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BERGBAU / KATASTROPHEN Die Folgen von Marcinelle

aus DER SPIEGEL 37/1956

Männer mit Gummiflossen und Schlauchbooten paddeln seit einigen Tagen auf einem unterirdischen See, der sich auf der 1035-Meter-Sohle in der belgischen Unglückszeche Bois du Cazier in Marcinelle bei Charleroi gebildet hat. Die Froschmänner und Schlauchbootpaddler sollen die letzten hundert Leichen, die größtenteils im Wasser schwimmen, aufs Trockene ziehen, in Gummisäcke verpacken und dann hinaufschaffen, damit sie in dem Massengrab beigesetzt werden können, das für die 262 Opfer der Grubenkatastrophe geschaufelt wurde.

Drei Kommissionen bemühen sich zur Zeit, die Schuldfrage zu klären:

- eine juristische Untersuchungskommission der Staatsanwaltschaft Charleroi,

- ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß,

- eine Regierungskommission, in die drei

Sachverständige der Montanunion delegiert wurden, darunter der deutsche Oberbergrat Max Schensky, der die belgischen Gruben als Besatzungsbeamter im zweiten Weltkrieg kennenlernte.

Die Regierungskommission tagte zum erstenmal am 29. August in Brüssel. Ihre Mitglieder wurden zu strengstem Stillschweigen verpflichtet. Der Vizepräsident der Montanunion, Franz Etzel, griff der amtlichen Untersuchung ein wenig vor, als er kürzlich in einem Rundfunkkommentar erklärte, die Katastrophe von Marcinelle sei nicht auf technische Mängel oder auf elementare Naturgewalten zurückzuführen, sondern vorwiegend auf menschliches Versagen.

Das Zentralorgan der sozialistischen (Regierungs-) Partei Belgiens, »Le Peuple«, wies Etzels Stellungnahme energisch zurück: »Der deutsche Rechtsanwalt Etzel aus Duisburg«, so schrieb das Blatt, »will alle Schuld dem kleinen Mann aufbürden, dem italienischen Kumpel Antonio Janetta.«

Janetta, der von den Sozialisten und Bergarbeitergewerkschaften in Schutz genommen wird, ist eine tragische Figur. Kriminalpolizisten, Staatsanwaltschaft und Bergbaufachleute haben ihn tagelang verhört. Als man den schmalen Italiener wieder freiließ, wechselte er schnell das Quartier. »Er ist dem Wahnsinn nahe«, sagen seine Freunde, die ihn in einer Holzhütte versteckten. »Wir müssen aufpassen, daß er sich kein Leid antut.«

Antonio Janetta, der erst vor fünf Monaten für die belgische Bergbau-Fremdenlegion angeworben wurde, hatte auf seinem verantwortungsvollen Posten als »Anschläger« (Aufzugwart) versagt. Aus dem Wust der abenteuerlichen Schilderungen über die Entstehung des Unglücks, die mit Gerüchten und erfundenen Rührgeschichten gewürzt wurden, schält sich als haltbare Version folgende Darstellung heraus:

Am Unglückstag, dem 8. August, versah Janetta - wie stets - seinen Dienst am Füllort der Sohle 975 (siehe Zeichnung). Seine Aufgabe war es, die aus dem Stollen heranrollenden, mit Kohle gefüllten Förderwagen in den Förderkorb zu bugsieren, der sich in dem ausgemauerten, nur 3,50 Meter breiten Schacht auf- und abwärts bewegt. Um 8.10 Uhr ließ der Maschinist, der über Tage die Fördermaschine bedient, den Förderkorb zur Sohle 975 hinunter. Da Janetta in diesem Augenblick keine gefüllten Wagen abzufertigen hatte, signalisierte er dem Maschinisten, er möge den Korb auf eine höhergelegene Sohle ziehen, wo wahrscheinlich gefüllte Waggons stünden. Der Maschinist ließ sich aber mit dem Heraufziehen Zeit, und der vorübergehend beschäftigungslose Janetta kehrte seinem Arbeitsplatz einige Minuten lang den Rücken.

Inzwischen rollten mehrere gefüllte Förderwagen heran. Der Italiener, der sie loskoppelte, rief vergeblich nach Janetta und betätigte sich schließlich selbst als Anschläger. Als er den dritten Waggon in den achtstufigen Förderkorb schob, setzte der Maschinist über Tage - der den Förderkorb noch immer leer glaubte - den Aufzug endlich in Bewegung. In diesem Augenblick war jener dritte Waggon noch nicht ganz im Förderkorb; der überstehende Wagenteil wurde von dem hochgehenden Aufzug gegen den Rand des Schachtes gerissen, aus dem die Versorgungsleitungen (Elektrizitätskabel, Preßluftrohr) in die Förderstrecke abzweigten.

Zunächst ging die Preßluftleitung zu Bruch, dann eine Ölleitung und schließlich das mit einem dicken Bleimantel geschützte 3000-Volt-Elektrokabel, aus dem ein 80 Zentimeter langer Lichtbogen hervorschoß und den Füllort blitzartig erleuchtete.

Als der Anschläger Janetta unmittelbar danach an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, packte ihn Entsetzen: Er sah, wie die Starkstrom - Kurzschlußentladung im Handumdrehen die mit Kohlenstaub verkrusteten hölzernen Spurlatten des Schachtes in Brand setzte. An den Spurlatten gleitet der an dicken Drahtseilen hängende Förderkorb auf- und abwärts. Für diese Führungsstreben verwendet man auch im deutschen Bergbau meistens imprägniertes Holz, weil Holz besser als Stahl den tektonischen Veränderungen des Schachtes nachgibt. Der enge 74 Jahre alte Schacht von Marcinelle war ordnungsgemäß ausgemauert und nicht - wie es in einigen Berichten hieß - mit Holz verschalt.

Über Tage ahnte niemand, was in 975 Meter Tiefe geschehen war. Nur der Maschinist, der die Preßluftzufuhr kontrollierte, wunderte sich über die plötzliche Druckverminderung in der (auf Sohle 975 durchgeschlagenen) Preßluftleitung. Er führte das Nachlassen des Druckes auf erhöhte Arbeitsintensität der mit Preßlufthämmern arbeitenden Kohlenhauer unter Tage zurück und drückte zum Ausgleich noch mehr Preßluft in die Leitung, so daß sich das mit Kohlenstaub, Holz und Öl genährte Feuer durch die Blasebalgwirkung der Preßluft in rasender Geschwindigkeit ausbreitete.

Janetta floh in den Wetterschacht, wo er sich in den zweiten Aufzugkorb retten konnte, der noch eine kurze Weile auf- und abfuhr, um die aus den oberen Sohlen flüchtenden Bergleute ans Tageslicht zu befordern. Dann versagte auch dieser Förderkorb den Dienst und blieb im Wetterschacht stecken.

Inzwischen hatte sich das Feuer vom Förderschacht zum Wetterschacht hindurchgefressen. Es hatte die hölzernen Wettertüren* zerstört; die Flammen krochen die hölzernen Spurlatten hinauf, während die Brandgase durch eine schräge Querverbindung in die tiefste Fördersohle 1035 eindrangen, wo die meisten Kumpel in weit entlegene Stollen und Gänge dieser Sohle flüchteten, bis sie das Brandgas doch erreichte.

Belgische und italienische Gewerkschaften schreiben die Hauptschuld an der Katastrophe von Marcinelle nicht dem unglücklichen Janetta zu, sondern der Direktion der Aktiengesellschaft »Charbonnage du Bois du Cazier«, die im vergangenen Jahr den Aktionären zehn Prozent Dividende bewilligte. Der Aufsichtsrat, dem mehrere prominente Mitglieder des belgischen Hochadels angehören, kassierte dazu noch hohe Tantiemen.

Hätte die Gesellschaft - so argumentieren die Gewerkschaften - einen Teil des Geldes dafür verwandt, die veraltete Förderanlage der Grube mit einer automatischen Sicherung zu versehen, dann wäre die Katastrophe trotz der menschlichen Fehlleistung nicht geschehen. (Im Ruhrbergbau sind die meisten Förderkörbe mit einer solchen Sicherung ausgerüstet. Der Korb kann nur in die Höhe gezogen werden, wenn die Förderwagen ganz in den Aufzugbehälter hineingeschoben worden sind.)

Auch daß Milliarden Subventionsgelder nicht zweckentsprechend - für die Modernisierung lebensgefährlicher alter Gruben - verwendet worden seien, werfen die Gewerkschaften und Sozialisten den belgischen Montangesellschaften vor und fordern die Nationalisierung der Zechen.

Insgesamt flossen während der vergangenen zehn Jahre 13 Milliarden Francs (1105 Millionen Mark) direkte staatliche Subventionen und 25 Milliarden Francs (2125 Millionen Mark) indirekte Subventionen über die Kranken- und Sozialversicherung in die Kassen der belgischen Grubengesellschaften. Außerdem stellte die Hohe Behörde der Montanunion dem belgischen Bergbau noch über drei Milliarden Francs (aus den Ausgleichs- und Anpassungsfonds) zur Verfügung.

Für diese Ausgleichszahlungen mußte in erster Linie der westdeutsche Steinkohlenbergbau aufkommen. Jede in Westdeutschland geförderte Tonne Steinkohle wird zur Zeit mit einer Ausgleichsabgabe von 29,1 Pfennig belastet. Bisher zahlte der westdeutsche Steinkohlenbergbau via Montanunion rund 170 Millionen Mark an die belgischen Kohlentrusts. Die Subventionsspritzen des belgischen Staates und der Montanunion sollten der technischen Ausstattung des belgischen Bergbaues zugute kommen, der zum Teil mit beträchtlichen geologischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat (große Fördertiefe, viel Methangas und schmale Flöze).

Im ergiebigen belgischen Nordrevier sieht man die Früchte; dort gibt es eine Anzahl Musterzechen. Dagegen fallen aber die über hundert Jahre alten Grubenanlagen in den Südrevieren, deren Renovierung fast ebenso teuer wäre wie die Anlage moderner Schächte, sehr ab.

Ein Teil dieser Gruben sollte deshalb nach dem Plan der Hohen Behörde der Montanunion geschlossen werden; als aber die Gewerkschaften protestierten, gaben die Unternehmer gern nach. Sie kassierten weiterhin Subventionen, verwandten sie aber nicht für die technische Aufrüstung, sondern stopften sie zum großen Teil den Arbeitern in die Lohntüten. Mehr noch als die Montangesellschaften an der Ruhr mußten die belgischen Grubenherren in die Tasche greifen, um das Arbeitskräfte-Problem zu lösen.

Die Hauer arbeiten fast ausschließlich im sogenannten Quadratmetergedinge, das heißt jedem Hauer wird eine bestimmte Abbaustrecke zugewiesen. Je mehr Meter er schafft, desto höher ist sein Lohn. (Die Spitzenlöhne liegen bei 36 bis 40 Mark je Schicht, im Ruhrbergbau bei etwa 25 Mark.) Diese forcierte Akkordarbeit geht stark auf Kosten der Sicherheit.

Am vergangenen Donnerstag beriet der Ministerrat der Montanunion über die ersten Untersuchungsberichte aus Marcinelle und Brüssel. Demnächst will die Hohe Behörde eine europäische Sicherheitskonferenz abhalten, auf der endlich durchgreifende Maßnahmen zur Verbesserung der Grubensicherheit im ganzen Montanunionsbereich und ganz besonders in Belgien beschlossen werden sollen. Damit hofft die Hohe Behörde, die Massenflucht der Italiener aus den belgischen Grubenrevieren aufzuhalten. In den ersten vierzehn Tagen nach dem Unglück von Marcinelle reisten etwa 5000 italienische Kumpel aus Belgien ab.

Der Schock pflanzte sich auch nach Spanien fort. Die spanische und die belgische Regierung hatten bereits ein Abkommen paraphiert, das den Export von etwa zehntausend spanischen Arbeitern für die belgischen Kohlengruben vorsah. Jetzt sträubt sich die spanische Regierung das Abkommen zu unterzeichnen. Die belgischen Zechenleitungen wollen nun japanische Arbeiter anwerben.

Die Italiener stellten bisher das Gros der Fremdarbeiterlegion des belgischen Bergbaus, in dessen Untertagebetrieben zu 70 Prozent Ausländer beschäftigt sind, die 25 verschiedenen Nationen angehören. Sie werden nach oberflächlicher zwölftägiger Einweisung gleich unter Tage eingesetzt. Die ausländischen Bergrekruten sind der französischen Sprache selten so weit mächtie daß sie die Sicherheitsvorschriften lesen können; sie verstehen kaum die Kommandos der Steiger.

Während der letzten fünf Jahre sind über 550 Italiener - einschließlich der Opfer von Marcinelle - in den belgischen Gruben umgekommen.

Schon vor einiger Zeit - nach einer anderen, weniger folgenschweren Grubenkatastrophe - schrieb der im Ausmalen von Schreckensszenen geübte italienische Literat Curzio Malaparte: »Früher waren es die Polen, deren Leben allenthalben am wenigsten galt. Sie wurden als billigste Arbeitskräfte in den Minen verheizt. Seit sie von ihrer Regierung an der Auswanderung gehindert werden, sind die italienischen Arbeitslosen an ihre Stelle getreten. Bald kann man sich ausrechnen, was eine Tonne Italienerfleisch in Belgien wert ist.«

* Sie dienen zur Regulierung des Luftstroms, des sogenannten Wetters. Frische Luft strömt durch den Förderschacht ein; die abziehende Grubenluft wird durch den Wetterschacht abgesaugt.

Etzel (r.) in der Unglückszeche

Zum Schweigen verpflichtet

Italienischer Trauerzug in Marcinelle: 550 Tote in fünf Jahren

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