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PHILIPPINEN Die ewigen Geiseln

Die Gefangenen von Jolo kämpfen mit den Folgen des Dramas. Von Klaus Brinkbäumer
aus DER SPIEGEL 52/2000

DIE WALLERTS AUS GÖTTINGEN hadern mit ihrem Image, der malaysische Koch hört nachts noch die Schüsse, und der Finne Risto Vahanen fühlt sich stärker und selbstbewusster als vorher - acht Monate sind seit der Entführung von der malaysischen Taucherinsel Sipadan vergangen, und die Opfer versuchen zu verarbeiten, was mit ihnen geschah. Seit dem 9. September sind 20 der 21 Geiseln von Sipadan frei. Nur ein Filipino ist noch in der Gewalt der Abu Sayyaf - tot, wie manche auf Jolo sagen, übergelaufen, wie andere meinen. Ob es einen Drahtzieher in Manila gibt, ob vielleicht sogar der arabische Terrorist Ussama Ibn Ladin hinter der Affäre steht, wie einige Geiseln vermuten, ist bislang ungeklärt. Die philippinische Armee ging gegen die Entführer vor, konnte die Befehlshaber Mujib Susukan und Galib Andang alias Robot allerdings nicht fassen. Der SPIEGEL hat auf Sipadan recherchiert, wo alles begann, und 14 der Geiseln besucht: in Helsinki, Luxemburg, Johannesburg, Malaysia und Göttingen. »Jolo hört nie auf«, sagt Renate Wallert.

DIE WALLERTS AUS GÖTTINGEN hadern mit ihrem Image, der malaysische Koch hört nachts noch die Schüsse, und der Finne Risto Vahanen fühlt sich stärker und selbstbewusster als vorher - acht Monate sind seit der Entführung von der malaysischen Taucherinsel Sipadan vergangen, und die Opfer versuchen zu verarbeiten, was mit ihnen geschah. Seit dem 9. September sind 20 der 21 Geiseln von Sipadan frei. Nur ein Filipino ist noch in der Gewalt der Abu Sayyaf - tot, wie manche auf Jolo sagen, übergelaufen, wie andere meinen. Ob es einen Drahtzieher in Manila gibt, ob vielleicht sogar der arabische Terrorist Ussama Ibn Ladin hinter der Affäre steht, wie einige Geiseln vermuten, ist bislang ungeklärt. Die philippinische Armee ging gegen die Entführer vor, konnte die Befehlshaber Mujib Susukan und Galib Andang alias Robot allerdings nicht fassen. Der SPIEGEL hat auf Sipadan recherchiert, wo alles begann, und 14 der Geiseln besucht: in Helsinki, Luxemburg, Johannesburg, Malaysia und Göttingen. »Jolo hört nie auf«, sagt Renate Wallert.

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Das Paradies wird von 13 Soldaten, 4 Polizisten und 2 Geheimagenten bewacht. Und natürlich von der malaysischen Flotte. Das Paradies ist sicher.

Darum können die Menschen von Sipadan, die tagsüber die Pressluftflaschen aufgefüllt und den Sand aus den Zimmern der Taucher gefegt haben, einen gegrillten Ferkelkadaver mit der Machete zerstückeln und nun beim Dinner ihre Britney-Spears-Platte hören, die ständig springt.

Darum kann die Taucherin Campbell aus Tennessee abends um neun an jene Stelle gehen, wo damals die beiden Boote auf den Strand geglitten sind, und beobachten, wie sich Schildkröten aus dem Wasser schleppen, ein Loch graben und Eier legen, Dutzende Eier.

Darum können Bernd und Lutz, die beiden Lehrer aus Berlin, auf den Holzstühlen am Ende des Stegs sitzen, in denen damals die Wallerts saßen, und die Sonne in der Celebes-See versinken sehen. »Ein bedrückendes Gefühl« sei immer im Hinterkopf, sagt Lutz; seine Probleme mit dem Druckausgleich bedrückten ihn mehr, antwortet Bernd.

Und darum, eben weil die wenige Hektar kleine Insel Sipadan, das Paradies aller Taucher, von 19 Menschen und ziemlich vielen Kreuzern bewacht wird, kann George Anino heute wieder sorglos in seinem Zimmer vor dem kleinen Farbfernseher verschwinden.

Damals, am Ostersonntag, hat der Tauchführer das Formel-1-Rennen und ein paar Spielfilme geguckt. Als er morgens um sechs aufstand, um die Flaschen an die Lungenautomaten zu schrauben, waren die Gäste weg. Auf der Terrasse lagen Gläser und Flaschen herum, und alles war voller Sand, obwohl doch vor jeder Stufe diese Plastikschüsseln stehen, in denen die Gäste ihre Füße waschen sollen.

Und vor der Dusche lagen die Badeschlappen des Kochs.

Das Abendmahl

Risto Vahanen und sein Freund Seppo Fränti tauchen manchmal in der Nähe von Helsinki, aber da sieht man unter Wasser nicht viel. »Fotografieren kann man in Finnland vergessen«, sagt Risto. Also hatten sie sich zuerst für ein Schiff entschieden, das zwölf Taucher auf Bali einsammeln sollte, dann aber noch vor der Jungfernfahrt einen Motorbrand hatte und sank; anschließend wollten sie nach Indonesien, aber dann lasen sie, dass es gefährlich sei.

Also Sipadan.

Mittags kommen sie an, es ist Ostersonntag, der 23. April. Im Pulau Sipadan Resort (P.S.R.) gibt es vorne die Holzhütten für die Gäste, alle mit Balkon zum Meer, und hinten im Dschungel die Hütten für die Angestellten; es gibt die Tauchbasis; und es gibt das Zentrum des Resorts. Das ist die 5 mal 20 Meter große Holzveranda - unterm Dach der Tresen für das Büfett, schließlich die Tische und vorn, über dem Meer, die Liegestühle. Alles hier ist eng und verwinkelt; Sipadan, die Spitze eines 1200 Meter tief abfallenden Felskegels, ist zu Fuß in 30 Minuten umrundet.

An jenem Ostersonntag erkunden Seppo und Risto die ersten Stellen des Riffs, das Sipadan wie ein Pilzhut umgibt - zuerst Turtle Cavern, wo sie mit den Suppenschildkröten und den Haien tauchen, und später, beim so genannten Sunset-Dive, die Felswand namens Drop off, wo Hunderte von Papageifischen übernachten.

»Wenn wir nur einen Tag später gekommen wären oder den letzten Tauchgang eine Stunde später gemacht hätten«, sagt Seppo Fränti. Doch um 19 Uhr sitzen Seppo und Risto auf der Veranda, essen Reis, Hühnerfleisch und Fisch, Ananas und Melone. Dann trinken sie Bier.

»Es sind diese kleinen Zufälle, die entscheiden«, sagt Werner Wallert, »so wie in Eschede Menschen überlebt haben oder gestorben sind, weil sie in den richtigen oder eben den falschen Waggon gestiegen sind.«

Die Zufälle:

Ein amerikanisches Pärchen verabschiedet sich um 19.15 Uhr zum Nachttauchgang; die anderen sehen sie mit ihren Taschenlampen im Meer verschwinden. Eine Stunde später werden die beiden auftauchen, und sie werden sehr einsam sein.

Danny K. K. Chin, der Chef der Tauchführer, hat um 19.05 Uhr gegessen und geht um 19.20 Uhr duschen; um 19.30 Uhr ist er zurück auf der Terrasse, weil er noch ein Bier trinken will.

Im Nachbar-Resort, dem Sipadan Dive Centre, gibt es eine Grillparty, und Emlyn Yapp, der Manager, will seine Kumpels vom Pulau Sipadan Resort einladen. Doch da sind noch zwei Gäste, die tauchen wollen, und darum geht nicht der Chef, sondern Lee Hock Leong hinüber, der junge Koch mit den braunen Strähnen im Haar. Er setzt sich um 19.30 Uhr zu seinen Freunden Vincent Kwong und Ken Fong, zwei Tauchlehrern im P.S.R., und bestellt ein Bier. Am selben Tisch sitzen Monique Strydom und ihr Mann Callie, die Südafrikaner, die jetzt den vierten Tauchgang machen wollten; Monique hat Ohrenschmerzen.

Kua Yu Loong, Koch im P.S.R., ist um halb acht fertig mit der Arbeit und geht duschen. Die Badeschlappen lässt er draußen, T-Shirt und Shorts hängt er an einen Haken.

Fünfzig Meter weiter ist die Station der vier Mitarbeiter des Wildlife Department des malaysischen Bundesstaats Sabah. Ein Raum, vier Betten, ein Schreibtisch. Zulkurnain Hashim ist vor einer Woche nach Sipadan gekommen; er sammelt Schildkröteneier ein und päppelt die Babys, bis die ins Meer kriechen können. Zulkurnain ist der Erste, der die Motoren hört. Da ist es 19.45 Uhr.

Die Wallerts aus Göttingen sind, wie Renate Wallert sagt, »langweilige Leute, eine stinknormale Familie«. Jahr für Jahr machen sie nach Weihnachten Langlaufurlaub in Österreich; im Sommer bleiben sie daheim; und immer zu Ostern gehen sie tauchen. Renate Wallert hat sich Sipadan gewünscht, wegen der Schildkröten. Und wie immer hat Werner, ihr Mann, die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes im Internet geprüft. Sipadan, das im Osten Malaysias liegt, tauchte nicht auf. Auf die benachbarten Philippinen, woher die beiden Boote kommen, hat er nicht geachtet.

»Was für ein herrlicher Ostersonntag«, sagt Werner Wallert, »wir müssen dankbar dafür sein.«

Marc Wallert, Unternehmensberater bei Pricewaterhouse Coopers Consulting in Luxemburg, sitzt mit seinen Eltern am Ende des Stegs und schaut auf das Meer. »Ich bin super ausgeruht«, denkt er, »ich hatte jetzt sieben geniale Tauchtage, aber bald ist der Urlaub vorbei - um richtig raus zu sein aus dem Alltag, müsste es länger dauern oder extremer sein.«

»Das hätte ich wohl nicht denken sollen«, sagt Marc Wallert.

Denn Sekunden später beginnt die Affäre, die 140 Tage dauern und nach einem »ziemlich langen, ziemlich extremen Skript« (Marc Wallert) verlaufen wird. Das Stück wird »Das Geiseldrama von Jolo« heißen und Regierungen und Medien rund um den Globus in Atem halten.

19.48 Uhr. Zwei Fischerboote, je zehn Meter lang und 1,80 Meter breit, beide mit Sprit für über 1000 Kilometer beladen, schieben sich neben der Naturschutz-Station an den Strand; 19 Bewaffnete springen heraus und teilen sich in zwei Gruppen auf. Galib Andang, genannt Commander Robot, stürmt mit seinen Leuten die Hütte der Schildkröten-Schützer. »Ich hatte sofort eine M-16 im Nacken, und dann saßen wir vier auch schon im ersten Boot«, so Zulkurnain Hashim; Robot hält Wache.

Dessen Freund und Vertrauter Mujib Susukan und sein Trupp nähern sich von hinten, also vom Innern der Insel her, dem Pulau Sipadan Resort. Aus der Dusche kommt Dampf; der Koch Loong ist der fünfte Gefangene. Er spürt den Lauf einer M-16 in der linken Seite und schlingt sich ein Handtuch um die Hüften. Erst auf der Insel Jolo wird er ein T-Shirt bekommen.

19.55 Uhr. Fünf Männer in schwarzen T-Shirts stürmen die Terrasse, vier tragen eine M-16, einer eine Panzerfaust. Als Marc Wallert sie bemerkt, gibt es keine Fluchtmöglichkeit mehr. »Police, Police«, ruft einer, »illegal immigrants«, aber als die Fremden Uhren und Bargeld und die T-Shirts aus dem Souvenirladen einsammeln, ahnen die Taucher, was hier passiert.

Es ist eine Sache von Minuten.

Danny Chin kann sein Mobiltelefon unter einem Serviettenständer verstecken und eine Flasche Carlsberg mitnehmen. Die Küchenhilfe Jeneth Cagaanan hört, dass die Diebe sich in Tausug, der Sprache der philippinischen Insel Jolo, unterhalten. Sie hat ein paar Brocken gelernt und erzählt, dass sie auch von Jolo stamme; darum darf sie bleiben. Eine drei viertel Stunde lang wird sie wimmernd unter ihrem Tresen sitzen.

Die anderen marschieren in einer Reihe zu den Booten. Eine Amerikanerin kreischt, sie könne nicht schwimmen, und ihr Mann ruft, er werde bei seiner Frau bleiben. Ein junger Kerl drückt ihm den Lauf seiner Maschinenpistole in den Bauch. »Keine Toten«, entscheidet Robot.

Tauchführer Chin ist der Einzige, der fliehen kann; er sieht, dass die Gangster einen Moment lang nur die Boote und das Meer im Blick haben, und robbt hinter einen Hügel. Dort trinkt er sein Bier zu Ende.

20 Uhr. Die Boote sind weg. Sie schlagen einen Haken in Richtung Indonesien und steuern später nach Nordosten. Der Tip, den ein ehemaliger Mitarbeiter des Resorts Kommandant Robot gegeben hatte, war ein guter Tip. Die Beute: 21 Geiseln.

Diese Wallerts

Im Boot, sagt Renate Wallert, »hatte ich die Angst noch nicht«. Diese Angst, die die Nation in der »Tagesschau« sieht, wenn die Kameras auf sie halten und irgendwo in der Nähe Schüsse fallen. Diese Angst, die acht Monate später immer noch da ist.

Wenn die Wallerts durch die Fußgängerzone in Göttingen gehen, dann zeigen freundliche Menschen mit den Fingern auf sie und flüstern: »Guck mal, die Wallerts.« Renate Wallert sieht diese Menschen nicht, weil sie den Kopf gesenkt hält und den Rücken gebeugt. »Es ist so, als ob man einen Komplex hat und immer denkt, alle, die über irgendwas reden, reden schlecht über einen«, sagt ihr Sohn Marc.

»Es dauert schon so lange. Wann hört das auf? So war ich früher nicht«, sagt sie. »Eine Powerfrau war sie«, sagt ihr Mann.

Werner Wallert, 57, trägt Hemd und Pullunder und sitzt in seinem Arbeitszimmer am Mittelbergring in Göttingen. Es ist das Büro eines Geografielehrers: Es gibt zwei braune Ledercouchs, einen hölzernen Schreibtisch und einen Globus. An der Wand hängen Mitbringsel: ein chinesischer Reisbauernhut, ein Paddel aus Madagaskar, eine Hacke, mit der irgendeine Frau in Kenia ihr Feld beackert hat. Und zwischen diesen Dingen hängt eine Weltkarte mit vielen bunten Knöpfen: blau für die Tauchreisen, weiß für die Dienstreisen, rot für die Weltstädte, Paris, Kairo oder Mexiko-Stadt, über die er Folienmappen veröffentlicht hat, grün für die sonstigen.

Und gelb für Jolo.

Gelb markieren Sie Ihre Entführungen?

»Grün ist mir ausgegangen«, sagt Wallert und lacht.

Er träumt nicht mehr von Jolo, sagt er, »selbst in der Gefangenschaft habe ich nie von der Gefangenschaft, nie etwas Schlechtes geträumt«. Werner Wallert hatte Herzschmerzen auf Jolo, er »war torkelig und klapperte wie ein Gerippe durch die Gegend«, wie seine Frau sagt. Aber schon dort hat er, als er seinen Verfall bemerkte, mit Powerwalking angefangen, zwei Kilometer im Kreis pro Tag, und jetzt geht er die acht Kilometer bis zum Theodor-Heuss-Gymnasium zu Fuß, und er geht schwimmen.

»Es ist vorbei«, sagt er.

Sein Buch über Jolo ist fertig, und weil er sich für Altersteilzeit entschieden hat, muss er nur noch sechs Stunden pro Woche als Fachberater für die Bezirksregierung und fünf mit seinem Leistungskurs arbeiten. Wenn er die Briefe und die Versicherungsdinge und die Steuererklärung weggeschaufelt hat, könnte Werner Wallert seine Zeit genießen, die Freiheit, die noch nie so kostbar war. »Mich belastet die Gefangenschaft nicht mehr, körperlich nicht, psychisch nicht«, sagt er.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit oder nicht einmal das. Die Wallerts, und das weiß er, haben ein Imageproblem: Es gibt eine Menge Menschen, die sich satt gesehen haben an ihnen. »In fünf Tagen sind Sie tot«, sagte einer dieser Menschen am Telefon. Das hat mit der Diskrepanz zu tun zwischen denen, die Jolo erlebt haben, und denen in Deutschland, die am Abend eine viertel Stunde »Brennpunkt« geguckt haben. Diese Barriere bleibt unüberwindbar.

Kaum jemand kennt ja dieses Gefühl des »Aus-der-Welt-Seins«, über das Jan Philipp Reemtsma in dem Buch über seine 33 Tage »Im Keller« geschrieben hat. Niemandem könne er »viereinhalb Wochen Todesangst« wirklich erklären, so Reemtsma, und dass »das wirklich Furchtbare die absolute Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein ist«. Die Gefühle einer Geisel seien schließlich »nicht ,das und das, bloß schlimmer''. Es ist ganz anders«.

Medien und Publikum antworten auf das Unbeschreibbare mit Abziehbildern und Abwiegelungen. Bei Reemtsma, dem »Zigarettenerben«, war bald die Rede von der »De-luxe-Entführung«. Bei den Wallerts gab es zwei Spielarten.

Die Französin Sonia Wendling sagte, dass Werner Wallert selten mitgearbeitet, sondern immer nur an seinem Tagebuch für den »Stern« geschrieben habe. Das

Echo: Der Mann ist geldgierig. Werner Wallert war der Einzige, der seinen Vertrag schon auf Jolo abgeschlossen hat, aber es ist ja so, dass - bis auf Renate Wallert - alle Geiseln Tagebuch geführt haben, und die meisten haben Buchangebote angenommen. »Wieso nicht, wenn niemand etwas verliert«, sagt der Finne Risto Vahanen.

Renate Wallert gilt als Simulantin. Kommandant Robot sagte, sie laufe am schnellsten, wenn geschossen würde. Und als sie frei war, untersuchte sie ein Arzt, und Renate Wallert sagte ihm, sie wolle nicht mehr »die Leidende, die Jammernde, die Schwache« sein. Also verkündete der Arzt, es gehe ihr »erstaunlich gut«, und das Wörtchen »erstaunlich« machte alles kaputt. Danach spürte Renate Wallert kein Mitgefühl mehr und keine Wärme, danach war sie eine Nervensäge.

»Unser Ruf ist nicht so, wie wir es verdient hätten«, sagt Werner Wallert, »Schlagzeilen können so einschüchternd sein wie in die Luft gefeuerte Salven.«

Der Mechanismus ist der alte: Stars werden gemacht, Stars werden abgeschossen, und es ist ziemlich egal, ob sie jemals Stars werden wollten. »Ich war tauchen«, sagt Renate Wallert. »Wir wollten nie bekannt sein«, sagt Werner Wallert, »aber jetzt fühle ich mich so durchleuchtet, als ob alle Leute ein Bild von mir hätten.«

»Haben sie ja auch«, sagt sie.

»Und dann sagen sie irgendwann, dass sie es nicht mehr hören können: Wallert trägt Beamtenkrawatte, Wallert hat den Geiselbart wegrasiert, Wallert glaubt an den lieben Gott, Wallert dies, Wallert das. Ich kann es selbst nicht mehr hören«, sagt er. Sein Gesicht ist ein Gesicht dieses Jahres, er könnte für Gilette werben. »Oder irgendwas mit dem Slogan: Wenn es mal etwas länger dauert«, sagt er.

Beide Wallerts sind Jahrgang ''43 und stammen aus Flüchtlingsfamilien, er aus Sorau in der Niederlausitz, sie aus Pless in Oberschlesien. Beide wuchsen in Duderstadt auf, lernten sich 1958 kennen, heirateten 1966, bekamen 1970 und 1973 ihre Söhne Dirk und Marc. Sie mögen »Wetten dass ...?«, und dass er 1970 an das Theodor-Heuss-Gymnasium kam, nennt Werner Wallert noch heute »das große Los«.

»Ich bin ein harmoniesüchtiger Mensch«, sagt seine Frau.

Renate Wallert trägt diese eckige Brille und die grauen Haare so kurz wie zu der Zeit, als sie täglich im Fernsehen war. Sie bringt Kaffee und Kuchen herein, lächelt, setzt sich dazu. Und dann redet nur noch sie, von Kommandant Robot, von der Bootsfahrt durch die Nacht mit den Gesichtern auf dem Boden, von ihren elf Kilogramm Gewichtsverlust, davon, dass sie heute erstmals mit dem Fahrrad den Berg hochgekommen ist, von ihren Darmproblemen auf Jolo, von dem Klo zum Sitzen, das ihr Sohn Marc im Dschungel gebaut hat.

»Die Frage war nach Robot«, sagt ihr Mann und legt ihr die Hand auf den Arm. Sie schüttelt den Kopf, als würde sie erwachen, und sagt: »Ach ja.«

Renate Wallert ist schreckhaft geworden. Sie ist Musiklehrerin, und neulich stand sie mit ihren Büchern vor dem Audi-Kombi, und da hat sie jemand von hinten angesprochen - sie ließ die Bücher fallen. Sie kann nicht alleine einkaufen, und im Ratskeller schafft sie es nicht, etwas von der Speisekarte zu wählen; sie nimmt, was Werner nimmt: Wildgulasch.

Psychologen können ihr viel erzählen. Die sagen, dass jede Gruppe Hierarchien herausbilde, zufällig und austauschbar, da es Starke und Schwache geben müsse. Bei den Malaysiern war Ken Fong, der Tauchlehrer, der Souveräne. »Obwohl ich eine Scheißangst hatte«, wie er sagt.

Und bei »den Europäern«, wie die Weißen auf Jolo hießen, war Risto, der Finne, der Mann, der die Rationen beim Essen verteilt hat. Stéphane Loisy war der Fischer und Ingenieur, Marie Moarbès war die Medizinerin, Monique Strydom gründete den Gebetskreis, und Renate Wallert, »Grandmother« genannt, war das Opfer. »Alle hatten Angst«, sagt ihr Mann, »aber in der Gruppe gab es eine Konkurrenz um Coolness. Renate hat sich geoutet und den anderen ein Gefühl der Stärke gegeben.«

Es war ja nicht so schlicht, wie es in den Zeitungen stand: Sie war nicht die Schwächste der 21; Vincent Kwong, Tauchlehrer auf Sipadan, kollabierte gleich zu Beginn und erholte sich nie. Er wollte nichts mehr essen, sich nicht mehr anziehen, nicht reden. Vincent lag drei Monate lang einfach nur da - und als es vorbei war, hatte er graue Haare und ein graues Gesicht. Doch was hilft das ihr? »Sie hat sich so geschämt für ihre Schwäche«, sagt ihr Mann. »Es ist nicht politically correct das zu sagen, aber sie war eine Belastung, und das weiß sie«, sagt ihr Sohn. »Gut für die Moral war sie nicht«, sagt Monique Strydom.

Es gebe da Briefe, erzählt Renate Wallert, in denen ihr Leute schrieben, sie habe Maria Schell in nichts nachgestanden; »und ich finde mich auch zum Kotzen, wenn ich mich so schwach und verängstigt auf diesen Fotos sehe«. Renate Wallert kann nicht behaupten, dass Jolo vorbei sei. »Es kommt immer wieder, ständig«, sagt sie.

Am Anfang, als sie allein zu Hause war und Marc und Werner gefangen auf Jolo, da hat sie sich unten auf die Couch gesetzt und ihre Freundinnen weggeschickt. Sie wollte tapfer sein, aber sie war nicht tapfer und saß da wie angefroren. Und jetzt dackelt sie hinter ihrem Mann her. Bei ihm ist sie sicher, sicher vor dem Schlimmsten.

Das Schlimmste waren die Schüsse.

Der Krieg

Alle dachten sie, dass ihr Leben zu Ende sei. »Es war ein Okay-Leben«, bilanzierte Marc Wallert; »das also war die letzte Reise«, dachte sein Vater. »Ich habe mit allem abgeschlossen und bin auf einmal ganz ruhig geworden«, sagt der Finne Vahanen, »aber diese Angst, die blieb trotzdem.«

Sofort nach deren Ankunft auf Jolo wissen die philippinischen Soldaten, wo Geiselnehmer und Geiseln sind. Sie ziehen einen Kreis um das erste Lager, und dann beschließen die Offiziere die philippinische Lösung. Ein paar Mal gibt es falschen Alarm bei den Geiseln, doch am 2. Mai greifen die Soldaten an.

»Das war keine strategische Befreiungsaktion, das war eine Attacke gegen uns alle«, sagt Callie Strydom, der Südafrikaner. Keiner weiß, in welche Richtung er fliehen kann, die Kugeln zischen durch die Luft, schlagen einen Meter über Callie im Holz ein. Er macht die Geräusche nach, das Pfeifen, das Knallen, und seine Ehefrau steht auf. »Ich kann darüber nicht reden, und ich mag es nicht hören«, sagt Monique. Damals, auf Jolo, schlingt Callie die Arme um sie, aber was nutzen Arme?

Einige Geiseln kauern sich unter einen Baum. Es dauert ein paar Minuten, so schildert es der Koch Lee Hock Leong, dann teilen sich die 100 Kämpfer der Abu Sayyaf in zwei Gruppen auf. Die eine blockt die Soldaten ab, und die andere sammelt die Geiseln ein und führt sie in den Dschungel hinein.

7. Mai: Der zweite Angriff. Die Geiseln müssen sich auf den Boden werfen, einige werden in Erdlöcher gezerrt. 15 Minuten dauert die Ballerei. »Man muss dieses Gefühl verstehen«, sagt Callie Strydom, »die Panik, wenn du keine Waffe haben und nicht weglaufen darfst, wenn du einfach nur am Boden hockst und hoffst, dass die Kugeln weiterhin einen Meter zu hoch fliegen.« Zwei Tage lang müssen die Geiseln danach wandern, hinauf in die Berge. Lee Hock Leong, der Koch, klopft die Asche seiner Zigarette in die gerade geöffnete Pepsi-Dose, als er davon erzählt.

Jetzt sitzt Lee Hock Leong wieder im Dschungel. Er kocht inzwischen in einem Resort am braunen Wasser des Kinabatangan-Flusses, hier im Nordosten Malaysias, wo Touristen Affen begucken könnten. Es kommt keiner mehr, seit Malaysia als Krisenregion gilt. Vierzehn Leute arbeiten in der Proboscis Lodge, und nicht ein Zimmer ist belegt.

Hock Leong war die jüngste Geisel, 20 Jahre jung. Er trägt zwei Lederarmbändchen, schulterlange Haare, braune Strähnen an beiden Seiten. Seine Mutter hat ihn weggegeben, nachdem sein Vater gestorben war; Hock Leong brach die Schule mit 17 ab, war Automechaniker, und das Kochen brachte er sich selber bei. Sipadan war auch für ihn das Paradies, die erste Chance auf ein wenig Glück. »Wer weiß«, sagt er, »wenn ich nicht mehr davon träume, vielleicht kann ich dann zurück.« Die nächste Zigarette. »Die Schüsse«, sagt er schließlich, »ich träume von den Schüssen.«

Wenn geschossen wurde, hat Marc Wallert die Arme um seine Mutter gelegt. Und sie hat versucht, sich aufzurichten, »damit die Kugel in mir stecken bleibt und nicht in meinem Sohn«. Man mache sich tausend Gedanken im Krieg, sagt Werner Wallert, »das war eine fast spirituelle Erfahrung: Okay, es kann rumsen, und dann ist man weg. Man kann das sogar akzeptieren«.

Waffen aber kann er heute nicht mehr sehen. Keine Bilder vom Gaza-Streifen, keine Filme aus Grosny. »Ich habe zu viele Waffen gesehen«, sagt Werner Wallert.

Denn die Entführer trainieren, und sie verständigen sich mit Schüssen von Berg zu Berg. Einmal fotografiert einer den französischen Journalisten Jean-Jacques Le Garrec, der auf dem Weg zum Interview mit den Geiseln entführt worden ist, und Jean-Jacques sagt: »No pictures.« Doch der Entführer knipst weiter, und darum schlägt Jean-Jacques ihm die Kamera aus der Hand, nimmt den Film raus und wirft ihn ins Feuer. Wie ein Amokläufer reißt der Typ da seine M-16 hoch und hält sie Jean-Jacques an die Stirn; dann schiebt er sie ein paar Zentimeter zur Seite und drückt ab. Die Kugel schlägt neben Callie Strydom in der Wand ein.

Die Entführer kämpfen miteinander und schießen; die Leichen liegen dann an der staubigen Straße, die sie »Highway« nennen. Sie haben sich die Namen »Rambo« oder »van Damme« gegeben, reinigen ständig ihre Gewehre und laden durch. Natürlich, die Muslime schimpfen über die Dekadenz des Westens, den Alkohol, aber wenn sie Geld haben, kiffen sie sich zu.

Mujib Susukan, der kleine, schüchterne Anführer, der ein paar Hektar Land und seine Truppen von seinem Vater geerbt hat, ist ständig auf Kokain, und dann fuchtelt er mit der Knarre herum. Wenn sich eine Wolke vor den Mond schiebt, rufen die Entführer, dass wieder ein Drache den Mond auffressen will, und feuern in den Himmel. Als die ersten Millionen verdient sind, sind es 1800 Männer, und jeden Abend wird eine Hochzeit gefeiert. Die Geiselnehmer können nun ihre Bräute bezahlen, denn für eine Hand voll Dollarscheine geben die Eltern von Jolo ihre Töchter her. Jede Hochzeit bedeutet ein Salutfeuer aus 1000 Gewehren.

Was Geiseln hysterisch macht, sind die Geräusche. Für Jan Philipp Reemtsma war es das Klopfen an der Kellertür; wenn es klopfte, musste er das Gesicht in der Matratze vergraben, weil er die Gesichter seiner Peiniger nicht sehen durfte. Für die Geiseln von Jolo sind es die Schüsse. Kann man sich daran gewöhnen?

»Nie«, sagt Renate Wallert, die erst einschläft, wenn es hell wird.

»Man kann«, sagt Callie Strydom, »man gewöhnt sich sogar an den Krieg.«

Die guten Menschen von Jolo

Sie waren die beliebtesten Geiseln. Monique Strydom überstand Jolo mit Humor; »sie hat immer gelacht«, sagen die Malaysier. Und Callie, ihr Ehemann, hieß »Saint Callie«, weil er vermittelte, weil er mit Robot und Mujib sprach, weil er Stéphane, den Franzosen, der fliehen oder kämpfen oder wenigstens hassen wollte, davon überzeugte, dass er ruhig bleiben müsse.

»Du musst dich in so einer Lage anpassen und darfst niemanden reizen«, sagt er, »du darfst keine Sekunde vergessen, wer die Macht über wen hat.«

Callie und Monique, beide 37, sitzen in ihrer Villa in Johannesburg-Sandton. Das Haus ist hell und offen, aber es liegt hinter einem hohen Zaun mit sehr vielen Speerspitzen. »Wenn man aus Südafrika kommt, hat man gelernt, mit Gewalt zu leben«, sagt Monique.

Sie ist Schauspielerin und hat eine Werbeagentur, trägt eine Menge Schmuck, sitzt barfuß auf der weißen Couch. Er ist Relationship Manager bei der Absa-Bank, zuständig für die Kundenkontakte. »Unkonzentriert« arbeite er, erzählt er, »Jolo ist noch in meinem Leben«.

Die beiden haben die Vermittlung zu ihrer Aufgabe gemacht, und dafür haben sie gerade von Nelson Mandela die »Newsmakers 2000«-Auszeichnung bekommen. Sie sagen, dass sie ihr Land zusammengebracht hätten »wie eine Fußball-Weltmeisterschaft« (Callie), weil alle, Schwarze und Weiße, mit ihnen gelitten hätten und weil sie nach der Freilassung auch die schwarzen Politiker geküsst haben.

Und sie erzählen, dass sie auch zwischen den Geiseln vermitteln mussten. »Leider war das immer wieder mal nötig«, sagt Monique.

Die Geiseln zweiter Klasse

Geiseln werden nach ihrem Wert behandelt. Ein Malaysier, so rechnen Mujib Susukan und Galib Andang, bringt 100 000 Dollar, ein Europäer bringt eine Million. Also dürfen die Europäer in der Hütte schlafen, auf Matten und mit Decken, und die Malaysier liegen eine Etage tiefer, zwischen den Stelzen, auf denen die Hütte steht. Es ist Regenzeit. Und vier Malaysier haben einen Sack voller Erde, als Kissen.

»Wir waren eine Zweiklassengesellschaft«, sagt Zulkurnain Hashim, »es war nicht fair.«

Der Naturschützer mit dem spitzen Bart sitzt in seinem Auto vor dem Flughafen von Tawau; »Allah ist der Größte«, steht auf dem Aufkleber, der quer über die Windschutzscheibe gezogen ist. Hashim kontrolliert im Flughafen das Gepäck der Reisenden, damit die Touristen keine Pflanzen und Tiere aus dem Land schaffen. Er mag Monique Strydom und Marc Wallert; die seien nett gewesen. Über die anderen Weißen redet er weniger gern.

Es war ein Konflikt der Kulturen. Die Europäer werden krank im Dschungel, sie motzen, sie rebellieren. Die Asiaten sind gesund und halten den Mund. »Wir wollten überleben«, sagt Lee Hock Leong, der Koch, »mehr nicht.«

Die Europäer kriegen das bessere Essen: Reis und Fisch und Tee. »Wir hatten eine Ölsardine für vier Leute, ein Hilfspaket für vier Leute, einen Becher Tee für vier Leute«, sagt Hashim. Einen Monat lang sind alle 21 Geiseln zusammen, dann werden sie getrennt. Heute diskutieren die Europäer und die Südafrikaner Versicherungsfragen per E-Mail, und die Malaysier telefonieren miteinander; einen Kontakt zwischen den Gruppen gibt es nicht.

Die Asiaten gehen anders mit der Geiselnahme um. Für keinen von ihnen gab es eine Therapie, keiner bekam Hilfe. Und es gibt einige, die immer noch Angst haben. Im Polizeigebäude von Tawau, einem blassen Bau mit dem blauen Teppichboden aus den fünfziger Jahren, sitzt der Polizist Abdul Jawa, ein schmaler Mann mit Schnäuzer, und mag nicht reden. Man muss erst dem Polizeipräsidenten ein Fax schreiben, sagt er. Der Polizeipräsident hat nicht geantwortet. »Ich weiß«, sagt Jawa.

Und vor den Gomantong Caves, jenen Höhlen im Urwald Ost-Malaysias, wo die Naturschützer vom Wildlife Department Vogelnester behüten, sitzt Francis Masangkim in seiner Hängematte und zittert und raucht. Drinnen in den Hütte läuft der Fernseher, und Masangkim will nicht sagen, wie alt er ist, und auch nicht, wie er das alles überstanden hat. Nichts will er sagen, nur dass er Angst hat: »Immer noch. Es tut mir Leid.«

Und jene Malaysier, die über Jolo reden, haben alle dieses eine Thema. Der Umweltschützer Hashim redet von der Ungerechtigkeit, die Köche Lee Hock Leong und Kua Yu Loong ebenso.

»Leider ist die Geschichte wahr«, sagt die Südafrikanerin Monique Strydom, »und leider waren nicht nur die Entführer rassistisch, sondern auch die Entführten.«

»Ich habe nie verstanden, wie man uns fragen kann, ob wir Freunde geworden sind«, sagt Werner Wallert, »da wurden 21 Individuen, die nichts miteinander zu tun haben, willkürlich und unter extremsten Bedingungen zusammengewürfelt.« Als die Malaysier weg waren, das erzählen die Südafrikaner und die Finnen, haben die Deutschen und die Franzosen zu streiten begonnen: Wer bekommt mehr Post, wer macht den Abwasch, »warum hat Werner mehr Bohnen als ich«?

»Wir sind so miteinander klargekommen, wie es unter den Umständen eben ging«, sagt Marc Wallert, »wir werden nicht heiraten, und wir werden uns nicht verklagen.«

Der nackte Sohn

Marc Wallert, 27, hat etwas, was er Lebensphilosophie nennt. »Die Dinge kommen, wenn man offen für sie ist«, sagt er; man müsse das Gefühl kennen, das man haben will, dann erreiche man es auch.

Der Sohn der Wallerts hat Zivildienst gemacht, dann Sozialwissenschaften bis zum Vordiplom studiert, seinen Master in Wirtschaftsgeografie in Cardiff gemacht und dann den Master of Business Administration in Rotterdam, Paris und Saarbrücken. Er mag Weine, darum hat er einen Weinkurs belegt; er mag Musik, darum hat er in einer Jazzband Klavier und Schlagzeug gespielt; ihn interessieren Sprachen und Reisen, darum arbeitet er bei Pricewaterhouse Coopers. Marc Wallert ist kein Freund schlichter Wahrheiten.

»Ich habe mich verändert durch Jolo«, sagt er. Inwiefern? Er sitzt im Restaurant »Chiggery« in Luxemburg, nimmt die Krawatte ab, legt sie auf den Tisch und schwenkt das Rotweinglas. Er überlegt lange. »Ich bin geduldiger geworden in manchen Momenten«, sagt er endlich, »diese hundertprozentige Wichtigkeit können Alltagsdinge nicht mehr haben. Andererseits bin ich manchmal auch ungeduldiger als vorher, weil ich es genieße, wieder Entscheidungen zu treffen. Es ist ein Genuss, agieren zu können.«

Wenn die anderen Geiseln über Marc Wallert reden, tun sie das beinahe bewundernd. Er sei so ruhig gewesen, sagen sie, und er habe jeden Tag, monatelang, seine Mutter gepflegt, immer habe er als Erster geschlafen, wenn die anderen noch Karten spielten. Nur vorher, hinter den Büschen, habe er seine Beruhigungszigarette geraucht, heimlich, damit Renate es nicht sah.

»Ich war eine Art Bindeglied«, sagt er.

Er denkt selten an Jolo, nur am Anfang waren da »die Verarbeitungsträume«, aber das ist vorbei. »Ich bin halt jünger als meine Mutter, viel mehr daran gewöhnt, mich auf verschiedene Situationen einzustellen. Das ist mein Beruf«, sagt er. Was ihn heute, ihm Nachhinein, beschäftigt, sind diese bizarren Gegensätze, die keiner verstehen könne, der nicht dabei war.

Ein Gefühl der Ohnmacht zum Beispiel hat er nie gehabt. Die meisten Entführer waren kleine Jungs, die den 1,90 Meter großen Blonden bewundert haben: »Idol« oder »handsome boy« nannten sie ihn. Die meisten Entführer hatten Jolo noch nie verlassen, und sie hatten keine Ahnung davon, dass es ein Land namens Deutschland und eine Währung namens D-Mark gibt. Darum erklären die Entführten den Entführern das Leben draußen in der Welt. Stolz könne ihn so etwas nicht machen, »denn die waren nicht direkt meine Zielgruppe«, sagt Marc Wallert, aber es nimmt die Furcht. Nach einer Weile hatte sich die Rollenverteilung umgekehrt: »Wir haben denen Essen gekauft, Rohre repariert, ihr Leben organisiert.« So kam es, dass die Opfer irgendwann Frisbee spielten. Und scherzten.

»Are you coming«, rief Callie Strydom, als er mit Monique runter zum Fluss wollte. »You know I haven''t been coming for weeks«, rief sie zurück.

»Lasst uns mal nicht den Kopf verlieren«, sagte Marc Wallert. Darüber konnte nur seine Mutter nicht lachen.

Das Bizarre an all dem ist, dass es deshalb nicht weniger gefährlich war. »Was mich aufregt, sind die Leute, die heute sagen, dass gar nichts passiert sei«, sagt Marc Wallert.

Es war ja trotz allem so, dass die Entführer über das Leben ihrer Opfer entschieden; dieselben Kinder, denen er von Europa erzählte, hätten ihm heute die Hand abschneiden können und morgen den Kopf. Sie hatten keine Ahnung, wie viel eine Million Dollar wert ist, aber dass sie eine Million Dollar pro Geisel wollten, das wussten sie. Die Kultur von Jolo ist eine Kultur der Gewalt, und ein Leben ist dort so viel wert, wie es eben kostet. »Die Bedrohung war real«, sagt Marc Wallert.

Als er herausgekommen war, ganz zum Schluss und ein paar Tage vor dem Militärschlag, hat sich Marc Wallert einen Monat lang »so frei wie nie zuvor gefühlt«. Er fuhr zur Expo, nach Hamburg, nach Göttingen, und längst ist er zurück im alten Leben - aber auch er hadert mit seinem Image. »Wenn ich einem Kunden begegne, hat der ein Bild von mir: Dann bin ich Sohn, Gefangener und nackig«, sagt er, »und man kann nicht sagen, dass das beruflich nutzt.«

Was ihm nutzt, ist das andere Image: Marc Wallert gilt als Held. Marie Moarbès, die Libanesin, sagte ihm: »Pass auf, ich heiße Marie, wir sind verheiratet und haben zwei Kinder.« Dieses Spiel haben sie durchgehalten; sie haben nebeneinander geschlafen, vom selben Teller gegessen, Marc Wallert war immer an ihrer Seite.

»Es hat wohl geholfen«, sagt er.

Die Gangster und die Frauen

»Jede Frau wird vergewaltigt, das ist immer so«, sagt Candido Casimiro, der ehemalige Polizeichef von Jolo. »Auf der Nachbarinsel Basilan ist es sogar Nonnen passiert, und sie haben ihnen die Brüste und dann die Köpfe abgeschnitten«, sagt Renate Wallert. Es gab auch bei dieser Entführung eine Vergewaltigung. Man kann es auch so formulieren: Es gab nur eine Vergewaltigung.

Einmal, nach zwei Monaten, kommt eine junge Frau ins Lager, die den Geiseln helfen will; sie möchte mit Kommandant Robot reden und Renate Wallert in die Freiheit führen. Es ist ein schreiend naiver Plan, Robots Männer halten sie fest.

Die Frauen, die von Sipadan verschleppt worden sind, schützen sich. Monique Strydom sagt, sie sei schwanger; heute, Monate danach, ist sie es wirklich. Sonia Wendling sagt, sie sei mit Stéphane Loisy verheiratet. Wenn eine der Frauen zum Fluss geht, geht einer der Männer mit; keine bleibt je allein. Was sie rettet, ist die klaustrophobische Enge.

Natürlich, die Enge macht alle Geiseln verrückt: Sie können sich nicht waschen, ohne begafft zu werden, und sie können nicht in den Wald, auf »diese eine, große Toilette« (Renate Wallert), ohne dass einer guckt; ständig greifen Hände durch die Bambusstangen und begrapschen sie. Es ist wie im Zoo: Schulklassen machen Ausflüge ins Lager der Geiseln; immer ist irgendwer da und rotzt auf den Boden. Monatelang müssen sie so ausharren, während sich draußen in der Welt die Vermittler zanken. Nachts ziehen sie sich die Decken über die Köpfe, »um einmal, einmal nur unbeobachtet zu sein« (Monique Strydom).

Aber die Enge beschützt sie auch, denn alle kontrollieren alle.

Gefährlich wird es, wenn die entführten Männer zu selbstbewusst auftreten. Einmal kommen Pakete an, doch sie sind geöffnet und zur Hälfte leer. Werner Wallert und Risto Vahanen stellen Kommandant Robot zur Rede, diesen mal freundlichen, mal cholerischen, »stets unberechenbaren Anführer« (Marc Wallert). Robot argumentiert, doch Vahanen und Werner Wallert lassen nicht locker.

»Da hat Robot sein Gesicht verloren, denn da sah es so aus, als habe er seine Männer nicht im Griff«, sagt Marc Wallert. Der Roboter bekommt einen seiner Wutanfälle, und er wirft mit Klopapierrollen um sich. »Es hätten auch Kugeln fliegen können«, sagt der Finne Seppo Fränti.

Die Nationalhelden

Es ist vieles vorbei für Seppo und Risto. Das Leben vor Jolo ist vorbei, Jolo ist vorbei, ein neues Leben hat begonnen. »Es ist eine zweite Chance«, sagt Seppo Fränti, 51, der mit seinen Stoppelhaaren und dem ironischen Grinsen ungefähr so aussieht wie der Schauspieler Joachim Król.

Als er am 19. September nach Hause kam, in die Wohnung am Lapinlahdenkatu in Helsinki, hat Fränti sich erst einmal die Bilder an den Wänden angeschaut, dann die Post gelesen, und dann, um zwei Uhr morgens, ist er in die Sauna gegangen; der Hausmeister hatte sie vorgeheizt.

Und Risto Vahanen, 47, sein Freund, der nach der Landung den Boden geküsst hatte, hat ein Glas Champagner mit seiner Schwester getrunken und sich dann in sein Esszimmer gesetzt und zwei Stunden einfach nur dagesessen. Keiner beobachtete ihn, keiner gab Kommandos, endlich war es still. »Nur ich - auf meinem eigenen Planeten«, sagt er.

Risto, ehedem Pfadfinder und seit 30 Jahren Taucher, ist Chef eines Ingenieurbüros; Seppo ist Künstler. Risto war auf Jolo einer der Wortführer; er sagt, dass er Werner Wallert verehre, weil der »stabil wie ein Fels« gewesen sei und »nicht so schnell seine Meinung geändert« habe - Werner Wallert sagt das Gleiche von Risto.

Seppo Fränti jedoch hat Hilflosigkeit kennen gelernt auf Jolo, diese Angst, »die dich körperlich packt, tief drinnen, als ob du in der Erde versinkst«. Und er war schwach, konnte sich nicht verständigen, sein Englisch ist lausig, und selbst Renate Wallert tröstete ihn. 200 Bilder hat er gezeichnet auf Jolo, Menschen mit hohlen Gesichtern und leeren Blicken. Ende Januar wird er in Helsinki seine Ausstellung eröffnen.

Und jetzt sitzen die beiden in Ristos Firma, trinken Cappuccino aus dem Automaten und erzählen von ihrer Stärke. »Es klingt vielleicht abgegriffen«, sagt Risto, »aber es ist genau so: Man kann aus so einer Geschichte lernen, dass nichts im Leben garantiert ist. Man kann Ruhe und Selbstvertrauen lernen und Freunde und Verwandte wieder wahrnehmen, jeden Tag erleben, man kann sich vornehmen, weniger zu arbeiten und mehr zu genießen.«

»Und dann kann man es tatsächlich tun«, sagt Seppo.

Natürlich haben es die beiden vergleichsweise leicht: Sie werden wie Heroen behandelt in Finnland, es gab keine Kritik an ihrer Reise, es gab keine Paparazzi, nur Unterstützung. »Die Deutschen sind sehr streng mit der Wallert-Familie. Wir waren das Ereignis des Jahres hier, ein Drittel aller Finnen haben unsere Heimkehr im Fernsehen gesehen«, sagt Risto.

Werner Wallert sagt, niemals wieder werde er Sipadan betreten, nicht einmal für eine Art Klassentreffen aller Geiseln, und das habe auch mit dem Image der Wallerts zu tun: »Wir würden vernichtet, wenn wir so etwas machen würden.«

Seppo und Risto sagen: »Sipadan ist ein Paradies für Taucher, und wir waren nur ein paar Stunden da. Warum nicht?«

Das Paradies

Sipadan hat sich erholt. 1985 haben die Borneo Divers erstmals Touristen das Riff gezeigt, die Clownfische, die Schildkröten, die Leopardenhaie. Dann kam Jacques Cousteau, und dann kamen die anderen vier Resorts. Bis zu 400 Gäste waren hier, 80 Boote lagen draußen auf dem Riff, und sie haben alles beschädigt. Doch vor drei Jahren beschloss die malaysische Regierung, dass nur noch 80 Taucher ins Naturschutzgebiet dürfen; jetzt sind die Fische zurück, und Korallen wachsen nach.

Sipadan, die Insel, die der Sultan von Brunei einst dem britischen Seefahrer James Brooke geschenkt hat, ist ein Mythos. 15 Meter unter dem Meeresspiegel liegt der Eingang der Höhle, dann geht es bergauf, dann wieder hinab in die Dunkelheit. Zwei Profitaucher sind dort drinnen umgekommen, man fand sie mit leeren Pressluftflaschen.

Sipadan ist sicher. Das wird nicht so bleiben, da irgendwann die Soldaten wieder abziehen werden. Der Koch Kua Yu Loong, 24, ein dünnes Kerlchen mit Pferdeschwanz und Tiger-Tatoo auf dem Rücken, ist die einzige Geisel, die nach Sipadan zurückgekehrt ist. »Vielleicht passiert irgendwann wieder was, aber sicherlich nicht in den nächsten Jahren«, sagt er.

Das Resort hat sieben Gäste. »Man kann sein Leben nicht in einer Kiste leben«, sagt Campbell, die Taucherin aus Tennessee, die dort hinten über dem Meer sitzt, wo damals die Wallerts saßen und auf Ostern anstießen. »Es geht weiter. Sipadan ist ein Traum«, sagt Ketrick Chill, der Manager des Pulau Sipadan Resort.

Der Traum

Renate Wallert steht mit drei Rebellen zusammen, einer ist Robot, die beiden anderen kennt sie nicht, aber einer sieht wild aus und widerlich. Sie streiten, und worum es geht, weiß Renate Wallert nicht mehr; vielleicht geht es ja wieder darum, dass Robots Leute Dinge aus den Paketen für die Geiseln geklaut haben. Der Streit wird heftiger, und da zieht der Widerliche seinen langen, krummen Säbel und holt aus und schlägt zu. Marc Wallert wirft sich dazwischen, weil er seine Mutter beschützen will. Da trifft ihn das Schwert, und Marcs Kopf kullert über den Waldboden, und aus dem rollenden Kopf starren Renate Wallert die Augen ihres Kindes an.

Es kann sein, dass Renate Wallert drei Nächte hintereinander schlafen kann, manchmal schläft sie sogar eine Woche lang ruhig.

Dann ist der Traum wieder da.

* Am 16. Oktober mit dem französischen Premierminister LionelJospin in Matignon.

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