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MITTELAMERIKA Die Folgen tragen

Ein sowjetischer Öltanker lief vor Nicaragua auf eine Mine. Geschwader der US-Navy und der Sowjetflotte nahmen Kurs auf Mittelamerika. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Mit langsamer Fahrt voraus steuerte Kapitän Azov den Sowjet-Tanker »Lugansk« Richtung Puerto Sandino am Pazifik. Er hatte die Hafeneinfahrt fast schon passiert, als ein gewaltiger Schlag den Schiffsrumpf erzittern ließ.

Verwundete schrien, Feuer brach aus. Angeschlagen erreichte das Schiff die Pier. Das Feuer und später auch die 250 000 Barrel Rohöl wurden gelöscht. Zwei der fünf verletzten Seeleute mußten im Krankenhaus behandelt werden.

Der 22 000-Tonnen-Tanker war vor einem der drei größten Häfen des Sowjet-Verbündeten Nicaragua auf eine magnetische Treibmine gelaufen.

Es war nicht der erste »Anschlag auf die internationale Seefahrt« in nicaraguanischen Hoheitsgewässern, den die linke Regierung in Managua beklagte: *___Am 25. Februar waren zwei panamaische Fischerboote vor ____El Bluff am Atlantik durch Minen versenkt, zwei weitere ____schwer beschädigt worden. Zwei Fischer wurden vermißt, ____mehrere verletzt. *___Im zweiten großen Pazifik-Hafen Nicaraguas, Puerto ____Corinto, erlitt kaum eine Woche später, am 1. März, das ____holländische Baggerschiff »Geopotes VI« schwere ____Minenschäden: fünf Verletzte. *___Sechs Tage darauf lief die unter panamaischer Flagge ____fahrende »Los Caribes« (Ladung: Medikamente und anderes ____Material für Nicaragua) vor demselben Hafen auf eine ____Mine: fünf Verletzte und schwerer Sachschaden.

Der jüngste Anschlag wiegt jedoch schwerer als alle Zwischenfälle der vergangenen Wochen: Zum erstenmal wurde auch die Sowjet-Union unmittelbar einbezogen in den unerklärten Krieg der beiden Supermächte um Mittelamerika. Denn der Tanker mit der roten Flagge geriet vermutlich auf eine Mine des Widersachers USA, wahrscheinlich gelegt von US-unterstützten antisandinistischen Rebellen.

Entsprechend scharf waren die Reaktionen in Moskau und Managua. Sandinisten-Führer Daniel Ortega beschwor zum wiederholten Mal die Gefahr einer angeblich unmittelbar bevorstehenden US-Invasion und brach einen Staatsbesuch in Mexiko ab, um der »sich verschärfenden Aggression« gegen sein Land Herr zu werden.

Noch am Tag des Zwischenfalls hatte der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko den amerikanischen Geschäftsträger Warren Zimmermann in sein Büro bestellt. Über den Inhalt des Gesprächs schwiegen sich beide Seiten aus.

Die Regierungsagenturen Tass und Nowosti hingegen wurden deutlich: Für den »kriminellen Angriff somozistischer Banditen, die im Dienst der amerikanischen Regierung stehen«, sei allein die US-Administration verantwortlich. Und natürlich setzte Tass drohend hinzu, die USA müßten »die Folgen der Fortsetzung derartiger Aktionen tragen«.

Über die Herkunft der »relativ hochentwickelten Minen«, hieß es dagegen in Washington, sie seien in Handarbeit in Honduras gefertigt worden, damit nicht über Aufschriften oder Markierungen auf den Sprengkörpern eine Verbindung zu den USA hergestellt werden könne.

Rebellenführer Adolfo Calero Portocarrero reklamierte den Anschlag denn auch für seine antisandinistische »Demokratische Front Nicaraguas": »Wir sind für die Minen verantwortlich, nicht die Vereinigten Staaten.«

Dagegen berichtete die Londoner »Times« aus der gleichfalls antisandinistischen Demokratischen Revolutionären Allianz (Arde), eine Spezialeinheit dieser Gruppe, vom US-Geheimdienst CIA trainiert und ausgerüstet, habe »unter Führung eines Amerikaners« von El Salvador aus Minen vor die nicaraguanischen Haupthäfen gelegt.

Schon einmal waren vor Nicaragua Sowjets und Amerikaner unmittelbar aneinandergeraten. Am 30. Juli vorigen Jahres stellte dann ein Schiff der US-Streitkräfte, der Zerstörer »McCormick«, den Sowjet-Frachter »Alexander Uljanow« 55 Meilen vor Puerto Corinto und forderte ihn auf, sich zu identifizieren sowie Auskunft über Ladung und Zielhafen zu geben. Der Frachter fügte sich - Kriegsschiffe des Kreml kreuzten damals nicht in mittelamerikanischen Gewässern.

Heute dagegen ist Moskau präsent. Am Tag des Minenanschlags auf die »Lugansk« tauchte 600 Meilen östlich von Florida ein sowjetischer Flottenverband mit Kurs Karibik auf. Dem hochmodernen Raketen-Zerstörer »Udaloi« (8000 Tonnen) folgte ein 20 000-Tonnen-Koloß: der Hubschrauberträger »Leningrad«, das größte Schiff, das Moskau je in amerikanische Gewässer entsandt hat und das erste »mit eigener Fliegerkapazität«, wie das Pentagon feststellte.

Die schwerbewaffneten Sowjet-Schiffe treffen in karibischen Gewässern auf einen kampfstarken US-Verband: den modernen Raketen-Kreuzer »Virginia« (10 000 Tonnen) und den Lenkraketen-Zerstörer »Mahan«.

Bei der von beiden Marinen oft geübten Praxis, den Verbänden des anderen möglichst nah zu folgen, könnte sich sehr leicht eine Großmachtbegegnung der Art wiederholen, wie sie sich im japanischen Meer kaum 24 Stunden nach der Minenexplosion vor Puerto Sandino ereignete.

Dort war am späten Mittwochabend voriger Woche der 80 000 Tonnen schwere US-Flugzeugträger »Kitty Hawk« mit einem sowjetischen Atom-U-Boot der »Viktor I«-Klasse kollidiert. Verletzte gab es nicht, nur leichte Schäden wurden festgestellt. Von einem Sowjet-Kreuzer begleitet, setzte der atomgetriebene Unterwasserjäger seine Fahrt fort. Die »Kitty Hawk« nahm weiter teil am Seemanöver »Teamgeist 84«.

Ihr Schwesterschiff »America« soll unterdessen im größten Karibik-Manöver dieses Jahres »den Schutz des ungehinderten Gebrauchs der Seewege« (Pentagon) üben. Auf den pochen auch Moskau und Managua.

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