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DENKER Die Frage nach dem Ganzen

Lange galten Geisteswissenschaftler als realitätsferne Grübler ohne gesellschaftlichen Nutzen. Zu Unrecht. Eine neue SPIEGEL-Serie stellt im »Jahr der Geisteswissenschaften« deutsche Denker vor, die zeigen, dass wir Forschung jenseits der Naturwissenschaften brauchen. Von Malte Herwig
Von Malte Herwig
aus DER SPIEGEL 30/2007

In der Gesellschaft von Naturwissenschaftlern, bekannte der britische Dichter W. H. Auden, fühle er sich wie ein abgerissener Hilfspfarrer, der aus Versehen in einen Salon voller Fürsten geraten sei. Falls den Tübinger Philosophen Otfried Höffe ähnliche Minderwertigkeitskomplexe plagten, ließ er sich nichts anmerken, als er Anfang Juli auf der Bühne der Inselhalle in Lindau am Bodensee saß. Höffes Publikum: 18 Medizin-Nobelpreis-Träger und 560 Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt. Das hatte es in der mehr als 50jährigen Geschichte der Lindauer Nobeltagung noch nie gegeben: ein Philosoph inmitten der internationalen Elite der Naturwissenschaften.

Höffe spricht über die Einheit der Wissenschaften und zitiert Aristoteles: »Alle Menschen streben von Natur aus nach Erkenntnis.« Die Nobelpreis-Koryphäen sprechen den Rest der Woche über Fadenwürmer, »Protein Crosstalk« und »Warum ich Mikroben liebe«. Dass sie trotzdem nicht um die großen Fragen herumkommen, liegt auch am wissbegierigen Nachwuchs. Nach seinem Vortrag steht der Biochemiker Craig Mello wie ein Popstar eingekeilt zwischen begeisterten Fans auf der Terrasse der Inselhalle, blickt gedankenvoll in sein Bierglas und stellt sich den Fragen der Forscherelite von morgen. Gibt es einen Gott? Welchen Sinn hat unsere Arbeit? Wie können wir die Welt retten? Mello hat darauf auch keine Antwort: »Aber dass diese Frage gestellt wird, lässt mich ernsthaft darüber nachdenken.«

Offenbar reicht den jungen Tagungsteilnehmern nicht, was Mello anzubieten hat. Sie fragen nach dem Ganzen. Es ist zwar immer noch ein unausrottbares Vorurteil, das auch in diesem Jahr, das als »Jahr der Geisteswissenschaften« ausgerufen wurde, gern gepflegt wird: Denken habe vor allem nützlich zu sein, und Nutzen könne man in den Naturwissenschaften am besten messen. Dennoch: Es regt sich was in Seminaren und Hörsälen, wie die Fragen in Lindau zeigen.

Darauf will die SPIEGEL-Serie antworten. Vorgestellt werden Soziologen, Literaturwissenschaftler, Historiker, Philosophen - Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die beispielhaft für eine neue Generation akademischer Gelehrter stehen. Denker, die oft im Grenzbereich zu den Naturwissenschaften jene Probleme ausleuchten, die wichtig für unser Menschsein und unsere Kultur sind.

In den letzten Jahren war die Gefechtslage eindeutig: Ein Erkenntnisbesessener wie Goethes Faust hätte seinen Forschungsantrag gar nicht bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einzureichen brauchen. Was die Welt im Innersten zusammenhält? Viel zu spekulativ, und erst die horrenden Reisekosten! Schon 1882 lästerte der Physiologe Emil Du Bois-Reymond, der »College« Faust hätte »statt an den Hof zu gehen, ungedecktes Papiergeld auszugeben und zu den Müttern in die vierte Dimension zu steigen, besser getan, Gretchen zu heiraten, sein Kind ehrlich zu machen und Elektrisiermaschine und Luftpumpe zu erfinden«.

Besser für die so wichtige Außendarstellung der Forschung in der letzten Zeit ist da schon hektische Betriebsamkeit, wie sie Fausts Schüler Wagner an den Tag legt. Von philosophischen Erwägungen und Selbstzweifeln völlig unbelastet, dafür mit zahlreichen Gerätschaften ausgestattet, macht er sich in seinem Labor daran, künstliche Intelligenz zu erschaffen. Da leuchtet es und blitzt und kracht, sieh da: »Es wird ein Mensch gemacht.«

Goethes Menschenzüchter Wagner ist ein Machertyp mit Zukunftsattitüde. Großartige Versprechungen ("Und so ein Hirn,

das trefflich denken soll, wird künftig auch ein Denker machen"), wissenschaftliches Vorgehen ("Den Menschenstoff gemächlich komponieren, in einen Kolben verlutieren und ihn gehörig kohobieren") und triumphale Erfolgsmeldungen ("Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?") machen Wagner, nicht Faust, zum Urvater moderner Biotech-Pioniere wie Craig Venter.

Doch die Sache hat einen Haken. Mit seinem technologischen Budenzauber würde Wagner jeden Drittmittelantrag durchbekommen und die Öffentlichkeit vom Nutzen seiner Arbeit überzeugen. Aber die wirklich drängenden Fragen - wie Leib und Seele zusammenpassen, warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen - könnte er immer noch nicht beantworten. War seine Forschung also im weiteren, gesellschaftlichen Sinne nützlich?

Die gleiche Frage wird man auch Craig Venter stellen dürfen, der vor kurzem die kommerziellen Verwertungsrechte für ein künstliches Lebewesen beantragte. Der wissenschaftliche Name des von Venters Forschern zur Schöpfung vorgesehenen Bakteriums soll »Mycoplasma laboratorium« lauten. Bisher existiert das künstliche Geschöpf nur auf dem Papier, aber schon hat es seinen Spitznamen weg: »Synthia« nennen es Venters Kritiker oder einfach »Syn«, was im Englischen wie »Sünde« klingt.

Zweifellos: Venters Homunkulus könnte sich gleich nach seiner Geburt nützlich machen. Als winzige Zellfabrik für die Herstellung von Ethanol oder Wasserstoff könnte er dienen - der Ölmulti BP ist bereits eingestiegen. Aber auch zur Herstellung von Biowaffen ließe sich der Winzling verleiten. Wer aber entscheidet, ob das Machbare auch das Wünschbare ist? Und was fangen wir mit dem Wissen an, das die Naturwissenschaften uns zur Verfügung stellen? Die Biologen sind dabei, die Grammatik der Gene zu entschlüsseln. Aber wer erklärt uns, wie wir mit dieser neuentdeckten Sprache des Lebens umgehen? Mit anderen Worten: Wie verleihen wir den naturwissenschaftlichen Fakten Sinn? Die großen Ethikdebatten der vergangenen Jahre, die um Genforschung oder Willensfreiheit gingen und die von Jürgen Habermas, Peter Sloterdijk oder Botho Strauß angeregt worden waren, zeigen, wie sprachlos die Naturwissenschaften sind, wenn man sie sich selbst überlässt.

Physiker werden im fortgeschrittenen Alter mitunter zu Philosophen - der umgekehrte Weg ist eher selten. Der geniale Quantenphysiker Erwin Schrödinger sah die Grenzen seines naturwissenschaftlichen Weltbilds. In seinem Buch »Die Natur und die Griechen« schreibt er über das moderne Weltbild der Physik: »Es liefert eine Menge faktischer Informationen, bringt all unsere Erfahrung in eine wundervoll systematische Ordnung, aber es hüllt sich in tödliches Schweigen über alles und jedes, was unserem Herzen wirklich nahe steht, was uns wirklich etwas bedeutet. Es sagt uns kein Wort über rot und blau, bitter und süß, körperlichen Schmerz und körperliche Lust; es weiß nichts von schön und hässlich, gut und schlecht, nichts von Gott und der Ewigkeit.«

Die Naturwissenschaften liefern Zahlen und Abbildungen, aber kaum Bedeutungen. Quantitäten, nicht Qualitäten. Es sind die Geisteswissenschaftler, die als Sinnspezialisten gefragt sind, ihre Kenntnis von Sprache, Kultur, Bedeutung einzubringen. »Die Genesis der experimentellen Wissenschaften«, schrieb der Philosoph Odo Marquard, »ist nicht die Todesursache, sondern die Geburtsursache der Geisteswissenschaften.« Sie sind es, die durch übergreifende Fragestellungen und durch das Augenmerk aufs

Individuelle, Besondere die Wissenschaft zurück ins Leben holen - und das Leben in die Wissenschaft.

Es ist kein Zufall, dass heute wieder Themen auf der Tagesordnung stehen, die schon als überholt galten. Seit der durch die Terrorattacken des 11. September erzwungenen Auseinandersetzung des Westens mit dem islamischen Fundamentalismus hat das »Verdrängte der Philosophie« (Klaus Heinrich), hat die Religion neue Aktualität gewonnen. Der Suhrkamp-Verlag veröffentlicht im Herbst die ersten Bände des ambitionierten Verlags der Weltreligionen. Wenn der Intellektuellenpapst Benedikt Naturwissenschaftler zum Gespräch einlädt, knüpft er damit an eine Tradition des aufgeklärten Dialogs an, die für naturforschende Kleriker wie den Genmönch Gregor Mendel oder den belgischen Abbé Lemaître, Begründer der Urknall-Hypothese, selbstverständlich war. Auch die Frage, in welcher Form sich der einstige Theologiestudent und spätere Agnostiker Charles Darwin mit religiösen Fragen auseinandersetzte, erhält durch die kürzlich aufgetauchte Hausbibel der Darwins neue Nahrung. Darwins Verhältnis zur Kirche sei »eine der spannendsten Fragen«, sagt Paul White vom Darwin-Archiv in Cambridge, das seit Januar eine Website »Darwin und die Religion« betreibt.

Die Trennlinie zwischen den »zwei Kulturen«, der »literarischen Intelligenz« und den Naturwissenschaftlern, die der englische Physiker und Romanautor C. P. Snow 1959 zog, hat nur Sinn, wenn man sie positiv als eine Art Arbeitsteilung versteht. Bereits Snow machte die Rivalität beider Lager an handfesten Interessenkonflikten und dem sozialen Habitus ihrer Vertreter fest. Während ein Shakespeare-Vers als Ausweis sozialer Distinktion galt, war der zweite Hauptsatz der Thermodynamik in guter Gesellschaft nicht zitierfähig. Die Zeiten haben sich geändert. Spätestens seit den Fortschritten der Genforschung schien der Typus des im großen Forschungsverbund arbeitenden Naturwissenschaftlers in der Öffentlichkeit die Rolle des modernen Prometheus übernommen zu haben. Der einsame Denker, der nur Zeit und Ruhe braucht, galt dagegen wenig. Seine stille Arbeit schien nicht in unsere hochtechnisierte, alle Lebensbereiche ökonomisierende Zeit zu passen. Kann man sich, unkte Adorno schon in den fünfziger Jahren, Nietzsche mit einer Sekretärin im Vorzimmer und nach Dienstschluss Golf spielend vorstellen? Unmöglich, denn Denken folgt nicht den Regeln des Betriebs.

Aber Denker waren aus der Mode gekommen, und die Macher waren in - die harten Kerle waren die Naturwissenschaftler. Der Rückzug der Geisteswissenschaftler in den Elfenbeinturm glich einer beleidigten Selbstaufgabe. Je öffentlicher die Universitäten in den letzten Jahren wurden, je voller die Hörsäle, desto lieber stahlen sich unsere Denker klammheimlich aus der gesellschaftlichen Verantwortung in die Schutzzone esoterischer Diskurse. Wem so viel Weltverlorenheit zu viel war, der rettete sich ins Feuilleton, denn dort fanden die relevanten, die wichtigen Debatten statt: der Historikerstreit, die Diskussionen um Demografie, Immigration und kulturelles Selbstverständnis. Schließlich war es die »FAZ«, die mit dem Abdruck einer menschlichen Genomsequenz den naturwissenschaftlichen Durchbruch im öffentlichen Bewusstsein festnagelte wie Luther seine Thesen an der Schlosskirche von Wittenberg.

Während Hirnforscher, Genetiker und Ökonomen das Zepter der Weltdeutung schwangen, verschanzten sich die Geisteswissenschaft-

ler in wirklichkeitsresistenten Theoriebunkern und pflegten, um mit Heine zu sprechen, schön frisierte Gedanken. Wer im Oberseminar seine These an die letzte Post-Foucaultsche Deutung andocken konnte, hatte schon gewonnen. War es da verwunderlich, wenn in der Öffentlichkeit ein geradezu aggressives Desinteresse am Treiben der hellen Brüter in ihren Stuben herrschte? Im Zeitalter naturwissenschaftlicher Revolutionen schienen die Geisteswissenschaften nur noch als Zitatlieferanten für Sonntagsreden wahrgenommen zu werden.

Doch jetzt naht das Ende der Bescheidenheit, und es ist höchste Zeit. Denn eine Wissensgesellschaft, der die Begriffe fehlen, um ihr Wissen nutzbar zu machen, hat trübe Zukunftsaussichten. »Denken und Wissen« hatte Wilhelm von Humboldt, das Gründungsgenie der deutschen Universität, einst gesagt, »sollten immer gleichen Schritt halten. Das Wissen bleibt sonst tot und unfruchtbar.« Es sind die Geisteswissenschaften, die durch Kritik, Reflexion und Widerspruch den Weg frei machen können für die kulturelle Evolution von der Wissens- zur Verstehensgesellschaft.

Geisteswissenschaft braucht Öffentlichkeit, und nicht nur häppchenweise. Auch deshalb werden einige der originellsten deutschen Denker in den nächsten Wochen in ausführlichen Porträts vorgestellt: Sie machen klar, dass deutsche Geisteswissenschaftler Weltniveau haben. Darunter sind viele junge Forscherinnen und Forscher, die wichtige Beiträge zu den großen Zukunftsfragen der Gegenwart liefern: Globalisierung, Armut, Gewalt, Angst, Information und Identität sind Schlüsselthemen unserer Zeit.

Entgegen allen Unkenrufen geht es den Geisteswissenschaften hierzulande immer noch glänzend. Historiker, Literaturwissenschaftler, Theologen und Philosophen forschen unter günstigen Bedingungen, zu denen der föderale Reichtum an Bibliotheken, Museen, Sammlungen und Archiven beiträgt. Im Förder-Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft sind von zehn deutschen Spitzenhochschulen acht geisteswissenschaftlich ausgerichtet. Auch international erfreuen sich deutsche Geisteswissenschaftler eines ausgezeichneten Rufs. Sie sind als Herausgeber, durch Übersetzungen ihrer Bücher und Rufe an ausländische Universitäten weltweit präsent. Die Entwicklung kulturwissenschaftlicher Ansätze hat die Palette an Forschungsgegenständen enorm erweitert, mit denen sich Geisteswissenschaftler heute beschäftigen. Sie greifen Alltagsgegenstände und -praktiken ebenso auf wie kulturelle Traditionen, rauen die scheinbare Selbstverständlichkeit alltäglicher Phänomene auf und reflektieren sie mit Blick auf den Menschen. Sie treten nicht mit dem trügerischem Anspruch auf, das Leben auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner ein für alle Mal zu erklären. Reduktionismus ist ihre Sache nicht, sondern Komplexität.

Die Hirnforscher haben das 21. Jahrhundert als »Century of the Mind« ausgerufen. Dagegen mag das »Jahr der Geisteswissenschaften« wie ein Pflichtstück im bildungspolitischen Festkalender wirken. Doch machen wir uns nichts vor: Wir werden auch in Zukunft Denker brauchen, die die Freiräume des Menschen bei der Gestaltung seiner biologischen Vorgaben ausloten. »Die Evolution ist keineswegs an ihrem Endpunkt angelangt«, stellte der Chemie-Nobelpreis-Träger Manfred Eigen einmal in einem Festvortrag zu Ehren eines Göttinger Kollegen fest. »Die wichtige Etappe der Evolution vom Mensch zur Menschheit liegt noch vor uns. Sie wird sich im geistigen Raum vollziehen.« Der Kollege war übrigens kein Chemiker, kein Physiker, kein Biologe. Es war der Germanist und Faust-Forscher Albrecht Schöne.

* Links: um 1958; rechts: Gemälde von Heinrich Kolbe, 1826. * Im Film »Faust«, 1960.

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