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WIEDERAUFBAU Die fremden Schwestern

Das deutsche Görlitz bekam Millionen für den Neustart nach dem Sozialismus, das polnische Zgorzelec fast nichts. Nun sollen die beiden Städte links und rechts der Neiße zu einer zusammenwachsen - dabei trennen sie Welten. Die eine hat, was der anderen fehlt. Von Alexander Smoltczyk
aus DER SPIEGEL 44/2004

Honolulu liegt auf dem 158. westlichen Längengrad. Görlitz auf dem 15. Längengrad in östlicher Richtung. Das ist fast auf der anderen Seite der Erde. Robert Locke und seine Frau Wera sind diesen Weg gegangen. Der Management-Professor aus Hawaii hat seine Insel verlassen und sich angesiedelt im östlichsten aller Flecken Ostdeutschlands.

Von viel weiter weg kann man nicht kommen. Vor zwei Jahren kauften die Lockes eine der Altstadtruinen hinter dem Görlitzer Rathaus, und manchmal, wenn sie ihre E-Mails zu den Freunden in Honolulu schickten, hatten sie das Gefühl, ein Teil der Geschichte zu sein.

Bob Locke hat in den letzten Jahren viel gelernt. Die Wörter »Anmeldung«, »ist nicht gestattet« oder »Denkmalschutzbehörde« gehen ihm jetzt leichter über die Lippen. Er mag dieses Ostdeutschland im 15. Jahr.

Auch wenn er noch nicht alles versteht: »Ich durfte kein Auto in Görlitz kaufen, weil mein Führerschein aus Hawaii nicht anerkannt wird. Sie sagten, ich müsse die deutsche Führerscheinprüfung machen. Theorie und Praxis. Aber ich bin 72 Jahre alt und spreche wenig Deutsch.« Locke ging zum Autohändler am anderen Ufer, drüben in Polen. Jetzt fährt er einen Skoda. Mit polnischem Kennzeichen.

Er versteht auch noch nicht, weshalb jemand, der vom anderen Ende der Welt anreist, um seine Dollar in ein Gemäuer zu stecken, nicht mit Champagner begrüßt wird: »These Behörden, they have a commitment problem - sie fragen nicht, wie sie helfen können. Sie lauern, dass man Fehler macht.«

Die Lockes wollten einen Fahrstuhl und hohe Türen in ihr Haus einbauen, die Fassade sollte authentisch bleiben. Die Denkmalschutzbehörde lehnte ab. »Ich mag alte Türen. Aber im Mittelalter waren die Menschen nicht sechseinhalb Fuß groß«, sagt Bob Locke. So wie er.

Wera Locke lebt gern in Görlitz. Sehr gern. Die Ruhe, das Theater, die Restaurants in gotischen Kreuzgewölben. »But«, sagt sie, »es fehlt etwas.« - »Entrepreneurial spirit!«, sagt Bob. »Wo sind die jungen Leute, die ein Business aufmachen? Hier nicht. Hier ist es leer und tot ...« - »and beautiful«, sagt Bob.

»Alles ist drüben viel einfacher, Business-orientierter«, sagt Wera. Sie ist jünger als ihr Mann. Ihr Sohn aus erster Ehe hatte für sie auf Bobs Anzeige geantwortet. So kamen sie zusammen. Mit »drüben« meint sie nicht Hawaii.

Wera Locke stammt aus Zgorzelec. Das ist die ehemalige Görlitzer Kasernenvorstadt am anderen Ufer der Neiße. Nur ein paar Schritte über die Stadtbrücke entfernt. Manchmal ist das so weit wie zu den Antipoden.

Grenzstädte sind anders. Am einen Ufer liegt, was zu träge ist, um weiter mitgerissen zu werden. Am anderen Ufer fängt sich, was nicht mehr weiterdarf. Das macht die Doppelstädte im Osten so verschieden. Frankfurt und Slubice, Guben und Gubin, Görlitz und Zgorzelec. Es sind ungleiche Schwestern. Die eine hat, was der anderen fehlt. Nirgendwo ist das deutlicher zu spüren als in Görlitz-Zgorzelec.

Wer sich Görlitz über die A4 von Westen her nähert, durchquert zur Einstimmung einen 85 Millionen Euro teuren Tunnel ohne Berg, der gebaut wurde, um schützenswerte Hügelchen zu schonen, passiert wenig später einen in sich ruhenden, subventionierten

Windmühlenpark und ist dann bereit für Görlitz.

Die Stadt steht da wie ein großes Missverständnis. Wie ein versprengtes Stück Kultur, wie ein aus der Zeit gefallener Rest Old Europe, mit Barockportalen im Dutzend, gotischen Fenstern, einer Jugendstilpassage, Stadtvillen aus der Gründerzeit, vergoldeten Flachreliefs, Säulchen, Zierleisten. Selbst »Karstadt« sitzt in Jugendstil, dem letzten erhaltenen Kaufhaus seiner Art in Deutschland.

Eine halbe Milliarde Euro ist über die Altstadt von Görlitz niedergegangen. Die Stadt hat das Herz hochbesteuerter Zahnärzte gerührt. Fördermittel, Stiftungsgelder, Investitionszulagen, Eigenkapitalien strömten an die Neiße, jede Ecke wurde mit philatelistischer Sorgfalt restauriert, Regenrinnen aus Kupfer verlegt, Innenanstrich nach Quark-Kalk-Rezeptur aus dem Mittelalter angerührt. Nirgendwo sonst zeigte sich der Aufbau Ost sorgfältiger und liebevoller als in Görlitz.

Jetzt ist die Kulisse fertig, und es gibt nur noch ein Problem: die Menschen. Es ist keiner mehr da zum Bespielen. Die Fenster bleiben abends dunkel. Die Stadt ist leer.

Görlitz hatte zu DDR-Zeiten 80 000 Einwohner. Ein Viertel der Bevölkerung ist fortgezogen, vor allem die Jüngeren. Jetzt leben hier noch 60 000 Menschen, und sie sind nicht jung. 45 Jahre alt ist der Görlitzer im Schnitt, zehn Jahre älter als der Zgorzelecer, nur eine Flussbreite entfernt.

»Stuck!«, »Renaissance!«, »Handgemalt!«, »Provisionsfrei!« An manchen Ecken haben die Transparente der Makler schon einen verzweifelten Ton. Als ginge es um Ladenhüter, nicht um kostümfilmreife Fassaden aus der Gründerzeit. In Görlitz bekommt man für vier, fünf Euro pro Quadratmeter eine Wohnung am Untermarkt mit Renaissancedecke, renoviert und zentralbeheizt.

Drüben sind Wohnungen rar.

Zgorzelec ist das Gegenteil von Görlitz. Eine gewucherte Behelfsstadt, zwangsbesiedelt mit Fremden, denen die Angst vor Vertreibung in den Knochen steckt. Die Welt am anderen Ufer ist rauer. Es riecht nach Braunkohle wie früher überall. Die Kerle sind kurz geschoren, die Blicke hungriger. Die Schritte der Frauen sind schneller, die Gesichter geschminkter, die Hosen um jene Nummer zu eng, die über Reiz oder Bequemlichkeit entscheidet. Zgorzelec ist arm, und Armut ist direkt und laut.

Die Wohnungen sind eng, rationiert und schäbig. Die Straßen belebt, der Verkehr dröhnend, auf dem Markt drängeln sich die Leute, und die Arbeitslosenquote liegt bei 11 Prozent. Halb so hoch wie auf der anderen Seite.

In der Görlitzer Altstadt sind Neonschilder verboten. Am anderen Ufer, gleich hinter der Stadtbrücke, brüllt die Reklame von allen Ecken. »Ankauf! Wechsel! Alkohol! Non Stop!«. Armut kann nicht warten.

Nach dem Krieg strandeten Soldaten, Umgesiedelte und griechische Exilkommunisten

in Zgorzelec. Wera Lockes Eltern kamen aus Russland. Die Leute lebten vom Kohlenabbau und tauften die wilhelminische Ruhmeshalle in »Dom Kultury« um. Von der Kohle lebt Zgorzelec bis heute. Aber nach der Wende zog ein anderer Wind auf. Das Provinznest wurde zum Klein-Chicago, Brückenkopf für Schmuggler, Menschenschieber, Drogenhändler. Die Neiße ist flach, der Westen nah.

In den letzten Jahren sind Tausende aus dem Umland nach Zgorzelec gezogen. Sie eröffnen in irgendeinem Souterrain eine Frisierstube, oder sie klappen einen Campingtisch an der Warszawaska-Straße auf wie Sylwia, Maigorzata und Anna, packen ihn voll mit schwedischen Duftwässerchen, zahlen zwei Zloty am Tag oder auch nicht - und kommen über die Runden.

Inzwischen ist die Kriminalität an der Neiße nicht wesentlich höher als anderswo. Das Geld ist längst gewaschen, und die Bizness-Männer haben sich Tankstellen zugelegt oder kaufen sich drüben in Görlitz ein. Nur der raue Wind ist geblieben. Zgorzelec ist amerikanischer, auf kuriose Art westlicher als Görlitz.

Rolf Karbaum war in der DDR Professor für Schwachstromtechnik, bevor er Oberbürgermeister von Görlitz wurde. Wenn er demnächst in Rente geht, sagt er, könne er sich endlich mit der Lösung einer inhomogenen Differenzialgleichung beschäftigen, die ihn schon seit dem Studium umtreibt. Nicht alle in Görlitz halten Rolf Karbaum für den richtigen Bürgermeister.

Nachdem er 1998 als Parteiloser gewählt worden war, erklärte er: »Jetzt können die Investoren wieder an die Rathaustür klopfen.« Mag sein, es wäre besser gewesen, das Rathaus zu verlassen, statt an der Tür zu lauschen. Die großen Investoren sind weggeblieben - mit Ausnahme eines Callcenters, das sich im alten Postamt angesiedelt hat, weil Görlitz eine schlesische Stadt ist und die Menschen hier nicht sächseln.

Doch Karbaum ist risikofreudiger, als manchen Alteingesessenen recht ist. Am liebsten würde er alle Grenzen abschaffen, den Arbeitsmarkt öffnen, den Wohnungsmarkt, das Melderecht. Warum sollen Polen nicht in leere Görlitzer Wohnungen ziehen? Warum soll eine Druckerei keinen Polen einstellen dürfen, auch wenn die Arbeitslosenquote in Görlitz bei 23 Prozent klebt?

»Unsere einzige Chance ist der Osten«, sagt er. Karbaum steht am Fenster seines Arbeitszimmers (Spätrenaissance) und blickt über den Untermarkt nach Osten. Über den Platz ragt die graue, schüsselgespickte Skyline von Zgorzelec. »Ein unendlicher Markt liegt vor uns, bis zur Ukraine«, sagt Karbaum.

Er erzählt von der gerade fertig gestellten Altstadtbrücke, vom deutsch-polnischen Kindergarten und dem Projekt, gemeinsam mit Zgorzelec »Europas Kulturhauptstadt 2010« zu werden.

Kultur gibt es genug. Eine Kirchenmusikhochschule und ein Naturkundemuseum, dessen Mitarbeiter führend sind in der Milben- und Würmerforschung. Es gibt das Stadttheater mit Untertiteln in Polnisch, den grenzüberschreitenden »Europa-Marathon«. Das Heilige Grab, Jazz- und Altstadtfeste, einen Ableger der Universität Zittau. Die Sternwarte. Das Haus von Jakob Böhme. Und natürlich die 3500 Baudenkmäler.

Das müsste eigentlich reichen.

Karbaum fürchtet, dass nach dem Wegfall der Grenze die Entwicklung über die beiden Städte hinwegspringen könnte. Dass Görlitz vor allem hübsches Hinweisschild an der Autobahn bliebe, auf dem Weg zwischen Dresden und Breslau. Es bleibt nicht mehr viel Zeit.

Am Morgen hat die Deutsche Bahn bekannt gegeben, die letzten beiden direkten Zugverbindungen von Dresden über Görlitz nach Polen würden gekappt.

Dann erzählt das Stadtoberhaupt von dem geheimnisvollen Spender. Jedes Frühjahr schickt jemand eine halbe Million Euro ins Rathaus, für die Stadtsanierung. Seit zehn Jahren schon. »Es ist ein Wunder«, sagt Karbaum. In Görlitz weiß niemand, wer der Spender ist, es forscht auch niemand nach, aus Angst, das Geld könnte dann ausbleiben wie einst bei den Heinzelmännchen zu Köln.

Heinzelmännchen sind ein Segen. Ein Fluch aber ist es, von ihnen abhängig zu sein.

Michael Vogel wirkt nicht wie ein Abhängiger, er ist der Held von Görlitz. Für die meisten jedenfalls. Bob und Wera Locke aus Hawaii beschreiben Michael Vogels Behörde wie den jakobinischen Wohlfahrtsausschuss zur Zeit des Terrors. Vogel leitet die Untere Denkmalschutzbehörde. In einer Stadt wie Görlitz bedeutet das die Macht. Investoren fürchten ihn. Der Mann ist unerträglich, wie alle, die wissen, dass sie Recht haben.

»Ich habe einen Auftrag«, sagt er. Vogel hat einen rötlichen Teint und trägt eine warme Jacke im Büro. Das »Biblische Haus«, in dem seine Behörde residiert, ist nach strengsten Maßstäben restauriert und deshalb schwer zu heizen.

Dieser Mann ist keiner, der leicht nachgibt. Schon zu DDR-Zeiten hat er den Bürgermeister wegen »Vernichtung von Kulturgut« angezeigt. Damals stand die Innenstadt schon zum Abriss bereit. In gewisser Weise hat niemand so von der Wende profitiert wie Michael Vogel. Seine Stadt ist gerettet und schöner als jemals zuvor. 500 Millionen Euro, für Bienenwachslasur, Biberschwanzziegel, Gratverzierungen. Sie müssen glücklich sein, Herr Vogel?

Vogel überlegt kurz.

»Ja und nein, muss ich sagen.«

Und erwähnt die falsch liegenden Dachfenster eine Straße weiter, die einscheibigen Fenster hofwärts, das etwas zu grelle Rot am Jakob-Böhme-Haus.

Es ist schwer, zufrieden zu sein, 15 Jahre nachdem eine Welt untergegangen ist. Klagen ist kein Jammern. Sondern

oft nur die verschämte Form von Hoffnung.

Gleich hinter dem Grenzübergang der Autobahn glitzert der »real«-Kapitalismus, ein hochmoderner Hypermarkt, mit bewachtem Parkplatz. In deutschem Besitz, aber jeden Tag der Woche bis spätabends geöffnet. Die Tankstelle nebenan ist eine Tanklandschaft, nachts grell beleuchtet wie ein Flughafenterminal, immer in Betrieb.

Es ist eine andere Pracht als die der Görlitzer Altstadt. Doch nicht weniger absurd und unvermittelt, fremd hier in tiefster Provinz. Die Görlitzer sind stolz auf ihre Altstadt. Die Zgorzelecer auf ihre Tankstellen.

In Polen ist das Ende des Sozialismus als Crashkurs absolviert worden, ohne sozialstaatliche Abfederung, ohne Transfers aus einer besseren Welt. Das hat die Menschen jenseits der Neiße arm gemacht und illusionslos. Wer sich nicht selbst hilft, der kann auf Hilfe lange warten.

»Die Polen sind risikobereiter. Sie probieren etwas aus, scheitern, versuchen etwas anderes, fallen auf die Nase, machen weiter, so lange, bis sie ihr Auskommen gefunden haben«, sagt der Kölner Anwalt Hans-Bernhard Lahme.

Er sitzt seit sechs Jahren als Wirtschaftsberater in einer ehemaligen Kaserne in Zgorzelec und gründet Firmen: »In Deutschland eine Drei-Zeilen-Übung - in Polen sind drei Formularbücher à 18 Seiten voll zu schreiben. Der Staat misstraut dem Bürger so sehr, dass Unternehmer ihre Einkommenserklärungen monatlich abgeben müssen. Aber«, sagt Lahme, und darauf komme es an, »der Pole liebt auch kürzere Wege.«

Im Zweifelsfall ist mehr möglich als vorgeschrieben steht. Es ist wie in Italien. Gesetze sind bewundernswürdige Einrichtungen, aber für den Alltagsgebrauch nur von beschränktem Wert.

»Hier bei uns kann jeder kaufen, egal, ob Deutsche, Juden oder sonstwer.« Ireneusz Aniszkiewicz ist Stellvertreter des Bürgermeisters in Zgorzelec. Ein nervöser starker Raucher, Mitglied der Freiheitsunion.

Er hat Deutsch gelernt, wie auch die große Mehrheit der Schüler seiner Stadt. Nach dem Tod eines Kollegen ist Aniszkiewicz jetzt auch für Wirtschaftsförderung, Kultur, deutsch-polnische Beziehungen zuständig.

Das Verkaufsschild drüben am »Kindergarten Nr. 3«, dem deutsch-polnischen Kindergarten in einer Villa am Neißeufer?

»Können Sie kaufen, kein Problem.« Die Modelleinrichtung sei in ein anderes, schlichteres Gebäude umgezogen. Aniszkiewicz ist kein komplizierter Zeitgenosse.

Natürlich seien »die armen Leute« beunruhigt, wenn ein Görlitzer Stadtrat der Deutschen Sozialen Union revanchistische Plakate klebt. Wenn eine »Preußische Treuhand« auf Rückgabe ehemals deutschen Eigentums klagen will. »Das sind Leute von gestern«, sagt er. »Wir müssen einen Schlussstrich ziehen. Ich sage Ihnen: Wir würden uns freuen, wenn mehr Deutsche bei uns investierten.«

Neulich kamen die Leute von »twenty4 help« in sein Büro, wollten auch in Zgorzelec ein Callcenter eröffnen. Am selben Abend konnte eine passende Villa besichtigt werden.

Elzbieta Lech-Gotthardt hat Bibliothekarin gelernt, und niemand weiß, weshalb sie die Nachnamen ihrer Ehemänner noch mit sich herumträgt. Sie ist jetzt 40, sitzt in kurzem lila Kleid und langem Mantel zehn Meter vom Grenzpfahl entfernt in ihrem Restaurant, der Dreiradenmühle, und dirigiert ihre Arbeiter. Elzbieta gehört zu den Frauen, die es nicht nötig haben, vom Fortgehen zu träumen. Zu viel zu tun: Die Mühle am Zgorzelecer Ufer wird zum Hotel ausgebaut, am Abend gibt es einen »26. Oberlausitzer Poesie-Abend«.

Sie bekommt keinen Zloty Unterstützung. Ebenso wenig ihre Nachbarn, deren Häuser in den letzten sechs Monaten renoviert wurden, wenn auch eher mit Baumarktfarben als mit Quark-Kalk-Gemisch.

Ihre Kellner arbeiten 15 Tage ohne Pause, 12 Stunden am Tag. Dafür bekommen sie 400 Euro und zweimal die Woche Deutschunterricht, auf Kosten der Wirtin. »Man hat gelernt zu jammern, weil man immer alles bekommen hat«, sagt sie. »Man« sind die am anderen Ufer. »Bei uns funktioniert nichts. Keine Sozialversicherung, nichts. Also kümmert man sich.«

Elzbieta redet wie jemand aus der neuen Welt.

Genau auf der anderen Seite steht die Vierradenmühle - östlichste Gaststätte Deutschlands. Auch sie wird geführt von einem Wirt, der nicht auf bessere Zeiten warten mochte. Einmal spannten sie eine Seilbahn über die Neiße. Elzbieta schickte ihre russischen Piroggen hinüber, zurück kamen Crêpes. Zollrechtlich war das damals, Ende der Neunziger, noch Schmuggel. Das Seil wurde gekappt, von polnischen Zöllnern. Jetzt, mit der neu eröffneten Brücke, soll der Menü-Austausch wieder aufgenommen werden.

Inzwischen leben viele Geschäfte der Görlitzer Innenstadt von den Zgorzelecern, die in ständigem Strom mit ihren Einkaufstüten über die Stadtbrücke kommen, um Kosmetika oder Markenartikel zu kaufen. Früher waren nur die Warnschilder gegen Ladendiebstahl auch in Polnisch. Inzwischen steht in den Kaufhäusern »Serdecznie witamy! - Herzlich willkommen!« Ein Drittel seines Umsatzes macht der Einzelhandel mit Kunden von drüben. Doch

manchem fällt es schwer, frohgestimmt über die Neiße zu schauen. Viele bleiben auch nach dem Beitritt mit dem Rücken zum Fluss sitzen, schauen lieber nach Westen. Ihnen ist das ständige Händeschütteln der Bürgermeister suspekt.

Das liegt nicht allein an der Sprache. Polen ist für die meisten Grenzbewohner das Land des Billigtankens und der Friseurinnen geblieben, der Marktbuden für Tabak, Fleisch und Gartenzwerge. Zum Glück jetzt auch mit bewachten Parkplätzen.

Die Kellnerin der Vierradenmühle sagt, als ihr Wirt gegangen ist: »Wir Görlitzer sind nicht glücklich mit der Brücke. Hat ja drei Millionen gekostet. Und hier in Görlitz knappt's an allen Ecken. Es gibt kein richtiges Hallenbad. Natürlich, drüben in Zgorzelec gibt es eins. Aber mit dem Auto fahr ich da nicht hin. Dann fahren wir lieber nach Mallorca zum Baden.«

Mallorca ist näher als Zgorzelec.

Es ist, als ob ein weiterer Riss durch Görlitz ginge, quer zur Neiße. Eine Kluft zwischen denen, die neugierig auf das andere Ufer sind, und den anderen. Die alten Görlitzer haben sich nicht in die renovierte Innenstadt locken lassen.

Sie wohnen draußen, in der Plattensiedlung Königshufen. Hier kennt man sich, es gibt Parkplätze, Straßenbahn und einen »täglich billig!«-Supermarkt in der Mitte. Königshufen ist Sozialismus plus Biotonne. Außerdem hat man einen schönen Blick auf die Altstadt.

Da unten, in den Gründerzeitvillen, haben sich Neubürger angesiedelt. Der Bremer Architekt mit linker Vergangenheit, der endlich etwas gestalten kann; der ehemalige Baustadtrat aus Kreuzberg; das Ehepaar Locke aus Hawaii. Es ist die Fraktion »Kulturhauptstadt 2010«. Es sind tatendurstige Überzeugungstäter, nicht nur aus dem Westen, die an der Stadt einen Narren gefressen haben. Sie reden von »Entschleunigung« und »Urbanität«, machen Pläne, diskutieren. Können es nicht fassen, dass diese märchenhafte Doppelstadt keine Zukunft haben soll.

Bei der Stadtratswahl im Juni haben diese »Bürger für Görlitz« die meisten Stimmen bekommen.

Vielleicht ist es falsch, auf die großen Investoren zu warten. Vor gut hundert Jahren war Görlitz schon einmal eine »Pensionopolis« für preußische Rittmeister a. D. Es gibt Leute, die darüber nachdenken, Görlitz in eine Art deutsches Palm Springs zu verwandeln, eine Kultur- und Klinikstadt für Ruheständler. Ihnen macht die Randlage nichts aus, und sie könnten sich von Pflegern aus Zgorzelec betreuen lassen.

Vielleicht muss man ganz anders denken. Es sind nicht die großen Institutionen, die eine Entwicklung bestimmen, sondern die kleinen Bemühungen.

Im Café des frisch renovierten Barock-Hotels Börse, gleich vis-à-vis vom Dienstzimmer des Oberbürgermeisters, sitzen zwei korpulente Herren zwischen Kristalllüstern und Bodenmosaiken aus schlesischem Marmor. Die Globalisierungsfrage haben sie für sich beantwortet: »Sprache beherrschen und das Land lieben«, sagt Frank Steinert. Der gelernte Maurer aus Görlitz hat seine eigene Bauleitungsfirma.

»Gut arbeiten«, sagt der andere. Er heißt Pawel Nowak. Der studierte Historiker ist für die Krakauer Baufirma Kopex in Görlitz, hat Vokabeln wie »Krümmling« und »Handlauf« gelernt und sagt, dass deutsche Schwarzarbeiter den Markt kaputtmachten.

Sie haben die »Börse« in acht Monaten restauriert - »wäre mit einer deutschen Firma nicht zu leisten gewesen«, sagt Nowak. »Nicht in der Qualität.« Steinert widerspricht nicht. »Das Geld liegt auf der Straße«, sagt er. Auf den Baustellen nennen sie Nowak und Steinert nur »Bärchen und Bärchen«. Der Pole und der Deutsche.

Krummhorn-Geknarze und Mönchsgesänge wehen von draußen über das Basaltpflaster am Untermarkt. Ein Juwelier hat beschlossen, lieber in der Frührenaissance zu leben. Er trägt ein härenes Wams und Schuhwerk aus der Wintersaison 1523/1524. Vielleicht ist er auf dem richtigen Weg. Besser in der Renaissance als in alten Ostzeiten.

Er jedenfalls, sagt Steinert, er habe in Polen gelernt, dass es manchmal sinnvoller sei, schon einmal anzufangen, auch wenn noch keine Arbeitsgenehmigung vorliegt: »Die Polen sind mehr so«, er versetzt seine Maurerarme in eine schlängelnde Bewegung. »Bei uns heißt es nur: Was, nach Polen, mit meiner neuen Putzmaschine? Aber das ist die einzige Chance. Vergiss die Grenze.«

Nowak zahlt seinen Leuten deutsche Löhne. Dafür arbeiten sie »sehr energisch«, sagt Nowak.

Steinert meint: »Beim Treffen der Innungsobermeister haben sie gesagt, der Steinert, der zerstört unsere Macht. Die haben mich ausgelacht, als ich Polnisch lernte. Jetzt kommen sie an und wollen Kontakte drüben haben.« Er sieht die Grenze nicht als Ende der Welt, sondern mehr als logistisches Problem.

Klimatechniker und Dachdecker sind im Westen besser, Parkettleger drüben im Osten billiger und schneller. Also stellt man sich sein Paket zusammen. Zwei Welten sind besser als eine.

Draußen läuft eine Gruppe Schüler mit einem Clipboard über den Platz. Sie tragen Sweatshirts. Auf dem einen steht »Berlin«, auf dem anderen »Turkey«. Sie kommen aus Lubin in Polen. Es sei ein Wettbewerb, sagen sie. Eine Art Schnitzeljagd für den Deutschunterricht. Sie sind gerade bei der Frage V.: »Frau Müller sucht nach jüdischen Spuren in Görlitz - könnt Ihr der Dame helfen?«

Es ist nichts Besonderes, nichts, was in Festreden oder Hochglanzvisionen auftaucht. Es sind nur ein paar Schüler, die sich ihre Welt aneignen.

Manchmal ist alles sehr einfach.

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