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SELBSTKONTROLLE Die fromme Therese

aus DER SPIEGEL 9/1960

Während am Donnerstag vergangener Woche in Frankfurt am Main das Ufa-Lustspiel »Kein Engel ist so rein« uraufgeführt wurde, saß der Regisseur des Films, Wolfgang Becker, entgegen den Gepflogenheiten nicht im Kinoparkett, sondern in seiner Münchner Wohnung. Er war der Premiere ferngeblieben, um sich, wie er verbreiten ließ, von der in Frankfurt vorgeführten Fassung seines Lichtspiels zu distanzieren.

Beckers Demonstration richtete sich freilich weder gegen die Ufa noch gegen den Hersteller seines Films, Artur Brauner. Der Regisseur wollte seine Abwesenheit vielmehr als einen Protest gegen die diktatorischen Bedingungen verstanden wissen, von denen die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) die Freigabe dieses gutartig-harmlosen Lustspiels abhängig gemacht hatte.

»Was da in Frankfurt lief«, so maulte Becker, »das war nicht mehr mein Film.« Tatsächlich hatten ihm die Selbstkontrolleure derart drastische Schnitte auferlegt, daß die Frankfurter Premierenbesucher nur eine verstümmelte Fassung des ursprünglichen Kinowerks zu Gesicht bekamen.

Spätestens nach zwanzig Minuten mußte der Film auch weniger aufmerksamen Zuschauern befremdlich erscheinen. »Haben Sie heute keinen Schnaps für die Jerusalemswachtel?«, fragt dann nämlich ein frömmiger Backfisch (Sabine Sinjen) einen tumben Ganoven (Gustav Knuth). Bis dahin hatten die beiden aber - in der Frankfurter Fassung - überhaupt noch nicht über Schnaps gesprochen. Denn auch die Szene, auf die sich diese Frage gründete, war wie viele andere Passagen auf Geheiß der Selbstkontrolleure entfernt worden.

Die Uraufführung des Film-Torsos illustriert die Situation, in der sich deutsche Lichtspielfabrikanten gegenüber der FSK befinden: Glücklich, überhaupt einen festen Termin in einem großen Premierenkino ergattert zu haben, müssen sie sich den Anordnungen der Zensoren beugen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, daß ihr Werk durch Umdispositionen in den Terminplänen der Lichtspielhäuser hoffnungslos hintangesetzt wird.

Dieses Dilemma veranlaßt neuerdings immer mehr Produzenten, das Drehbuch eines ungewöhnlichen Sujets noch vor Beginn der Aufnahme-Arbeiten zu einer Art Vorzensur bei der FSK einzureichen. Doch wie unzulänglich selbst solche Vorsichtsmaßnahmen sind, erwies sich auch in diesem Falle: Nachdem Produzent Brauner, der den Film im Auftrag der Ufa herstellte, das Drehbuch zur FSK nach Wiesbaden geschickt hatte, machten ihm die Selbstkontrolleure einige wohlwollende Änderungsvorschläge. Regisseur Becker befolgte sie peinlich genau, dennoch konnte sein Opus vor den Augen der Zensoren nicht bestehen. Grund: »Blasphemie«. Der Film, so teilte man dem Regisseur mit, verletze das religiöse Empfinden der breiten Masse.

»Es steht zwar nirgends in der Bibel, daß Christus auch nur einmal gelacht hat«, erbost sich der Drehbuchautor des Films, Eckart Hachfeld, doch er hält seine Geschichte für ebensowenig antireligiös oder antikirchlich wie der Regisseur: »Wir erzählen, wie ein gläubiges, frommes, naives Mädchen einen Haufen Gangster umschmeißt und bekehrt. Wenn einer Angst hat, daß dabei gelacht werden könnte, ist das doch abscheuliche Bigotterie.« Das fromme Mädchen Therese, ein Waisenkind in der Heilsarmee, läßt sich von

einer Einbrecherbande nichtsahnend für ein Ablenkungsmanöver dingen: Während im Ruinenkeller der Preßlufthammer dröhnt, schlägt sie auf der Straße die Klampfe - in dem guten Glauben, die Ganoven wollten die Passanten erwecken. Indes: Der Einbruch mißlingt, doch die naive Reinheit des Mädchens läutert die Verbrecher.

Diesen Zusammenprall von Güte und Gangstertum nutzte der Kabarett-Texter Hachfeld zu einigen Pointen, wie sie im deutschen Film selten sind. Alle diese Scherze aber mußten auf Anordnung der FSK getilgt werden: Nachdem die FSK den Film am Montag vergangener Woche abgelehnt und eine »Überarbeitung« anheimgestellt hatte, schnitt Regisseur Bekker schweren Herzens zehn kleine Szenen heraus, um den Premierentermin nicht zu gefährden. So entfernte er beispielsweise die Belobigung eines Einbrechers durch einen gutgläubigen Vikar: »Sie haben den Mut, neue Wege zu gehen - und das ist Gott wohlgefällig ...«, aber: »Das Himmelreich gleicht einem verborgenen Schatz, den man mühsam ausgraben muß.« Woraufhin der Übeltäter staunt: »Ich werde verrückt - 'n Hellseher.«

Als Becker den eigenhändig verstümmelten Film tags darauf in Wiesbaden noc- einmal vorführte, beanstandeten die Kontrolleure eine Reihe weiterer Szenen: - Als sich Therese zu einer ersten gemeinsamen Mahlzeit mit den Ganoven niederläßt, eginnt sie ein Tischgebet: »Wir danken, Herr, für alle Gaben, die wir von Dir empfangen haben.« FSK: Das Tischgebet sei für viele Menschen eine zu ernste Angelegenheit, als daß es derart im Film dargeboten werde.

- Ausspruch eines Ganoven: »Es geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein

Reicher in den Himmel kommt.« FSK: Ein Bibel-Zitat könne nicht Bestandteil eines Films mit Lustspielniveau sein.

- Während ein Gangster beim Gottesdienst die Handtasche einer Gläubigen plündert, singt die Gemeinde: »In Gottes Namen fing ich an, was mir zu tun gebühret. Mit Gott wird alles wohlgetan und glücklich ausgeführet. Was man in Gottes Namen tut, ist allenthalben recht und gut und kann uns auch gedeihen.. » FSK: Der Gesangstext müsse für den Kinogänger unverständlich gemacht werden.

- Therese sammelt in einer Kneipe für

die Heilsarmee. Ein Gast spendet zwar kein Geld, spendiert ihr aber einen doppelten Hennessy und sagt: »Wer hätte das gedacht, daß 'ne Jerusalemswachtel Schnaps trinkt.« Therese versetzt den Schnaps für drei Mark an den nächsten Gast und stopft den Erlös in ihre Sammelbüchse. FSK: Die Heilsarmee kämpfe gegen den Alkoholismus und würde also nie mit Alkohol Geschäfte zugunsten ihres guten Werkes machen.

Angesichts dieser Verstümmelungen, die seine Arbeit massakrierten, faßte Regisseur Becker schließlich den Entschluß, sich von diesem Film zu distanzieren. Resignierte er: »Wüßte ich, daß die Leute in Wiesbaden Humor haben, würde ich ihnen ein paar Geschichten von meinem Vater erzählen. Aber so » Vater Becker war Pfarrer.

Betszene in »Kein Engel ist so rein"*: Blasphemie?

Becker

* V.l.n.r.: Horst Frank, Gustav Knuth, Hans Albers, Sabine Sinjen, Peter Kraus.

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