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»Die Frau überschätzt ihre Möglichkeiten«

Mit ihren Besuchen in Botswana und Sambia verstärkte Marie Schlei die Zweifel an ihrer Eignung für das schwierige Entwicklungshilfe-Ressort, das angesichts des Nord-Süd-Konflikts für die Bundesrepublik immer wichtiger wird. Statt Bonns Standpunkt klarzumachen, verblüffte sie afrikanische Gesprächspartner mit spaßigen Sprüchen.
aus DER SPIEGEL 15/1977

Die Sowjet-Union entsandte ihren Staatspräsidenten Nikolai Podgorny ins schwarze Afrika. einen der Brennpunkte des Nord-Süd-Konflikts. Zur gleichen Zeit war Moskaus Verbündeter, der Kubaner Fidel Castro, in jener Region unterwegs, in der Krieg gegen die weißen Rassisten-Regime auszubrechen droht. Aus der Bundesrepublik reiste Marie Schlei an.

Der Russe Podgorny versprach bei seinen Besuchen in Mocambique, Tansania und Sambia, die sich selber »Frontstaaten« nennen, umfassende Hilfe der Sowjet-Union im Kampf gegen die weißen Minderheitsregierungen in Rhodesien, der Südafrikanischen Republik und in Namibia. Der Kubaner Castro beorderte die Führer der in diesen Ländern operierenden schwarzen Befreiungsbewegungen zur Einsatzbesprechung nach Angola. Die deutsche Sozialdemokratin Schlei, seit Dezember Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und in Bonn spöttisch-liebevoll »Mutter Marie« genannt, bot letzte Woche auf ihrer Jungfernreise nach Botswana und Sambia Geld und viele gute Worte.

Voll stolzen Erstaunens erzählte sie vergangenen Mittwoch auf einem Empfang in der Bonner Botschaft in Lusaka, Sambias Regierung habe für sie »ja protokollarisch so starke Anstrengungen gemacht, als wäre der deutsche Außenminister gekommen Kein Wunder, denn Sambias Präsident Kaunda nahm ihre Mission wichtig, weil er damit rechnete, die Bundesrepublik werde wohl nicht untätig den Aktivitäten des Ostens zusehen. Doch Schmidt hatte eine Politikerin entsandt, an deren Sachkompetenz für die schwierige Entwicklungspolitik er selber Zweifel hegt.

Von solchen Zweifeln scheint Marie Schlei frei. Sie ging auf Safari, ohne sich mit dem Bonner Außenminister Hans-Dietrich Genscher besprochen zu haben (Schlei: »Wir haben doch beide so wenig Zeit").

Und sie machte Außenpolitik auf eigene Faust. »Botswana und Sambia, das sind Konflikt-Randstaaten«, so ihre Erkenntnis, »wo andere Blöcke schon ihre Füße draufgestellt haben. Hier stecken die Großmächte ihre Rinderzäune ab.« Da wolle sie sich einschalten und versuchen, »die Kräfte zu stärken, die für gewaltlose Lösungen sind«.

Auch beim Kampf um die wichtigen Rohstoffe möchte sie mitmischen: »Ich wäre ja ein schlechter Entwicklungsminister, wenn ich hier nicht die deutschen Interessen bei der Bodenschatz-Exploration und -Ausbeutung mit vertreten würde.«

Den Regierungen in Botswana und Sambia versuchte die Ministerin Kriegsgelüste auszureden. Mehrfach erzählte sie den schwarzen Ministern ihr eigenes schweres Schicksal »Ich hab« im Krieg Deutschland gegen die Sowjet-Union meine Heimat, meinen Mann und meine Mutter auf der Straße verloren.«

Zu derlei guten Ratschlägen gab es auch noch Geld aus der Bonner Staatskasse: 19 Millionen Mark Kapitalhilfe für Botswana, 70 Millionen für Sambia, dazu jeweils rund drei Millionen Mark technische Hilfe. Treuherzig beklagte sich Frau Schlei bei ihrer Ankunft in Sambia, daheim werfe ihr deswegen die Opposition vor, sie leiste einen indirekten Beitrag zur Kriegskasse, weil sie mit ihren Millionen die Etats der Frontstaaten entlaste.

Wie sollten die Afrikaner das nun verstehen? Denn da war doch auch die Zusage von Frau Schlei zum Aufbau einer strategischen Treibstoffreserve in Botswana, mit der über 40 Tage lang die Versorgung bei einer Blockade durch Südafrika gesichert werden soll.

Und wie anders als ein indirekter Zuschuß an die Befreiungsbewegungen sind jene 500 000 Mark humanitäre Hilfe für das Flüchtlingslager in Francistown zu begreifen, wo Jugendliche aus Rhodesien und Südafrika Zwischenstation machen, ehe sie in der Mehrheit in die Trainingscamps der Guerillas weitergeleitet werden?

Eigenartig auch die Logik, wenn Marie Schlei die intensiven bundesdeutschen Wirtschaftsbeziehungen zur Apartheid-Republik Südafrika mit dem Argument verteidigt, dies sei für die Frontstaaten nur von Vorteil. Die Entwicklungsreisende zu Forderungen nach einem Handelsembargo bei ihrer Ankunft in Sambia: Wenn die Bundesrepublik im Alleingang ihre Wirtschaftsbeziehungen zu Südafrika abbreche, dann gerieten daheim Arbeitsplätze in Gefahr und damit der Bestand der Regierung, also sei dieser Handel »auch zum Wohle Ihres Landes«.

Aber viel lieber noch als um hohe Politik kümmerte sich »Mutter Marie im schwarzen Kontinent um das Menschliche. Sie drückte verdutzte Afrikaner ans Herz, wo immer sie welche zu fassen bekam, gleich ob es Minister oder Hilfsarbeiter auf deutschen Entwicklungsprojekten waren. Überall machte sie ihre Späße, »denn die Leute sind ja so gern heiter, die lachen ja so gern«.

Schon auf dem Hinflug hatte sie ihre Begleitung aufgeklärt: »Die Neger sind wie die Juden, die riechen, ob man sie mag.« Und: BMZ. die Abkürzung für ihr Ressort, heiße in Wahrheit »bei Marie zu Hause«.

Und so lustig ging es immer weiter. Beim Überland-Ausflug zu einem Projekt für Einfachst-Technologie in Kanye, Botswana, verblüffte sie die deutschen Entwicklungshelfer mit der Erkenntnis, ein von ihnen gefertigtes Ziegeldach sei nicht dicht -- »schließlich bin ich ja gelernte Handwerker-Tochter«. Frau Schlei hatte beim Blick nach oben Lichtritzen entdeckt: »Hier, gerade über mir, strahlt die göttliche Güte ungehindert auf mich herab. Ich wette, daß es da durchregnet.«

Die Helfer beharrten, ihr Dach sei dicht. Darauf der Befehl der Ministerin: »Schafft mir eine Leiter und eine Gießkanne her, ich will es euch beweisen.« Die jungen Leute wußten nicht so recht, was von dieser Frau zu halten sei, und zögerten, der ministeriellen Anordnung nachzukommen. Zu ihrer Erleichterung sah der Besuch aus Bonn dann doch von der Klettertour ab. Die Inspektion wäre ohnehin überflüssig gewesen, denn das Dach hatte gerade eine Regenzeit überstanden. Der Projektleiter: »Kein Tropfen ist durchgekommen.«

Für die Fotografen stampfte sie zusammen mit eingeborenen Arbeitern fröhlich Zementsand in Mauerstein-Formen ("Die habens gut, kurzer Vormittagsdienst, und dann gehen sie nach Hause und beaufsichtigen Mama"), küßte Negerbabys, verschenkte Schals, Taschentücher und einen Kugelschreiber an »die süßen Kleinen«.

Die offiziellen Begleiter der botswanischen Regierung staunten nicht schlecht, als sie einem jungen Metallarbeiter ihr Wahlkampfbild mit Widmung schenkte, dann aus der Tiefe ihrer Tasche eine Nagelschere hervorkramte und dem jungen Mann eine Locke vom Wuschelkopf schnitt -- »als Souvenir

Szenenwechsel: Palaverplatz von Kanye, wo sich die Bevölkerung bei einem Feuer zu Beratungen versammelt und wo der Häuptling auch Recht zu sprechen pflegt. Diesen »Chief« in ihrer Begleitung klärte sie auf: »Flammen regen die Gedanken an.« Zur Dolmetscherin: »Sagen Sie ihm, er soll nur aufpassen. Wenn sein Urteil den Leuten nicht gefällt, kriegt er einen Knüppel auf den Kopf.«

Und weiter: Ich würde mit ihm gerne ins Feuer sehen wollen und von ihm lernen wollen, wie man gerecht Recht spricht und am Leben bleibt« Der Häuptling lächelte höflich, den Blick zur Erde gewandt, als Marie ihn verabschiedete: »Wenn Sie nach Deutschland kommen, besuchen Sie mich auf meinem Gerichtsplatz. Grüßen Sie Ihren Vater«

Spät abends im »Holiday Inn« zu Gaborone saß die Bundesministerin im Garten mit ihrer Begleitung in lockerer Runde zusammen. Höhepunkt der lauen Nacht unter dem Kreuz des Südens: Von Frau Schlei begeistert angefeuert, sprang ihr Persönlicher Referent in voller Montur in den Swimming-pool. Unter schallendem Lachen seiner Vorgesetzten entledigte er sich im Wasser seines Anzugs. Andere Hotelgäste, schwarze und weiße, sahen erstaunt zu, wie sich die »Westgermanen« (Schlei über ihre Truppe) amüsierten. Noch anderntags schwärmte die Abgesandte der Bundesrepublik Deutschland: »Was haben wir gelacht.«

Abschluß-Statement in Botswana« vorgetragen in jenem seltsamen Sing-Sang, in den Marie Schlei stets verfällt, wenn sie offiziell wird: »Meine Art zu agieren hat ihnen (den Gastgebern) ermöglicht, offen zu sein.« Die einheimischen Journalisten wußten nicht, ob es nun Spaß oder Ernst war, als sie über ihre Zeit in dem Land mit den vielen Rundhütten schwärmte: »Ich kann mir durchaus vorstellen, daß ich in einem schönen, roten, runden Haus wohnen könnte. Auf jeden Fall sollten viele Politiker und Journalisten mit im Rund wohnen, und in der Mitte sollte ein Feuer brennen. Daß ich Häuptling sein will, werden Sie vorausahnen.«

Verstört schrieben die schwarzen Reporter mit, was die Dolmetscherin an Schlei-Worten über Botswanas Präsidenten Khama übersetzte: »Ein sehr zurückhaltender Mann, sehr sensibel, ein sehr schöner Mann, soweit ein Europäer das sagen kann. Ich meine, Ästhetik sollte man nicht ausnehmen.«

So sehr ist Frau Schlei von ihrer Mission erfüllt, »den armen Menschen helfen zu dürfen, ich sage extra zu dürfen«, daß sie Gutes tut und stets darüber spricht. Kaum in Gaborone gelandet, begrüßte sie die Empfangsdelegation: »Ihr Finanzminister wird sich freuen.«

In Lusaka redete sie nicht nur auf dem Flugplatz von Geld, sondern auch bei einem Empfang in der deutschen Botschaft. Frau Schlei über die sie betreuende Sambia-Ministerin: »Morgens weckt sie mich, abends bringt sie mich ins Bett, und zwischendurch lockt sie mir das Geld heraus. Die Dolmetscherin übersetzte wortgetreu, die schwarze Ressortchefin lächelte gequält.

Ein anderer Fall fürs Protokoll: In Lusakas »Intercontinental«-Ballsaal hatte Sambias Regierung zum Empfang für die Deutsche geladen. Doch die nach und nach eintreffenden schwarzen Minister konnten dem Ehrengast nicht ihre Aufwartung machen. Frau Schlei war plötzlich verschwunden -sie schaute mal eben zu einer Verkaufsausstellung einer mit deutscher Hilfe arbeitenden Textilfabrik hinein, die in einem der Nebenräume aufgebaut war.

Dort zwängte sie sich im Ballkleid für die Fotografen in eine Jeans-Jacke. Dann nötigte sie auch noch die Gattin eines Ministers, die ihr nachgeeilt war, das Jackett über die feine Seidenbluse zu ziehen. Ehemann und Ehefrau wechselten Blicke, lächelten und zogen die Schultern hoch.

Bundeskanzler Helmut Schmidt mußte wissen, was er tat, als er Marie Schlei zum Entwicklungsminister machte. Er kannte ja zur Genüge -- aus eigener Erfahrung -- ihren sogenannten Mutterwitz. Der Kanzler, sein Amtschef Manfred Schüler und Presse-Staatssekretär Klaus Bölling wollten sie fort haben aus der Regierungszentrale, wo sie als Parlamentarische Staatssekretärin bald allen auf die Nerven gegangen war.

Schmidt wählte bei der Regierungsneubildung im Winter letzten Jahres den Weg des geringsten Widerstandes. Mit dem Familienministerium mochte sich Marie Schlei nicht bescheiden. Das habe, so ließ sie die dann mit diesem Ressort betraute Antje Huber wissen, für sie nun doch zu wenig Kompetenzen.

Schmidt aber wollte seine Staatssekretärin nicht einfach fallen lassen, nachdem sie sich im Wahlkampf kräftig für ihn eingesetzt ("Ick bin Helmut Schmidts Berliner Schnauze") und sich SPD-Fraktionschef Herbert Wehner für die Parteidame stark gemacht hatte.

Dabei hatte sie eigentlich auch nicht Entwicklungsministerin werden wollen. Ihr stand der Sinn nach Höherem. Sie strebte Walter Arendts Nachfolge im Amt des Arbeits- und Sozialministers an.

Jetzt, so scheint es, ist sie sogar mit dem Entwicklungshilferessort überfordert. das in Bonn nie sonderlich viel galt, das aber in der sich verschärfenden Auseinandersetzung der Industriestaaten mit der Dritten Welt zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Nach Ansicht von Sachkennern könnte sie zwar im Laufe der Zeit die herkömmliche bilaterale Politik gegenüber den einzelnen Entwicklungsländern noch in den Griff bekommen. Aber wenn es um jene »neue Dimension« (Schlei-Vorgänger Egon Bahr) geht, die multilaterale Zusammenarbeit zur Bewältigung des Nord-Süd-Konflikts und zur Verteilung knapper Rohstoffe, kann sich die Bundesrepublik, wie Experten meinen, nicht leisten, teures Lehrgeld zu zahlen, nur weil Frau Schlei bei der Regierungsbildung mit irgendeinem Posten abgefunden werden sollte.

Ein Kabinetts-Mitglied: »Die Frau überschätzt voll ihre Möglichkeiten. Gerade Entwicklungspolitik ist ein ungeheuer schwieriges Ressort, vor dem auch Routiniers Manschetten haben, unter anderem auch wegen der Konkurrenz zum Bundeswirtschaftsministerium und zum Auswärtigen Amt.« Bislang noch verteidigt Schmidt -- halbherzig -- seine Wahl mit dem Argument: »Ein wirklich tüchtiger Politiker muß in der Lage sein, jedes Ressort zu übernehmen.«

Die gelernte Lehrerin Schlei freilich war schon bei ihren ersten Auftritten im entwicklungspolitischen Bundestagsausschuß aufgelaufen, als sie der Opposition auf Fachfragen zum integrierten Rohstoffprogramm und zum »gemeinsamen Fonds« der UN-Welthandelskonferenz Antworten schuldig bleiben mußte. MdB Jürgen Gerhard Todenhöfer, entwicklungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion: »Die Frau ist riesig nett, wenn sie auf Abgeordnete zugeht und ihnen die Krawatte zurechtrückt. Aber es war ein Akt der Inhumanität von Helmut Schmidt, sie mit diesem Amt zu betrauen.«

Egon Bahr sah das Dilemma heraufziehen. Nicht zuletzt deswegen drängte er den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt, den Vorsitz in einer von Weltbankpräsident Robert McNamara angeregten Nord-Süd-Kommission zu übernehmen, um dort den deutschen Einfluß geltend zu machen.

Bei einem Essen im kleinen Kreis mit Bundespräsident Walter Scheel und Willy Brandt kam die Frage auf, warum eigentlich Marie Schlei Entwicklungsminister geworden sei. Brandt, steinernen Gesichts, sagte nur einen Satz: »Weil der Bundespräsident ihre Ernennungsurkunde unterschrieben hat.«

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