klar ist eines: Die von den Wissenschaftlern entdeckten »vernetzten Nahrungsketten« und »mehrdimensionalen Systembeziehungen«, »ökologischen Querverbindungen« und »kybernetischen Regelkreise« in der Natur sind ungemein vielfältig ineinander verschränkt. Die Frage, welche Ursachen den Rückgang einer bestimmten Art bewirken könnten, vermögen die Experten nur selten rechtzeitig zu beantworten. Und in der Regel ist nicht vorhersehbar, an welchen Stellen des Flechtwerkes schließlich schädliche Auswirkungen menschlicher Eingriffe zutage treten.

So einfach die Ursache des Dodo-Aussterbens auf Mauritius zu ermitteln ist, so schwierig war es für Naturwissenschaftler, etwa das Rätsel zu lösen, warum - zur selben Zeit, auf derselben Insel - der Calvarienbaum zu verschwinden begann.

Der Dodo, ermittelten schließlich die Forscher, ernährte sich unter anderem von den Früchten des Calvarienbaums. Von der Schale verdaute der Vogel gerade so viel, um dem Kern nach Durchwandern des Dododarms das Keimen zu ermöglichen. Vom Dodo nicht angedaute Früchte waren nicht keimfähig.

Solche Symbiosen, die dazu führen, daß die Ausrottung eines Lebewesens das Verschwinden eines anderen bewirkt, sind noch vergleichsweise simple Beispiele aus dem Verwirrspiel der Wechselbeziehungen, die Artenschutz zum Denksport machen.

Jahrzehnte währte es, bis Biologen herausgefunden hatten, warum die Geburtenraten bestimmter Vogelarten sanken und warum hin und wieder Tiere tot vom Himmel fielen.

Methylquecksilber, mit dem schwedisches Saatgut gegen Pilzbefall gebeizt worden war, hatte sich im Organismus körnerfressender Mäuse so stark angereichert, daß das Gift schließlich bei den fliegenden Mäusejägern Streßtod oder fatale Verhaltensänderungen auslöste: Viele bauten Nester ohne Boden.

Nordamerikanische Möwenkolonien gehen zugrunde, weil, wie Forscher der Universität von Kalifornien jüngst herausfanden, das Chemiegift DDT die S.66 Keimdrüsen verändert und das Sexualverhalten der Tiere beeinflußt. In Beständen, die sich von vergiftetem Fisch ernähren, nimmt die Zahl weiblicher und homosexueller Möwen zu, männliche Vögel bleiben den Brutkolonien fern, der Anteil der Jungvögel sinkt.

Der Kasseler Öko-Chemiker Professor Reinhold Kickuth ermittelte, daß selbst in extremer Verdünnung Unkrautvernichtungsmittel Verhaltensstörungen bei Wasserflöhen bewirken können. Schon geringste Spuren bestimmter Herbizide, weit unterhalb gesetzlicher Richtwerte, hemmen den Fortpflanzungstrieb der Tierchen; binnen weniger Generationen kann die Einwirkung des Gifts zum Aussterben beispielsweise von Bachflöhen führen, einer wichtigen Nahrung vieler Fischarten.

Kickuth, der diese Forschungsergebnisse im Dezember letzten Jahres bei einer agrarpolitischen Tagung vortrug, hält es für wahrscheinlich, daß auch andere Chemiegifte innerhalb des empfohlenen Dosierungsbereichs ähnlich tückische Folgen auslösen können: »Keine der heute in Industrie und Landwirtschaft verwendeten Chemikalien«, sagt Kickuth, sei bislang auf »Wirkungen unterhalb der toxikologischen Schwelle« untersucht worden.

Auch daß Schwefeldioxid aus den Industrieschloten ferner Länder skandinavischen Lachsen und bayrischen Tannen den Säuretod bringt; daß Seeadler auf Grund von Pestizid-Vergiftung dünnwandige, zerbrechliche Eier legen; daß der um 1960 begonnene Streusalz-Einsatz Hauptursache des Stadtbaumsterbens ist - solche Kausalketten werden gewöhnlich erst nach langjähriger Forschungsarbeit entdeckt, oft allzu spät.

Wie Einzelursachen eine Vielzahl von Nebenwirkungen zeitigen, die sich auf verblüffende Weise mit Fernwirkungen anderer Ursachen verbinden und völlig unvorhergesehene Folgen und Nebenfolgen auslösen - solche komplexen Zusammenhänge versucht seit langem der Münchner Biologe und Fachautor Frederic Vester ("Neuland des Denkens") zu ergründen.

Was dabei herauskommt, liest sich - in einer Vesterschen Darstellung von möglichen Konsequenzen landwirtschaftlicher Monokultur - »eispielsweise so: Machen wir die Pflanze P durch Anbau zur » » dominierenden Art, z. B. eine Körnerfrucht PF, so vermehrt » » sich die darauf lebende Larve L und später auch das daraus » » schlüpfende Insekt I 1. Als Parasit verschiedener anderer » » Tiere, etwa von Hasen, Rehen oder Vögeln, befällt die Larve » diese nun stark und sorgt für ihre Dezimierung.

» Eine Käferart K, die bisher von der Vogelart V gefressen » » wurde, vermehrt sich nun rapide. Ebenso geht es mit den » » Pflanzen P 1, die bisher vom Wild W kleingehalten wurden. Die » » Folge davon ist vielleicht eine Abnahme weiterer » » Pflanzenarten P 2 und P 3 und eine Zunahme von Feldmäusen M, » » die sich nun vor allem von den neu hinzugekommenen » Körnerfrüchten PF ernähren.

» Man sollte nun annehmen, daß man nur das Insekt I 1 zu » » bekämpfen braucht, und alles ist wieder im Lot. Weit gefehlt. » » Dadurch würde sich nur noch mehr verschieben: Rehe und Hasen » » W als Pflanzenfresser der konkurrierenden Pflanzenart P 1 » » wären zahlreicher, der Jagddruck der Vögel V auf den Käfer K » » nähme zu, dieser stünde nun nicht mehr als Konkurrent für » » einen zweiten Parasiten I 2 unserer Nutzpflanze zur » » Verfügung, aber auch nicht als nützlicher »Schädling« der » » konkurrierenden Pflanze P 2. Unsere erste Reparatur, nämlich » » die Vernichtung des Insekts I 1, zieht eine erneute, diesmal » » vielleicht noch kostspieligere Reparatur nach sich - und so » » fort. »

Wo gleichsam vernetztes Denken vonnöten wäre, um das empfindliche Gleichgewicht von Lebensgemeinschaften vor den Folgen menschlicher Eingriffe zu bewahren, versagen jedoch häufig Umweltpolitiker wie Naturschützer.

»Das unvernetzte, lineare Denken, welches in der Realität zu leider sehr vernetzten Wirkungen führt, sitzt sehr tief in uns«, meint Vester. »So gehen wir mit unserer anerzogenen Logik, unseren Schlüssen von Ursache und Wirkung gradlinig und eindimensional, sozusagen eingleisig, vor.«

Das Schmalspur-Denken vieler Naturschützer ortet beispielsweise die Ursachen des Vogelsterbens vorzugsweise da, wo es laut knallt - in Italien. Forderungen wie »Kein Urlaubsort, wo Vogelmord« stoßen in Westdeutschland zehntausendfach auf Zustimmung.

Dem Einsichtsvermögen manches Tierschützers entzieht sich indes, daß in Wahrheit in der Bundesrepublik viel mehr Zugvögel vernichtet werden als jenseits der Alpen. Dieser Tod freilich kommt nicht mit Gewehrsalven, sondern lautlos daher - über das Gift in Nahrungsketten, die Störung und Zerstörung von Brutplätzen oder die Trockenlegung von Feuchtgebieten.

Oft sind ausgerechnet Tierfreunde die Täter.

Die Zahl der Zugvögel nämlich wird weder durch die Qualität ihrer Sommerquartiere noch durch die der Winterquartiere begrenzt, sondern allein durch die Aufnahmefähigkeit der Ruhezonen, der sogenannten Trittsteine, entlang der Wanderroute in Mitteleuropa. In diesen ohnehin knappen »ökologischen Flaschenhälsen« aber, zum Beispiel einigen Altrhein-Armen in Nordrhein-Westfalen, wirken Winter für Winter Tierphotographen und Naturfreunde, die mit ihrer bloßen Anwesenheit, allen Verboten zum Trotz, Tausende von Enten und Gänsen, Schwänen und Schnepfen aufscheuchen.

Die von den Vogelliebhabern aus ihren Quartieren vertriebenen Vögel, beobachtete der Wildbiologe Fred Kurt, fallen prompt über Wintergetreidefelder her. Die Folge ist, daß die Behörden schließlich unter dem Druck der Landwirtschaft Abschußgenehmigungen erteilen, um das zum Schadwild gewordene Wassergeflügel kurzzuhalten.

Statt auf diese Weise den Zugvogel-Bestand zu verringern, sollten die Naturschutz-Ämter, verlangt Kurt, für die Naturenthusiasten ein »totales Verbot« verhängen, Winterquartiere wandernder Vögel zu besuchen.

Wo die für viele Tiere überlebenswichtigen Seen und Feuchtgebiete noch nicht von Vogelfreunden, Anglern, Surfern und Kanuten heimgesucht worden sind, treiben Deichbauer und Wasserwirtschaftler ihr Zerstörungswerk.

Für die von Eindeichungsprojekten betroffenen, weltweit einzigartigen S.68 Nordseewatten, die Kinderstube vieler Fisch- und Vogelarten, ist nach Ansicht der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz »das Signal endgültig auf Rot gesprungen«. In Süddeutschland stehen mit dem Ausbau von Donau und Altmühl samt ihrer Talauen Biotope zur Zerstörung an, die als Rast- und Überwinterungsgebiet für 159 (darunter 46 aussterbende) Brutvogelarten internationale Bedeutung haben.

Vielerorts sind Gewässer durch Giftstoffe verseucht. Weil die meisten an Seen und Flüssen lebenden Vogelarten wie Reiher, Eisvogel und Adler Endglieder nasser Nahrungsketten sind, wirken sich bei ihnen die tückischen, kaum abbaubaren Chemiegifte am verheerendsten aus. Das ist eine der vielen Ursachen dafür, daß in den letzten Jahrzehnten von den 22 in Westdeutschland einst registrierten Greifvogelarten vier ausgestorben sind; die 18 verbliebenen Arten gelten als zumindest gefährdet, wenn nicht als akut bedroht.

Anachronistisch muten angesichts der allgegenwärtigen Langzeitgifte die Methoden an, mit denen deutsche Vogelschützer das stille Sterben zu bremsen versuchen. Ob in Schleswig-Holstein, wo die letzten vier Seeadlerpaare brüten, oder in Bayern, wo es nur noch fünf bis zehn Wanderfalkenpaare gibt - überall bewachen Dutzende von Freiwilligen im Schichtdienst die rar gewordenen Horste.

Ob mit Erfolg, steht dahin. Der Jäger und Autor Reginald Huber ("Die Pirsch") jedenfalls ist sicher, daß Greife »mit Sicherheit nicht« im nächsten Jahr wieder in einer Gegend horsten werden, wo »zwanzig Studenten die Horste rund um die Uhr ''bewachen'' und in den entscheidenden Phasen noch in den Horst hineinsteigen, um ''wissenschaftliche Photographien'' zu machen«.

Die Greifvogel-Schützer dagegen rechtfertigen ihren Wachtdienst in der Waldeinsamkeit mit dem Gerücht, in Westdeutschland gehe eine »Adlerbande« um, die im Auftrag arabischer Scheichs die Nester ausnehme. Für jeden der im Orient als Herrschaftssymbol begehrten Vögel würden rund 20 000 Mark gezahlt.

Wenn weniger Greifbares als Greifdiebstahl Arten verschwinden läßt, reagieren Tierschützer, Naturschutzpolitiker und Fachwissenschaftler häufig ratlos. Spezialistentum habe, meint der Biologe Vester, allenthalben dazu geführt, daß »wir zwar viele Einzeldinge immer besser, jedoch die vernetzte Wirklichkeit immer weniger verstehen«.

»Wir alle müssen weg vom Kästchendenken«, forderte denn auch jüngst, bei der Vorstellung eines Landes-Naturschutzprogramms, der niedersächsische Oppositionsführer Karl Ravens. Tatsächlich hätte etwa die Antwort auf die Frage, warum 33 Prozent aller westdeutschen Großschmetterlingsarten derzeit aussterben, kein Insektenspezialist im Alleingang finden können. Nur im Team mit Botanikern und Bodenchemikern ließ sich das Rätsel lösen:

Zum einen sind die meisten Falter (und ihre Raupen) hochspezialisierte Feinschmecker und daher auf jeweils bestimmte Wirtspflanzen angewiesen. Der selten gewordene Apollofalter kann ohne die Weiße Fetthenne nicht überleben, der Moosbeerenbläuling nicht ohne Moosbeere, der Thymianbläuling nicht ohne Thymian.

Zum anderen ist jede dieser Wirtspflanzen gleichfalls hochspezialisiert und an bestimmte Plätze gebunden. Die aber werden immer seltener.

Die Weiße Fetthenne - erstes Beispiel - gedeiht (wie 164 andere gefährdete Pflanzenarten) nur in sogenannten Trockenrasengebieten, auf felsigen, warmen Standorten. Deren Zahl sinkt rapide, zum Beispiel aufgrund der Flurbereinigung im Weinbau, wo mehr und mehr großmaschinengerechte, geometrisch gestaltete Rebterrassen vom Reißbrett entstehen.

Die Moosbeere - zweites Beispiel eines Falter-Spezialfutters - wächst (wie 123 weitere gefährdete Pflanzenarten) ausschließlich unter den extremen Bedingungen der Hochmoore. Die aber sind durch ungehemmten Torfabbau und durch Trockenlegung in den letzten Jahrzehnten auf ein Zehntel ihres ursprünglichen Bestandes geschrumpft.

Selbst in Niedersachsen, dem moorreichsten Bundesland, gibt es kein einziges ungestörtes größeres Hochmoor mehr. Die Verluste sind kaum je wiedergutzumachen: Die Neubildung eines Hochmoores dauert, bei einem jährlichen Wachstum von einem Millimeter, Jahrhunderte.

Der Thymian schließlich - drittes Beispiel - wächst (wie viele Ackerkräuter und etliche Orchideenarten) nur auf schwach beweideten »Streuwiesen«, die S.70 Bauern lediglich einmal jährlich mähen, um Streu fürs Vieh zu gewinnen. Diese Flächen jedoch werden zunehmend durch üppige Stickstoffdüngung in Wirtschaftswiesen verwandelt, von denen der Thymian, und mit ihm der Thymianbläuling, rasch verschwindet.

Genauer besehen, ist es noch komplizierter: Selbst dort, wo der Thymian blüht, stirbt sein Bläuling vielerorts aus.

Denn wie ungezählte andere Insektenarten ist der Thymianbläuling nicht nur auf eine bestimmte Futterpflanze, sondern obendrein auf ein bestimmtes Wirtstier spezialisiert: Seine Raupen müssen einen Teil ihrer Entwicklung in den Nestern von Ameisen verbringen - die allerdings eine Wiese nur besiedeln, solange sie schwach beweidet wird.

»Sommertage ohne Falter«, kommentiert die NRW-Landesanstalt für Ökologie solche Zusammenhänge, »haben nicht nur an Schönheit und Vielfalt verloren, sie zeigen vielmehr einen Bruch in den Nahrungsketten der Ökosysteme, ein Ungleichgewicht der Natur an.«

Nur allzu häufig liegen Ursache und Wirkung ähnlich weit voneinander entfernt wie die Beweidung einer Wiese und das Aussterben einer Schmetterlingsart. Zumeist sind sich die Täter ihrer Mitverantwortung für den galoppierenden Artenschwund gar nicht bewußt.

Da herrscht kein böser Wille, wenn etwa ein Kirchenvorstand beschließt, das Gotteshaus samt Turm mal renovieren zu lassen. Das Holzschutzmittel jedoch, mit dem die Balken gespritzt werden, beraubt Dutzende von Fledermäusen ihres letzten Quartiers; alle 22 heimischen Arten, von der Zwergfledermaus bis zur Großen Hufeisennase, sind vom Aussterben bedroht.

Welcher Vogelfreund weiß schon, daß er seinen gefiederten Lieblingen im Winter mit üppig gefüllten Futterhäuschen, mit Meisenringen und Talgtöpfen unter Umständen mehr schadet als nützt: Die künstlich durchgefütterten Wintergäste machen den im Frühjahr heimkehrenden Zugvögeln den Lebensraum streitig. Und manche Kohlmeise, von Tierfreunden verwöhnt, sucht hinfort lieber auf Balkonen nach Brotkrumen und anderen Leckerbissen, als mühsam nach Insekten für den Nachwuchs zu schnappen - obwohl tierisches Eiweiß für die Meisenjungen lebenswichtig ist.

Pure Ignoranz ist womöglich die Ursache, wenn ein Forstmann Rotbuchen schon nach 100 statt nach 250 Jahren fällen läßt. Wahrscheinlich hat er schlicht vergessen, daß der Schwarzspecht seine Höhlen nur in mächtige, zumindest 120 Jahre alte Bäume meißeln kann.

Spechte wiederum tragen nicht nur dazu bei, die Zahl der Baumschädlinge, auch der Borkenkäfer, zu begrenzen, sondern gelten unter Naturkundlern geradezu als »Schlüsselfiguren unserer Wälder« (BUND). Denn auf verlassene Specht-Behausungen sind eine Reihe von Vögeln wie Hohltaube, Dohle und S.71 Rauhfußkauz angewiesen, die zwar in Höhlen brüten, aber selber keine bauen können.

Sicherlich ist es auch gut gemeint, wenn Tausende von Dorfpolitikern im Zuge des bundesweiten Wettbewerbs »Unser Dorf soll schöner werden« den Ordnungssinn ihrer Bürger bis zur Putzsucht steigern. Da wird dann städtischen Vorbildern nachgeeifert, der Hof geteert, die Feldsteinmauer abgerissen und der letzte Rest von Wildwuchs in Ritzen und Rinnsteinen, an Wegrändern und in verborgenen Winkeln mit Wuchshemmern und Waschbetonplatten vertrieben.

Solchen Säuberungsaktionen aber fallen regelmäßig Dutzende gefährdeter Wildpflanzen (Volksmund: »Unkraut") wie Eselsdistel und Schwarznessel, Guter Heinrich und Wilde Malve zum Opfer. Selbst das schlichteste Grün indes stiftet noch hohen ökologischen Nutzen: Auf dem ordinären Wegerich leben die Raupen von 48 Falterarten, auf den Löwenzahn sind 41 und auf die verfemte Brennessel 25 Arten angewiesen. Wilde Kräuter wie die Kratzdistel liefern Hummeln und Honigbienen Pollen oder Nektar.

Mangel an Grundwissen über ökologische Zusammenhänge scheint die Ursache, wenn Hausbesitzer ihren Garten mit Mauern statt Hecken umgeben und damit den Igel aussperren. Oder wenn Landwirte ihre verwitterten hölzernen Zaunpfähle durch Plastikstangen ersetzen und damit Nutzwespen um ihre Nistplätze bringen.

Gedankenlosigkeit ist zumeist der Grund dafür, daß Kommunalpolitiker ausgebeutete Kiesgruben einfach auffüllen und einebnen lassen - statt, wie Naturschutzverbände empfehlen, die »einmalige Chance« zu nutzen, die Löcher in der Landschaft als »sekundäre Lebensräume« für eine Fülle von Tier- und Pflanzenarten sicherzustellen, die wie die Uferschwalbe anderswo vertrieben und nur noch in den Sandkuhlen heimisch sind.

Die Summe solcher Fehler und Versäumnisse, so geringfügig sie im Einzelfall anmuten, verschüttet wahrscheinlich fast ebenso viele ökologische Nischen bedrohter Tier- und Pflanzenarten wie der Hauptverursacher der Naturvernichtung: die Landwirtschaft.

»Wer behauptet«, sagt Professor Wolfgang Engelhardt, Präsident des Deutschen Naturschutzringes (DNR), »der Landwirt von heute sei der beste Landschaftspfleger, erzählt ein Märchen.«

Es ist schon absurd: Trotz Obstvernichtung, trotz Zuckerbergen und Milchpulverhalden bewirkt die Agrarpolitik noch immer »Steigerung des Einsatzes von Energie, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln«, fördern Bonn und Brüssel weiterhin »die Tendenz zur Überschußproduktion und zur Ausweitung der Produktionsflächen zu Lasten letzter naturnaher Biotope« (Engelhardt).

Politischen Zwängen gehorchend, haben Westdeutschlands Bauern, die 56 Prozent des Bundesgebietes bewirtschaften, in den letzten Jahrzehnten wie kein anderer Berufsstand Lebensräume gefährdeter Arten zerstört und natürliche Kreisläufe durchbrochen - und das keineswegs nur mit der Giftspritze.

Weil infolge der Brüsseler Agrarpolitik Lein, Öl- und Hülsenfrüchte zu Billigpreisen importiert werden können, haben die meisten bundesdeutschen Landwirte den Anbau dieser Pflanzen aufgegeben. Damit aber ist, so der Frankfurter Agrarstrukturforscher Professor Hermann Priebe, »der altbewährte Fruchtwechsel kaum mehr möglich, der zur S.72 Erhaltung der natürlichen Produktionsgrundlagen und für einen integrierten Pflanzenschutz mit biologischen Mitteln erforderlich wäre«.

Verengung der Fruchtfolge und Steigerung der Stickstoffdüngung wiederum bewirken nach Feststellung der Biologischen Bundesanstalt direkt oder indirekt die Zunahme von Blattlausbefall und Ährenkrankheiten. Wird darauf mit verstärktem Gifteinsatz reagiert, brechen oft benachbarte Rest-Biotope zusammen. »In einer nur drei Meter breiten Hecke zwischen zwei intensiv genutzten Maisfeldern gibt es kaum noch Lebensraum für Arten«, sagt der Stuttgarter Landschaftsplaner Giselher Kaule: »Das überlebt keine Kröte und auch kein Laufkäfer.«

Zur Ausrottung von Tierarten können auch betriebswirtschaftliche Umstrukturierungen beitragen, deren biologische Auswirkungen sich erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen.

Solange ein und derselbe Landwirt zugleich Ackerbau und Viehzucht betrieb, warfen die wichtigsten Abfallprodukte, Mist und Jauche, keinerlei Probleme auf: Beide Stoffe waren gefragte organische Dünger. Seit aber die Zahl der Mischbetriebe schwindet und der Trend zur Massentierhaltung wächst, ist der alte Kreislauf unterbrochen.

Die Gülle wirkt, eingeleitet in Bäche und Flüsse, wie pures Gift, das nach Feststellung des DNR für 37 bis 70 Prozent aller Fischsterben in Bayern verantwortlich war. In viehlosen Spezialbetrieben wiederum zwingt das Fehlen von Naturdung zum verstärkten Einsatz von Industrieprodukten auf den großflächigen Agrarsteppen.

Allerorten haben zudem Flurbereinigung und Trockenlegung feuchter Wiesen komplizierte biologische Wirkungsgefüge zerstört. Daß in der Bundesrepublik binnen zehn Jahren die Zahl der Teiche und Tümpel um zwei Drittel gesunken ist, hat das Aussterben von Kröten, Fröschen, Molchen und anderen Lurchen rapide beschleunigt. Elf von 19 Arten sind nun gefährdet.

Die professionellen Flurbereiniger haben nicht gewußt oder sich nicht darum geschert, daß zum Beispiel Erdkröten zur Fortpflanzungszeit instinktiv und unablenkbar nur ganz bestimmten Stellen zustreben, die sich seit Generationen als Laichplätze bewährt haben.

Ist ihr Geburtsgewässer zugeschüttet, sind die Tiere nicht in der Lage, einen Ersatzplatz zu suchen - Nachkommenschaft bleibt aus.

Wo die alten Tümpel noch erhalten sind, haben Angelvereine oder Aquarianer häufig mit »ökologischen Schildbürgerstreichen« (Biologe Kurt) den Lebensraum der Lurche verfälscht: Ausgesetzte Bachforellen oder Goldfische, Fremdlinge in stehenden Gewässern, erweisen sich für die Amphibien und ihren Nachwuchs oft als mörderische Gefahr. S.73

Für viele Fischarten wiederum sind die Fließgewässer zu Todesfallen geworden - durch Begradigung, Betonierung, Stauung oder durch die Anlage von Fischteichen im Quellgebiet.

Ohne Skrupel, aber mit Erfolg hat vor allem die Landwirtschaft solche Eingriffe jahrzehntelang gefordert. Allmählich erst erschließt sich den Politikern, daß die behördlichen Wasserbauer ein gut Teil Schuld daran haben, daß in Süddeutschland rund 80 Prozent aller Süßwasserfische bereits ausgestorben oder gefährdet sind. Hauptgründe:

* Brutale Begradigung und Nivellierung von Bach- und Flußbetten mit Bagger und Fräse vernichten regelmäßig die »Zehrzonen« der Fische im ruhigen Tiefwasser, beseitigen Laichorte auf Sandbänken wie in Altarmen und zerstören Verstecke in einstmals tief unterspülten und reich gegliederten Ufern.

* Barrieren wie Wehre und Staumauern, aber auch einzelne permanent verschmutzte Bach- oder Flußabschnitte sind für Wanderfische unüberwindbare Hindernisse, so daß Laichzüge und der Austausch von Erbgut zwischen Teilpopulationen unterbleiben.

* In den ursprünglich glasklaren, kühlen Quellbereichen, in denen viele Flußfische ihren höchst empfindlichen Laich ablegen, genügt schon geringfügige Wassererwärmung oder -verschmutzung, etwa durch Abwässer aus Fischteichen, um die Vermehrung einer Art schlagartig zu unterbrechen.

* Durch Aussetzen räuberischer Großfische verfälschen Angler häufig die Gewässerfauna zu Lasten des »Fischunkrauts«, wie die zwar wirtschaftlich uninteressanten, aber ökologisch bedeutsamen Kleinfischarten unter Sportanglern heißen.

Das alles hat dazu geführt, daß selbst einstmals millionenfach verbreitete Minifische wie das Moderlieschen nun auf den roten Sterbelisten stehen - eine Entwicklung, die längst noch nicht abgeschlossen ist.

Denn verstärkt wird das Fischsterben noch durch die Übersäuerung vieler Gewässer aufgrund schwefelhaltiger Niederschläge aus Industrieschornsteinen - ein Phänomen, das keineswegs nur in Kanada und in Skandinavien, sondern seit einiger Zeit auch im Bayerischen Wald und im pfälzischen Hunsrück zu beobachten ist.

Das Fischsterben wird unweigerlich den Artentod anderer Tiere nach sich ziehen. Die bisweilen komplizierten Ursachen wie auch die weitreichenden Folgen etwa des Kleinfischschwundes erhellt das Beispiel des Bitterlings: Selbst wo das Wasser noch sauber genug ist, um den fingergroßen Fisch am Leben zu halten, stellt sich oft kein Nachwuchs mehr ein. Denn minimaler Schmutzgehalt S.74 reicht bereits hin, um die Fluß- oder die Teichmuschel abzutöten, die dem Bitterling als Laichgefäß dient. Ohne diese Muschel ist der Fisch nicht mehr fortpflanzungsfähig.

Bitterling und andere Millionenfische aber, die noch vor wenigen Jahrzehnten in vielen Gewässern den Hauptanteil der Biomasse ausmachten, haben einst die Mückenplage in Grenzen gehalten, die nun mit Insektiziden bekämpft wird. Sie waren wichtige Glieder der Nahrungskette: Ihr Verschwinden ist eine der Ursachen für den Rückgang von Großfischen, aber auch von Fischkonsumenten wie Eisvogel und Graureiher.

Die Reiher weichen, nachdem ihre natürlichen Nahrungsquellen versiegt sind, zu Hunderten auf kommerziell betriebene Fischteiche aus. Dort werden sie mancherorts mit behördlicher Sondergenehmigung geschossen, obwohl sie in den Roten Listen in der (zweithöchsten) Gefährdungskategorie »A 2« geführt werden.

So wie die Wasserbauer den Lebensraum der Fische und der Fischfresser verkorkst haben, sind die Straßenbauer die Haupturheber des Rückgangs vieler Landtiere.

Denn die zwischen Autobahnen, Chausseen, Forststraßen und Agrarwegen noch verbliebenen unzerstückelten Areale, die sogenannten ökologischen Nettoflächen, sind durchweg kleiner als die Reviere vieler Wildtiere. Während Rehe einen Raum brauchen, der vierzigmal so groß ist wie ein Fußballplatz, beansprucht ein einziger Fuchs oder ein Rothirsch schon mal zehn Quadratkilometer, die Fläche einer Kleinstadt.

In der Bundesrepublik gibt es nur noch gut hundert Quadrate mit einer Seitenlänge von zehn Kilometern, die nicht durch Verkehrswege erschlossen sind. Wie sehr die Landschaft schon zerschnitten ist, zeigt eine Untersuchung aus dem Raum Tübingen: Bereits Anfang der siebziger Jahre bestand der Landkreis aus rund 10 000 Teilflächen, von denen 40 Prozent kleiner waren als 4,5 Quadratkilometer.

Alljährlich werden denn auch in der Bundesrepublik Millionen von Rehen, Hasen und Igeln auf dem Weg zwischen Nahrungsgrund und Ruheplatz übergemangelt und Abermillionen von Kröten, Fröschen und anderen Lurchen auf ihren Laichwanderungen plattgewalzt.

Der »Schlachtbankeffekt des Straßenbaus« (so der niedersächsische Landschaftsarchitekt Uwe Derboven) ist nur die augenfälligste Folge der Betonierungspolitik. Andere, von Laien kaum wahrnehmbare Konsequenzen sind langfristig nicht minder bedeutsam.

So widersinnig es anmuten mag: Besonders bedroht sind durch die anhaltende Parzellierung der Bundesrepublik jene Tiere, die Straßen und Wege nicht überqueren, zum Beispiel viele Kleinsäuger.

Wissenschaftliche Untersuchungen über die Isolationswirkung von Straßen belegen, daß ein Waldmausbestand durch den Bau eines Verkehrsweges in zwei Teilpopulationen ohne jeglichen Individuenaustausch aufgetrennt wird. Diese Inselbildung führt zu Inzucht und Erbschäden und beschleunigt das Aussterben gefährdeter Arten.

Selten gewordene Biotope wie die besonders bedrohten Feuchtgebiete und Moore müssen nach Ansicht des Göttinger Geobotanikers Professor Heinz Ellenberg mithin künftig für Autobahn- und Straßenbauer »unbedingt tabu« sein. Dennoch werden Verkehrswege wie etwa eine geplante »Moorautobahn« von Hamburg nach Cuxhaven wohl auch S.75 weiterhin vor allem durch Feuchtbiotope und Wälder gezogen - Boden ist dort am billigsten zu haben.

Dieser Trend wäre halb so schlimm, würden nicht zugleich innerhalb der straßenumgebenen Mini-Reviere jene Requisiten schwinden, die eine Fläche erst zum Lebensraum machen: nicht allzu weit voneinander entfernte Nahrungsquellen, Deckungsmöglichkeiten, Paarungs- und Aufzuchtplätze.

Wo das ursprüngliche Nebeneinander von Bäumen, Bachschleifen, Wiesen, Büschen, Wäldern und Böschungen abgelöst worden ist durch Monokulturen, durch chemisch reine Maisfelder oder Rübenäcker, da ist kein Platz mehr für die Vielfalt von Flora und Fauna.

Eine naturnahe, der Flurbereinigung noch nicht zum Opfer gefallene Landschaft, ein kleinteiliges Mosaik verschiedener Nutzungen dagegen bietet, wie Biologe Vester aufzählt, in der Regel Lebensraum für »ine reichhaltige Tierwelt, unter anderem: Reh, Dachs, Fuchs, » » Fischotter, Feldhase, Steinmarder, Iltis, Hermelin, Hamster, » » Maulwurf, Feldmaus, Weißstorch, Mäusebussard, Waldohreule, » » Ringeltaube, Rebhuhn, Wachtel, Teichfrosch, Erdkröte, » » Ringelnatter, Zauneidechse, Mühlkoppe, Bachforelle, » » Prachtlibelle, Gelbrandkäfer, Goldlaufkäfer, Maikäfer, » » Trauermantel, Ackerhummel, Flußkrebs. »

Ist eine solche Landschaft erst einmal von Flurbereinigungsexperten auf- und ausgeräumt worden, schnellt zwar häufig die Gesamtzahl der Tierindividuen (vor allem sogenannter Schädlinge) in die Höhe, die Zahl der Tierarten aber sinkt (siehe Schaubild Seite 71). Gewöhnlich bleiben nur Reh und Rebhuhn, Hase und Fuchs, Mäuse und Bussard - vorerst.

Der Feldhase, einst ein Fruchtbarkeits- und Potenzsymbol, zählt heute zu den potentiell gefährdeten Tierarten. Die Jagdstrecken sind in Mitteleuropa binnen zweier Jahrzehnte auf ein Viertel oder ein Fünftel zurückgegangen.

Des Hasen Tod sind nicht etwa zu viele Füchse, sondern Kreiselmähmaschinen und Straßenverkehr, Biozide und Dünger, vor allem aber im Herbst und Winter Mangel an Deckung und Nahrung auf abgeernteten landwirtschaftlichen Großflächen, in baum- und buschlosen Feldmarken.

Auf ein Viertel oder ein Fünftel des einstigen Bestandes, vielerorts noch stärker, ist auch das Rebhuhn reduziert worden. Wie der Hase geht dieses Tier letztlich »an der Landschaft selbst« (Kurt) zugrunde: Dem Insektenvertilger fehlen Hecken und Haine mit Kräutern und Feldblumen, auf denen Hummeln summen und Schmetterlinge wimmeln.

Für absurd halten Naturschützer angesichts der wahren Ursachen des Hasen- und Rebhuhnsterbens die Methoden, mit denen Jäger und Bauern vielerorts versuchen, den Niedergang des Niederwildes aufzuhalten: Als Patentrezept gilt den Lodengrünen der vermehrte Abschuß der (ebenfalls gefährdeten) Greifvögel, denen sie das Verschwinden von Hasen und Rebhühnern anlasten.

Dabei wissen Ökologen seit Jahrzehnten, daß keineswegs die Zahl der Raubtiere den Bestand der jeweiligen Beutetiere regulie rt: Komplizierte Regelkreise mit einer Vielzahl von Variablen sorgen nach dem kybernetischen Prinzip der Rückkopplung dafür, daß bestimmte Größen auf Dauer weder über- noch unterschritten werden, Räuber mithin niemals ihre Beutetiere ausrotten (siehe Schaubild Seite 76 unten).

Biologe Vester fachversimpelt dieses Prinzip mit einem Beispiel: »Je schneller ein Raubtier läuft, desto mehr Beute fängt es. Je mehr Beute es frißt, desto dicker wird es, desto langsamer läuft es, desto weniger Beute fängt es, desto dünner wird es, desto schneller kann es wieder laufen, wieder mehr Beute fangen und so weiter.«

Weder Politikern noch den meisten Landwirten scheint klar, daß durch jeden Eingriff in eine natürliche Lebensgemeinschaft, durch Artenausrottung wie durch Monokultur, solche komplizierten biologischen Regelmechanismen irreparabel lädiert werden können.

Der Kieler Ökologe Professor Wolfgang Tischler illustriert den in den meisten S.76 Lebensräumen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Artenvielfalt und natürlichem Gleichgewicht mit einem Vergleich: »Stellen Sie sich einen Sandhaufen vor. Nehmen Sie ein Sandkorn heraus, und es wird nichts passieren. Jetzt versuchen Sie das mal bei einem Haufen, der aus wenigen großen Steinen besteht. Er wird vermutlich zusammenstürzen.«

Ist das natürliche Gleichgewicht durch menschliche Eingriffe erst einmal zerstört, läßt es sich nur schwer wiederherstellen. Naturschützer, die allein die Hege oder die Wiederansiedlung bestimmter Arten im Auge haben, nicht aber die Erhaltung des gesamten Lebensraums, vergrößern oft nur den Schaden.

Wildbiologe Kurt kritisiert beispielsweise Naturschutz-Enthusiasten aus aller Welt, die mit Spenden einen Nationalpark für die bedrohte archaische Tierwelt der pazifischen Galapagos-Inseln einrichten halfen, zugleich aber die Gefährdung des Ökosystems noch verstärkten: Photographierende Naturfreunde störten jahrelang das Brutgeschäft geschützter Vögel, zertraten Eier und verschmutzten mit Abfällen die Jagdgründe und Aufzuchtstätten von Seelöwen und Pinguinen.

Viele Naturschützer, tadelt Kurt, »stellen in der Absicht, eine oder wenige Arten mit allen Mitteln erhalten zu wollen, das Überleben ganzer Lebensgemeinschaften in Frage. Meist schießen Artenschützer mit wohlgemeinten, aber falschen Eingriffen ganz gehörig am Ziel vorbei«.

Beschleunigt worden ist die Ausrottung von Tierarten durch die ökologische Unkenntnis von Menschen, die, gezielt oder unfreiwillig, einzelne Spezies in ungeeigneten Biotopen ansiedelten.

Ein Lehrbuch-Beispiel vollzog sich, schon im letzten Jahrhundert, in der Karibik: Nachdem Ratten, die als blinde Passagiere auf die Westindischen Inseln gekommen waren, dort die Zuckerrohrplantagen heimgesucht und eine Vielzahl einheimischer Hühnerarten ausgerottet hatten, wurden 1872 auf Jamaica Mungos ausgesetzt. Die ostindische Schleichkatze, die als natürlicher Feind der Ratte galt, vernichtete jedoch große Teile der Bodenfauna wie Mäuse, Frösche, Eidechsen und andere Insektenfresser (was Insektenplagen verursachte) und machte sich schließlich selbst über Haushühner her.

Ähnliches geschah auf Neuseeland, wo der legendäre Kapitän Cook 1777 Schweine, Schafe und Geflügel aussetzte und wo später englische Siedler Jagdwild wie Waschbär und Wiesel ansiedelten. Die Folge waren verheerende Waldvernichtung und die Ausrottung von 25 neuseeländischen Vogelarten.

Auf ähnliche Weise - durch Faunenverfälschung, wie Biologen sagen - starben im 19. Jahrhundert weltweit rund 30 Prozent aller damals verschwindenden Tierarten aus. Heute ist immerhin noch jede fünfte bedrohte Art durch den Import von Exoten gefährdet, die sich auf Kosten einheimischer Konkurrenten breitmachen.

Sind Tierarten erst einmal, auf welche Weise auch immer, aus der freien Wildbahn verdrängt und, gleichsam als lebende Fossilien, nur noch in Zoos und Reservaten zu Haus, ist es für ihre Rettung oft zu spät. Versuche von Artenschützern, verdrängte Tiere wiederanzusiedeln, enden häufig »mit verheerendem Erfolg«, wie Biologe Kurt bemerkt.

Die Wiedereinbürgerung von Tigern etwa, die vielerorts schon lokal ausgerottet sind, in Zoos aber überproduziert werden, scheitert an Verhaltensänderungen. Kurt: »Eine Tigermutter im Zoo, die zwangsläufig mit toter Beute gefüttert werden muß, kann ihrem Nachwuchs S.77 begreiflicherweise das Jagen nicht beibringen.«

Oft auch hat sich der einstige Lebensraum so sehr verändert, daß eine Wiederansiedlung schon aus diesem Grund scheitern muß. Hawaiigänse, in England gezüchtet, können sich in ihrer ursprünglichen Heimat nicht mehr fortpflanzen, weil ihre Eier dort jetzt von verwilderten Hausschweinen gefressen werden.

Oder: In Nordsumatra gelang es Tierfreunden zwar, in einer eigens eingerichteten Rettungsstation Orang-Utan-Waisen aufzupäppeln. Spenden für die Station flossen reichlich: »Die Pflegebedürftigkeit der Affenwaisen«, sagt Kurt, »überzeugt spontan die Naturschützer.« Ob die Orang-Utans aber jemals wieder in Freiheit leben können, ist fraglich: Große Holzgesellschaften roden derzeit die Wälder, in denen die Affen aufgewachsen sind - keine Tierschützer-Aktion hält die großflächige Zerstörung dieses Lebensraums auf.

»Wir Tierfreunde aus dem Westen«, kommentiert Kurt den Vorgang, »bemerken zwar durchaus die Gefährdung einer großen spektakulären Tierart und sind auch bereit, etwas zu ihrer Rettung zu unternehmen. Meist ist dies aber ein sinnloser Kampf gegen das Symptom einer tiefgreifenden Umweltzerstörung.«

Skeptisch beurteilt Kurt so »werbewirksame Artenschutzexperimente« wie die »in Mode geratenen Wiedereinbürgerungsversuche mit Biber, Fischotter und wohl bald einmal Bartgeier«.

Denn: »Glaubt tatsächlich jemand, wir würden es in unserer Kulturlandschaft einer Biberfamilie erlauben, ihren kleinen Fluß mit einem aus gefällten Uferbäumen errichteten Damm kräftig zu stauen? Wegen einer Handvoll Biber oder Fischotter werden unsere verschmutzten Gewässer ebensowenig sauberer, wie es die Luft wegen einiger über ihrem künstlichen Aasplatz kreisender Bartgeier wird.«

Schlichter Artenschutz gilt Fachleuten wie Kurt als »Kinderkrankheit des Naturschutzes«, die überwunden werden müsse. Für sie setzt Artenschutz zwingend Biotopschutz voraus, die Bewahrung der artenspezifischen Umwelt vor Zerstörung durch Gift und Gülle, Abfall und Abgase, Trockenlegung und Zerstückelung.

Aus dieser Sicht ist ein Lebewesen, sei es die Biene oder der Fischegel, nicht nur um seiner selbst willen bewahrenswert: Es verdient Schutz vor allem als Bestandteil eines ökologischen Räderwerkes, dessen Regulations- und Regenerationskräfte wiederum das Überleben anderer Arten, nicht zuletzt des Menschen, sichern (siehe Schaubild Seite 79).

So verstandener Naturschutz läßt die Grenzen zum eher technisch orientierten, S.78 auf den Menschen bezogenen Umweltschutz verschwimmen: Der nackte Affe lebt, mehr als er häufig ahnt, in denselben Abhängigkeiten wie viele höhere Tiere.

Daß Eingriffe in den Naturhaushalt biologische Reaktionen auslösen, deren Folgen früher oder später auch den Menschen treffen - diese These können Ökologen mit einer Fülle von Beispielen belegen.

So ist längst die Illusion zerplatzt, der vom Bonner Gesetzgeber zugelassene Grad der Luftverschmutzung durch Industrieabgase schade allenfalls empfindlichen Lurchen oder Nadelbäumen, nicht aber dem Menschen. S.79 Mittlerweile bestehen kaum mehr Zweifel, daß jener Schwefelregen, der Deutschlands Nadel- und Laubbäume sterben läßt, dazu beiträgt, daß die Bundesrepublik eine der welthöchsten Krebsraten hat (SPIEGEL 47 - 49/1981).

Geschwunden ist auch der Glaube, Industrieabwässer vergifteten allein ein paar Flußfischarten: Pestizide und Schwermetalle wie Quecksilber und Kadmium sind eindeutig als Gefahren auch für die menschliche Nahrung und das Grundwasser sowie als Verursacher diverser Zivilisationskrankheiten identifiziert worden (SPIEGEL 35 - 36/1981).

Auch die Intensivdüngung landwirtschaftlicher Flächen mit besonders leicht löslichen Industriestickstoffen, oft nach dem bäuerlichen Erfahrungsgrundsatz »Viel hilft viel«, trägt nicht nur dazu bei, daß Flüsse umkippen und Fische sterben. Vielerorts in Westdeutschland ist die Nitrat-Konzentration im Grund- und Trinkwasser bereits so hoch, daß dessen Genuß bei Babys Blausucht auslöst.

Selbst wenn Laien glauben, ein Umweltproblem sei regional gelöst, ist die Gefahr oft keineswegs gebannt. Viele Giftstoffe wie DDT, deren Anwendung im Herstellerland, etwa der Bundesrepublik, verboten ist, werden in die Dritte Welt exportiert und dort von ländlichen Analphabeten zumeist in Überdosen auf solche Früchte gesprüht, die zwecks Ausfuhr makellos aussehen müssen - die Giftstoff-Exporte erweisen sich als Bumerang.

In der Dritten Welt wiederum registrieren Ökologen allenthalben, daß exakt jene Faktoren, die dort Tierarten wie den Tiger aussterben lassen, zugleich die Hauptursachen für Bodenerosion, Überweidung und Dürrekatastrophen sind - Plagen, die ganze Landstriche buchstäblich verwüsten und millionenfach Menschen sterben lassen.

»Wenn wir den Tiger in Indien schützen, so stellen wir ihn nicht über die hungernde Bevölkerung«, sagt Vester. »Was ihn schützt, schützt auch den Menschen: der Dschungel, der das Klima stabilisiert, die Luft reinigt und feucht hält, für die Wasserhaltung sorgt und im übrigen dem Tiger genügend Nahrung liefert.«

Erst wenn der Urwald, das natürliche Habitat dieser Großkatze, abgeholzt ist und damit die Beutetiere des Tigers verschwunden sind, vergreift er sich an Viehherden.

Die Bauern dort erzielen mit der Beweidung der gerodeten Urwaldflächen, wie Ökologen wissen, lediglich einen Scheinerfolg, der den Hunger letztlich nur vergrößert. Denn der sintflutartig niederprasselnde Regen jener Zonen schwemmt binnen kurzem die dünne Humusschicht fort. Vester: »Zwei oder drei Jahre lang bebaut, und der ehemalige Urwaldboden ist tot, die Ernte sinkt auf Null.«

Wo Rettung und Reparatur eines beschädigten Lebensraumes noch möglich sind, erweisen sie sich häufig als kompliziert wie ein Riesenpuzzle. Zu bewältigen sind solche Aufgaben nicht mehr von Botanikern oder von Zoologen, sondern nur im Zusammenwirken mit Ökologen und Ingenieuren, Sozialexperten und Medizinern, Klimatologen und Bodenkundlern, Agrarfachleuten und gegebenenfalls Entwicklungshelfern.

Kinderleicht scheint, daran gemessen, auf den ersten Blick der Kampf gegen die klassischen Ursachen von Ausrottung: Tod durch Überjagung oder Überfischung. Jede vierte bedrohte Tierart, meinen Ökologen, werde daran aussterben.

Doch nicht einmal diese Todesart, deren Ursachen offen zutage liegen, vermögen Naturschutzpolitiker wirksam zu bekämpfen, weder in Bonn noch anderswo. Gesetzeslücken und Vollzugsdefizite erleichtern auf allen Kontinenten Wilderern, Schmugglern und Schwarzhändlern das Mordsgeschäft mit Elfenbein, Häuten und Fellen.

Zwar hat letzten Monat das Bonner Landwirtschaftsministerium den Entwurf einer Rechtsverordnung vorgelegt, die Ein- und Ausfuhr beispielsweise von 500 europäischen Wirbeltierarten beschränkt, vom Wildnerz bis zur bayrischen Kleinwühlmaus. Und schon seit 1973 existiert ein internationales Abkommen zum Schutz gefährdeter Tiere und Pflanzen, das die Vermarktung von etwa 750 bedrohten Arten strikt verbietet.

Doch rund 50 Prozent aller Länder, darunter Griechenland, Irland, Spanien und Österreich, haben das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (WA) nicht unterzeichnet. Und viele andere Staaten - vor allem die auf Devisen angewiesenen Länder der Dritten Welt, aber auch die Bundesrepublik - lassen zu, daß es ständig unterlaufen wird.

Das Abkommen macht es ihnen leicht. Es ist, klagt der Zoologe und frühere Münchner Tierpark-Direktor Arnfrid Wünschmann, »durchlöchert wie ein Schweizer Käse«.

Aufgrund von EG-Bestimmungen können beispielsweise Waren aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft unkontrolliert in die Bundesrepublik importiert werden - etwa geschützte Fischotter aus Bulgarien, sofern sie via Griechenland geleitet worden sind.

Der Anreiz, die WA-Regeln auf diese Weise zu umgehen, ist enorm. Die Gewinnspannen im illegalen Geschäft mit aussterbenden Lebewesen übersteigen oft die Profitraten, die im Rauschgifthandel zu erzielen sind.

Bewaffnete Wilderer, ausgerüstet mit Hubschraubern und Funkgeräten, und internationale Schmuggler-Syndikate verschieben Leopardenfelle und Greifvögel in Containern mit doppeltem Boden, deklarieren Wildpapageien als (ungeschützte) Zuchtpapageien oder bugsieren die Rückenpanzer seltener Meeresschildkröten in Kisten mit der Aufschrift »Vorsicht, Schlangen« durch den Zoll.

Deutschland gilt seit langem als wichtigste internationale Drehscheibe im S.80 Schwarzhandel mit Wildtieren, Häuten und Fellen. Allein für den deutschen Markt sterben jährlich rund 5500 Elefanten. Unter den pelzimportierenden Ländern liegt die Bundesrepublik an erster Stelle: 60 Prozent der auf der Welt gehandelten Pelze landen auf westdeutschen Kürschnertischen, darunter die größte Zahl gefleckter Katzen, die nach dem WA nur unter strengster Kontrolle importiert werden dürfen.

Entsprechend stark ist der Druck der Pelz- und Leder-Lobby auf das für Naturschutzangelegenheiten zuständige Bonner Landwirtschaftsministerium, das den Wünschen der Interessenten wiederholt willfährig Folge geleistet hat.

So ließ der Agrarminister einen »Vorbehalt« gegen das (in 64 Staaten geltende) Verbot einlegen, mit den Häuten des Leistenkrokodils Handel zu treiben - obgleich das Reptil, das seit 200 Millionen Jahren in der Natur als Abfallbeseitiger wirkt, fast schon ausgerottet ist.

Mit dem Teilboykott des Abkommens gelang es Bonn, wie der ehemalige Generaldirektor der Internationalen Naturschutzunion, David Munro, bedauert, »den weltweiten völkerrechtlichen Schutz einer aussterbenden Tierart zu unterlaufen«. Allein 1979 importierte die Bundesrepublik eine Drittelmillion Krokodilhäute.

Den einschlägigen Branchen erwies sich Ertl obendrein dadurch gefällig, daß er neben etlichen Wissenschaftlern auch vier Vertreter der Pelzwirtschaft und des Safari-Tourismus in einen Beirat berufen ließ, der sein Ministerium in Artenschutz-Angelegenheiten berät.

Vorschub leisteten Ertls Beamte dem Schlußverkauf bedrohter Arten durch einen sprachlichen Trick: »Country of origin« übersetzten sie in amtlichen Dokumenten mit »Versendungsland« statt mit »Ursprungsland« - was nachgerade dazu einlädt, die heiße Ware über Drittländer zu leiten, die das Abkommen nicht ratifiziert haben.

So konnte es in den letzten Jahren geschehen, daß beispielsweise Elfenbein aus dem elefantenfreien Belgien importiert wurde - ganz legal; Belgien trat erst voriges Jahr dem WA bei.

Wie weit das Bonner Landwirtschaftsministerium die Kumpanei mit dem Kommerz bisweilen treibt, erwies sich 1980, als Ertl, mit mehrjähriger Verspätung, endlich den Entwurf einer Artenschutzverordnung vorlegte.

Das Papier war so dürftig geraten, daß sogar der sonst nicht sonderlich naturschutzfreundliche Agrarausschuß des Bundestages mit einer Fülle von Verbesserungen aufwartete. Ertls Reaktion auf die Bundestagsempfehlungen werteten Naturschützer wie der Frankfurter Zoo-Professor Grzimek als »handfesten Skandal«.

Schriftlich machte ausgerechnet Ertls Naturschutz-Referent, Günther Kolodziejcok, die Lobby gegen die weitergehenden Wünsche des Bundestags mobil. Die Wirtschaft möge, riet der Ministerialrat brieflich, »in geeigneter Weise« auf den Bundesrat einwirken, der wenig später über die Änderungsvorschläge zu befinden hatte.

Empfänger des Briefes aus dem Hause Ertl waren diverse Verbände von Unternehmen, die Tiere und Pflanzen verarbeiten oder vermarkten, vom Verband der Deutschen Rauchwaren- und Pelzwirtschaft über die Vereinigung der am Drogen- und Chemikalien-Groß- und Außenhandel beteiligten Firmen bis zum Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie.

Für die Anti-Naturschutz-Proteste, die das Naturschutz-Ministerium auf diese Weise anregte, lieferte Ertls Referent gleich die Begründung mit. Die vom Parlament vorgesehene Artenschutz-Regelung, soufflierte der Ministerialrat, bedeute einen »unzulässigen Eingriff« in die Grundrechte der »Berufsfreiheit« und der »persönlichen Freiheit«.

Mit dieser Aktion, urteilte bitter der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, habe sich »Herr Ertl als Naturschutzminister endgültig disqualifiziert«.

Die Tierschutzverbände konzentrieren sich seither darauf, die Bundesbürger zum Verzicht auf den Kauf von Leopardenmänteln und Elfenbeinschnitzereien, aufgespießten Schmetterlingen und ausgestopften Papageien zu animieren.

»Solange es einen Markt für solche Produkte gibt«, heißt es in einer Flugschrift des World Wildlife Fund, »wird es Wilderer geben und werden Hintermänner ihnen ihre verbrecherischen Aufträge erteilen.«

So steht vorerst dahin, wie lange es den Orang-Utan, die Galapagos-Riesenschildkröte und den asiatischen Elefanten geben wird, aus dessen abgesägten Füßen begehrte Schirmständer fabriziert werden.

Schon leben in den Zoos mehr indische Jumbos als in freier Wildbahn. Im Dschungel von Burma liegt die Geburtenrate der Dickhäuter bei 2,12, die Sterberate aber bei 3,35 Prozent - der letzte asiatische Elefant, der auf der Erde sterben wird, ist, wie Fachleute befürchten, schon geboren.

Offen ist, welche Überlebenschancen etwa das afrikanische Spitzmaulnashorn hat. Für dessen Nasenhorn, aus dem sich ein angeblich potenzförderndes Pülverchen gewinnen läßt, werden auf fernöstlichen Märkten 100 000 Mark und mehr verlangt.

Vor allem deshalb hat sich der Bestand dieser Art binnen zehn Jahren um 90 Prozent verringert. Derzeit ist knapp ein Prozent der einstmals zwei Millionen Rhinozerosse noch am Leben.

Bis zum Jahr 2000, schätzt der World Wildlife Fund, wird auch das Spitzmaulnashorn ausgerottet sein - as dead as dodo.

Im nächsten Heft

»Regenbogen-Krieger« gegen Chemie-Konzerne - Die neuen Strategien der Naturschutz-Bewegung - Bomben aus dem Untergrund - Formiert sich eine »Grüne Armee Fraktion«?

S.66

Machen wir die Pflanze P durch Anbau zur dominierenden Art, z. B.

eine Körnerfrucht PF, so vermehrt sich die darauf lebende Larve L

und später auch das daraus schlüpfende Insekt I 1. Als Parasit

verschiedener anderer Tiere, etwa von Hasen, Rehen oder Vögeln,

befällt die Larve diese nun stark und sorgt für ihre Dezimierung.

Eine Käferart K, die bisher von der Vogelart V gefressen wurde,

vermehrt sich nun rapide. Ebenso geht es mit den Pflanzen P 1, die

bisher vom Wild W kleingehalten wurden. Die Folge davon ist

vielleicht eine Abnahme weiterer Pflanzenarten P 2 und P 3 und eine

Zunahme von Feldmäusen M, die sich nun vor allem von den neu

hinzugekommenen Körnerfrüchten PF ernähren.

Man sollte nun annehmen, daß man nur das Insekt I 1 zu bekämpfen

braucht, und alles ist wieder im Lot. Weit gefehlt. Dadurch würde

sich nur noch mehr verschieben: Rehe und Hasen W als Pflanzenfresser

der konkurrierenden Pflanzenart P 1 wären zahlreicher, der Jagddruck

der Vögel V auf den Käfer K nähme zu, dieser stünde nun nicht mehr

als Konkurrent für einen zweiten Parasiten I 2 unserer Nutzpflanze

zur Verfügung, aber auch nicht als nützlicher »Schädling« der

konkurrierenden Pflanze P 2. Unsere erste Reparatur, nämlich die

Vernichtung des Insekts I 1, zieht eine erneute, diesmal vielleicht

noch kostspieligere Reparatur nach sich - und so fort.

*

S.75

Reh, Dachs, Fuchs, Fischotter, Feldhase, Steinmarder, Iltis,

Hermelin, Hamster, Maulwurf, Feldmaus, Weißstorch, Mäusebussard,

Waldohreule, Ringeltaube, Rebhuhn, Wachtel, Teichfrosch, Erdkröte,

Ringelnatter, Zauneidechse, Mühlkoppe, Bachforelle, Prachtlibelle,

Gelbrandkäfer, Goldlaufkäfer, Maikäfer, Trauermantel, Ackerhummel,

Flußkrebs.

*

S.65Präparate in einem Laden in Nairobi.*S.67Passagiere der Kansas-Prärie-Eisenbahn bei einer Vergnügungsjagd,1872.*S.78In Bolivien (l.), Venezuela.*

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